Julie EmilieGenthe, Julie. In: Herrmann A. L. Degener (Hrsg.): Wer ist’s?. IV. Ausgabe. Degener, Berlin 1909, S. 435. Genthe (* 6. November 1869 in RochlitzAngabe laut Grabstein. Andere Quellen geben abweichend Dresden (Leipziger Tagblatt und Anzeiger 1903) oder Hannover (Forrer, 19) als Geburtsort an.; † 25. Oktober 1938 in LeipzigAngabe laut Grabstein; andere Quellen geben abweichend Dresden als Sterbeort an, vgl. Kampf um Sichtbarkeit, S. 132, Aux morts, S. 121.) war eine deutsche Bildhauerin und Medailleurin. mini|Signatur von Julie Genthe am Grabmal Seyfert
Leben mini|Grab von Julie Genthe auf dem Johannisfriedhof in Dresden Genthe war die Tochter von Oberst Friedrich Karl Nidda Genthe (1824–1900) und Ida Juliane Therese Henriette Genthe, geb. Gräfin von Brockdorff (1840–1904). Sie wuchs mit zwei älteren Schwestern (Charlotte Wilhelmine, verh. von Möller * 1865; Ida Conradine, verh. von Scheele * 1867) und einem jüngeren Bruder (Friedrich Genthe, 1873–1946) auf.Vgl. Todesanzeige Frau Ida, verw. Genthe. In: Dresdner Journal, 1. Juli 1904, S. 4. Die Familie lebte kurze Zeit in Grimma, wo Friedrich Karl Nidda Genthe von 1870 bis 1874 als Kommandeur des Königlich Sächsischen 2. Husaren-Regiments Nr. 19 „Kronprinz Wilhelm des Deutschen Reiches und von Preußen“ stationiert war und wo 1873 Genthes Bruder Friedrich auf die Welt kam, und zog 1874/5 nach Dresden auf die Tieckstraße 14. Ab 1890 lebte die Familie im Ort Striesen, der 1892 nach Dresden eingemeindet wurde. Bis zu ihrem Wegzug nach dem Tod des Vaters 1900 wohnte Genthe mit ihrer Familie auf der Glasewaldtstraße 17.
Genthe verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Dresden, wo sie die Schule besuchte. Sie zeigt zunächst Interesse an der Malerei und war Schülerin des Dresdner Malers Carl Bantzer,Yvette Deseyve: Julie Genthe. In: Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin: Kampf um Sichtbarkeit. Künstlerinnen der Nationalgalerie vor 1919. Reimer, Berlin 2019, S. 132. bevor sie sich der Bildhauerei zuwandte. Sie gilt als Schülerin des Bildhauers Robert Diez, wobei der genaue Umfang des Unterrichts nicht mehr rekonstruiert werden kann.Ernst-Günter Knüppel: Robert Diez: Bildhauerkunst zwischen Romantik und Jugendstil. Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2009, S. 172. Das von Hans Wolfgang Singer herausgegebene Allgemeine Künstler-Lexicon schrieb 1901, dass Genthe „Schülerin von R. Diez“ warJulie G[enthe]. In: Hans Wolfgang Singer: Allgemeines Künstler-Lexicon der berümtesten Bildenden Künstler. 3. Auflage, fünfter Band: Vialle–Zyrlein, Nachträge und Berichtigungen. Rütten & Loening, Frankfurt am Main 1901, S. 104., und das Leipziger Tageblatt 1903, dass Genthe „auf Befürwortung Professor Diez’ in Dresden die Plastik […] [ergriffen]“ habe.Ernst Kiesling: Bildende Künste. Leipziger Kunstverein. Julie Genthe – Dresden. In: Leipziger Tagblatt und Anzeiger, 15. Januar 1903, S. 4. Es ist möglich, dass Genthe ähnlich wie Etha Richter von Georg Treu an Diez vermitteln wurde, der sie „privat förderte und betreute.“Ernst-Günter Knüppel: Robert Diez: Bildhauerkunst zwischen Romantik und Jugendstil. Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2009, S. 163. Eine erste Ausstellungsbeteiligung ist für 1887 nachgewiesen, als im Lokal des Sächsischen Kunstvereins im Dresdner Brühlschen Palais ihr „Reliefbildnis in Gips“ gezeigt wurde.Dresdner Nachrichten. In: Dresdner Journal, 24. Dezember 1887, S. 3.
Genthe lernte als Schülerin von Jules Clément Chaplain, Alexandre Charpentier und Albert Bartholomé Bildhauerei in Paris und bildete sich anschließend an der Académie royale des Beaux-Arts de Bruxelles unter der Leitung von Constantin Meunier und Charles van der Stappen weiter. Während ihrer Brüsseler Lehrzeit nahm sie an einem Bildhauerwettbewerb teil, den sie gewann; ihr konnte der Preis jedoch nicht zugesprochen werden, „da eine Beteiligung von Damen an dieser Konkurrenz nicht vorgesehen war.“
Ab 1899 war Genthe als Künstlerin selbstständig tätig.Genthe, Julie. In: Herrmann A. L. Degener (Hrsg.): Wer ist’s? IV. Ausgabe. Degener, Berlin 1909, S. 435. 1899 war sie im Mitgliederverzeichnis des Vereins bildender Künstler DresdenMitglieder-Verzeichniss des Vereins Bildender Künstler Dresdens, 1899 (Digitalisat) unter der Adresse Dresden-Blasewitz, Tolkewitzerstraße 14 gelistet. Bis zum Tod ihres Vaters 1900 wirkte sie in Dresden und lebte anschließend in Leipzig (von 1907/8 bis 1910 auf der Marienstraße 9a, heute Chopinstr., gemeldet).Das Leipziger Tageblatt und Anzeiger nennt bereits 1905 ihren Wohnort Leipzig. Vgl. Leipziger Kunstverein. In: Leipziger Tageblatt und Anzeiger, 15. Januar 1905, S. 11. Sie hielt sich zudem regelmäßig in Rethem bei ihrer Schwester Charlotte von Möller auf; Aufenthalte in Rethem sind bis in die späten 1920er-Jahre nachweisbar.Handbuch des Kunstmarktes. Antiqua-Verl.-Gesellschaft, Berlin 1926, S. 439. Im Jahr 1913 war sie in Berlin gemeldet und lebte und arbeitete im Künstlerhaus Siegmunds Hof 11 im Hansaviertel, in dem auch Käthe Kollwitz und Tina Haim-Wentscher Ateliers besaßen.Berliner Adressbuch 1913. Auch Yvette Deseyve: Julie Genthe. In: Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin: Kampf um Sichtbarkeit. Künstlerinnen der Nationalgalerie vor 1919. Reimer, Berlin 2019, S. 86. In den 1920er-Jahren lebte sie auf der Gasteiner Straße 13 in Berlin-Wilmersdorf.Genthe. Julie. In: Willy Oskar Dressler: Dresslers Kunsthandbuch. Achter Jahregang. Band 2. Ernst Wasmuth, Berlin 1921, S. 170.Hermann A. L. Degener: Wer ist’s?. IX. Ausgabe. Verlag Herrmann Degener, Berlin 1928, S. 473. Genthe, die zeitlebens unverheiratet blieb,Yvette Deseyve: Julie Genthe. In: Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin: Kampf um Sichtbarkeit. Künstlerinnen der Nationalgalerie vor 1919. Reimer, Berlin 2019, S. 120, FN 18. verstarb 1938 in Leipzig und wurde auf dem Dresdner Johannisfriedhof im Grab der Eltern beigesetzt.
Wirken mini|Julie Genthe – Männerkopf, Marmor vor 1913 mini|Grabmal Seyfert auf dem Johannisfriedhof in Dresden, Grabrelief von Julie Genthe um 1918/19
Genthe war ab 1899 als freischaffende Künstlerin tätig. In diesem Jahr trat sie mit einem Studienkopf (Männerkopf, Titel Étude)Jean-Bernard: La vie de Paris 1899. Eintrag vom 7. Mai 1899. Alphons Lemerre, Paris 1899, S. 238. im Pariser Salon der Société nationale des beaux-arts in Erscheinung. Sie stellte ihre Werke bis Ende des Ersten Weltkriegs regelmäßig in Dresden, Leipzig, Düsseldorf, Paris, Berlin, München und anderen Städten aus. Ihre Ausstellungen waren dabei aufwändig und zeigten bis zu 60 Werke der Künstlerin.Yvette Deseyve: Julie Genthe. In: Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin: Kampf um Sichtbarkeit. Künstlerinnen der Nationalgalerie vor 1919. Reimer, Berlin 2019, S. 93, FN 40. Unterstützung bei Logistik und Organisation der Ausstellungen erhielt Genthe unter anderem vom Direktor der Dresdner Skulpturensammlung Georg Treu und dem Kurator der Sammlung Max Kühnert, die engen Kontakt mit Genthe pflegten.Yvette Deseyve: Julie Genthe. In: Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin: Kampf um Sichtbarkeit. Künstlerinnen der Nationalgalerie vor 1919. Reimer, Berlin 2019, S. 86. Mehrfach war sie auf Sonderausstellungen in ganz Deutschland mit ihren Werken vertreten, so 1902 auf der Münchener Jahresausstellung im Glaspalast.
Genthe war auf Medaillenschnitt und ReliefkunstAndreas Dehmer: Aux morts. Grabskulptur in Dresden 1880–1930. Schnell & Steiner, Regensburg 2020, S. 121. spezialisiert. Sie schuf Büsten, Reliefs, Plaketten, Medaillen, Medaillons und „graziöse Porträtstatuetten“Ulrich Thieme, Felix Becker (Begr.): Allgemeines Lexikon der Bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart. Band 13/14 (Gaab bis Gress). Unveränderter Nachdruck der Originalausgaben Leipzig 1920 und 1921. E.A. Seemann, Leipzig 1999, S. 401.. Neben Miniaturen entstanden zudem monumentale Werke in Stein und Bronze, darunter vor 1921 Grabskulpturen und -reliefs in Dresden und auf dem Friedhof Pirna. Das Grabmal Seyfert auf dem Dresdner Johannisfriedhof ähnelt in der Darstellung einem Relief Genthes, das bereits 1903 in einer Ausstellung in Leipzig zu sehen war. Das getönte Relief mit dem Titel Heimkehr zeigte dabei eine Jünglingsfigur, „von zwei Engeln geleitet, die [die] zu dem Thron des ewigen Richters führenden Stufen hinaufsteigt.“ Seltener war Genthe im Bereich der angewandten Kunst tätig: Sie schuf unter anderem eine silberne Gürtelschnalle, ein Tintenfass, einen Rahmen mit Bronzeplaketten sowie ein Schmuckkästchen, das auf dem Deckel „eine an einem Weiher sitzende keusche Mädchenfigur zeigt, die sich in dem klaren Wasser desselben spiegelt.“
Zu den bekanntesten Werken Genthes zählt die Büste meines Vaters, die sie 1900 in Gips modellierte. Die Gipsbüste wurde 1903 durch die Dresdner Skulpturensammlung angekauftBerichte aus den Königlichen Sammlungen 1903. 3. Skulpturensammlung. In: Dresdner Journal, 2. April 1904, S. 1. und ist bis heute im Besitz der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, die sie unter dem Titel Der Vater der Künstlerin Julie Genthe führen.Der Vater der Künstlerin Julie Genthe auf skd-online-collection.skd.museum Vor 1914 setzte Genthe die Büste in Marmor um. Das Marmorwerk wurde unter anderem im Rahmen der Großen Berliner Kunstausstellung in Berlin (1916) sowie im Kunstpalast in Düsseldorf (1917) gezeigt. Möglicherweise über den Kontakt Genthes zu Wilhelm von Bode gelangte die Büste in den Besitz der Berliner Skulpturensammlung, die sie 1984 an die Nationalgalerie in Berlin abgab.Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin: Kampf um Sichtbarkeit. Künstlerinnen der Nationalgalerie vor 1919. Reimer, Berlin 2019, S. 85; S. 92, FN 36. Sie war im Rahmen der Ausstellung Kampf um Sichtbarkeit. Künstlerinnen der Nationalgalerie vor 1919 ab Oktober 2019 erstmals in der Nationalgalerie zu sehen.Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin: Kampf um Sichtbarkeit. Künstlerinnen der Nationalgalerie vor 1919. Reimer, Berlin 2019, S. 14. Im Vorfeld war das kriegsbeschädigte Werk restauriert worden.Julie Genthe, Männliche Büste, undatiert auf smb.museum
Genthe beteiligte sich 1904 am sächsischen Wettbewerb um die staatlichen Ankäufe für Kabinetts- und Kleinplastik und gehörte zu den 25 ausgezeichneten Künstlern. Angekauft wurden die Zinnplakette Martina Trefftz und das Oltwig von Kamptz im Profil zeigende Medaillon Major von Kamptz, Kommandeur der Schutztruppe 1900, die sich seither in der Skulpturensammlung in Dresden befinden.Kunst und Wissenschaft. In: Dresdner Journal, 26. März 1904, S. 1.
Besondere Aufmerksamkeit erhielt Genthe auch für die kleine Porträtplakette ihres Lehrers Albert Bartholomé, die 1904 in Paris entstand. Sie gilt als „dessen frühestes plast[isches] Portr[ät]“ und Genthe schuf es „in weich fließenden Formen mit sichtbaren Arbeitsspuren“.Genthe, Julie. In: Saur. Allgemeines Künstler-Lexikon. Die Bildenden Künstler aller Zeiten und Völker. Band 51: Geeslin–Geranzani. K.G. Saur, München und Leipzig 2006, S. 385. Genthe reichte sie unter anderem 1905 beim Wettbewerb um die staatlichen Ankäufe für Kabinetts- und Kleinplastik der sächsischen Staatsregierung ein, wo sie als eine von 46 Arbeiten ausgezeichnet und explizit für die Skulpturensammlung im Albertinum erworben wurde.Vermischtes. In: Die Kunst und das schöne Heim, Jg. XXI, Ausgabe vom 15. März 1906, S. 311. Zum Zeitpunkt der Auszeichnung war das Relief noch ungegossen (Vermerk: „für Bronze bestimmt)“.Kunst und Wissenschaft. In: Dresdner Nachrichten, 10. Dezember 1905, S. 2.
Über Genthes Wirken nach Ende des Ersten Weltkriegs ist wenig bekannt. Bereits 1912 beklagte sie in einem Brief an Max Kühnert die wachsende Konkurrenz, verbunden mit steigendem Erwerbsdruck, so agiere vor allem „das Gros der Mittelmäßigen […] mit Fäusten u. Ellenbogen“.Brief von Julie Genthe an Max Kühnert vom 12. Januar 1912, zit. nach Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin: Kampf um Sichtbarkeit. Künstlerinnen der Nationalgalerie vor 1919. Reimer, Berlin 2019, S. 86.