Nikolaus Christian Wraa (auch Wraae; * 26. August 1825 in Hadersleben,Taufeintrag, Marienkirche Hadersleben vom 14. September 1825, abgerufen über ancestry.com am 4. August 2022 Herzogtum Schleswig im Dänischen Gesamtstaat; † 22. April 1895 in Berlin„Gestorben: … Hr. Marineoffizier a. D. Christian Wraa (Altona)“; Norddeutsche Allgemeine Zeitung 34 (1895), Nr. 195 Abend-Ausgabe, vom 26. April 1895, S. 3 (Digitalisat der Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz); Sterbeeintrag 747/1895, Standesamt Berlin XI, abgerufen über ancestry.com am 4. August 2022.) war ein Steuermann, schleswig-holsteinischer Marineoffizier, Fotograf, Schulgründer, Erfinder, Hochstapler, verurteilter Betrüger, Kaufmann, Bankrotteur und nationalliberal gesinnter Politiker.
Leben Herkunft 180px|mini|Grabstein für die Familie Jens Jensen Wraae im Klosterkirkegården in Haderslev Christian WraaDer Familienname bezieht sich vermutlich auf eine ursprüngliche Herkunft der Familie aus dem Ort Vrå in Nordjütland; auch verschiedene Höfe in der Nähe von Hadersleben (Behrendorf, Hjartbro, Skibelund) trugen diesen Namen. war ein Sohn des vermögenden Haderslebener Maurermeisters und Architekten Jens Jensen Wraae (1776–1859) aus Ødis Sogn und seiner zweiten Ehefrau Hanne Christine Nielsen (1786–1836). Seine Halbbrüder Jens Wraa (1812–1832) und Michael Nielsen Wraa (* um 1816; † 1843) starben jung. Seine ältere Halbschwester Anna Botilla (Anne Bothilde) Wraa (* 1813; † nach 1872), verheiratet mit dem Malermeister Matthias Häger (1805–1876), gründete 1872 mit 206 weiteren Frauen einen Zweigverein des Vaterländischen Frauenvereins in Hadersleben.Henrik Fangel: Haderslev bys historie, Bd. I. Haderslev 1975, S. 210; Bd. II 1864–1920. Hadersleben 1996, S. 124. Er hatte weitere Halbgeschwister: Von Anna Botilla Mortensdatter († zwischen 1806 und 1812), der ersten Frau seines Vaters Catharina Maria Wraa (* um 1806; † 1826). Von Hanna Catharina Petersen Ravensgaard (1807–1855) aus Halk, der dritten Frau seines Vaters eine totgeborene Schwester (*/† 1841), Jens Jensen Wraa (* 1843; † nach 1860) und Peter Petersen Wraa (1848–1853). Christian Wraas vermutlicher Schwiegervater, der Haartuchfabrikant Senator Johannes Michael Neuffert (1795; † nach 1865)Zum 50jährigen Jubiläum des Bürgervereins am 12. Mai 1885. Thillerup, Flensburg 1885, S. 31f (PDF). in Flensburg, ein gebürtiger Württemberger, war entschieden pro-dänisch gesinnt.Magdeburgische Zeitung. Anhalter Anzeiger (1860), Abendausgabe zu Nr. 151 vom 30. Juni 1860, S. 2 (Google-Books).Fritz Graef: Der Löwe von Idstedt und die Kriegsgräber auf dem Alten Kirchhofe in Flensburg. In: Zeitschrift der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte 67 (1937), S. 255–316, bes. S. 267f (Digitalisat der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg); Hans Schultz Hansen: Danskheden i Sydslesvig 1840–1918. Dansk Centralbibliotek for Sydslesvig, Flensburg 1990, S. 84, 125, 158 und 161 (PDF).
Ein Teil der Familie von Christian Wraa stammte aus dem nordfriesischen TönningNationalzeitung 14 (1861), Nr. 239, vom 18. Juli 1861, S. 2 (Google-Books). an der Eider im königlich dänischen Anteil Schleswig-Holsteins. Um sein Anwesen (Gewese) in Tönning zu Geld zu machen, veranstaltete Wraa eine Lotterie, die viele enttäuschte Loskäufer zurückließ. Christian Wraa war zunächst Steuermann,Ferdinand Batsch: Aus dem ersten Seekrieg zwischen Schleswig-Holstein und Dänemark. In Zeitschrift der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte 24 (1894), S. 237–334, bes. S. 284. Als Seemann hat er „vor 1848 in untergeordneten Stellungen gedient … und niemals eine größere Fahrt gemacht“.Fürther Tagblatt, Nr. 93, vom 18. April 1862, S. 2 (Google-Books) nach einer holsteinischen Quelle der Süddeutschen Zeitung, Nr. 194, vom 15. April 1862 (Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek München). Nach eigenen Angaben will er 22-jährig (um 1847) auf einem „Hamburger Kauffahrer die Welt umsegelt und in Buenos-Ayres auch kriegerische Erfahrungen gesammelt“ haben.Zur Geschichte der deutschen Kriegsmarine. In: Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung (1890), Nr. 407 Abend-Ausgabe, vom 14. August 1890, S. 1.
Dienst in der Schleswig-Holsteinischen Marine Nach einer Aufforderung des Departements des Kriegswesens der Schleswig-Holsteinischen Erhebung vom 27. Januar 1849 an alle zivilen Schiffsführer und Steuerleute trat „Christian Wraae“ im Frühjahr März 1848 in Kiel als „interimistischer Offizier“ (Fähnrich zur See) in die Schleswig-Holsteinische Marine ein.Staats-Handbuch für die Herzogthümer Schleswig-Holstein. Altonaer Mercur, Altona 1849, S. 317 (Google-Books); Ferdinand Batsch: Aus dem ersten Seekrieg zwischen Schleswig-Holstein und Dänemark. In Zeitschrift der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte 24 (1894), S. 237–334, bes. S. 283f. mini|links|Schleswig-holsteinisches Ruder-Kanonenboot mit Hilfssegeln (Schaluppe; Bild zeigt ein baugleiches dänisches Boot)
Am 3.Ferdinand Batsch: Nordelbisch-Dänisches. In: Marine-Rundschau 12 (1901), S. 888–906, bes. 894. oder 8.Personalien. In: Amtsblatt für die Herzogthümer Schleswig-Holstein. Nr. 13, vom 30. März 1850, S. 116, (); Das Offizier-Corps der Schleswig-Holsteinischen Armen und Marine in den Jahren 1848 und 1849, Bd. II. Friedrich Asschenfeldt, Lübeck 1865, S. 242; Gerd Stolz: Die Schleswig-Holsteinische Marine 1848–1852. Boyens, Heide in Holstein 1978, S. 105. März 1850 wurde Wraa zum Auxiliar-Leutnant 2. Klasse (mit dem Rang eines Seconde-Lieutenants der Armee) befördert. Eingesetzt als Kommandant des mit 50 Mann besetzten Ruder-Kanonenboots Nr. 9, bezeichnete er sich selbst später als „Marinekapitän“ oder „Kapitän“, erhielt aber nie diese militärische Charge. Wraa galt später (1862) als der „durch das Hafengefecht bei Eckernförde im Jahre 1849 rühmlichst bekannte Schiffskapitän“.Fürther Tagblatt, Nr. 87, vom 11. April 1862, S. 1 (Google-Books); vgl. (Adelbert von) Baudissin, Dresden, 16. Mai 1862: Der Capitän Wraa …. In: Allgemeine Zeitung München (1862), Beilage zu Nr. 114, vom 24. Mai 1862, S. 2406 (Google-Books). Dies dürfte sich auf ein „ergebnisloses“ Seegefecht am 11. Mai 1849 vor Gut Bülk beziehen, an dem Kanonenboot Nr. 9 beteiligt war.Friedrich Hünemörder: Deutsche Marine- und Kolonialgeschichte. Robert Cordes, Kiel 1903, S. 157 (archive.org).Zu einem Gefecht am 2. Juni 1849 ebenfalls vor Gut Bülk ohne erkennbare Beteiligung von Wraa vgl. Christian Friedrich Wurm: Schleswig-Holsteins Kriegsmarine 1848, 1849, 1850. In: Germania 1 (1851), bes. S. 378–414 und 382 und 391 (Google-Books). Das bekannte Gefecht bei Eckernförde am 5. April 1849 wurde schleswig-holsteinerseits nicht mit Schiffen, sondern mit Strandbatterien geführt. Nachdem sich bei diesem Gefecht die dänische Fregatte Gefion ergeben hatte, will Wraa zu der Prisenbesatzung kommandiert worden sein, die das Schiff in Besitz nahm und an die Reichsflotte übergab.
In Holtenau hatten die Leutnants Andreas Anker Schau und Nikolaus Christian Wraa 1850 eine Auseinandersetzung mit dem Schleusenwärter des Eider-Kanals Julius Ewers (Ebers), die disziplinarisch als Beleidigung mit einem Verweis geahndet wurde. Leutnant Wraa fiel disziplinarisch auch durch Privatschulden auf und führte ein Duell mit dem Kommis MazantiWahrscheinlich Ferdinand Anthon Mazanti (1824–1900) aus einer ursprünglich aus Livorno stammenden Odenseer Familie, 1845 Contorist in Tørring Sogn im Vejle Amt, 1853 Verwalter im Gefängnis Horsens, 1856 Ritter des Dannebrog-Ordens; (Familien-Homepage). aus Vejle.Landesarchiv Schleswig-Holstein Schleswig (Abt. 55 Militärische Behörden der Erhebungszeit 1848–1851, Nr. 2090, 2158, 2440 und 2441). Bei Auflösung der Schleswig-Holsteinischen Marine im Sommer 1851 wurde er wie alle Offiziere entlassen.Das Offizier-Corps der Schleswig-Holsteinischen Armen und Marine in den Jahren 1848 und 1849. Friedrich Asschenfeldt, Lübeck 1858, S. 243 (Google-Books). mini|E. C. Bahnson, Lithographie nach einer Fotografie von Christian Wraa
Kaufmann in Altona und Fotograf in Hamburg Anfang 1852 wurde der Commissionair Nicolai Christian Wraa aus Hadersleben Altonaer Bürger.Anhang-Liste, derer denen die Erwerbung … In: Altonaer Nachrichten. 11. Januar 1852, S. , (Digitalisat). Nach seinem Ausscheiden aus der Marine betätigte er sich als Kohlenhändler,Anzeige: Steinkohlen. In: Altonaer Nachrichten vom 25. Januar 1852, S. , (Digitalisat). „Cigarrenhändler, Photograph, Gastwirth“ und – wahrscheinlich während des Åland-Krieges im Krimkrieg – als „Lieferant für die englisch-französische Flotte“. Vermutlich aus diesem Grund kaufte er zusammen mit dem früheren Marineoffizier (Fähnrich zur See) N. von WarnstedtAus Schleswig, Bruder des Adolf von Warnstedt und des Stettiner Polizeidirektors (seit 1856) Hermann von Warnstedt (1815–1894). und Ingenieur Jacob Henning Palle Diedrichsen (1821–1857), Ober-Maschinenmeister der Bonin, eine neue YachtNotiz in Die Reform. Wandsbeker Intelligenz-Blatt 7 (1854), Mr. 52, vom 1. Juli 1854 (luemue.online) hielt er sich im August 1854 in der Einfahrt zum Ålandarchipel (Ledsund) auf.Vermischtes. In: Altonaer Nachrichten. 6. August 1854, S. Gemäß Einträgen im Altonaer Adressbuch unterhielt er von 1852 bis 1858 ein „Cigarrenlager“ zunächst in der „Großen Wilhelminenstraße“ (heute Chemnitzstraße) 21 dann in der „Brunnenstraße“ 63 in Altona.Altonaisches Adreßbuch für 1852 / 1853 / 1855 / 1856 / 1857. Hermann, Altona 1852, S. 107; 1853, S. 107; 1855, S. 101; 1856, S. 102; 1857, S. 57; 1858, S. 80. Dies Geschäft war wenig erfolgreich, denn Ende April 1857 erklärte der „Bürger und Commissair Nicolai Christian Wraa“ vor dem Obergericht Altona seine Insolvenz.Zweite Bekanntmachung. In: Altonaer Mercur. 5. Mai 1857, S. , (Digitalisat).
Ab Mai 1857 betrieb „Chr. Wraa“ ein sog. „Münchener Atelier“ für Photographie und Daguerreotypie in Hamburg, Große Bleichen 11, im GartenJens Jäger: Gesellschaft und Photographie Formen und Funktionen der Photographie in England und Deutschland 1839–1860. (Diss.phil. Hamburg). Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 1995, S. 102 Anm. 49 (Google-Books) u. a. als Fortsetzung des Ateliers von Johann Völlner (* 1817)Aus Neustrelitz, Fotografien u. a. von Robert und Clara Schumann (März 1850). an derselben Adresse.Wilhelm Weimar: Die Daguerreotypie in Hamburg 1839–1860. Otto Meissner, Hamburg 1915, S. 32–34, 49 und S. 50 (dbc.wroc.pl). Erhalten ist eine Lithografie von Hauptpastor Erasmus Carsten Bahnson (1794–1878) in Oldesloe, Abgeordneter der schleswig-holsteinischen Landesversammlung, die nach einem Foto von Wraa angefertigt wurde. Im Februar 1859 verkaufte er das Atelier.Altonaer Nachrichten. In: Altonaer Nachrichten. 2. Februar 1859, S. , (Digitalisat) Anfang Mai 1859 soll er versucht haben, in Triest in die Österreichische Marine einzutreten.Altonaer Nachrichten. In: Altonaer Nachrichten. 4. Mai 1859, S. , (Digitalisat). „Wraa, N. C. Photograph,“ war im „Altonaischen Adreßbuch für 1860“ mit der Adresse „Blumenstraße 36“ verzeichnet.Altonaisches Adreßbuch <-- sic! --> für 1860. Altona 1855, S. 75.
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