Den archäologischen Kulturbegriff Latènekultur, auch La-Tène-Kultur, verwendet die ur- und frühgeschichtliche Archäologie Mitteleuropas für die archäologischen Hinterlassenschaften der Kelten aus der Latènezeit.Rosemarie Müller: Latènekultur und Latènezeit. In: Heinrich Beck, Dieter Geuenich, Heiko Steuer (Hrsg.): Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, begründet von Johannes Hoops, Band 18. 2. Aufl. Berlin / New York 2001, S. 118–124
Namengebender Fundplatz war La Tène am Neuenburgersee in der Schweiz. hochkant=1.4|Verbreitung der Hallstatt-Kultur (gelb) und der La-Tène-Kultur (grün)|mini Datierung und Verbreitung Die Latènekultur entwickelte sich unter mediterranem Einfluss zu Beginn des 5. Jahrhunderts v. Chr. aus der nordwestalpinen Hallstattkultur zu einer eigenständigen Kunst- und Kulturform. Diese war zwischen 450 v. Chr. und 40 v. Chr. in Frankreich, der nordalpinen Schweiz, Süddeutschland bis zu den Mittelgebirgen, Österreich, der Tschechischen Republik und Teilen Ungarns verbreitet. Die Genese der Latènezivilisation vollzog sich im sogenannten „Westhallstattkreis“.
Träger der Latènekultur sind die seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. in griechischen, später auch in römischen Quellen genannten Kelten. Zu den Besonderheiten der Kultur gehört Schmuck aus Glas, wie Glasarmringe, Fingerringe und Ringperlen.
Typische Gegenstände der Latènekultur, besonders aus Metall, und Nachahmungen wurden vielfach auch in Norddeutschland, Polen, Skandinavien, Großbritannien und bis auf den Balkan gefunden. Sie sind für die Chronologie der Eisenzeit in diesen Regionen wichtig. Deshalb wird dort ebenfalls von der Latènezeit gesprochen, obwohl die Latènekultur nicht bis in diese Regionen reichte.
Quellenlage Das heutige Wissen um die Latènekultur stammt aus zwei Quellengruppen:
Archäologische Befunde und Funde, also unmittelbare Zeugnisse. An ihnen wurde die Latènekultur definiert; sie sind tatsächliche Überreste der Latènezeit. Schriftliche Quellen. Seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. gibt es Berichte von Griechen und Römern, die den Raum der Latènekultur betreffen. Darin ist von Kelten bzw. Galliern die Rede, die man heute als die Träger der Latènekultur identifiziert. Die Berichte stammen von Außenstehenden, die bisweilen nur vage Kenntnisse der Verhältnisse hatten, sie teils aber auch – wie Caesar, der die wichtigste Quelle verfasste – aus eigener Anschauung kannten. Die Darstellungen spiegeln oft eher die Wissens- und Interessenlage der Schreiber wider, als dass sie eine fundierte und objektive Berichterstattung bieten.
Ethnographische Beobachtungen und historische Berichte zu Irland, Schottland, Wales und der Bretagne sind mehrere Jahrhunderte jünger und für die Charakterisierung der Latènekultur irrelevant, da sich Iren, Schotten, Waliser und Bretonen erst im 19. Jahrhundert als autochthone Kelten beschrieben, im Gegensatz zu den als spätere Eroberer aufgefassten Engländern und Franzosen. Damit wurde eine zunächst rein linguistische Klassifikation als Volksbezeichnung übernommen. In den antiken Quellen werden die Bewohner der britischen Inseln dagegen stets als Britannier, Kaledonier oder im Norden als Pikten bezeichnet, nie als Kelten.
Latènekultur, Kelten und antike Überlieferung mini|Späteisenzeitlicher Helm aus London Die Späthallstattkultur und die Latènekultur gelten vor allem aufgrund antiker Textquellen als „keltisch“. Der Grieche Herodot schrieb im 5. Jahrhundert vor Christus über „Kelten“ an den Quellen der Donau. Ob es sich hierbei um die eisenzeitliche Heuneburg handelt, ist nicht abschließend geklärt. Zugleich erwähnte er auch Kelten jenseits der Meerenge von Gibraltar. Ob sich die Träger der Späthallstattkultur bzw. der Latènekultur selbst als ein Volk verstanden, ist sehr fraglich. Auch die Bezeichnung „Kelten“, griech. keltoi, stammt höchstwahrscheinlich nicht von den Kelten selbst. Ob die damaligen Sprachgrenzen mit den Kulturgrenzen deckungsgleich waren, können wir mangels datierbarer Sprachzeugnisse der Späthallstatt- und Frühlatènezeit nicht wissen.
Von römischen Autoren wurden die Kelten als „Galli“, Gallier, bezeichnet. Dieser Name wird heute in Frankreich für die dortigen Träger der Latènekultur verwandt. Die Römer trafen in Gallien seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. auf Kelten. Die anschließenden Kämpfe im Gallischen Krieg zogen sich bis zur Schlacht bei Alesia im Jahr 52 v. Chr. hin. Sie wurden von Gaius Iulius Caesar in seinem Werk De bello Gallico ausführlich beschrieben, das die wichtigste schriftliche Quelle zur (Spät)latènekultur darstellt.
Im Südosten Britanniens ist gegen Ende der Eisenzeit der Einfluss der Latènekultur vom Festland her nachweisbar (Aylesford-Swarlington). Nach schriftlichen Quellen waren hier Belger aus Nordfrankreich eingewandert. Der Rest der britannischen Inseln ist archäologisch nicht zur Latènekultur zu zählen.
Besser lassen sich Kelten dagegen weiter südlich nachweisen. Die Bevölkerung der Alpen war mit Ausnahme einiger Täler im Wallis und in den Ostalpen (östlich und südlich der Adula-Gruppe d. h. des Gotthardmassivs) weitgehend keltisch. Den größten Teil davon machten die Helvetier aus, deren Teilstamm der Tiguriner im Zuge des Einfalls der Kimbern und Teutonen einer römischen Armee um 107 v. Chr. bei Agen eine schmähliche Niederlage beigebracht hatte. Infolge der von Norden eindringenden Germanen versuchten die Helvetier unter Führung von Divico, im Jahr 58 v. Chr. nach Caesar (De bello Gallico) durch das Rhônetal nach Süden auszuwandern, wurden in der Schlacht bei Bibracte jedoch von ihm besiegt und als Puffer zu den von Norden nachrückenden Germanen in die verlassene Heimat zurückgeschickt. Dabei wurde nur ein Teil der nach Caesar zwölf großen vor dem Auszug eingeäscherten Oppida wieder aufgebaut. Die Helvetier wurden dann relativ rasch romanisiert, doch ist deren Präsenz zumindest noch im 1. Jahrhundert in verschiedenen Eigen- und Ortsnamen sowie Heiligtümern gesichert.
Gliederung und Entwicklung
Eine erste Chronologie der Latènezeit erarbeitete Otto Tischler im Jahr 1885 anhand typologischer Reihen von Fibeln und Schwertern. Seitdem wird die Latènezeit in drei oder vier Hauptabschnitte unterteilt:
Zeitabschnitt Dechelette Reinecke Datierung Frühlatène A La Tène I La Tène A ca. 450–380 v. Chr. Frühlatène B La Tène I La Tène B ca. 380–250 v. Chr. Mittellatène La Tène II La Tène C 250–150 v. Chr. Spätlatène La Tène III La Tène D 150 v. Chr. bis um Christi Geburt links|mini|Frühlatènezeit: Lebensgroße Sandsteinstatue eines keltischen Fürstengrabhügels am Glauberg in Hessen (ca. 500 v. Chr.), Museum Keltenwelt am Glauberg.
Frühlatène Innerhalb der späten Hallstattkultur sind nördlich der Alpen immer häufiger griechische und etruskische Importe festzustellen. Während der Späthallstattzeit sind diese auf die sehr reich ausgestatteten sogenannten Fürstengräber beschränkt. In der Frühlatènezeit werden die mediterranen Vorbilder zusätzlich nachgeahmt und daraus ein eigenständiger Kunststil entwickelt. Importe aus dem Mittelmeerraum und Gegenstände des neuen künstlerischen Stils finden sich nun zunehmend auch in weniger reich ausgestatteten Gräbern. Als Leitobjekt der Stufe La Tène A gilt besonders die Marzabotto-Fibel.
Kernbereiche dieser Kulturentwicklung sind besonders die Regionen am Nordwestrand der Hallstattkultur, wobei die Hunsrück-Eifel- und Marne-Mosel-Region sowie im Osten der Fundort Dürrnberg (Österreich) durch herausragende Bestattungen auffallen. In diesen drei Regionen ist die Frühlatènekultur anhand von reich ausgestatteten Gräbern und anderen Fundstellen des 5. und 4. Jahrhunderts v. Chr. besonders deutlich fassbar. In der zweiten Hälfte der Frühlatènezeit setzen große Wanderungsbewegungen ein. Diese Keltenzüge sind von römischen und griechischen Autoren mehrfach erwähnt und beschrieben worden, am ausführlichsten von Polybios. So zogen Kelten nach Norditalien, siedelten sich in der Po-Ebene an und plünderten 387 v. Chr. Rom.
Mittellatène
Während des 3. Jahrhunderts v. Chr. erreichen die keltischen Wanderungen das Donaubecken, Makedonien, Griechenland und Kleinasien (Galatien). Für 281 v. Chr. sind militärische Erfolge der Kelten in Makedonien belegt. Gegen Ende der Frühlatènezeit werden die Bestattungen unter Hügeln durch Flachgräber abgelöst. Reich ausgestattete Gräber fehlen in der Mittellatènezeit weitgehend. Während der mittleren Latènezeit kommt es zu ersten Ansätzen einer Geldwirtschaft. Die Mehrheit der keltischen Münzen sind Nachahmungen griechischer und römischer Prägungen. Zugleich entstehen erste stadtähnliche, befestigte Siedlungen (Oppida). Als Leitobjekt der Stufe La Tène C gelten besonders die Fibeln vom Mittellatèneschema. Fibeln vom Mittellatèneschema zeichnen sich durch eine Manschette aus, die das Schlussstück des Fibelfußes an ihrem Bügel fixiert.
Spätlatène In der Spätlatènezeit wird weiterhin in Flachgräbern bestattet. Gegen Ende dieser Epoche begegnen wir nun wiederum sehr reich ausgestatteten Gräbern mit umfangreichen römischen Beigaben. Kennzeichnend für den letzten Abschnitt der Latènezeit sind die Oppida. Aufgrund ihrer mit großem Aufwand errichteten Befestigungen, ihrer Größe und der teilweisen Erkennbarkeit von Handwerkervierteln werden diese Siedlungen als zumindest protourban eingestuft.
In weiten Teilen des nordalpinen Verbreitungsgebietes der Latènekultur gab es während der Spätlatènezeit sogenannte Viereckschanzen, rechtwinklige, mit Gräben und Palisaden umhegte Anlagen. Diese galten lange Zeit als Heiligtümer. Seit den 1990er Jahren werden auch wieder andere Funktionen wie die als landwirtschaftliche Gehöfte diskutiert.
Spätestens in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts v. Chr. scheinen die Fundplätze der Spätlatènekultur in Mittel- und Süddeutschland auszulaufen. Dies wird häufig mit den nach Süden vordringenden Germanen erklärt, wobei diese Frage archäologisch noch nicht geklärt ist („Helvetier-Einöde“). In Frankreich, aber auch im pannonischen Raum, insbesondere südlich des zu Budapest gehörenden Gellértberges, der das Oppidum der spätkeltischen Eravisker trug, bestanden die Fundplätze dagegen weiter. Noch im fortgeschrittenen 1. Jahrhundert kam es zu eraviskischen Neuansiedlungen an neugegründeten Kastellplätzen wie in Budapest-Albertfalva und dem etwas südlicher gelegenen Vetus Salina.András Mócsy: Die Bevölkerung von Pannonien bis zu den Markomannenkriegen. Verlag der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, Budapest 1959. S. 65. Dort konnten sich keltische Töpfertraditionen noch bis in das 2. Jahrhundert n. Chr. halten.Éva B. Bónis: Römische Keramikforschung in Ungarn. In: Rei Cretariae Romanae Fautorum Ubique Consistentium acta. 1958. S. 9 Der von den Römern wahrscheinlich Mons TeutanusZsolt Mráv: Castellum contra Tautantum. Zur Identifizierung einer spätrömischen Festung. In: Ádám Szabó, Endre Tóth (Hrsg.): Bölcske. Römische Inschriften und Funde – In memoriam Sándor Soproni (1926–1995) Libelli archaeologici Ser. Nov. No. II. Ungarisches Nationalmuseum, Budapest 2003, , S. 354. genannte Gellértberg blieb bis nach der Mitte des 3. Jh. von diesem Volk bewohnt. Es kann festgehalten werden, dass einige wichtige Zentren und Gebiete der Latènekultur nach der Eroberung stark römisch geprägte Mischkulturen ausbildeten bzw. den Grundstock einer individuellen provinzialrömischen Kultur legten.
Die durch Paul Reinecke vorgenommene Einordnung der Spätlatène basiert ausschließlich auf den Funden der vorgeschichtlichen Siedlungsplätze von Karlstein im heutigen Bad Reichenhall, die durch den dortigen Archäologen Josef Maurer zwischen 1902 und 1907 ausgegraben und untersucht wurden.Johannes Lang: Geschichte von Bad Reichenhall. Ph.C.W. Schmidt, Neustadt/Aisch 2009, ISBN 978-3-87707-759-7, S. 50
Siedlungen mini|Nachbau der Siedlung Altenburg bei Bundenbach (Hunsrück)