Nanduni, auch nantūṇi,Hermann Gundert: nantūṇi. In: A Malayalam and English Dictionary. C. Stolz, Basel Mission Book & Tract Depository, Mangalore 1872 nantuni, nanduruni, nandurni, nanthuni, nanthunni, nantunni (), ist eine seltene Langhalslaute, die von den Mannan, Kurup und anderen sozial niedrigstehenden Kasten im südindischen Bundesstaat Kerala zur Begleitung von religiösen Liedern (nanduni pattu) hauptsächlich beim Tempeldienst Kalampattu gespielt wird. Die zweisaitige gezupfte Laute mit einem stark taillierten Korpus ist ein Bordun- und Rhythmusinstrument, dem eine über die musikalische Verwendung hinausgehende rituelle Bedeutung, eine göttliche Herkunft und ein hohes Alter zugesprochen werden. Beim Kalampattu wird die angerufene Gottheit visuell im angefertigten Bild (kalam) und klanglich durch die nanduni verkörpert.
Herkunft und Verbreitung mini|Ein Kinnara zupft eine viersaitige Laute ähnlich der chinesischen pipa. Wandmalerei in Ajanta, Rückwand Höhle 1, 5. Jahrhundert Die wahrscheinlich aus Musikbögen hervorgegangenen ältesten indischen Saiteninstrumente, deren Typus noch in der regionalen Volksmusik vorkommt, sind Stab- oder Röhrenzithern wie die von Scheduled Tribes in Andhra Pradesh gespielte Bambusröhrenzither ronza gontam und die gintang im nordostindischen Bundesstaat Assam. Ein Musikbogen blieb in Kerala und in Tamil Nadu in Gestalt des villadi vadyam erhalten, der ähnlich wie die nanduni zur Begleitung einer religiösen Volksliedgattung dient. Dergleichen Saiteninstrumente werden in den ältesten Sanskrit-Quellen als gargara oder karkari bezeichnet. Ab etwa 1000 v. Chr. kommt im Yajurveda erstmals der Name vina vor, der um diese Zeit in Nordindien hauptsächlich für Bogenharfen stand.Alastair Dick: Vīṇā. 1. Early history. In: Grove Music Online, 29. Oktober 2019 Nach der Überlieferung soll der mythische Weise Narada die vina erfunden haben. Ihr südindisches Gegenstück yazh ist zwar wie die nordindische Bogenharfe verschwunden, wird jedoch von Tamilen bis heute als Element der nationalen Musiktradition gewürdigt.
Einen anderen, nicht in dieser Entwicklungslinie stehenden Instrumententyp bilden die Lauten mit kurzem oder langem Hals, deren Saiten mit den Fingern verkürzt werden. Sie sind im nordwestlichen und zentralen Indien seit der Zeitenwende von buddhistischen Steinreliefs bekanntVgl. Walter Kaufmann: Altindien. Musikgeschichte in Bildern. Band 2. Musik des Altertums. Lieferung 8. Hrsg. Werner Bachmann. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1981, S. 36 und lösten gegen Ende des 1. Jahrtausends (zusammen mit Röhrenzithern) allmählich die Bogenharfen im ganzen Land ab. Langhalslauten und Röhrenzithern gehören unter der allgemeinen Bezeichnung vina in mehreren Varianten zur klassischen indischen Musik. Einige dieser frühen Reliefs an den zentralindischen Stupas von Sanchi, Amaravati und Nagarjunakonda zeigen als Verbindung von Musik und Schlangenkult musizierende Nagas und Naginis. Auf einem Relief aus Gandhara (2./3. Jahrhundert) treten zu beiden Seiten des thronenden Schlangenkönigs (Nagaraja) in einer Reihe Musiker auf, zu denen einer mit Bogenharfe und ihm gegenüber ein anderer mit einer Langhalslaute gehören. Musikinstrumente und Kleidung lassen einen griechischen Einfluss erkennen. Die Laute besitzt gut sichtbar seitenständige Wirbel und einen in der Mitte taillierten Korpus.Walter Kaufmann, 1981, S. 140
Lauten mit einem mehr oder weniger stark seitlich eingebuchteten Korpus gelangten aus Zentralasien über das Iranische Hochland nach Nordindien. Einen taillierten, ansonsten rechteckigen Korpus besaß im 19. Jahrhundert die gestrichene Langhalslaute kamānca im Punjab. Bei Streichlauten wie der zentralasiatischen ghichak und der mit ihr verwandten sarinda in Nordindien führt die Einbuchtung zu zwei nur noch an einem schmalen Übergang verbundenen Korpushälften. Hierzu gehören auch die gezupfte persische Langhalslaute tar und die afghanische Zupflaute rubab, die in Indien in einer Variante nur im hohen Norden in Kaschmir vorkommt. Eine Weiterentwicklung der rubab für die nordindische klassische Musik ist die sarod mit einem etwas flacheren Boden. Bei der rubab und der sarod werden Korpus und Hals wie bei der nanduni aus einem Stück Holz herausgeschnitzt und ausgehöhlt.Bigamudre Chaitanya Deva: Musical Instruments of India. Their History and Development. Firma KLM Private Limited, Kalkutta 1978, S. 162
mini|hochkant|Eine südindische Langhalslaute, die als Borduninstrument religiöse Gesänge begleitet, entsprechend der tandura im Norden Das führende Saiteninstrument der klassischen südindischen Musik ist heute (zusammen mit der Violine) die Sarasvati vina mit einem runden schalenförmigen Korpus aus Holz, der in einen breiten Hals übergeht. Dieser vina-Typ ist nach der Göttin Sarasvati benannt, die im 12. Jahrhundert auf Jain-Palmblattmanuskripten die Stabzithern alapini und ekatantri vina (Vorläufer der jantar) spielend auftaucht. Das Alter der Sarasvati vina ist nicht bekannt, nur insofern, als sie zu einer späteren Zeit als die Stabzithern entstand, von der gewisse Merkmale verblieben sind.Vgl. Louise Wrazen: The Early History of the Vīṇā and Bīn in South and Southeast Asia. In: Asian Music, Band 18, Nr. 1. Herbst – Winter 1986, S. 35–55, hier S. 45f Sie ging wohl aus einer in vormogulischer Zeit an den nordindischen muslimischen Herrscherhöfen gespielten Form der rubab hervor, ähnlich wie die erst im 19. Jahrhundert aus der dhrupad rabāb hervorgegangene sursingar. Ferner sind mögliche Vorläufer Langhalslauten, die heute in der regionalen Volksmusik als Borduninstrumente verwendet werden, etwa die von bettelnden Straßensängern in Andhra Pradesh und Karnataka gespielte tamburi, der namentlich und nach ihrem kulturellen Umfeld bei der Begleitung religiöser Gesänge die tandura in Rajasthan entspricht.Alastair Dick: Vīṇā. 8. Sarasvatī vīṇā. In: Grove Music Online, 29. Oktober 2019
Trotz der schwierigen Suche nach einem Vorläufer für die Sarasvati vina vermutet B. C. Deva (1978) selbigen speziell in der nanduni, die in diesem Zusammenhang nanduruni genannt wird. Die Sarasvati vina ist demnach eine stark verfeinerte und weiterentwickelte Version der nanduni.Bigamudre Chaitanya Deva, 1978, S. 165 Über diese spekulative Verbindung hinaus wird der nanduni ein hohes Alter zugeschrieben, was eine Voraussetzung für ihre kultische Bedeutung ist. Das auf eine Volksgruppe in Kerala beschränkte und ansonsten wenig bekannte Instrument stamme von der alttamilischen Bogenharfe yazh ab, erklärt die Kulturabteilung des Bundesstaates Kerala,Nanthuni. Department of Cultural Affairs, Government of Kerala obwohl es sich um verschiedene Instrumentenklassen handelt.
Das mutmaßlich hohe Alter der nanduni hob bereits Curt Sachs (1923) hervor. Er erkennt in einer Höhlenmalerei von Ajanta (5. Jahrhundert)Monika Zin: In: Ellen Hickmann, Ricardo Eichmann (Hrsg.): Studien zur Musikarchäologie IV. Musikarchäologische Quellengruppen: Bodenurkunden, mündliche Überlieferung, Aufzeichnung. Vorträge des 3. Symposiums der Internationalen Studiengruppe Musikarchäologie im Kloster Michaelstein, 9.–16. Juni 2002, S. 321–362, hier S. 339 und Abb. 74 in Zentralindien eine Halslaute mit birnenförmigem Korpus vom Typus der chinesischen pipa, die wahrscheinlich auf den frühen iranischen barbat zurückgeht. Sachs zufolge lebt dieser im Lauf der Zeit nach Südindien verdrängte Lautentyp insbesondere in Gestalt der nanduni fort. Als Gemeinsamkeiten mit der pipa nennt Sachs den aus einem Holzblock geschnitzten länglich-runden Korpus, der mit einer Holzdecke geschlossen ist, die seitenständigen Wirbel sowie das eine Quinte betragende Tonintervall zwischen den leeren Saiten und dem ersten Bund bei der nanduni und zwischen den Saiten der pipa.Curt Sachs: Die Musikinstrumente Indiens und Indonesiens. 2. Auflage, Berlin und Leipzig 1923. Nachdruck: Georg Holms, Hildesheim 1983, S. 117f; ders.: Geist und Werden der Musikinstrumente. Berlin 1928. Nachdruck: Frits A.M. Knuf, Hilversum 1965, S. 237
Chummar Choondal (1975) führt einige Malayalam-Quellen an, in denen das „altindische Musikinstrument aus Kerala“ erwähnt wird: Das poetische Werk Ramakathappattu des um 1400 lebenden Dichters Ayyappilli Asan enthält Lieder von einer freien Bearbeitung des Ramayana, die im Tempel zur Begleitung des Idiophons chandravalayam (eine mit Pergament bezogene Eisenplatte) gesungen werden sollen.Adaption-Malayalam: Ramayana. In: Amaresh Datta (Hrsg.): Encyclopaedia of Indian Literature. Sahitya Akademi, Delhi 1987, S. 50 An einer Stelle wird eine königliche Prozession von 21 Musikinstrumenten, einschließlich einer nanduni (nanthumy), begleitet. Im Unnunilisandesam des Autors A. Sandesakavya aus dem 14. Jahrhundert kommt der Götterkönig Devendra mit einigen Kinnaras vom Himmel herab, um sich am Konzert vieler Musikinstrumente, zu denen auch die nanduni gehört, zu erfreuen.
In der Liedgattung nanduni pattu (nantunippattu, „Gesang der nanduni“) wird zu Beginn die nanduni in rhythmischen Versen als göttliches Musikinstrument eingeführt. Die beiden anna (Tamil annai, „Mutter“) und alamba genannten Saiten bringen – in poetischen Worten – den schönen Gesang zweier Lerchen auf einer einsamen Insel hervor. Der Name nanduni ist eine Art Echo des hervorgebrachten Klangs, denn er setzt sich aus Sanskrit/Malayalam nam und dhvani (dhusni) zusammen, jeweils mit der Bedeutung „Ton, Klang“. Chummar Choondal, 1975, S. 97f
Bauform Korpus und Hals der nanduni sind von ungefähr gleicher Länge und werden aus einem Holzblock herausgeschnitzt. Zum Bau verwendete Holzarten sind Gmelina asiatica, ein weiches Holz, das kumil genannt wird, und Bengalische Quitte (englisch bael tree, lokaler Name koovalam). Der Korpus wird aus Jackfruchtbaumholz (plavu) gefertigt. Die Gesamtlänge beträgt knapp 80 Zentimeter, die Länge des Korpus rund 35 Zentimeter und seine Breite 15 Zentimeter. Der Korpus (peetham) besteht aus zwei Teilen, die durch ein schmales Zwischenstück (karuttu, „Hals“) voneinander getrennt sind. Der obere Korpusteil ist annähernd kreisrund und der größere untere Teil hat eine längliche, eher ovale Form. Die Seitenflächen verlaufen in einer senkrechten Ebene zur Decke und der Boden ist flach. Die Decke heißt moham („Gesicht“), der Boden an der Unterseite ara („Gesäß“). Ein kleines Schallloch im unteren Teil des Korpus (vayaru, „Magen, Bauch“) ist mit einem floralen Muster gestaltet.
Die beiden Saiten verlaufen von seitenständigen Wirbeln am Wirbelkasten hoch über dem Hals und der Decke über einen am unteren Ende aufgestellten Steg (pitham, „Sitz, Thron“) hinweg bis zu einem Befestigungspunkt dahinter auf der Decke. Über dem oben offenen Wirbelkasten mit den auf beiden Seiten herausragenden langen Holzwirbeln (cevi, „Ohren“) verjüngt sich der Hals zu einer runden Spitze (muti, „Kopf, Krone“). Drei, fünf oder mehr Bünde7 Bünde bei Curt Sachs, 1923, S. 128; 5 bis 14 Bünde bei Alastair Dick, 2013 – bis zu 14Pichu Sambamoorthy: (1955) The Principal Commissioner of Museums, Government Museum, Chennai 1976, S. 13 und Tafel XI, 3: Im Text wird die nanduni als dreisaitig und mit 7 Bünden beschrieben, die Abbildung zeigt jedoch ein zweisaitiges Instrument mit 14 Bünden. – aus hoch aufgestellten Holzklötzen sind am unteren Ende des Halses befestigt. Das obere Drittel des Halses besitzt keine Bünde. Gegenüber der leer gezupften Saite erzeugt der erste Bund eine Quinte.