mini|Artushof, vor dem Umbau, noch in Nutzung als Waisenhaus; Blick vom Bereich vor der Johanniskirche, links des Hauses mündet die Kleine Junkerstraße, rechts die Große Junkerstraße ein Der Artushof war ein historisches Gebäude in Magdeburg im heutigen Sachsen-Anhalt. Es wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört und gilt als verlorengegangenes Baudenkmal.Götz Eckardt (Hrsg.): Schicksale deutscher Baudenkmale im Zweiten Weltkrieg. Henschel Verlag Kunst und Gesellschaft, Berlin o. J. (um 2000?), ISBN 3-926642-24-6, Band 1, S. 268.
Lage Das Gebäude befand sich in der Magdeburger Altstadt auf der Südseite der Johannisbergstraße an der Adresse Johannisbergstraße 3. Westlich des Hauses mündete die Große Junkerstraße, östlich die Kleine Junkerstraße auf die Johannisbergstraße ein. Heute befindet sich in diesem Bereich der südliche Teil der Jakobstraße, südöstlich vom Rathaus Magdeburg und südwestlich der Sankt-Johannis-Kirche.
Geschichte und Architektur Das zweigeschossige verputzte Gebäude verfügte über zwei, parallel zueinander angeordnete Satteldächer. Ursprünglich war das Gebäude als Eigenbefestigung angelegt. Im Kern war der Bau Teil des Magdeburger Stadtkerns aus ottonischer Zeit. So verfügte das Haus über mächtige Tonnengewölbe, es bestanden auch Schlitz- und Rundbogenfenster sowie im Inneren eine barocke Treppe. In der südöstlichen Ecke bestand ursprünglich ein Wehrturm aus der Zeit um das Jahr 1200.
Im 15. Jahrhundert gehörte das Anwesen dem Bürgermeister Heinrich Alemann, der es 1506 seinem Sohn Thomas Alemann, der ebenfalls Bürgermeister war, vererbte. Ihm folgte sein Sohn, Bürgermeister Thomas Alemann, nach, der 1563 als Besitzer geführt wurde. 1631 gehörte das Gebäude dem Kämmerer Dietrich Brewitz (auch Brebitz), der jedoch während der Zerstörung Magdeburgs im Jahr 1631 umkam. Das Gebäude selbst brannte bei der Zerstörung aus. In einem von Bürgermeister Otto Gerike 1632 gezeichneten Stadtplan wird das Gebäude fälschlich noch als Alemanns Haus bezeichnet. Die Witwe Brewitz war zumindest 1652 Besitzerin des Grundstücks. In der Zeit bis 1667 erwarb Oberst Johann Schmied von Schmiedseck, Kommandeur der Festung Magdeburg, das Grundstück und bebaute es neu.
Er ließ im Jahr 1667 über der Hauseingangstür ein mit kleinen Pilastern, Gebälk, Giebel und seitlich anlehnenden Delphinen versehenen Aufsatz anbringen, auf dem sich sein Wappen samt Wahlspruch und seiner Initialen und denen seiner Ehefrau befand. Das Wappen zeigte in einem Schild zwei Fähnchen haltende Hände und darunter ein Hufeisen. 1787 wurde der Stein dann an der Durchfahrt unterhalb des Nebengebäudes neu eingemauert.Ottomar Müller, Die Bauwerke der deutschen Renaissance in Magdeburg. in Geschichts-Blätter für Stadt und Land Magdeburg, 9. Jahrgang, 1874, 4. Heft, Seite 375 Noch 1871 wurde als Inschrift oberhalb der Haupttür des Seitengebäudes zur Großen Junkerstraße angegeben:Holstein: Inscriptiones Magdeburgenses. In: Geschichts-Blätter für Stadt und Land Magdeburg. 6. Jahrgang, 1871, S. 230.
Nach dem Abriss des Nebengebäudes war der Stein erneut umgesetzt worden und an der vom Garten des Hauses nach Westen zur Großen Junkerstraße führenden Tür angebracht. Der Stein wurde später von den Nachfahren Schmied von Schmiedseck erworben und 1936Günter Hammerschmidt, Häuser mit Hauszeichen in der ehemaligen Altstadt von Magdeburg, Magdeburg 2004, Seite 182 an einem Gut der Familie angebracht.
1670 führte Schmied von Schmiedseck einen Streit mit dem Rat der Stadt, da er für sein Haus, letztlich erfolgreich, Steuerfreiheit verlangte. 1675 wurde er jedoch unter dem Vorwurf hochverräterischer Beziehungen zu Schweden verhaftet. Im Jahr 1679 werden bereits seine Erben als Eigentümer des Gebäudes genannt, denen wohl auch die Bleckenburg bei Buckau gehörte. Ihnen folgt Oberstleutnant Wilhelm Ludwig Schmied von Schmiedseck nach. Seine Erben veräußerten das Anwesen im Jahr 1718 für 5000 Taler an den Hauptmann Friedrich Karl von Klingsporn. Er erwarb für das Gebäude im Jahr 1719 das Braurecht und blieb bis 1726 Besitzer.
Nutzung als Waisenhaus Das Gebäude gelangte dann 1765Günter Hammerschmidt, Häuser mit Hauszeichen in der ehemaligen Altstadt von Magdeburg, Magdeburg 2004, Seite 182 in königliches PrivateigentumOttomar Müller, Die Bauwerke der deutschen Renaissance in Magdeburg. in Geschichts-Blätter für Stadt und Land Magdeburg, 9. Jahrgang, 1874, 4. Heft, Seite 374 und wurde Geschäftshaus der Tabakregie. Kurz nach dem Tode Friedrich II. im Jahr 1786 wurde die staatliche Tabakbewirtschaftung eingestellt, so dass das Haus ungenutzt war. Das Presbyterium der Deutsch-reformierten Gemeinde wandte sich am 2. Oktober 1786 an König Friedrich Wilhelm II. mit der Bitte um schenkweise Überlassung des Hauses zur Nutzung als Armen- und Waisenhaus. Unterstützt wurde das Anliegen vom preußischen Staatsminister Graf Gebhard Werner von der Schulenburg, auch war der König dem ersten Prediger der Gemeinde, dem Konsistorialrat Küster gewogen.Günter Hammerschmidt, Häuser mit Hauszeichen in der ehemaligen Altstadt von Magdeburg, Magdeburg 2004, Seite 182 Zudem hatte der König einer persönliche Beziehung zur Gemeinde, in der er 1762 konfirmiert worden war. Friedrich Wilhelm II. schenkte das Haus am 8. August 1787 dann tatsächlich der Deutsch-reformierten Kirchengemeinde Magdeburgs, die hier das Armen- und Waisenhaus einrichtete und das zuvor genutzte Gebäude in der Kameelstraße 6 aufgab. Am Vorderhaus über der Haupttür, andere, wohl unrichtige, Angaben nennen die Gartenseite des Gebäudes,Ernst Neubauer, Häuserbuch der Stadt Magdeburg 1631–1720, Teil 1. Herausgeber: Historische Kommission für die Provinz Sachsen und für Anhalt, Magdeburg 1931, S. 197 f. wurde eine an diese Schenkung erinnernde Inschrift angebracht. Sie lautete:
Der ursprünglich 1667 oberhalb der Haustür angebrachte Stein, wurde dafür an das Nebengebäude versetzt. Im Zuge der Einrichtung des Waisenhauses, wie das Armen- und Waisenhaus verkürzend genannt wurde, fanden vermutlich Umbauten statt. Dabei wurde das ursprüngliche Portal entfernt und durch ein neues im Geschmack der damaligen Zeit ersetzt. Darüber hinaus entstanden vermutlich auch Nebengebäude. Einer dieser Nebenbauten zog sich langgestreckt entlang der Großen Junkerstraße. Er verdeckte teilweise die mit Spitzquadern verzierte Gewandung des älteren Torwegs, der von Westen auf den Hof des Anwesens führte.Ottomar Müller, Die Bauwerke der deutschen Renaissance in Magdeburg. in Geschichts-Blätter für Stadt und Land Magdeburg, 9. Jahrgang, 1874, 4. Heft, Seite 374 f.
Zum Anwesen gehörten Ende 1788 neben dem Vorderhaus, in dem der Prediger wohnte, auch ein Hinterhaus, zwei Quergebäude sowie dazwischenliegend Hof und Garten. Ausgänge bestanden zur Johannisbergstraße und zur Großen Junkerstraße, wobei die normalen Bewohner des Waisenhauses nur den Ausgang zur Großen Junkerstraße nutzen durften. Er wurde im Sommer um 21.00 Uhr, im Winter bereits um 19.00 Uhr verschlossen. Unter dem Vorderhaus befanden sich drei Keller. Zwei wurden für 25 Taler Gold jährlich an Kaufmann Schlick vermietet. Ein kleinerer dritter Keller blieb zur Eigennutzung.Ralph Meyer, Geschichte der Deutsch-Reformierten Gemeinde zu Magdeburg, Zweiter Band, Verlag von Julius Neumann, Magdeburg 1914, Seite 363 Später mieteten sie die Weinhändler Gebrüder Weigel für 60 Taler Gold.Ralph Meyer, Geschichte der Deutsch-Reformierten Gemeinde zu Magdeburg, Zweiter Band, Verlag von Julius Neumann, Magdeburg 1914, Seite 396
Die Einweihung des neuen Waisenhauses erfolgte am 26. November 1788.Ralph Meyer, Geschichte der Deutsch-Reformierten Gemeinde zu Magdeburg, Erster Band, Verlag von Julius Neumann, Magdeburg 1914, Seite 404 Bei den Einweihungsfeierlichkeiten fand im Speisezimmer auch ein Essen für 40 Arme statt. Die Tische waren mit Terrinen, Tellern und Krügen aus Porzellan der Fayencefabrik Guischard gedeckt, die von Guischard gespendet worden waren.Ralph Meyer, Geschichte der Deutsch-Reformierten Gemeinde zu Magdeburg, Zweiter Band, Verlag von Julius Neumann, Magdeburg 1914, Seite 364 Im Haus befand sich auch die Wohnung des dritten Predigers der deutsch-reformierten Gemeinde. Nach Abschaffung dieser Predigerstelle wurde die Wohnung durch den zweiten Prediger genutzt. Es wurde eine Wollspinnerei betrieben. Die Waisenkinder wurden durch einen Lehrer, einen Kandidaten der Theologie, unterrichtet. Die sonstige Aufsicht oblag dem Hausvater und der Hausmutter. Fehlverhalten konnte auch durch körperliche Züchtigung auf Rücken und Arme, Einschränkungen beim Essen, Mehrarbeit und bis zu zweitägigem Arrest, auch ohne Bett, bestraft werden.Ralph Meyer, Geschichte der Deutsch-Reformierten Gemeinde zu Magdeburg, Zweiter Band, Verlag von Julius Neumann, Magdeburg 1914, Seite 366 ff. Für an ansteckenden Krankheiten Erkrankte gab es eine gesonderte Krankenstube. Das im Waisenhaus benötigte Brot wurde im Haus selbst gebacken.Ralph Meyer, Geschichte der Deutsch-Reformierten Gemeinde zu Magdeburg, Zweiter Band, Verlag von Julius Neumann, Magdeburg 1914, Seite 372
Im Haus lebten Waisenkinder, wobei darunter auch Kinder waren, deren Eltern noch lebten, die aber zur Versorgung ihrer Kinder nicht in der Lage waren. Zwischen 1800 und 1873 wurden insgesamt 153 Jungen und zwischen 1815 und 1873 zumindest 125 Mädchen aufgenommen. Außerdem wurden auch Pensionäre im Haus aufgenommen, die sich mit einem Betrag einkauften und dann hier versorgt wurden. Zwischen 1837 und 1865 handelte es sich um elf Personen. Hinzu kamen Hospitalistinnen, die freie Wohnung, später auch freies Mittagessen erhielten. Zehn von ihnen waren aus der Kameelstraße mit umgezogen. Zwischen 1811 und 1872 wurden insgesamt 42 Hospitalistinnen aufgenommen. Schließlich lebten auch als Almosengenossen bezeichnete Arme im Haus. Sie wurden versorgt und mussten, soweit möglich, für das Haus arbeiten, insbesondere spinnen. Von 1811 bis 1871 wurden so 67 Frauen und Männer im Haus versorgt.Ralph Meyer, Geschichte der Deutsch-Reformierten Gemeinde zu Magdeburg, Zweiter Band, Verlag von Julius Neumann, Magdeburg 1914, Seite 380
1808 wurden auf Bitten der Behörden zeitweise zwölf Waisen aus dem Augustinerkloster aufgenommen, wohl weil dort Umbauarbeiten statt fanden.Ralph Meyer, Geschichte der Deutsch-Reformierten Gemeinde zu Magdeburg, Zweiter Band, Verlag von Julius Neumann, Magdeburg 1914, Seite 396
Während der französischen Besatzungszeit erging am 22. Juli 1813 der Befehl zur sofortigen Räumung des Hauses, da ein Lazarett eingerichtet werden sollte. Die zu diesem Zeitpunkt im Haus lebenden 50 Waisenkinder sollten in das wallonisch-reformierte Waisenhaus, in dem sich nur 17 Waisenkinder befanden. Vermutlich wurde die Räumung noch 1813 oder 1814 wieder aufgehoben. Die Kosten für die Räumung und Wiederherstellung wurden später mit 586 Talern und 21 Groschen angegeben. Ein Ersatz erfolgte jedoch nicht.Ralph Meyer, Geschichte der Deutsch-Reformierten Gemeinde zu Magdeburg, Zweiter Band, Verlag von Julius Neumann, Magdeburg 1914, Seite 395 f.
1817 bat die deutsch-reformierte Gemeinde die Stadt um einen Zuschuss zum Betrieb des Hauses, da die Mittel der Gemeinde in der Zeit nach den Koalitionskriegen zur Unterhaltung nicht ausreichten. Die Stadt ging darauf nicht ein, bot jedoch an, das Haus zu kaufen, was jedoch seitens der Gemeinde abgelehnt wurde.Ralph Meyer, Geschichte der Deutsch-Reformierten Gemeinde zu Magdeburg, Zweiter Band, Verlag von Julius Neumann, Magdeburg 1914, Seite 358