Die Kirche St. Arbogast ist die evangelisch-reformierte Kirche von Oberwinterthur. Die dreischiffige romanische Basilika wurde um 1258/1259 errichtet. Die ältesten erhaltenen Bauteile stammen aus dem 10. Jahrhundert. Wandmalereien aus dem frühen 14. Jahrhundert erzählen an der Nordwand des Mittelschiffs die Lebensgeschichte des Bischofs Arbogast, an der Südwand diejenige von Christus. Die Kirche ist ein Kulturgut von nationaler Bedeutung.
Geschichte und Legende Über römischen Ruinen errichtet Die Kirche St. Arbogast befindet sich an einem Ort mit weit zurückreichender Geschichte: Sie steht auf einem Geländesporn über den Ruinen eines zentralen Bereichs des römischen vicus Vitudurum. Unter der westlichen Hälfte der heutigen Kirche liegen die Grundmauern eines gallorömischen Tempels aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. Im Bereich des Chores und der Sakristei befand sich die Ecke eines römischen Thermengebäudes; die Nordostecken von Turm und Chor gründen auf den Fundamenten der mächtigen römischen Schutzmauer, welche zur Zeit des Kaisers Diokletian im Jahr 294 n. Chr. vollendet wurde und den ganzen Geländesporn umgab.Walter Drack: Zur Baugeschichte der Kirche. Von den Anfängen bis ins 13. Jahrhundert. In: Die reformierte Kirche St. Arbogast in Oberwinterthur. Festschrift zur Restaurierung 1976 bis 1981. Evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Oberwinterthur, Winterthur 1981, S. 23–30.
Bischof Arbogast von Strassburg und König Dagobert I. mini|hochkant=1.3|Die Lebensgeschichte des Bischofs Arbogast ist an der Nordwand (links) dargestellt Der Schutzpatron der Kirche, St. Arbogast, war der erste fränkische Bischof von Strassburg. Um 540/550 richtete er das Bistum nach den Wirren der Völkerwanderung wieder auf und liess eine neue Domkirche bauen.Hans Kläui: Geschichtliche Hintergründe. In: Die reformierte Kirche St. Arbogast in Oberwinterthur. Festschrift zur Restaurierung 1976 bis 1981. Evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Oberwinterthur, Winterthur 1981, S. 11. Gemäss der Arbogast-Legende war der Bischof befreundet mit dem Merowingerkönig Dagobert I. und erweckte dessen Sohn Sigibert wieder zum Leben, nachdem dieser bei einem Jagdunfall tödlich verletzt worden war (siehe unten: Wandmalereien der Nordwand). Die Legende wurde allerdings erst im 10. Jahrhundert aufgezeichnet, und Dagobert I. herrschte von 622 bis 639 (zuerst über einen Reichsteil, ab 629 über das ganze Fränkische Reich): Er kann also Bischof Arbogast nicht mehr gekannt haben.Felicia Schmaedecke: Kirchengrabungen: Die reformierte Kirche St. Arbogast in Oberwinterthur. Neuauswertung der Ausgrabungen und Bauuntersuchungen 1976–1979 (= Zürcher Archäologie. Nr. 20). Mit Beiträgen von Daniel Grütter, Elisabeth Langenegger und Benedikt Zäch. Baudirektion Kanton Zürich, Amt für Raumordnung und Vermessung (ARV), Kantonsarchäologie, Zürich/Egg 2006, ISBN 3-905681-20-X, S. 161. – Auch eine besondere Verehrung des Königs für den bereits verstorbenen Bischof lässt sich nicht nachweisen.
Arbogast wurde in Strassburg ab dem 10. Jahrhundert als Stadtpatron verehrt, da er in der Geschichte des Bistums einen wichtigen Platz einnahm. Durch die Nähe zu König Dagobert, die ihm die Legende andichtete, gewann er als Heiliger zusätzliches Ansehen. Wie er Kirchenpatron von Oberwinterthur wurde, lässt sich nur vermuten. Von Bedeutung könnte sein, dass die hiesige Kirche mit ihren Einkünften dem Domstift Konstanz gehörte: Die angebliche Förderung durch König Dagobert war wichtig für die Legitimation des Bistums Konstanz; der in der Vorstellung der Gläubigen mit dem König verbundene Heilige also bestens geeignet als Schutzpatron für eine Kirche im Besitz des Bistums. Für diese Kirche anderseits war es vorteilhaft, durch die Berufung auf Arbogast und Dagobert ein hohes Alter und entsprechende Würde geltend zu machen.Schmaedecke 2006, S. 162 und S. 130. – Der Winterthurer Historiker Peter Niederhäuser anderseits vermutet, Beziehungen der Grafen von Kyburg zum Bistum Strassburg könnten eine Rolle gespielt haben. (Peter Niederhäuser: Oberwinterthurer Kirchengeschichten. Chronos, Zürich 2015, ISBN 978-3-0340-1319-2, S. 12.)
Urkundliche Erwähnung Erstmals urkundlich erwähnt wird die Kirche erst 1155 in einem Dokument, mit welchem Kaiser Friedrich I. dem Bischof von Konstanz allen Besitz bestätigte, den das Bistum von ihm und seinen Vorgängern erhalten hatte: Dazu gehörte «der Hof in Winterthur mit der Kirche» (curtis in Winterthura cum ecclesia). Mit Winterthur war zu diesem Zeitpunkt – kurz vor der Stadtgründung – immer noch Oberwinterthur gemeint; zum «Hof» könnte das Hohlandhaus gehört haben.Schmaedecke 2006, S. 10. – Peter Niederhäuser erklärt die Bedeutung des Wortes curtis (Hof) folgendermassen: «Der ‹Herrenhof› war ein herrschaftliches Zentrum, das vermutlich einem Meier unterstand und die konstanzischen Rechte und Einkünfte in der Region verwaltete.» (Niederhäuser 2015, S. 11/13.) Frühere Urkunden, welche in den Jahren 843, 856, 865, 883 und 886 in «Wintarturo» ausgestellt wurden, mögen allenfalls einen indirekten Hinweis darauf geben, dass bereits eine Kirche vorhanden war: Urkunden wurden oft unter dem Vordach von Kirchen besiegelt.Kläui 1981, S. 14–15.
Dass die Kirche dem heiligen Arbogast gewidmet war, wird erst 1373 erwähnt: Im Jahrzeitbuch ist eine Stiftung von zwei Äckern an das Baugut «ze sant Arbogastes altar» verzeichnet. Die Wandmalereien in der Kirche, die neben Christus hauptsächlich Arbogast gewidmet sind, stellen also das früheste Zeugnis für das Patrozinium dar: Sie entstanden spätestens um 1320.Schmaedecke 2006, S. 161.
Stadtgründung innerhalb des Oberwinterthurer Pfarreigebiets mini|Einst Tochterkirche, später Konkurrentin, im Ausbau oft einen Schritt voraus: die Stadtkirche Winterthur (Matthäus Merian, 1642) Das Pfarreigebiet von Oberwinterthur war gross: Es umfasste neben dem Dorf Oberwinterthur auch das Gebiet der späteren Stadt Winterthur, Seen und Teile von Töss; dazu wahrscheinlich auch Seuzach, Veltheim sowie die westlichen Teile von Elsau und Wiesendangen.Drack 1981, S. 33. Auch die Adelssitze Hegi und Mörsburg gehörten dazu, was für die finanzielle Lage der Kirchgemeinde wesentlich war. – Als Graf Hartmann III. von Kyburg kurz nach 1174 die Stadt Winterthur gründete, gewann die dortige capella an Bedeutung;Als Bauwerk war sie der Mutterkirche in Oberwinterthur bereits mindestens ebenbürtig; siehe: Baugeschichte. kirchenrechtlich war sie aber immer noch eine Filiale von Oberwinterthur. 1180 verfügte schliesslich der Bischof von Konstanz, dass die Stadt aus der Pfarrei Oberwinterthur herausgelöst wurde. Von dieser Ablösung nicht betroffen war das Gebiet ausserhalb der ersten Stadtmauer, wo sich bald zwei Vorstädte zu entwickeln begannen.Kläui 1981, S. 15–22.
In der Folge wuchs die Bevölkerung sowohl im Stadtkern als auch in den Vorstädten rasch an; es gab also mehr Kirchgenossen und auch höhere Einnahmen. Beide Kirchen, die Stadtkirche und die Mutterkirche St. Arbogast, wurden in mehreren Bauetappen vergrössert.Kläui 1981, S. 21–22. Die beiden Vorstädte Winterthurs und die Mühlen gehörten bis 1482 zur Kirchgemeinde Oberwinterthur; dann kaufte die Stadt Winterthur sie aus.Karl Keller: Baugeschichte vom 13. Jahrhundert bis zur Gegenwart. In: Die reformierte Kirche St. Arbogast in Oberwinterthur. Festschrift zur Restaurierung 1976 bis 1981. Evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Oberwinterthur, Winterthur 1981, S. 66.
Baugeschichte Die Baugeschichte der Kirche St. Arbogast ist komplex, die Datierung der frühen Bauetappen mit beträchtlicher Unsicherheit behaftet. Wichtig sind Erkenntnisse zur Baugeschichte der Stadtkirche Winterthur, die durch Ausgrabungen 1980/1981 gewonnen wurden: Es entstand der Eindruck, dass die Baugeschichte der beiden Kirchen oft parallel verlaufen war; dabei scheint St. Arbogast jeweils dem Beispiel der Stadtkirche gefolgt zu sein.Schmaedecke 2006, S. 19. Vgl. Walter Drack: Baugeschichte / Karl Keller: Baubeschreibung. In: Die reformierte Kirche St. Arbogast in Oberwinterthur (= Schweizerische Kunstführer. Nr. 354). Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, Bern 1984, S. 4 (Drack) und S. 12 (Keller).
Eine bedeutende Rolle beim Ausbau der Kirche ab dem 12. Jahrhundert spielten vermutlich die Herren von Hegi und die Meier von Neuburg-Mörsburg bzw. Oberwinterthur, die ihre Familienwappen in die Wandmalereien integrieren liessen. Diese Kleinadelsfamilien eiferten offenbar den hochadligen Kyburgern nach, welche in der Stadtkirche ihre private Grablege hatten und mit der grosszügigen Erweiterung der Kirche ihren Einfluss und ihren Reichtum zeigten.Schmaedecke 2006, S. 158–159. Aber auch der Bischof von Konstanz als Besitzer der Kirche St. Arbogast hatte ein Interesse daran, dem prächtigen Winterthurer Gotteshaus der Kyburger ein würdiges Bauwerk gegenüberzustellen.Peter Niederhäuser: Oberwinterthurer Kirchengeschichten. Chronos, Zürich 2015, ISBN 978-3-0340-1319-2, S. 17. – Das Bistum rivalisierte machtpolitisch mit den Kyburgern. Vermutlich vor 1300 wurde aber der Besitz in Oberwinterthur dem konstanzischen Kloster Petershausen übertragen; das Bistum hatte also fortan höchstens noch indirekten Einfluss auf den Ausbau der Kirche.
Frühester Kirchenbau, vermutlich aus Holz mini|hochkant=2.3|Die Bauetappen in vereinfachter Darstellung. Datierung nach Felicia SchmaedeckeSchmaedecke 2006, S. 174–175. Die Datierung von Walter Drack (1981 und 1984) ist in einigen Punkten überholt. – Im vereinfachten Plan nicht berücksichtigt ist eine kleinere Sakristei, die im 12. Jh. errichtet und um 1260 durch die bestehende ersetzt wurde. Die Existenz einer ersten Kirche in Oberwinterthur im frühen 7. Jahrhundert kann nur indirekt nachgewiesen werden, da bei den archäologischen Ausgrabungen 1976–1979 entgegen den Erwartungen keine Spuren einer frühen Holzkirche gefunden wurden. Zwischen Gräbern aus der Zeit um 550–660 liegt aber eine freie Fläche, die genau dem Grundriss der steinernen Saalkirche aus späterer Zeit entspricht (im nebenstehenden Plan: rotes Rechteck, ohne den angebauten Chor).Drack 1981, S. 31, bezeichnet den Befund als «das Bild eines seit dem ausgehenden 6. Jh. benützten und rund um eine Kirche angelegten Friedhofes, zu dem – so unglaublich es klingen mag – nur die Kirche fehlt». – Schmaedecke führt zusätzlich an, dass die Ausrichtung der Gräber exakt der Längsachse der späteren Steinkirche entspricht, welche leicht von der West-Ost-Orientierung abweicht. Zur Datierung des Friedhofs schreibt Schmaedecke, dass sein Belegungsbeginn «spätestens ins 7. Jh., vielleicht auch noch ins 6. Jh.» zu setzen sei (Schmaedecke 2006, S. 130). Die früheste Kirche war wahrscheinlich aus Holz gebaut wie in vielen vergleichbaren Fällen (z. B. Winterthur, Veltheim, Wülflingen, Wila). Dass keine Pfostenreste gefunden wurden, könnte darauf zurückzuführen sein, dass die Fundamente und das Innenniveau der späteren Steinkirche stark abgesenkt wurden.Schmaedecke 2006, S. 128. – Drack anderseits vermutete, «die Pfostenspuren müssten unter dem Mauerwerk zu suchen sein, auf dem heute die Arkaden stehen» (Drack 1981, S. 31). Dort konnte wohl aus baustatischen Gründen nicht oder nur mit Einschränkungen gegraben werden.
Vorromanische Saalkirche Die ältesten vorhandenen Mauern stammen von einer Saalkirche, die vermutlich im 10. Jahrhundert erbaut wurde (im Plan rot eingezeichnet). Der rechteckige Saal hatte eine Innenfläche von 13,6 × 7,4 bis 7,65 m und war mindestens 6,4 m hoch. Eine schmale Mauer trennte den Altarbereich vom Gemeinderaum. Diese erste Steinkirche verfügte von Anfang an über einen kleinen Choranbau, in dem ein zweiter Altar stand.Schmaedecke 2006, S. 131, 174. – Drack (1984, S. 4) hatte den angebauten Chor in spätere Zeit datiert.