mini|Jeremiahaus um 1965 (kurz nach der Einweihung)
Das Jeremiahaus war ein Gemeindezentrum mit integriertem Kirchsaal, es gehörte zur Evangelischen Gemeinde Köln und lag in der Mozartstraße 15 im Komponistenviertel am westlichen Rand der Innenstadt. Architektonisch war es für eine Kirche sehr ungewöhnlich, da es von der Straßenseite aus fast wie ein normales Backstein-Wohnhaus der 1960er-Jahre aussah und lediglich ein kleiner Glockenturm, ein Schaukasten und ein Kreuz Hinweise auf seine Funktion gaben – der eigentliche Kirchsaal befand sich auf der Gartenseite und war von der Straße aus nicht sichtbar. Das Haus war benannt nach dem Propheten Jeremia, es wurde 1964 eingeweiht und war somit von den zeitweise sieben evangelischen Kirchen im Stadtbezirk Köln-Innenstadt nach der Thomaskirche (1968) die zweitjüngste Predigtstätte der Gemeinde. Aus Sparzwängen heraus wurde das Jeremiahaus am Totensonntag 2006 entwidmet, dies war die erste Kirchenschließung in der Geschichte der Evangelischen Kirchengemeinde Köln.
Geschichte mini|Zustand vor und nach der Entwidmung mini|hochkant|Blick in die Mozartstraße Richtung Innenstadt um 1966, rechts der Glockenturm des Jeremiahauses
Die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg waren auch für die evangelische Gemeinde Köln eine Zeit des Um- und Aufbruchs. Knapp 20 Jahre nach Kriegsende stellte man Überlegungen an, die zum Bau des Jeremiahauses führten:
Die beiden genannten Kirchen liegen jeweils über 1,2 km Luftlinie von der Mozartstraße entfernt. In der Mozartstraße 15 besaß die Gemeinde ein im Krieg stark beschädigtes Mietshaus, das sie in den 1930er-JahrenAngabe gemäß Jeremiahaus-Prospekt, laut Fußbroich (S. 88) hingegen erst 1940 als Wohnhaus für Pfarrer erworben hatte. Nach dem Krieg diente das Haus zunächst dem 1943 zerstörten Friedrich-Wilhelm-Gymnasium bis 1956 als Notunterkunft, bis 1954 wohnten in ihm außerdem ein Pfarrer und weitere Gemeindeangestellte. Als dann der neue Kirchenbezirk entstand, schuf man 1956 im Erdgeschoss einige Gemeinderäume und im zweiten Stock zwei Schwesternwohnungen, wofür jedoch die bisherige Pfarrerwohnung im ersten Stock aufgegeben werden musste. Ein schlichtes Metallschild „Evangelisches Gemeindehaus“ befand sich am Eingang des Hauses, das im Stil des frühen 20. Jahrhunderts errichtet worden war, dem aber nach dem Krieg das Dachgeschoss fehlte, so dass es nur noch vier (zeittypisch hohe) Etagen umfasste.
Nachdem sich einige von Gemeindebaumeister Georg Eberlein vorgelegte Umbaupläne als nicht nachhaltig erwiesen hatten, beschloss das Presbyterium schließlich, das sogenannte „Alte Haus“ im Januar 1962 abzureißen und einen Neubau zu errichten. Hierbei sollte dann auch der Garten des Grundstücks bebaut werden, da das geplante Haus auf engstem Raum die neue Kirche, ein Gemeindezentrum mit unterschiedlich großen Räumen sowie Wohnungen für Pfarrer, Schwester und Küster enthalten musste. Ein Kindergarten konnte, obschon gewünscht, aus Platzgründen nicht eingerichtet werden. Im November 1962 begannen die Bauarbeiten für das Jeremiahaus. Der Grundstein wurde am 22. Dezember 1963 gelegt, und am 6. Dezember 1964 (dem zweiten Advent) wurde das Haus eingeweiht. Maßgeblich beteiligt an den Planungen war Pfarrer Wolfram Buisman, der kurz vor Kriegsbeginn den zur Bekennenden Kirche gehörenden Erich Klapproth gefördert hatte und ab 1952 mit seinem über drei Jahrzehnte nachgedruckten Buch „Du und die Religion“ einem breiteren Publikum bekannt geworden war; er wirkte anschließend einige Jahre im Jeremiahaus. Chorleiter und Organist war von 1974 bis 1981 Martin Kahle.
Ab den 1980er-Jahren war Friedrich Karl Weber Pfarrer am Jeremiahaus bis zu dessen Auflösung 2006. Es ist überliefert, dass ein reges Gemeindeleben aller Altersklassen herrschte, wobei die umfangreiche Jugendarbeit teilweise zu Problemen mit der Nachbarschaft führte, die bisweilen über Lärm klagte. 1991 entstand durch das Engagement einiger Eltern eine Kleinkinder-Spielegruppe, die in ihren ersten Jahren Räume des Jeremiahauses nutzen konnte und sich alsbald zur noch heute (Stand 2022) bestehenden Kinderbetreuungs-Initiative „Die Mozartkugeln e. V.“ entwickelte. Eine Besonderheit im Jeremiahaus waren die zweisprachigen Gottesdienste der finnischen evangelisch-lutherischen Gemeinde Köln. Sie war 1972 gegründet worden, umfasste Anfang der 2000er-Jahre über 1000 Gemeindeglieder und war damit die zweitgrößte der 16 finnischen Gemeinden in Deutschland. Da sie keine eigene Kirche hatte, fanden ihre Gottesdienste im Jeremiahaus statt.
Im Sommer 2005 fasste das Presbyterium wegen des immer weiter zunehmenden finanziellen Drucks weitreichende Beschlüsse zu Sparmaßnahmen. Hierunter fielen vor allem die Schließung des Jeremiahauses und der nahe dem Hauptbahnhof gelegenen Kreuzkirche bis Ende 2006. Die Begründung hebt in beiden Fällen hervor, dass die Trennung von einem nicht auf Anhieb als Kirche ins Auge fallenden Gebäude leichter sei als von einem eindeutigen Sakralbau. Während die Kreuzkirche erst am Ende des Kalenderjahres geschlossen wurde, fand der Entwidmungsgottesdienst des Jeremiahauses bereits am 26. November statt, also am Toten- bzw. Ewigkeitssonntag – dem letzten Sonntag eines jeden Kirchenjahres. Stadtsuperintendent Rolf Domning blies an jenem Tag die Kerzen aus.
Architektur und Ausstattung mini|Skizze der beiden unteren Etagen (nicht maßstäblich), in den höheren Stockwerken passte sich das Haus der Breite seiner Nachbarn an (rot: Backstein, grau: Betonstütze, blau: 5 m hohe Kirchenfenster) mini|Kirchensaal in den Anfangsjahren
Von der Mozartstraße aus gesehen schien sich das Jeremiahaus nahtlos in die übrige Bebauung aus mehrstöckigen Mietshäusern einzufügen. Anstelle eines Vorgartens war das Grundstück vor dem Jeremiahaus jedoch mit verschiedenen Sorten Steinplatten gepflastert, so dass sich ein kleiner Vorplatz ergab. Über diesen verlief zwischen Bürgersteig und Eingangstür ein Gang mit einer schlichten Überdachung, deren straßenseitiges Ende gleichzeitig der Glockenturm war. Die Stützkonstruktion des Ganges war anfangs in dunklen Tönen gehalten, wurde aber später leuchtend blau lackiert. Was den Besucher erwartete, wenn er die Eingangstür des Gebäudes öffnete, wurde im Jahr der Eröffnung wie folgt beschrieben:
Die übrigen Etagen waren wie folgt ausgestattet: 2. OG: Gemeinderäume (Saal für 60 Personen, Garderobe, Jugendraum, kleine Küche, Nebenräume, Ausgang zur Terrasse auf dem Kirchendach, von dort Blick auf die benachbarte Synagoge in der Roonstraße) 3. OG: Gemeinderäume (Pfarrer-Sprechzimmer, Schwestern-Sprechzimmer, Flur als Wartezimmer, Schwesternzimmer mit Medizinschrank, großes Zimmer für den Altenclub [sic!], Gemeindeclub-Zimmer für 15–20 Personen, kleiner Gemeindearbeitsraum für Weihnachtsvorbereitungen oder Babysitterdienst während der Gottesdienste) 4. OG: Wohnung für den Hausmeister bzw. später das Küster-Ehepaar sowie kleines Appartement für Gemeindeschwester, Organist oder sonstige Personen 5. OG: Wohnung für den Pfarrer und seine Familie.
Als Architekten hatte man Dr. Walter Fleck gewonnen, die Bauleitung lag in den Händen von Helmut Möller. Altar, Kanzel, Kreuz und die nach Osten bzw. Südosten hin ausgerichteten drei großen Kirchenfenster gestaltete Wolfhard Röhrig. Das Abendmahlsgerät schuf Karl Erich Görk, den Bau der Orgel mit ihren 16 Registern übernahm die Firma WalckerFußbroich nennt im CD-Anhang im Ordner „Orgelbauer“ eine Firma Friedrich Wilhelm Walker (1794–1872, ohne -ck-) aus Ludwigsburg, dies sind aber die Lebensdaten von Eberhard Friedrich Walcker, wobei sich sämtliche Dynastie-Angehörigen mit -ck- schrieben. (Opus 4466), ein Nachfolgeunternehmen des Orgelbauers Eberhard Friedrich Walcker. Die Glocke mit dem Schlagton d² stammte von den Gebr. Rincker und wurde, sofern kein Tippfehler vorliegt, erst 1966 gegossen, wog 215 kg und hatte einen Durchmesser von 72,2 cm. Ihre Inschrift lautete: „DEIN WORT IST MEINES HERZENS FREUDE +“.
Bemerkenswert an der Ausstattung ist vor allem der Altar, in den ein quadratisches kleines (30 cm × 30 cm) Taufbecken aus Bronze integriert ist, dessen pyramidenförmiger Deckel einen Knauf in Form eines Fisches aufweist. Der Altar selbst ist aus Sichtbeton gegossen und für eine Kirche mit knapp 300 Sitzplätzen vergleichsweise klein (150 cm lang, 80 cm breit und einschließlich Sockel 90 cm hoch),Messung durch Wikipedia-Benutzer KlausMiniwolf in Köln am 9. Juni 2022 besticht jedoch durch die wellenförmige Durchbrechung des Betons im linken Bereich (welche das Wasser der Taufe versinnbildlicht) sowie auf seiner rechten Seite die Ähren und Weinreben (welche auf das Abendmahl hinweisen). Über dem Altar war an der Wand ein Bronzekreuz angebracht, an dem jedoch kein Gekreuzigter hing, sondern in dessen Mitte sich ein klarer Bergkristall befand als Zeichen des Auferstandenen. Bewusst kontrastierend zur Beständigkeit und Schwere des Altars war die Kanzel leicht und aus Holz gefertigt, um daran zu erinnern, dass gewichtige Botschaften trotz aller Ernsthaftigkeit leicht verständlich transportiert werden sollten. Die architektonische Gestaltung und die qualitative Ausführung fanden noch ein halbes Jahrhundert nach dem Bau sehr positive Urteile:
mini|Altar im Kirchensaal des Jeremiahauses um 1990
Umbau und Nachnutzung mini|Altar auf dem Geusenfriedhof, 2022 mini|Zum Wohnbereich umgestalteter Kirchensaal, nach 2007
Nach dem Verkauf 2006 an einen privaten Eigentümer wurde das Gebäude in den Jahren 2007–2008 für eine private Wohn- und Gewerbenutzung entkernt und umgebaut. Betondecken wurden teilweise entfernt, um einzelne Etagen durch neue Treppen zu verbinden. Die Planung oblag dem Architekten Mathias Romm, der 1964 – im Eröffnungsjahr des Jeremiahauses – in Solingen zur Welt kam und in Köln aufwuchs.
Nach dem Verkauf wurde der Altar auf dem historischen evangelischen Geusenfriedhof in Köln-Lindenthal an zentraler Stelle aufgestellt, seitdem wird er dort zu besonderen Anlässen für Freiluft-Gottesdienste genutzt. Die Orgel wurde an eine katholische Gemeinde in Polen verkauft, die Glocke nach Tansania verschifft und die Fenster im Depot eingelagert (Stand: 2012). Das Abendmahlsgerät gelangte in die Kartäuserkirche, ebenso das Bronze-Kreuz mit dem Bergkristall.
Zahlreiche Gemeindebrief-Ausgaben des Jeremiahauses und seines Vorläufers sind von 1956 bis 1991 mit wenigen Lücken in der unmittelbar neben dem Geusenfriedhof befindlichen Universitäts- und Stadtbibliothek Köln vorhanden und dort einsehbar.
Literatur
Weblinks
Eintrag des Jeremiahauses bei „invisibilis – der Kirchenwiederfinder“ von „Moderne regional“ mit Foto der Straßenfront. Projektseite des Architekten zum Umbau in ein Wohnhaus 2007/08 mit 9 Fotos vor, während und nach dem Umbau.
Einzelnachweise und Anmerkungen
Kategorie:Kirchengebäude in Köln Kategorie:Erbaut in den 1960er Jahren Koln Kategorie:Bauwerk der Moderne in Köln Koln Koln Kategorie:Bauwerk aus Beton Koln Koln Kategorie:Umgenutztes Bauwerk in Köln Kategorie:Christentumsgeschichte (Köln) Kategorie:Buch Jeremia