Unter dem Namen Swatch Omega Campus errichtete der Architekt und Pritzker-Preisträger Shigeru Ban in Biel/Bienne die Hauptverwaltung der Swatch AG, das Ausstellungs- und Konferenzgebäude Cité du Temps und das Omega-Fertigungsgebäude.
Lage und Umgebung Der Gebäudekomplex für den Uhrenhersteller befindet sich in der Nähe des Güterbahnhofes Biel an der Kreuzung der Jakob-Stämpfli-Strasse mit der Nicolas-G.-Hayek-Strasse. Die Umgebung ist sowohl von Gewerbe- und Produktionsbauten als auch von Wohnbebauung geprägt. Die Schüss verläuft hinter dem Grundstück. Die Gebäude sind in kurzem Takt über die Buslinien 2, 3, 4 und 72 an den Bahnhof Biel und den Zentralplatz angebunden. Ein kleiner Besucherparkplatz liegt neben dem Drive-in-Store.
mini|links|Swatch Omega Campus mit Wohnanlage Jardin du Paradis und Park Schüssinsel im Stadtmodell Um die Neubebauung des Gesamtareals mit dem ungewöhnlichen Verwaltungsbau, der dahinter liegenden Wohnbebauung «Jardin du Paradis» (Entwurf: kpa architectes, Freiburg) und einem neuen Park für die Bewohner (Entwurf: Fontana Landschaftsarchitektur, Basel) realisieren zu können, erfolgte ein Grundstückstausch. Ursprünglich gab es auf dem sogenannten Gygax-Areal drei etwa gleich grosse Grundstücke im Besitz der Uhrenfabrikation (ca. 3 ha), im Besitz einer Grossgärtnerei (ca. 3 ha) sowie Fussball- und Tennisfelder im städtischen Eigentum (ca. 3 ha). Die Grundstücke verfügten über sehr unterschiedliche bauliche Entwicklungsmöglichkeiten. Bereits 1999 setzte die Änderung des kommunalen Zonenplans die baurechtlichen Rahmenbedingungen für spätere Arrondierungen. 2008 folgte ein städtebaulicher Ideenwettbewerb, bei dem das Bieler Büro :mlzd Architekten siegte. Sie schlugen erstmals Parknutzungen auf Inseln im Flusslauf vor.nextroom.at, Paul Knüsel: Die Bieler Baulandrochade, TEC21, 2018|17, 27. April 2018, abgerufen am 3. Juli 2022.
Nach umfangreichen Verhandlungen und zweiphasigem Grundstückstausch ergab sich für alle drei Projektpartner ein Gewinn. Swatch konnte 2 ha Land für das geplante Grossprojekt dazugewinnen. Die Wohnbebauung wurde zwar auf kleinerer Fläche realisiert, man durfte aber höher, dichter und damit effizienter bauen. Für die von der Stadt Biel abgegebenen Flächen wurde ein Erlös von rund 17 Mio. Franken erzielt, mit dem neue Sportanlagen am westlichen Stadtrand finanziert wurden. Weiter gestattete der Uhrenkonzern einen öffentlichen Fussweg auf der eigenen Parzelle entlang der Schüss. Der Wohninvestor musste der Stadt Biel eine Mehrwertabgabe von 1 Mio. Franken leisten. Die Stadt renaturierte auf ihrem Grundstück den Flusslauf und legte einen erhöht liegenden, öffentlichen Park auf einer Insel im Fluss an. Das Budget für den Park lag bei 14 Mio. Franken, von denen die Stadt Biel aber nur knapp die Hälfte aus Eigenmitteln übernahm. Die Flussrevitalisierung mit dem Hochwasserschutz finanzierten Bund, Kanton und der Ökofonds des regionalen Energieversorgers mit rund 80 % der Kosten. Als Bestandteil des Agglomerationsprogramms wurden die Fuß- und Radwege von Bund und Kanton mitbezahlt.
Die Stadt Biel erhielt 2017 den Preis Flâneur d’Or des Verbands Fussverkehr Schweiz für die Umsetzung der «Schüssinsel».flaneurdor.ch, Biel (BE): Schüssinsel – Eine Oase im Herzen der Stadt, abgerufen am 15. Juli 2022. Die Architekturzeitschrift Hochparterre zeichnete das Projekt ebenfalls 2017 mit dem «Goldenen Hasen» in der Kategorie Landschaft aus.densipedia.ch, Annemarie Straumann: Gygax-Areal: Landumlegung mit drei Gewinnern, abgerufen am 5. Juli 2022.
Architektur und Städtebaukonzept mini|links|Swatch Omega Campus im Stadtmodell im Neuen Museum Biel
Den Architekturwettbewerb mit 5 geladenen Büroswettbewerbe-aktuell.de, wa-2017453, Swatch und Omega Headquarters, Biel/Bienne / Schweiz, abgerufen am 26. Juni 2022. gewannen Shigeru Ban Architects. Der Entwurf sieht ästhetisch eigenständige Gebäude für die beiden Marken Omega und Swatch vor. Das neue Omega-Produktions- und Logistikgebäude (Eröffnung 2017) wirkt entsprechend der Markenphilosophie elegant und fügt sich in die bestehenden Gebäudestrukturen ein. Der äusserlich in gleicher Designsprache gestaltete Quader des Uhren-Museums «Cité du Temps» formt zusammen mit den denkmalgeschützten Industriebauten einen Platz. Die organisch verspielte Form der Swatch-Hauptverwaltung windet sich an der Schüss entlang, überdeckt brückenartig die Nicolas-G.-Hayek-Strasse und dockt schliesslich auf dem Dach des Museumsbaus an. Am Schnittpunkt der Konstruktionen im 4. Stock liegt die Konferenzhalle der Swatch Group, deren Ellipsenform sich prominent nach aussen vor die Fassade stülpt.
Die Architekten wollten mit ihrem Bau ein Wahrzeichen schaffen, bei dem Prinzipien der Nachhaltigkeit angewendet werden. Die tragende, organische Holzstruktur des Swatch-Baus prägt die Gestaltung.
Produktions- und Logistikgebäude mini|links|Omega, Ansicht der Stirnseite mit Treppenhäusern
Die Architektur des Gebäudes soll die Marke Omega repräsentieren. Präzise, akkurat und modern steht ein Holz-Tragwerk hinter einer edlen Glasfassade. Das vor der Fassade liegende Treppenhaus und die Abluftkanäle der Lüftungsanlage wurden mit Edelstahlverkleidungen versehen und wirken wie Federn eines Uhrwerks. Nicht zu sehen ist der innere Gebäudekern aus Stahlbeton, an den die Holzkonstruktion der Geschossebenen angebaut wurde.Shigeru Ban Architects, Philip Jodidio: Swatch and Omega Campus. Prestel Verlag, 2021.
Im Inneren des Stahlbetonkerns ist neben den Treppen, Aufzügen und Sanitärräumen das vollautomatische, staubfreie Hochregallager untergebracht. Im Lager wird der Sauerstoffgehalt der Luft zur Brandvorbeugung permanent von 21 % auf 15,2 % reduziert. Vom Besucherbereich kann man über Fenster die Bewegungen der Logistik-Roboter (bis zu 4 m/s) bei der Bestückung und Entnahme der 30.000 Boxen sehen. Luftdichte Schleusen bilden den Übergang vom Lager zur Fabrikation. Auch die Fabrikation verfügt über ein ausgeklügeltes, Staub reduzierendes Belüftungssystem. Die Luftgeschwindigkeiten wurden sowohl berechnet als auch im Labor überprüft, damit die Menschen bei der anstrengenden Arbeit mit den Kleinstbauteilen weniger Verspannungen im Schulter- und Nackenbereich bekommen. Die hohe Glasfassade bringt Tageslicht in die Räume. Die Werkstätten werden mit sichtbaren Holzträgern und verkleideten Holzdecken stützenfrei überdeckt. Zukünftige Produktionsmethoden und -geräte sollen in den ungeteilten Räumen auch zukünftig flexibel und bedarfsgerecht untergebracht werden können.
Das Gebäude ist 72 m lang, 34 m breit und 34 m hoch. Die technischen Anlagen des Gebäudes sind auf Energieeffizienz ausgerichtet. Auf dem Dach befindet sich eine Solaranlage. Die Abwärme der Produktionsprozesse wird für die Warmwasserbereitung eingesetzt. Der gesamte Campus nutzt das regenerative Energiepotential des Grundwassers: Wärmepumpen ziehen die relative Wärme aus Brunnen im Untergrund. Sie werden dazu zwar mit Strom betrieben, erzielen aber in der Gesamtbilanz einen Energiegewinn. Wenn gekühlt wird, genügt die relative Kälte des Grundwassers, um die Temperatur im Kühlkreislauf zu senken. Im Sommerbetrieb benötigt man keine Wärmepumpen. In den Arbeitsräumen wird das Prinzip der thermischen Bauteilaktivierung genutzt. Zur Strahlungskühlung und Strahlungsheizung setzt man aktivierte Deckenplatten bzw. in die Betondecken eingelegte Wasserleitungen ein.transsolar.com, Cité du Temps - Swatch Omega Museum, Biel, Schweiz, Transsolar Energietechnik GmbH 2022, abgerufen am 3. Juli 2022.
Cité du Temps mini|links|Ausstellungs- und Konferenzgebäude Cité du Temps
Das Ausstellungs- und Konferenzgebäude Cité du Temps (übersetzt: Stadt der Zeit) ist das einzige öffentlich zugängliche Gebäude auf dem Campus. Es verbindet die nach unterschiedlichen Gestaltungsprinzipien entworfenen Gebäude als «Hybrid», ist also aus Verschiedenartigem zusammengesetzt. Die verspielten Formen des Auditoriums und des Erdgeschosses repräsentieren die Marke Swatch, während der stringente Kubus mit einer Grundfläche von 80 × 17 m die Marke Omega repräsentiert. Der flächig verglaste Bau in Quaderform besitzt ein Walmdach mit Photovoltaik-Elementen. Er wird von Arkaden mit Pfeilern aus Ortbeton getragen. Diese haben eine Spannweite von je 15 Metern und sind 5 Meter breit.
Das Erdgeschoss ist durchlässig für Fussgänger. Der verglaste Empfangsbereich entwickelt sich frei mit dem Zugang unter einem doppelten Arkadenbogen. Die Omega-Ausstellung wurde in der 1. Etage untergebracht. Sie zeigt einen Überblick der Uhrenentwicklung der Marke Omega von den ersten Modellen über die Einsätze bei den Olympischen Spielen, der Raumfahrt bis zum Productplacement in der Filmindustrie. In der 2. Etage liegt der sogenannte PLANET SWATCH mit einer Vielzahl von trendigen Uhrenmodellen seit den 1980er Jahren. Darüber liegt das Konferenzzentrum mit dem Oval des Nicolas-G.-Hayek-Auditoriums. Die Haustechnik des Gebäudes ist im Dach untergebracht. Die Infrastruktur der Geschosse mit Treppenhäusern, Aufzügen und Sanitärräumen wurde im Süden des Gebäudes am Übergang zum bestehenden Gebäude angeordnet. So erreichte Shigeru Ban eine Transparenz und einen freien Einblick durch die Glasfassade in die Geschosse. Auch nachts wirkt das Gebäude transparent und die Holzstützen werden sichtbar. Die Glasfassade ist mit nach Sonneneinstrahlung gesteuerten Sonnenschutzelementen und farbigem Sonnenschutzglas gegliedert. Es zeigt sich eine moderne Architekturauffassung.
Shigeru Ban hat für das Tragwerk (Stützen, Unterzüge, Decken) den traditionellen, nachhaltigen Baustoff Holz genutzt. Er verwendete Vollholz, Brettschichtholz und Brettsperrholz (CLT) aus Fichtenholz, Buchenhölzern sowie Hartholzarten und setzte diese optimiert unter Nutzung präziser Herstellungstechniken (CNC-Maschinen) ein. Sogar die Aufzugsschächte und der ovale Konferenzraum sind aus Holz gefertigt. Bei dem Tragwerk mussten die Auswirkungen der Kopplung mit dem Dach des Swatch-Gebäudes berücksichtigt werden. Es musste ein Ausgleich zwischen den Anforderungen an die Stabilität und der Deformation durch Längenänderungen in der Konstruktion gefunden werden.
Um einen Feuerwiderstand von 60 Minuten zu erreichen, wurden die Holzbauteile überdimensioniert und Fugendetails optimiert. Die Vorhangwände des Gebäudes wurden bereits angebracht, bevor die Holzkonstruktion fertig war. Dies ermöglichte den Wetterschutz der Hölzer und eine Beschleunigung des Bauprozesses.
Die gewölbten Stützen- und Deckenschalungen der Arkaden wurden mehrfach hintereinander wiederverwendet. Dem Beton wurden gelbe Pigmente beigesetzt und er erhielt eine körnige Struktur, um mit dem Holz zu harmonisieren. Im Innenausbau wurden sowohl für die Treppenstufen als auch für Wandverkleidungen weisser Marmor eingesetzt.
Im Museum verändern sich die Besucherzahlen stark und im schnellen Wechsel. Auch witterungsabhängig wird der Luftfeuchteeintrag in die Innenräume beeinflusst. Damit wechseln die Anforderungen an das Raumklima ständig. Das träge System der Bauteilaktivierung konnte aus diesem Grund nicht angewendet werden. Schneller regelbare Systeme zur Raumtemperierung über abgehängte Kühl-/Heizdecken kamen zum Einsatz. Die Frischluftmenge reduziert sich auf das hygienisch notwendige Mass.
Hauptsitz der Swatch AG