mini|Atompilz von „Little Boy“ über Hiroshima (6. August 1945) mini|Atompilz von „Fat Man“ über Nagasaki (9. August 1945)
Die US-amerikanischen Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki am 6. August und 9. August 1945 waren die bislang einzigen Einsätze von Atomwaffen in einem Krieg.
Die Atombombenexplosionen töteten insgesamt ca. 100.000 Menschen sofort – fast ausschließlich Zivilisten und von der japanischen Armee verschleppte Zwangsarbeiter. An Folgeschäden starben bis Ende 1945 weitere 130.000 Menschen. In den nächsten Jahren kamen etliche hinzu. Japan gibt die Gesamtzahl der Todesopfer – einschließlich der an Strahlenkrankheiten und -verletzungen Verstorbenen – bisher mit 344.306 für Hiroshima und mit 198.785 für Nagasaki an (Stand: August 2024).The atomic bombings of Hiroshima and Nagasaki auf Reuters vom 5. August 2024, abgerufen am 8. August 2025.
Sechs Tage nach dem zweiten Bombenabwurf gab Kaiser Hirohito mit der Rede vom 15. August die Beendigung des „Großostasiatischen Krieges“ bekannt. Mit der Kapitulation Japans endete am 2. September der Zweite Weltkrieg auch in Asien, nachdem er in Europa mit der Kapitulation der deutschen Wehrmacht bereits seit dem 8. Mai 1945 vorüber war.
Den Befehl zum Einsatz der neuen Waffe gab US-Präsident Harry S. Truman, Nachfolger des im April 1945 verstorbenen Franklin D. Roosevelt, während der Potsdamer Konferenz im Haus Erlenkamp in Potsdam, in dem die amerikanische Delegation Quartier bezogen hatte. Truman hatte als Roosevelts Vizepräsident bis zur Amtsübernahme keine Kenntnis vom „Manhattan-Projekt“, der Entwicklung der Atombombe. Das Hauptmotiv für den Einsatz der Bomben war, Japan möglichst schnell zur Kapitulation gegenüber den USA zu bewegen und so den Krieg zu beenden, bevor Stalin eingreifen würde. Einerseits befürchtete Truman, dass die Sowjetunion, die sich in Jalta verpflichtet hatte, drei Monate nach dem Sieg in Europa (9. Mai für Moskau) eine Front gegen Japan zu eröffnen, angesichts der Kriegslage nicht nur auf dem Festland siegen, sondern relativ einfach auch japanische Inseln einnehmen würde (Kurilen). Andererseits wurde befürchtet, dass amerikanische Landungen auf den japanischen Hauptinseln viele Opfer unter US-Soldaten fordern würde – im gesamten Pazifikkrieg fielen etwa 130.000 amerikanische Soldaten.
Trumans Entscheidung wird noch immer unterschiedlich bewertet und kontrovers diskutiert. Das Gedenken an die Opfer spielt in Japan eine große Rolle in der nationalen Kultur und im nationalen Selbstverständnis. Weltweit wurden Hiroshima und Nagasaki zu Symbolen für die Schrecken des Krieges und vor allem eines möglichen Atomkrieges zu Zeiten des Kalten Krieges.
Vorgeschichte Ausgangslage mini|Zerstörtes Tokioter Stadtviertel nach dessen Bombardierung am 9. und 10. März 1945 mini|Eine B-29 am 1. Juni 1945 über OsakaIm Verlauf des Pazifikkriegs waren die US-amerikanischen Streitkräfte im Jahr 1944 und Anfang 1945 durch die Taktik des Inselspringens immer näher an die japanischen Hauptinseln herangerückt. In der Schlacht um die Marianen-Inseln im Sommer 1944 hatten sie Stützpunkte erobert, die den Einsatz von B-29-Langstreckenbombern gegen Ziele in Japan ermöglichten. Durch eine strategische Luftoffensive war die japanische Kriegswirtschaft schwer getroffen worden. In den Schlachten um Iwojima und Okinawa Anfang bis Mitte 1945 hatten sie sich Ausgangsstellungen für eine spätere Landung auf den japanischen Hauptinseln erarbeitet, die unter dem Namen Operation Downfall vorbereitet wurde und im Spätjahr 1945 stattfinden sollte.
Im April 1945 kündigte die UdSSR das 1941 geschlossene Neutralitätsabkommen mit Japan. Die Sowjetunion hatte den USA unter Trumans Vorgänger Franklin D. Roosevelt zugesagt, spätestens drei Monate nach Kriegsende in Europa in den Pazifikkrieg gegen Japan einzugreifen, ein Zeitraum, der am 8. August endete.
Am 28. Mai 1945 telegrafierte der noch von Roosevelt ernannte US-Botschafter Harry Hopkins in Moskau an Truman, dass sowjetische Truppen für den Krieg gegen Japan in der Mandschurei Stellung bezogen hätten. Japan wisse, dass es verloren sei. Da Japans Regierung jedoch nicht bedingungslos kapitulieren werde, habe Stalin vorgeschlagen, ein japanisches Friedensangebot anzunehmen und dann die eigenen Ziele durch gemeinsame Besetzung und Verwaltung Japans durchzusetzen. Stalin fürchte, anderenfalls werde es dem Regime des Tennōs gelingen, die Alliierten zu entzweien und sich auf einen Revanchekrieg vorzubereiten. Hopkins empfahl, das weitere Vorgehen eng mit den sowjetischen Verbündeten abzustimmen, um aus dieser Situation gemeinsam Vorteile für die Nachkriegszeit zu ziehen. Sein Telegramm blieb jedoch unbeachtet.David Horowitz, Kalter Krieg. S. 46.
Manhattan-Projekt
mini|hochkant|Robert Oppenheimer und Leslie Groves begutachten Überreste des Bombenturms des Trinity-Tests, der ersten Zündung einer Atombombe.
Ende 1941 begannen die US-Amerikaner mit den Vorbereitungen für ein streng geheimes Großprojekt, das die Herstellung einer Atombombe zum Ziel hatte. Anlass waren Berichte, dass das deutsche Uranprojekt, das ebenfalls die militärische Nutzbarmachung der Kernspaltung anstrebte, Fortschritte mache. Das Projekt wurde 1942 unter der Leitung von Robert Oppenheimer gestartet, 1943 schlossen sich die Briten an.
Im Frühjahr 1945 näherte man sich der Fertigstellung des ersten Kernsprengsatzes, der späteren „Trinity“-Bombe. An zwei weiteren Bomben wurde gearbeitet. Ein Einsatz gegen deutsche Städte war zumindest erwogen worden, doch Anfang Mai kapitulierte Deutschland. Darum richteten die USA nun den Blick auf Japan.Chris Hastings: UK proposed using atom bomb against Germany, The Age, 2. Dezember 2002, abgerufen am 6. August 2010. Das kurz nach der deutschen Kapitulation eingerichtete Interim Committee sollte Vorschläge über die Verwendung der Bombe erarbeiten. Das dazugehörige Target Committee (Zielfindungsausschuss) vereinbarte am 10. und 11. Mai 1945 in Los Alamos den Einsatz der Atombomben gegen bisher nicht bombardierte japanische Großstädte mit Kriegsindustrie von militärstrategischer Bedeutung. Das sollte eine größtmögliche psychologische Wirkung bringen und das Risiko eines Fehltreffers bei begrenzter militärischer Zielauswahl vermeiden. Kyōto, Hiroshima, Yokohama, Niigata und Kokura kamen als mögliche Ziele in die engere Wahl; der Kaiserpalast Tokio wurde hingegen verworfen.Minutes of Target Committee Meetings on 10 and 11 May 1945 (Sitzungsprotokoll, englisch) Am 1. Juni 1945 empfahl der Ausschuss, die Waffen sofort nach ihrer Fertigstellung und ohne Vorwarnung gegen „einen Rüstungsbetrieb, umgeben von Arbeiterunterkünften“ einzusetzen. (Fotokopie der Originaldokumente, englisch); abgerufen am 16. Mai 2023 Später äußerte der Untersekretär im Kriegsministerium, Ralph Bard, Bedenken gegen den Einsatz ohne Vorwarnung.Bard Memorandum, 27. Juni 1945 (englisch)
Invasions- und Abwurfpläne des US-Militärs mini|US-amerikanisches Propaganda-Plakat zeigt Uncle Sam, der die Öffentlichkeit auf eine Invasion Japans nach dem Kriegsende in Europa vorbereitet. Japan beherrschte bis zum Kriegsende noch riesige Gebiete in Asien, darunter Niederländisch-Indien und weite Teile Chinas. Allerdings war es durch Luftangriffe der US-Amerikaner auch schon erheblich geschwächt – seit Februar 1945 besaß die strategische US-Bomberflotte die völlige Lufthoheit über Japan. Ihre intensivierten Luftangriffe mit Brandbomben nach britischem Vorbild hatten bereits zwei Drittel der japanischen Großstädte zu etwa 60 Prozent zerstört. Zudem hatte Japan bis dahin seine größte Flotte (Kidō Butai) fast komplett verloren, ebenso den Hauptteil der Luftstreitkräfte. Das rohstoffarme Japan hatte seine Rohstoffzufuhr verloren.
Deshalb waren die United States Army Air Forces von der zermürbenden Wirkung ihrer Luftangriffe überzeugt und erwarteten bei unvermindert fortgesetzten konventionellen Luftangriffen eine Kapitulation Japans bis Dezember 1945. Sie glaubten, dessen Regime könne nur noch auf günstige Friedensbedingungen unter Beibehaltung der staatlichen Souveränität hoffen. mini|Leslie Groves blickt auf eine Landkarte Jedoch hatten die Schlacht um Okinawa im Juli 1945 und die Schlacht um Iwojima den ungebrochenen Kampfeswillen der Japaner demonstriert: Nur ein Bruchteil ihrer Soldaten war dort bereit zu kapitulieren, die übrigen kämpften bis zum Tod. Bei der Eroberung Okinawas starben etwa 12.500 US-Soldaten; insgesamt waren bis dahin etwa 70.000 US-Soldaten im Pazifikkrieg gefallen. Auf der japanischen Seite fielen während der Schlacht um Okinawa 74.000 bis 107.000 Soldaten, und etwa 122.000 Zivilisten kamen um – und damit ca. ein Drittel der Zivilbevölkerung. Die United States Army rechnete bei einer Landung auf Kyūshū, besonders im Fall verzögerter Vorbereitungen dafür, mit starkem Widerstand von bis zu zehn japanischen Divisionen. Bei einer Landung auf Honshū und Hokkaidō (Operation Downfall) seien Verluste von 25.000 bis zu 268.000 US-Soldaten zu erwarten. Die USA rechneten mit bis zu 300.000 weiteren eigenen Todesopfern.
Das US-Militär plante die Eroberung der japanischen Hauptinseln erst für November 1945. Am 4. Juli 1945 beriet seine Führung mit derjenigen Großbritanniens über das weitere Vorgehen im Pazifik. Die britische Regierung war in die Fortschritte des Atombombenbaus eingeweiht und stimmte einem Einsatz zu. Vorübergehende Überlegungen, die fertigen Bomben nur als „Warnschuss“ über unbesiedeltem japanischem Gebiet zu zünden, wurden nicht weiter verfolgt. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die USA nach dem Trinity-Test nur noch über zwei einsatzfertige Bomben verfügten.
Einsatzbefehl und Ultimatum Ab Mitte Juni trafen die ersten B-29 der 509th Composite Group auf dem North Field in Tinian ein. Am 9. Juli hatte der japanische Botschafter Satō Naotake in Moskau bereits um Friedensverhandlungen gebeten. Der sowjetische Außenminister Molotow sollte diese Bitte den Teilnehmern der bevorstehenden Potsdamer Konferenz der Alliierten (17. Juli bis 2. August 1945) überbringen.David Horowitz: Kalter Krieg. S. 45. Diese Konferenz beriet über das weitere Vorgehen der Siegermächte USA, Sowjetunion und Großbritannien in Europa und im Krieg gegen Japan. mini|Josef Stalin (zweiter von links), Harry S. Truman (Mitte) und Winston Churchill während der Potsdamer Konferenz, Juli 1945
Truman erfuhr zu Beginn der Konferenz, am 16. Juli, dass die Testbombe in der Wüste im US-Bundesstaat New Mexico erfolgreich gezündet worden war (Trinity-Test). Die zweite Bombe Little Boy wurde gleichzeitig zur Insel Tinian im Pazifik verschifft, wo sie einsatzfertig gemacht werden sollte. Winston Churchill erfuhr am selben Tag von dem Testerfolg und notierte in seinen Erinnerungen, wie befreiend er die Nachricht angesichts der Aussicht auf verlustreiche Landschlachten erlebte:
Auch General Dwight D. Eisenhower berichtete später, die Entscheidung zum Einsatz der beiden Atombomben habe am 16. Juli bereits festgestanden. Er hatte Truman davon abgeraten, weil die Japaner schon Kapitulationsbereitschaft signalisiert hätten und die Vereinigten Staaten solche Waffen nicht als erste einsetzen sollten. Doch Truman schrieb in sein Tagebuch:
Erst am Abend des 24. Juli eröffnete Truman Stalin beiläufig, man habe einen neuen Bombentyp entwickelt, der geeignet sei, den japanischen Kriegswillen zu brechen. Stalin habe, so notierte Truman in sein Tagebuch, die Nachricht äußerlich unbewegt aufgenommen und den Vereinigten Staaten zugeraten, die Waffe für gute Zwecke einzusetzen. Man nimmt jedoch an, dass Stalin durch den Mitarbeiter des Manhattan-Projekts Klaus Fuchs über die Fertigstellung der US-Atombomben informiert war, denn noch am selben Abend veranlasste er seinen Geheimdienstchef Lawrenti Beria, den Bau einer sowjetischen Atombombe, der 1943 begonnen hatte, zu beschleunigen.Theo Sommer: 1945. Die Biographie eines Jahres. S. 179–186.
mini|hochkant|Der Einsatzbefehl vom 25. Juli 1945