mini|Briefkopf 1934 „Der Westfale“, Aktiengesellschaft für Verlag und Druckerei zu Münster i. W. (auch „Der Westfale“, Verlag und Druckerei Kettler und Co.) war eine Druckerei und ein Zeitschriften-, Buch- und Formularverlag mit Sitz in Münster. Er gab bis 1916 die der Zentrumspartei nahestehende Tageszeitung Der Westfale heraus.

Das 1894 gegründete Unternehmen aus katholisch-konservativem Milieu setzte sich während der NS-Diktatur gegen die Nationalsozialisten zur Wehr und erlitt dabei erhebliche Verluste. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges trat die Geschäftsführung in die KPD ein. Das Unternehmen schloss sich dem Kulturbund an, konnte aber nicht mehr Fuß fassen, und wurde 1948 aufgelöst.

Von der Gründung bis 1933 Der Westfale wurde 1894 von den führenden Organisatoren des Westfälischen Bauernvereins gegründet, um die Interessen der westfälischen Landwirtschaft zu vertreten.Personenbezogene Unterlagen der Reichskulturkammer (RKK) Karl Kettler und Dr. Gertrud Kettler-Robben (im Bundesarchiv), Blatt 22: Bericht des Direktors Karl Kettler über die Entziehung des Auftragsbestandes durch den Reichsnährstand. Signatur: R 9361-V/145139. Digitalisat Die Landwirte – vor allem Gutsherren aus dem westfälischen Adel, die durch Aktienkauf Unternehmensanteile erwarben – gründeten die Druckerei, um den besonderen Bedürfnissen des sich damals stark entwickelnden landwirtschaftlichen Organisations- und Genossenschaftswesens in Bezug auf Formulare, Zeitschriften, Geschäftsdrucksachen und andere Druckerzeugnisse Rechnung tragen zu können. Diese Spezialisierung und das Eingehen auf Organisationswünsche führten zur Anschaffung von Maschinen für den Zeitschriftendruck mit sonst nicht üblichen Formaten.Gesuch um Zulassung der Zeitung „Landwirtschaftlicher Anzeiger“, Blatt 386 und 387 (Landwirtschaftsrat Franz Bernhard Wiemers: Erklärung in Sachen der Druckerei Der Westfale in Münster/Westf., 27. Juni 1948). Landesarchiv NRW, Signaturen: NW_0011_00018_0386 / NW_0011_00018_0387. Bei der Gründung betrug das Grundkapital der Aktiengesellschaft 108 000 Mark, eingeteilt in 540 Stück auf Namen lautende Aktien zu je 200 Mark.Münsterischer Anzeiger, Ausgabe vom 14. Februar 1894.Wochenschrift für Aktienrecht und Bankwesen, Steuer- und Stempelfragen. Band 3, 1894.Ute Olliges-Wieczorek: Politisches Leben in Münster – Parteien und Vereine im Kaiserreich (1871-1914) (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen. 22A). Ardey-Verlag 1995, Seite 102. ISBN 3-87023-065-7

Nachdem der Geschäftsbetrieb am 1. Januar 1894 eröffnet worden war, erschien am 21. März des Jahres die erste Ausgabe der konservativ-agrarischen Tageszeitung Der Westfale, die von Burghard von Schorlemer-Alst mitbegründet wurde und der katholischen Zentrumspartei nahe stand. In einer Bekanntmachung wurde die neue Zeitung als „Organ der von Schorlemer geführten westfälischen Landwirte“ angekündigt.Märkischer Sprecher, Ausgabe vom 17. Februar 1894. Der Westfale diente vor allem als Organ der ländlichen Genossenschaftsbewegung in Westfalen. Sein Erscheinen wurde während des Ersten Weltkrieges zum 30. September 1916 eingestellt.Vereinigte Westfälische Adelsarchive e. V. Bri. R / Romberg’sche Bergwerks- und Güterverwaltung (Bri.R_219_315).Ausgabe der Zeitung Der Westfale vom 7. März 1896 auf dem Zeitungsportal NRW. Digitalisat

Bis zu seinem Tod im Jahr 1933 war der Vorsitzende des Westfälischen Bauernvereins und Politiker der Zentrumspartei, Engelbert von Kerckerinck zur Borg, im Firmenvorstand.Erste Zentralhandelsregisterbeilage zum Reichs- und Staatsanzeiger Nr. 97, vom 26. April 1933. Rudolf von Twickel saß im Aufsichtsrat. Ein Mitbegründer der Firma war Gisbert von Romberg II. Unter den etwa einhundert Aktionären / später Gesellschaftern befand sich auch Ottmar Bühler.Beglaubigte Abschrift aus dem Handelsregister: HR A 2692 (Registerakte Amtsgericht Münster Nr. 581 im Stadtarchiv Münster).

Hauptaufgabe des Verlags seit Bestehen 1894 blieben die Herausgabe und der Druck von Broschüren und Zeitschriften für die Landwirtschaft. Ein Teil der Zeitschriften erschien im Kommissionsverlag. Bis zum Verlust der Zeitschriften 1933 druckte Der Westfale den Westfälischen Bauer (Organ des Westfälischen Bauernvereins) und die Landwirtschaftliche Zeitung für Westfalen und Lippe (Organ der Landwirtschaftskammer), eine der ältesten deutschsprachigen Fachzeitschriften.Gisbert Strotdrees: Zur Wohlfahrt der Leser wesentlich beigetragen. Das Landwirtschaftliche Wochenblatt Westfalen-Lippe und seine Geschichte. In: Bauern im südwestfälischen Bergland. Band 1. Ardey-Verlag, Münster 2006.Alexander Heinich: „Der Westfale“ – eine Druckerei und ein Verlag in Münster mit einer gleichnamigen Zeitung (von 1894 bis 1916). In: Torhaus Aktuell – Zeitschrift des Stadtheimatbundes Münster e.V. und seiner 37 Mitgliedsvereine. Nr. 1/2025, September 2025, Münster, Seite 58–60.

Gedruckt und verlegt wurden außerdem Bücher, Formulare, Dissertationsschriften und Kalender. Zu den Kunden gehörten neben dem Westfälischen Bauernverein der Verband ländlicher Genossenschaften, die Landwirtschaftskammer Westfalen, der Oberpräsident der Provinz Westfalen, der Oberfinanzpräsident Westfalen und das Bischöfliche Generalvikariat Münster.Personenbezogene Unterlagen der Reichskulturkammer (RKK) Karl Kettler und Dr. Gertrud Kettler-Robben (im Bundesarchiv), Blatt 116. Signatur: R 9361-V/145139. Digitalisat

Letzter Eigentümer war Karl Kettler,Karl Louis Wilhelm Kettler der nach der Buchdruckerlehre als Mitarbeiter beim Westfalen angefangen hatte, zum Abteilungsleiter aufstieg, 1916 Direktor und 1932 durch Aktienankauf Hauptinhaber der Firma und persönlich haftender Gesellschafter wurde. Als Direktor hatte er von Anton Guido Sämmer, der seit 1895 der Direktor gewesen war, die Leitung des Unternehmens übernommen.Nachruf: Herr Direktor A. Sämmer. Westfälischer Merkur, Ausgabe vom 24. Oktober 1917. Kettler kam am 20. November 1882 als der uneheliche Sohn von Minna Kettler und einem unbekannten Vater in Braunschweig zur Welt. Er gehörte der Evangelischen Bekenntniskirche an. Bis 1933 wählte er die Deutsche Volkspartei (DVP).

Zeit des Nationalsozialismus Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten wurden bereits 1933 die christlich orientierten Bauernvereine verboten und im selben Jahr war mit der Gründung des Reichsnährstandes die Gleichschaltung abgeschlossen. Am 31. Juli 1933 erging von der Gauleitung der NSDAP Münster ein Bericht an das Propagandaministerium in Berlin und von dort an alle Instanzen der Partei und Behörden, dass Der Westfale ein Unternehmen der Zentrumspartei sei. Er wurde als staatsfeindlich gemeldet und unter Beobachtung der Gestapo gestellt. Damit war das Unternehmen vogelfrei. Der Reichsnährstand entzog ihm seinen vierzigjährigen Auftragsbestand an Zeitschriften und anderen Vertragsarbeiten mit einem Jahresumsatz von etwa 250.000 Reichsmark und übertrug ihn einer NSDAP-Parteidruckerei in Bielefeld.

Daraufhin verklagte Karl Kettler den Reichsnährstand (persönlich Walther Darré), konnte aber bei den Gerichten mit seinem Recht nicht durchdringen, denn Max Amann und Gauleiter Alfred Meyer waren im Vorstand und Aufsichtsrat jener NSDAP-Parteidruckerei. Für eine Klage gegen das Propagandaministerium fand sich kein Rechtsbeistand, auch der Rechtsvertreter des Deutschen Buchdruckervereins lehnte es ab, den Fall zu übernehmen. Dann stellte Kettler eine genaue Schilderung der Vorgänge zusammen und verteilte sie in 3000 gedruckten Exemplaren unter dem Titel „Unser Kampf“ an alle Mitglieder und Kunden der Firma sowie an die führenden Stellen der NSDAP in Münster und Berlin. Kettler hatte diesen Titel in bewusster Anlehnung an Hitlers Buchtitel „Mein Kampf“ gewählt, was die NSDAP ihm als „Blasphemie und Größenwahnsinn“ vermerkte. Der Protest wurde von der Gestapo unterdrückt.

mini|hochkant|Beschwerdebrief Karl Kettlers an Hitler und andere NS-Regierungsstellen Erfolglos versuchte Kettler trotzdem weiter, sein Recht durchzusetzen. Er war unter anderem im Propagandaministerium in Berlin und er schickte im März 1935 einen Beschwerdebrief an Hitler, Goebbels, Heß, Göring, Schacht und Ley sowie an die Abteilung zur Wahrung der Berufsmoral der NSDAP und an die Reichsleitung der NSBO.

In der Zeit des Nationalsozialismus zahlte Der Westfale trotz aller Mahnungen nie Beiträge zur Adolf-Hitler-Spende. Er wurde vom Propagandaministerium dauernd getadelt und bedroht, weil er sich weigerte, NS-Artikel zu drucken, und weil er Mitarbeiter bevorzugte, die selbst politische Schwierigkeiten mit der NSDAP hatten.NW 11 Nr. 5 Innenministerium – Erteilung von Presselizenzen – „Gesundheit, Kraft und Schönheit“ (Seite 376–467).

1934 wurde Karl Kettler Mitglied der Bekennenden Kirche (BK). Er legte 1934 im Bezirk Münster sein Amt als Bezirksvorsitzender des Arbeitgeberverbandes Deutscher Buchdruckerverein (DBV) nieder und verteilte das Vereinsvermögen, weil er sich auf die geforderten Kompromisse mit dem Nationalsozialismus nicht einlassen wollte. Aus demselben Grund legte er 1934 auch seine Ämter als Bezirksvorsitzender des Tarif-Schiedsgerichts für Buchdruckereien und des Fachausschusses für das Lehrlingswesen nieder. Kettler war der Vorsitzende des Kynologischen Vereins Münster. 1935 löste er ihn auf und verteilte das Vereinsvermögen, als die NSDAP versuchte einzudringen und den Kassenbestand zu übernehmen. Er war außerdem Mitbegründer und Vorstandsmitglied des Tierschutzvereins Münster und trat auch dort 1935 aus, als er das Vordringen der Nationalsozialisten nicht verhindern konnte. Alle diese Ämter hatte er vor 1933 jahrelang inne.Entnazifizierungsakten von Karl Kettler und Gertrud Kettler-Robben (Landesarchiv Nordrhein-Westfalen), Signaturen: NW 1038 / SBE Hauptausschuss Regierungsbezirk Münster NW 1038, Nr. 1468 und NW 1039-K / SBE Hauptausschuss Regierungsbezirk Münster NW 1039-K, Nr. 431. abrufbar auf Archivsuche NRW.Firmenarchiv Regensberg-Verlag, Dubletten einzelner Schreiben, Blatt 46. Signatur: FA-Reg / Firmenarchiv Regensberg-Verlag, Nr. 266. abrufbar auf Archivsuche NRW.Personenbezogene Unterlagen der Reichskulturkammer (RKK) Karl Kettler und Dr. Gertrud Kettler-Robben (im Bundesarchiv), Blatt 94: Antwort zur Frage 96 bis 98. Signatur: R 9361-V/145139. Digitalisat

1935 erschien beim Westfalen Ferdinand Hestermanns Buch Der heilige Lebuin, erster Apostel des alten Hamalandes und Nordwestfalens – eine Abhandlung über den Heiligen Lebuin von Deventer, der im achten Jahrhundert im Frankenreich bei den christenfeindlichen Altsachsen als Missionar wirkte. Hestermann war ein katholischer Geistlicher und Universitätsprofessor, der im NS-Staat keine bezahlte Stelle bekam und Schwierigkeiten hatte, veröffentlicht zu werden.Ferdinand Hestermann: Das heilige Westfalen: Der heilige Lebuin, erster Apostel des alten Hamalandes und Nordwestfalens. "Der Westfale", Verlag und Druckerei, Münster 1935.

1937 wurde die Aktiengesellschaft „Der Westfale“, Aktiengesellschaft für Verlag und Druckerei in Münster in die Kommanditgesellschaft „Der Westfale“, Verlag und Druckerei, Kettler und Co. umgewandelt. Sämtliche Aktionäre wurden Kommanditisten.Münsterischer Anzeiger, 28. Mai 1939.

Der Westfale half aus, nachdem die Druckerei der Regensbergschen Verlagsbuchhandlung im Jahr 1937 durch die Gestapo enteignet worden war.Hans Galen (Hrsg.) / Autorenteam: 500 Jahre Buchdruck in Münster: eine Ausstellung des Stadtmuseums Münster in Zusammenarbeit mit der Universitätsbibliothek Münster, 5. Juli 1991 - 10. November 1991. Regensberg, Münster 1991, S. 288. Er übernahm unter anderem den Druck von Veröffentlichungen des NS-kritischen Bischofs von Münster, Clemens August Graf von Galen.