Die Weißschwanzspinne (Lampona cylindrata) ist eine Spinne aus der Familie der Lamponidae. Sie ist im südlichen Australien verbreitet und synanthrop (an menschliche Siedlungsbereiche angepasst), bewohnt jedoch auch andere Habitate (Lebensräume) und kommt teilweise mit der gattungsverwandten Art L. murina sympatrisch (gemeinsam) vor. Die Spinne ist auch unter ihren englischsprachigen Trivialnamen White-tailed spider, White tail spider oder einfach schlicht White tail bekannt, deren Bedeutungen der deutschsprachigen Trivialbezeichnung entsprechen. Bei der Art handelt es sich um einen mittelgroßen Vertreter der Echten Webspinnen (Araneomorphae) mit der für die Gattung der Weißschwanzspinnen (Lampona) typischen Farbgebung einschließlich arteigener Farbelemente.
Mit anderen Arten der Familie der Lamponidae teilt die Weißschwanzspinne ihre Nachtaktivität sowie die nomadische Lebensweise. Am Tag versteckt sich die wie fast alle Spinnen räuberisch lebende Art in temporären Unterschlüpfen, nachts widmet sie sich dem Beutefang. Sie jagt dabei wie alle Arten der Familie ohne ein Spinnennetz, als aktiver Laufjäger. Dabei erbeutet die stenophage (auf bestimmte Nahrung angewiesene) Weißschwanzspinne wie auch die übrigen Arten der Gattung ausschließlich andere Spinnen, darunter vorzugsweise die Schwarze Hausspinne (B. insignis) und die Graue Hauskräuselspinne (B. longinqua) aus der Gattung der Hauskräuselspinnen (Badumna) und dringt dafür auch in deren Fangnetze ein. Ein begattetes Weibchen betreibt Brutpflege und bewacht seinen Eikokon. Die frisch geschlüpften Jungtiere verbleiben anfangs in Gesellschaft bei den Resten des Kokons, ehe sie sich verselbstständigen und über mehrere Fresshäute (Häutungsstadien) heranwachsen. Sie überwintern und erlangen ihre Geschlechtsreife im Folgejahr.
Aufgrund ihrer Synanthropie ist ein Zusammentreffen zwischen Weißschwanzspinne und Mensch wahrscheinlich, Bissunfälle ereignen sich jedoch für gewöhnlich nur dann, wenn die nicht aggressive Art bedrängt wird. Die verbreitete Annahme, dass Bissunfälle der Weißschwanzspinne Nekrosen auslösen oder mit anderen ernstzunehmenden Folgen einhergehen, ließ sich nie belegen. Dieses als nekrotisierender Arachnidismus bekannte Phänomen hat der Spinne einen schlechten Ruf eingebracht. Tatsächlich sind Bisse der Art schmerzhaft, lösen im Regelfall jedoch keine medizinisch relevanten Symptome aus. Ähnliches ist auch von anderen Arten aus der Gattung der Weißschwanzspinnen wie L. murina überliefert.
Merkmale mini|links|Weibchen im Größenvergleich mini|Ventrale Detailansicht eines Jungtieres mit erkennbarem Sternum, Coxae, Cheliceren und Pedipalpen mini|Spinnwarzen eines Jungtiers Das Weibchen der Weißschwanzspinne erreicht laut Norman I. Platnick und Mohammad Umar Shadab (2000) eine maximale Körperlänge von 17, das Männchen eine von 12,3 Millimetern. Dem gegenüber vermaß etwa Raymond Robert Forster (1979) jedoch beim Weibchen der Art eine maximale Körperlänge von 13,4 und beim Männchen eine von 12,4 Millimetern. Mit diesen Maßen handelt es sich um einen mittelgroßen Vertreter der Echten Webspinnen (Araneomorphae). Der grundsätzliche Körperbau gleicht dem anderer Arten der Weißschwanzspinnen (Lampona) und auch die Färbung ist innerhalb der Gattung sehr ähnlich.
Bei der Weißschwanzspinne sind jedoch die Coxae (Hüftglieder), Trochanter (Schenkelringe) und Femora (Schenkel) der Beine dunkelorange, andere Segmente orange gefärbt und besitzen undeutliche dunkle Bänder. Das Opisthosoma (Hinterleib) hat eine dunkelgraue Grundfarbe und ist dorsal (rückenseitig) mit zwei Paaren anteriorer (vorderer) transvers (quer) verlaufender weißer Flecken sowie einem fünften Fleck medial (mittig) am posterioren (hinteren) Endpunkt versehen. Dieser deutlich wahrnehmbare Fleck am oberen Körperende hat zu der deutschsprachigen Bezeichnung Weißschwanzspinne geführt. Ventral (bauchseitig) weist das Opisthosoma einen großen anteromedianen (vorne mittigen) blassen Fleck auf, der zwei paramediane (vorgelegt zentrale) Längsreihen aus kleinen Skleriten (Hartteilen) umgibt.
Sexualdimorphismus mini|Männchen Wie viele Spinnen weist auch die Weißschwanzspinne einen ausgeprägten Sexualdimorphismus (Unterschied der Geschlechter) auf. Hier betrifft er jedoch nur die Dimensionen, die Färbung ist gleich.
+Körpermaße eines einzelnen Männchens und Weibchens nach Forster:MännchenWeibchenMaße des ProsomasLänge des Carapax55,8Breite des Carapax3,43,9Maße des OpisthosomasLänge des Opisthosomas7,47,6Breite des Opisthosomas3,33,6
+ Längen der Beine des von Forster vermessenen Weibchens in Millimetern: Beinpaar Femur Patella (Glied zwischen Femur und Tibia) Tibia (Schiene) Metatarsus (Fersenglied) Tarsus (Fußglied) Gesamtlänge Pedipalpen (umgewandelte Extremitäten im Kopfbereich) 1,3 0,6 0,8 - 1 3,7 1 3,9 2,1 2,8 2,2 1,5 12,6 2 3,7 2,1 2,7 2,2 1,5 12,2 3 3 1,5 2,4 2 1,2 10,1 4 4 2 3,5 3,6 1,4 14,5
+ Längen der Beine des von Forster vermessenen Männchens in Millimetern: Beinpaar Femur Patella Tibia Metatarsus Tarsus Gesamtlänge Pedipalpen 1,2 0,6 0,4 - 1,1 (in diesem Falle die Bulbi) 3,3 1 2,8 1,9 3 2,2 1,2 10,9 2 2,9 1,7 2,5 2,2 1,2 10,5 3 2,4 1,4 2 1,8 1,1 8,7 4 3,3 1,7 3 3,1 1,3 12,4
Genitalmorphologische Merkmale mini|Frontale Detailansicht eines Männchens mit erkennbaren Bulbi Die Femora der Pedipalpen sind beim Männchen der Weißschwanzspinne relativ lang und dünn. An den Tibien befindet sich je eine retrolaterale (hinten seitliche) Apophyse (Fortsatz) von ähnlich langer und schmaler Gestalt. Die Apophysen sind so lang wie die Tibien selbst und an der Spitze ventral eingeschnitten. Das Tegulum (zweites und mittleres Sklerit bzw. Hartteil) eines einzelnen Bulbus (männliches Geschlechtsorgan) ist kugelförmig und erstreckt sich proximal (zur Spitze gelegen) fast bis zur Basis der Tibia. Der Embolus (drittes und letztes Sklerit des Bulbus) erscheint dorsoventral (oben seitlich) abgeflacht und der Konduktor (den Embolus führender und stützender Fortsatz) bipartit (zweiteilig). Dessen medialer Teil ist als kurzer Grat ausgebildet, von dem die Kante des lateralen (seitlichen) Teils die Basis des Embolus ventral betrachtet bedeckt. Der laterale Teil des Konduktors erstreckt sich bis zur Spitze des Embolus.
mini|links|Ventralansicht eines Weibchens mit erkennbarer Epigyne Die Epigyne (weibliches Geschlechtsorgan) der Weißschwanzspinne ist durch eine weiche Cuticula (Außenhaut des Exoskeletts bzw. Außenpanzers) von den Deckeln der Buchlungen separiert. Sie besteht aus einer länglichen, ausgehöhlten ovalen Fossa (Grube), die für gewöhnlich mit einem klebrigen Sekret gefüllt ist. Der anteriore Rand der Epigyne hat ein gewölbtes und erhöhtes Erscheinungsbild. Die Kopulationsöffnungen befinden sich an den posterioren Eckpunkten der lateralen Ränder. Sie sind durch ein Paar oder seltener durch drei leicht bis deutlich erhabene längliche Rippengebilde voneinander getrennt. Die Spermatheken (Samentaschen) haben eine schmale und röhrenförmige Erscheinung. Sie sind meist mit drei vorgewölbten Bereichen ausgestattet, deren Beschaffenheiten sehr variabel und sogar asymmetrisch sein können.
Differenzierung von Lampona murina +Lampona murinaWeibchenMännchen100x100px100x100px Von den Arten aus der Gattung der Weißschwanzspinnen (Lampona), die sich allesamt ähneln, teilt die Weißschwanzspinne die meisten Gemeinsamkeiten mit L. murina, zumal beide Arten teilweise sympatrisch (gemeinsam) vorkommen. Die Weißschwanzspinne lässt sich von der anderen Art nur anhand der genitalmorphologischen Merkmale sicher unterscheiden. Beim Männchen von L. murina sind die Femora der Pedipalpen relativ kurz und retrolaterale Tibialapophyse ebenfalls relativ kurz sowie gerade verlaufend. Beim Weibchen der Art ist die Vertiefung der Epigyne vergleichsweise schmal und die anterioren Lappen der Spermatheken dorsal durch eine deutliche Leiste abgegrenzt.
Verbreitung und Lebensräume mini|links|Nachweiskarte der Weißschwanzspinne nach Norman I. Platnick (2000) mini|Weibchen in einem Gebäude, einem geläufigen Fundort der Weißschwanzspinne Das Verbreitungsgebiet der Weißschwanzspinne erstreckt sich über den Süden Australiens, wobei sie jedoch im Südosten seltener vorkommt. Dort kommt die Art in den australischen Bundesstaaten New South Wales, Victoria, South Australia, Tasmanien, Western Australia und im Südosten von Queensland vor. Darüber hinaus wurde die Spinne allem Anschein nach auf der Südinsel von Neuseeland eingeschleppt. Hier wurde die Art bislang jedoch nur vereinzelt nachgewiesen. Auch hinsichtlich ihres Verbreitungsgebiets unterscheidet sich die Weißschwanzspine von der gattungsverwandten Art L. murina, deren kleineres Verbreitungsgebiet lediglich im Osten Australiens vom Nordosten von Queensland bis Victoria reicht und neben diesen beiden Bundesstaaten noch New South Wales umfasst.
Als Habitat (Lebensraum) der Weißschwanzspinne dienen Heiden, Wiesen und trockene Hartlaubwälder. Daneben kommt die synanthrope (an menschliche Siedlungsbereiche angepasste) Art auch in Gärten und Gebäuden vor. Die Spinne ist in Höhen von bis zu 1.240 Metern über dem Meeresspiegel anzutreffen.
Lebensweise mini|In der Nacht aktives Männchen Die Weißschwanzspinne pflegt wie alle Arten der Lamponidae eine vagabunde Lebensweise und teilt überdies mit den anderen Arten der Familie ihre Nachtaktivität. Für die Inaktivität werden temporäre und röhrenförmige Wohngespinste angelegt, die dann als Rückzugsort dienen. Die überwiegend terrestrische (bodenbewohnende) Art hält sich bevorzugt unter Steinen und am Boden liegendem Gehölz sowie Geröll auf, erklimmt jedoch bei der Nahrungssuche gelegentlich auch Wände, Zäune und Baumstämme. Die Weißschwanzspinne ist dank ihrer Scopulae (Bedeckungen aus Haftsetae) in der Lage, problemlos glatte oder schräge Oberflächen zu erklimmen.
Jagdverhalten und Beutespektrum mini|links|Ein Weibchen dringt in das Netz einer Hauskräuselspinne (Badumna sp.) ein mini|Weibchen beim Netz einer anderen Spinne. Bedingt durch ihre Jagdweise ist die Weißschwanzspinne bei Spinnennetzen häufig anzutreffen. Die wie alle Spinnen räuberisch lebende Weißschwanzspinne scheint nach bisherigen Kenntnissen ausschließlich andere Spinnen zu erbeuten und wäre demnach stenophag (auf bestimmte Nahrung angewiesen). Die Art ist ein aktiver Laufjäger, der kein Spinnennetz für den Beutefang anlegt und sich an andere Beutespinnen auch direkt in ihren Netzen anpirscht. Dort werden die überwältigten Spinnen auch verzehrt.
Zu den überlieferten Beutetieren der Weißschwanzspinne zählen Vertreter aus den Familien der Gezeitenspinnen (Desidae), der Dipluridae, der Zitterspinnen (Pholcidae) und der Kugelspinnen (Theriididae), unter letzterer Familie auch die für den Menschen potentiell gefährliche Rotrückenspinne (Latrodectus hasselti). In Neuseeland ließ sich überdies das Jagen von der zu den Echten Radnetzspinnen (Araneidae) zählenden Art Socca pustulosa seitens der Weißschwanzspinne nachweisen. Bevorzugt werden von der Art jedoch vor allem Spinnen aus der zu den Gezeitenspinnen zählenden Gattung der Hauskräuselspinnen (Badumna) und darunter insbesondere die Schwarze Hausspinne (B. insignis) und die Graue Hauskräuselspinne (B. longinqua). Im Falle der Schwarzen Hausspinne ließ sich nachweisen, dass sich die Weißschwanzspinne gelegentlich in der Nähe derer Fangnetze aufhält und dann auch, sobald dort eingedrungen, frisch geschlüpfte Nachkommen dieser Art verzehrt.
Lebenszyklus und Phänologie mini|links|Juveniles Exemplar mini|Weibchen kurz nach seiner Reifehäutung mit der Exuvie hinter der Spinne Der Lebenszyklus der Weißschwanzspinne ist unzureichend erforscht. Die Phänologie (Aktivitätszeit) der ausgewachsenen Individuen beläuft sich auf das ganze Jahr, wobei der Höhepunkt der Aktivitätszeit zwischen November und Februar liegt und Exemplare der Art zwischen Mai bis August deutlich seltener sind.