mini|Kupferkopf eines Königs, gefunden in Ninive, Sargon oder seinen Enkel Naram-Sin darstellend. Die Beschädigung an der Augenpartie erfolgte bereits in historischer Zeit. Sargon von Akkad (; auch Sargon von Akkade) war von 2356 bis 2300 v. Chr. (mittlere Chronologie) bzw. 2292 bis 2236 v. Chr. (kurze Chronologie) König von Akkad. Als erster Monarch in der Geschichte trägt er den Titel Šar kiššatim (König des Universums).
Mit Sargon von Akkad beginnt eine neue Ära (Akkadzeit) in der Geschichte von Mesopotamien. Sargon von Akkad und seine Gefährten verwendeten eine semitische Sprache und kamen aus westlichen Ländern. Seine Reichsgründung bedeutet insofern eine „Wasserscheide“ in Mesopotamiens Geschichte,So A. Kuhrt: Making history, S. 349 („a watershed in Mesopotamian history“). als es das erste historische, zentral verwaltete Großreich war, das über mehrere Generationen hin von derselben Herrscherfamilie regiert wurde. Zugleich wurde es wie die späteren Reiche der Babylonier und Assyrer von einer semitischen Führungsschicht getragen, während die älteren Staatsgebilde von Sumerern beherrscht wurden. Ein Ausdruck dieses gesellschaftlichen Wandels besteht darin, dass die semitische Sprache nun für Inschriften, Briefe und Urkunden in großer Zahl verwendet wird, während sich im Bereich Mesopotamiens ihr Einfluss zuvor auf Lehnworte und Eigennamen beschränkt hatte. Die semitische Kultur ist von nun an eine etablierte Größe im gesamten „Zweistromland“; auch wenn dem Ende des Reiches von Akkad zunächst eine sumerische Renaissance folgte.siehe hierzu weitere Dynastien in der regionalen Umgebung, zum Vergleich „Liste der Herrscher im 22. Jahrhundert v. Chr.“
Leben und Herrschaft Über das Leben Sargons vor seiner Zeit als Herrscher liegen vor allem legendarische Nachrichten vor, die nicht ohne weiteres glaubhaft sind. Der in der akkadischen Sargonlegende genannte Geburtsort Azupiranu („Safran-Stadt“) ist wohl ein „sprechender“ Name, der mit der abortiven Wirkung des Safran spielt. Eine Stadt dieses Namens ist sonst nirgends bezeugt. Nach der Sumerischen Königsliste war Sargons Vater oder Pflegevater ein Gärtner.Vgl. die Übersetzung von W.H.Ph. Römer, in: TUAT I, 334. Nach der Königsliste wie nach der Sumerischen Sargonlegende war Sargon, bevor er selbst König wurde, Mundschenk des Königs Ur-Zababa von Kisch, was im altorientalischen Zusammenhang allerdings einen höheren Beamtenrang bezeichnet. Die Sumerische Sargonlegende handelt davon, dass die Göttin Inanna beschlossen hat, dass Sargon König werden soll. So treten Vorzeichen dafür auf, dass der Mundschenk den regierenden Herrscher ablösen wird. Alle Gegenmaßnahmen, die Ur-Zababa ergreift, werden von der Göttin vereitelt. Der Text ist nicht vollständig erhalten; er muss aber berichtet haben, dass Sargon an Stelle Ur-Zababas die Herrschaft ergreift.
Nach späterer Überlieferung war er das uneheliche Kind einer Priesterin. In ähnlicher Weise wie es von Moses berichtet ist, setzte sie ihn aus Angst in einem Kästchen im Euphrat aus,Siehe dazu . Eugen Sitarz: Kulturen am Rande der Bibel. Sachbuch über Völker und Götter im Geschichtsfeld Israels. Verlag Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 1983, ISBN 978-3-4603-2051-2, S. 18 Dort fand ihn ein Gärtner und nahm ihn zu sich.Golo Mann & Alfred Heuß (Hrsg.): Propyläen-Weltgeschichte. Bd. 1: Vorgeschichte, Frühe Hochkulturen. Im Propyläen-Verlag Berlin u. a. 1961; 10 Bände. S. 547.
Die Nachrichten darüber, dass Sargon nicht aus königlicher Familie stammte, sind grundsätzlich glaubwürdig. Als Semit kann er nicht zu den führenden Kreisen der sumerischen Stadtstaaten gehört haben. Ob er tatsächlich Mundschenk in Kisch war, und wie er gegebenenfalls zu dieser Position kam, muss wohl offenbleiben. Sollten die entsprechenden Nachrichten glaubwürdig sein, muss er den sumerischen König Ur-Zababa entthront haben. Anschließend, um 2334 v. Chr., besiegte er auch Lugalzagisi von Uruk, der zu diesem Zeitpunkt die Oberherrschaft über mehrere sumerische Stadtstaaten innehatte. Darüber berichten nun nicht mehr nur legendäre Erzählungen, sondern Königsinschriften aus der Zeit Sargons, wobei hier nicht die spärlichen Originale, sondern die in altbabylonischen Kopien erhaltenen Texte relevant sind.Zu den von Sargon überlieferten Inschriften vgl. Gelb, Kienast: Königsinschriften, S. 62–66 (zu den Originalen); S. 129 ff. (zu den Kopien). Es heißt dort:
Sargon selbst legitimierte die gewaltsam angeeignete Herrschaft unter Berufung auf göttliche Erwählung durch die Kriegsgöttin Inanna/sem. Ischtar. Zugleich propagierte er sie in seinem Namen. „Sargon“ ist die aus dem biblischen Hebräisch übernommene Fassung des akkadischen scharrum kin, das im Altakkadischen als Satzname mit der Bedeutung „Der Herrscher ist legitim“ aufzufassen ist.So Edzard: Geschichte Mesopotamiens, S. 78; B. Lewis: Sargon-Legend, S. 30 („the king is the true one“). Der Name zerfällt in folgende Bestandteile: scharrum ist ein Substantiv mit der Bedeutung „Herrscher“, und das endungslose kin ist ein sog. „Stativ“ des Verbums kânu – „fest sein/fest werden“ mit der Bedeutung „befestigt/legitimiert/wahr sein“. Es scheint plausibel, dass der spätere König diesen Namen nicht von Geburt an trug, sondern nach seinem Herrschaftsantritt aus legitimatorischen Gründen annahm. Vor allem ist der Umstand, dass der Name nur bei regierenden Herrschern (Sargon von Akkad/Sargon I. und Sargon II. von Assyrien) belegt ist, zu Gunsten dieser Erklärung anzuführen. Sie wird auch nur von wenigen, allerdings gewichtigen Stimmen bestritten.So erklärt A. Westenholz: The Old Akkadian Period, S. 31 den Namensbestandteil scharrum für ein „theophores“, also ein auf einen Gott bezogenes Element. Daher könne Sargon den Namen sehr wohl von Geburt an getragen haben. Nach Edzard: Geschichte Mesopotamiens, S. 78 handelt es sich um einen gängigen Namen, „mit dem die namengebenden Eltern den zur Geburtszeit ihres Kindes regierenden lokalen König ehren wollten“. Auch D. Frayne, in: RIME 2, 1993, 7 hält den Namen eher für einen Geburts- und nicht einen Thronnamen.
Dass Sargon nach seinem gewaltsamen Herrschaftsantritt etwas Neues schaffen wollte, geht daraus hervor, dass er seine Residenz nicht in einer alten bedeutenden Königsstadt einrichtete, sondern in die zuvor praktisch bedeutungslose Stadt Akkad verlegte. Der Name der Stadt ist bereits vor Sargon inschriftlich bezeugt, sodass er entgegen einer älteren, wohl schon antik-mesopotamischer Tradition entsprechenden Ansicht nicht als ihr Gründer angesehen werden kann.Vgl. dazu Westenholz: The Old Akkadian Period, S. 34. Welche Gründe ihn zur Verlegung der Residenz veranlassten, wird nicht deutlich. Die Lage der Stadt in der Nähe bedeutender Handelswege wird eine Rolle gespielt haben. Möglicherweise war Sargon auch herkunftsmäßig dort verwurzelt, sodass er Regierungszentrale und Hausmacht verband.
Die von Sargon erhaltenen Königsinschriften sind zwar Primärquellen aus seiner Zeit, gleichwohl sind auch sie bei der historischen Auswertung mit Vorsicht zu gebrauchen. Es handelt sich um propagandistische Texte, die zunächst ein Ideal von Sargons Herrschaft darstellen, die Plausibilität der einzelnen Nachrichten ist also jeweils zu erwägen. So ist im Einzelfall zu prüfen, wie fest die Herrschaft Sargons über ein Gebiet, das er erobert haben will, tatsächlich war. Ein weiteres Problem liegt darin, dass die Inschriften keinen Gesamteindruck der Herrschaft Sargons vermitteln, sondern vielmehr „Informationsfetzen“ ohne chronologische OrdnungEdzard: Geschichte Mesopotamiens, S. 79. bieten.
mini|Das Reich des Sargon von Akkad (grün)
Abgesehen vom Sieg über Lugalzagesi geht aus den Inschriften glaubhaft hervor, dass Sargon ein ganzes Heer von Staatsdienern beköstigte: 5400 Männer sollen täglich vor ihm ihr Brot gegessen haben.Vgl. Gelb, Kienast: Königsinschriften, S. 167. Dabei ist die Zahl 5400 wie praktisch alle Zahlenangaben in altorientalischen Texten nicht wörtlich zu nehmen, sondern steht zum Ausdruck einer großen Menge. Darüber hinaus hat Sargon nach dem Zeugnis seiner Inschriften „vom oberen Meer zum unteren Meer“, also vom Mittelmeer zum Persischen Golf, „Söhne von Akkad“ zu Statthaltern eingesetzt.Gelb, Kienast: Königsinschriften, S. 172 f. Danach waren in den einzelnen Gebieten Verwandte oder Vertrauensleute aus Akkad bzw. „von Akkads Gnaden“ als loyale Lokalregenten (Gouverneure) eingesetzt. Wahrscheinlich sollten diese Einsetzungen ältere Herrschaftsstrukturen zerschlagen. Wie die hohe Zahl der vom König beköstigten Staatsdiener spricht dies für die Begründung einer zentralen Verwaltung mit der Hauptstadt Akkad. Dass sein Herrschaftsgebiet tatsächlich vom Mittelmeer zum Persischen Golf reichte, entspricht allerdings einem schon von Lugalzagisi in Anspruch genommenen Ideal und kann kaum als Ausdruck der politischen Wirklichkeit verstanden werden. Züge in das Gebiet des mittleren Euphrat (Mari) oder nach Syrien (Ebla) mag er unternommen haben, vielleicht aber eher als Beutezüge (Mesopotamien ist eine rohstoffarme Gegend), eine dauerhafte Herrschaft wird er dort allerdings nicht errichtet haben. Weiterhin bezeugen die Inschriften, dass Sargon die Zentrale Akkad dadurch zu stärken suchte, dass er Schiffe, die Güter aus fernen Ländern, sogar aus Indien (Meluhha), herbeibrachten, in Akkad entladen ließ,Vgl. dazu Gelb, Kienast: Königsinschriften, S. 166 womit die Hauptstadt die Funktion der sumerischen Häfen des Südens übernehmen sollte. Inwiefern Akkad dadurch tatsächlich den sumerischen Häfen insgesamt den Rang ablief, wäre freilich noch zu fragen.
Familie und Dynastiegründung Sargons Gemahlin war Tašlultum, über die, außer ihrem Namen, wenig bekannt ist.Sie wird in einer original erhaltenen Inschrift Sargons erwähnt, vgl. Gelb, Kienast: Königsinschriften, S. 65. Der Name bedeutet übersetzt ungefähr „Ich nahm (sie/dich) als Beute“. Laut einer Legende war Tashlultum die ehemalige Gemahlin von Lugalzagesi. Obwohl dies eine stimmige Erklärung des Namens wäre, konnte sie bisher nicht bewiesen werden.
Sargon begründete die altakkadische Dynastie, aus der vier Nachfolger in drei Generationen hervorgingen (Sargons Söhne Rimuš und Maništušu, sein Enkel Naram-Sin, sowie dessen Sohn Šar-kali-šarri).Vgl. dazu auch die Liste der Könige von Akkad sowie den Artikel Akkad.
Sargons Tochter war die Priesterin En-hedu-anna, von der religions- und literaturgeschichtlich bedeutende Texte erhalten sind.
Nachleben in der geschichtlichen Erinnerung: Akkadische Sargonlegende Sargon blieb während der gesamten Geschichte Alt-Mesopotamiens als herausragender Herrscher der Frühzeit in Erinnerung. Er galt als Vorbild späterer Könige, und die göttliche Verehrung, die er noch zu Lebzeiten seiner Dynastie erfuhr, hielt sich bis in persische Zeit.