Unter den achämenidischen Königsinschriften versteht man sämtliche überlieferten Inschriften in Keilschrift aus der Zeitspanne von Kyros II. im 6. Jahrhundert v. Chr. bis zu Dareios III. im 4. Jahrhundert v. Chr. Die Namensgeber sind die Könige, die jeweils inhaltlich eingangs der Inschriften erwähnt sind. Die Inschriften gehören neben den archäologischen Quellen und den Verwaltungsarchiven von Persepolis zu den Primärquellen des Achämenidenreichs.

Einleitung Die achämenidischen Königsinschriften sind in eine lange assyrische und babylonische Inschriften-Tradition eingebettet. Sie weichen in Bezug auf den generellen Tenor und ihre Absichten nicht von denjenigen vorgängiger Herrscher in Westasien ab. Ihr Unterschied liegt in der Mehrsprachigkeit, der Rhetorik, dem Stil und der Struktur.Matthew W. Stolper: Achämenid Languages and Inscriptions. In: John E. Curtis, Nigel Tallis (Hrsg.): Forgotten Empire. The World of Ancient Persia. University of California Press, Berkeley / Los Angeles 2005, S. 18–24.

Die Inschriften treten meistens dreisprachig auf: altpersisch, elamisch und babylonisch. Wenn sie zusammen auftreten, wird die privilegierte Position von der altpersischen Inschrift eingenommen: Sie ist an der obersten Position, wenn sie untereinander aufgereiht sind, und in der Mitte bei einer horizontalen Anordnung. Es sind drei Sprachen mit zwei Schriften, wobei die babylonische und elamische verschiedene Formen der gleichen Keilschrift sind.

Die dreisprachigen Inschriften sind Ausdruck der Unermesslichkeit und Komplexität des achämenidischen Reichs. Diese Eigenschaften werden von Dareios I. mit dem altpersischen Ausdruck vispazana (= alle Arten von Menschen haben) umschrieben.Wörtlich mit allen Stämmen. Vispazana wird ausschließlich von Dareios I. verwendet. Rüdiger Schmitt: Wörterbuch der altpersischen Königsinschriften. Reichert, Wiesbaden 2014, ISBN 978-3-95490-017-6, S. 116 und 280. In der elamischen Sprachversion wird der Ausdruck übernommen und das Babylonische interpretiert ihn mit von allen Sprachen. Im achämenidischen Reich wurden viele verschiedene Sprachen gesprochen, die mit den dreisprachigen Inschriften repräsentiert werden: Altpersisch ist indo-europäisch, Babylonisch semitisch und Elamisch hat seine eigenen Wurzeln. Die einzelnen Sprachversionen der Inschriften sind keine genauen Übersetzungen der jeweils anderen. Manchmal werden Passagen in einer Sprachversion hinzugefügt, die in den beiden anderen nicht vorkommen. Die Unterschiede äußern sich auch in Details, wenn sie sich an ein bestimmtes Volk richten. So kann die altpersische Version die Herrscher betonen, die elamische Version den Standort und die babylonische das Thema.

Einige wenige achämenidische Inschriften sind in ägyptischen Hieroglyphen geschrieben. Es handelt sich dabei um vier Stelen, die in der Nähe des Suezkanals gefunden wurden. Andere Objekte mit Hieroglyphen befinden sich auf Geschirr und Gefäßen, die zwar in Ägypten hergestellt wurden, aber in Persepolis, Susa und eventuell in Babylonien ausgegraben wurden. Die berühmte Statue des Dareios I. wurde ebenfalls in Ägypten hergestellt, aber nach Susa gebracht.

Abgesehen von ein paar einzelnen aramäischen Schriftzeichen auf achämenidischen Gegenständen wie Siegeln, Gewichten und Münzen glänzt die spätere Amtssprache durch Abwesenheit. Die einzige Königsinschrift in aramäischer Sprache ist eine Kopie der Behistun-Inschrift von Elephantine in Oberägypten.

Richard T. Hallock hat 1958 eine Statistik bezüglich der Länge und der achämenidischen Absender für die elamische Sprachversion der Königsinschriften erstellt. Die Behistun-Inschrift mit mehr als 3000 Wörtern überragt in ihrer Länge und Bedeutung alle anderen Inschriften, die zusammengenommen weniger als 2600 Wörter umfassen. Die übrigen Inschriften sind eher kurz und wiederholen sich. Mit 44 Texten steht Dareios I. an der Spitze der Absender. Ihm folgen Xerxes I. mit 13 und Artaxerxes I. und Artaxerxes II. mit 7 Texten. Das Schlusslicht bildet Kyros II. mit 2 elamischen Texten auf den Inschriften CMa und CMc.Richard Hallock: Notes on Achaemenid Elamite. In: Journal of Near Eastern Studies. Band 17, 1958, S. 256.

Die große Mehrheit der Königsinschriften wurde im Kernland der Achämeniden (Pasargadae, Persepolis, Naqsch-e Rostam) und im erweiterten Umkreis (Susa, Bisotun, Gandschnāme, Babylon) gefunden. Die einzige Inschrift außerhalb des Irans ist die Inschrift in Van im östlichen Anatolien von Xerxes I.

Die Entzifferung Die Entzifferung der altpersischen Keilschrift der Achämeniden spielte eine entscheidende Rolle für die Entzifferung der babylonischen und elamischen Sprachversionen und anderer Keilschriften in Westasien. Der Einstieg erfolgte über Namen, bez. königlichen Namen, und das Avesta, das die zugrundeliegende Sprache in entwickelter Form überliefert. Die Entzifferung der achämenidischen Inschriften kann in drei Phasen unterteilt werden.

In einem ersten Schritt wurde die Schriftrichtung herausgefunden und dass es sich bei den achämenidischen Inschriften um drei verschiedene Schriften mit einem gemeinsamen Text handelt. García de Silva Figueroa datierte 1620 die Inschriften von Persepolis auf die achämenidische Zeit, identifizierte sie als altpersisch und schloss daraus, dass die Ruinen die alte Residenz Persepolis sei. 1621 legte Pietro della Valle die Schriftrichtung von links nach rechts fest. 1762 fand Jean-Jacques Barthélemy heraus, dass eine Schrift in Persepolis derjenigen glich, die man auf einem Backstein in Babylon gefunden hatte. Carsten Niebuhr fertigte 1778 die ersten Kopien der Inschriften von Persepolis an und legte sich auf drei verschiedene Arten von Schriften fest, die in der Folge unter Niebuhr I, II und III bekannt wurden. Er war der Erste, der in einer der Schriften das Zeichen für eine Worttrennung entdeckte. Oluf Gerhard Tychsen listete 1798 als Erster 24 phonetische oder alphabetische Werte für die Zeichen auf.Irving L. Finkel: The Decipherment of Achaemenid Cuneiform. In: John E. Curtis, Nigel Tallis (Hrsg.): Forgotten Empire. The World of Ancient Persia. University of California Press, Berkeley / Los Angeles 2005, S. 25–29.

Die zweite Phase, in der eine erste Entzifferung stattfand und korrekte Werte für eine bedeutende Anzahl von Zeichen gefunden werden konnten, wurde durch Georg Friedrich Grotefend eingeleitet. Er war der bedeutendste Entzifferer der altpersischen Keilschrift. Ihm folgten Antoine-Jean Saint-Martin 1822 und Rasmus Christian Rask 1823, der als Erster den Namen Achämenide und die Konsonanten m und n entziffern konnte. Eugène Burnouf identifizierte 1833–1835 die Namen verschiedener Satrapien und die Konsonanten k und z. Christian Lassen trug maßgeblich zum grammatikalischen Verständnis der altpersischen Sprache und zum Gebrauch der Vokale bei. Die Entzifferer benutzten für ihre Arbeit die kurzen dreisprachigen Inschriften von Persepolis und die Inschriften von Gandschnāme.

In einem letzten Schritt wurde die Entzifferung über die Behistun-Inschrift durch Henry Creswicke Rawlinson und Edward Hincks vollendet. Edward Hincks entdeckte, dass das Altpersische teilweise eine Silbenschrift ist.Eine Ergänzung über die verschiedenen Stadien der Entzifferung liefert Adolf Holtzmann: Beiträge zur Erklärung der persischen Keilinschriften. Karlsruhe 1845, Heft 1. (babel.hathitrust.org)

Die Bezeichnungen Die Bezeichnungen beziehungsweise die Abkürzungen der achämenidischen Königsinschriften beruhen auf dem von Roland Grubb Kent eingeführten System von 1953. Manfred Mayrhofer (1978), Alireza Shapour Shahbazi (1985) und Rüdiger Schmitt (2000) haben es erweitert und modifiziert. Die Ausgabe von Rüdiger Schmitt von 2009 (2. Auflage 2023) gilt als das neue Referenzwerk.

Im aktuellen Referenzwerk bezeichnet der erste Buchstabe einer Inschrift nicht den Herrscher beziehungsweise Autoren, sondern „als oberstes Ordnungskriterium gilt deshalb, daß der erste Buchstabe(nkomplex) nach dem König gewählt ist, den der Text, oft gleich eingangs im Nominativ, ausdrücklich mit Namen nennt“. Häufig ist der Autor identisch mit dem eingangs erwähnten Namen. Aber wie die Beispiele der Inschriften AmHa oder DEa zeigen, ist dies nicht immer der Fall. Der zweite Großbuchstabe bezeichnet den Fundort und der dritte Buchstabe ist ein Index, der von der Wissenschaft zur Unterscheidung mehrerer Inschriften vom gleichen Ort gesetzt wurde.Schmitt 2009/2023, S. 7.

Pseudo-altpersische Inschriften Rüdiger Schmitt hat 2007 in einer Publikation eine Liste von pseudo-altpersischen Inschriften veröffentlicht. Er unterscheidet zwischen „nicht-authentischen“ Inschriften, Fälschungen und Nachbildungen. Unter „nicht-authentischen“ Inschriften versteht er Inschriften, die zwar „echt“ sind und aus der Achämenidenzeit stammen, aber nicht vom König stammen, der eingangs der Inschriften aufgeführt ist. Der Begriff geht auf Hans Heinrich Schaeder zurück.Schaeder 1931, S. 641. Die bekanntesten „nicht-authentischen“ Inschriften sind AmHa und AsHa aus Hamadan.Schmitt 2007, S. 25.

Bereits Roland Grubb Kent erfasste 1953 die bekannten gefälschten Inschriften („spurious inscriptions“), gab ihnen die Bezeichnung Spurium (Abkürzung Spur.) und versah sie mit einem Index (Spur. a–h).Kent 1953, S. 115. Manfred Mayrhofer erweiterte die Liste 1978 um Spur. i–k.Mayrhofer 1978, S. 36 § 12. Da die Liste seither immer umfangreicher geworden war, gab ihnen Rüdiger Schmitt 2007 neue Bezeichnungen: F für Fälschung mit einer fortlaufenden Nummer und N für Nachbildung mit einer fortlaufenden Nummer.Schmitt 2007, S. 5–6.

Fälschungen mini|Phiale mit gefälschter Inschrift F 10

Fälschungen aus Vorderasien sind seit dem 19. Jahrhundert bekannt. Aber erst seit den 1930er Jahren überschwemmen den Kunstmarkt Produkte aus dem Iran, nachdem Raubgrabungen im Westen Irans an Zahl enorm zugenommen haben. Der eigentliche „Fälschungsboom“ fand nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur islamischen Revolution 1979 statt. Gefälschte Kunstgegenstände wurden mit einer Inschrift versehen, um eine Wertsteigerung des Gegenstands zu bewirken oder um eine vermeintliche Echtheit zu vermitteln. Die angebrachten Inschriften wurden oft aus Büchern kopiert, um sie verkürzt oder in einer abgeänderten Form zu verwenden.Schmitt 2007, S. 20. Sie sind auf Metalltäfelchen, Ton- und Steintafeln, figürlichen und ähnlichen Objekten, Waffen, Gemmen und Siegeln zu finden.Schmitt 2007, S. 6. Insgesamt hat Rüdiger Schmitt in seiner Publikation 27 Fälschungen von Inschriften erfasst.Schmitt 2007, Inhaltsverzeichnis Kapitel 3.