Die Geschichte der Stadt Sarstedt in Niedersachsen umfasst die Entwicklungen von der Urgeschichte über die erste Besiedlung bis zur Gegenwart. Sarstedt hat seine Ursprünge in einer mittelalterlichen Siedlung.

Name Die wechselvolle Benennung der Stadt Sarstedt fiel bereits Jacob Grimm auf, der die zahlreichen Varianten des Stadtnamens als auffällig ansah. Für den Mitverfasser des Lexikographen Deutschen Wörterbuchs lagen die zahlreichen Abwandlungen des Namens in der Eigenart des Niederdeutschen begründet; denn auch in anderen niederdeutschen Ortsnamen mit anlautendem Buchstaben K im Laufe der Jahrhunderte durch verschiedene Zischlaute ersetzt (Assibilierung) und damit der Variantenreichtum verstärkt worden. Das „hildesheimische Städtchen Sarstedt“ trat für ihn jedoch auch aus dieser Gruppe von Ortsnamen in besonderer Weise hervor:

Die Entstehung und Herkunft des Namens der Stadt Sarstedt ist noch prägnanter in der Stadtgeschichte von Hans Wehling beschrieben. 1973 schreibt er:

Wehling gibt weitere Varianten des Sarstedter Ortsnamens: „Zerstede (1221), Schirstede (1225–1247), Tzerstede (1302), Cerstede (1367), Tzerstede (1434) und Cerstidde (1474)“.

Sarstedt wies im Laufe der Zeit verschiedene, kaum glaubhaft unterschiedliche Schreibweisen auf. In über 10 Jahrhunderten sind wiederholt Urkunden und Archivalien der Stadt verloren gegangen oder Zerstörung und Bränden zum Opfer gefallen. Dies ist eine Erklärung, weshalb sich unterschiedliche Schreibweisen des Stadtnamens auch in kürzeren Zeitabschnitten gehäuft haben.

Urgeschichte und Prähistorie Da über geraume Zeit in und um Sarstedt zahlreiche Ziegeleien in Betrieb waren, wurden in den dafür ausgehobenen Tongruben immer wieder Fossilien entdeckt. In der Tongrube Moorberg fand man beispielsweise Nanoplankton,Angelika Köthe: Kalkiges Nannoplankton aus dem Unter-Hauterivium bis Unter-Barremium der Tongrube Moorberg/Sarstedt (Unter-Kreide, NW-Deutschland). In: Mitteilungen aus dem Geologischen Institut der Universität Hannover. Heft 21, Hannover 1981. hummerartige Krustentiere (Hoploparia dentata),Werner Pockrandt: Hoploparia dentata (A. Roemer) aus der Unterkreide (Hautevirium) von Hannover und Umgebung (Dekapoda). Systematik und Fundmaterial (11. Abb.). In: Arbeitskreis Paläontologie Hannover. 10. Jahrgang, 2 (1982), S. 1–12. sowie Seeschwämme (Achilleum morchella) aus dem in Sarstedt zu findenden Plänerkalk,Friedrich Adolph Römer: Die Versteinerungen des norddeutschen Kreidegebirges. Hannover 1841, 2 der aus der Unterkreide stammt, einem Erdzeitalter, das 130–134 Millionen Jahre zurückliegt. Auf dem Gebiet des heutigen Sarstedt befand sich seinerzeit ein Meer, welches sich erst Millionen Jahre später nach Norden zurückgezogen hat.

Auch die Anwesenheit von Neandertalern auf dem Gebiet der heutigen Gemarkung Sarstedt konnte anhand von Knochenfunden nachgewiesen werden, darunter drei Schädel-Fragmente,Alfred Czarnetzki, Sabine Gaudzinski und Carsten M. Pusch: Hominid skull fragments from Late Pleistocene layers in Leine Valley (Sarstedt, District of Hildesheim, Germany). In: Journal of the Human Evolution. Band 41, 2001, S. 133–140, doi:10.1006/jhev.2001.0484, . Der Neandertaler lebtebei Hannover. Drei Knochensplitter aus einer Kiesgrube lieferten Forschern den Beweis. Auf: abendblatt.de vom 14. März 2003. wissenschaftlich beschrieben als die Fossilien Sarstedt I, Sarstedt II und Sarstedt III (gefunden im Leinetal im November 1997 sowie im Januar und Oktober 1999 in einer Schliekumer Kiesgrube von dem hannoverschen Hobbyarchäologen Karl-Werner Frangenberg). Eine genaue Altersbestimmung dieser Funde ist bislang nicht gelungen, anhand von anderen Fossilien und von Steinwerkzeugen wurde jedoch geschätzt, dass die Neandertalerfunde nicht wesentlich älter als rund 100.000 Jahre sind.Eintrag Sarstedt. In: Bernard Wood (Hrsg.): Wiley-Blackwell Encyclopedia of Human Evolution. 2 Bände. Wiley-Blackwell, Chichester u. a. 2011, ISBN 978-1-4051-5510-6.

Erste dauerhafte Besiedlungen durch den anatomisch modernen Menschen (Homo sapiens) fanden in der Gegend in und um Sarstedt nachweislich vor etwa 7000 Jahren statt. Für die Jungsteinzeit wurde Bandkeramik und damit eine Phase bäuerlicher Kulturen ohne Metallverarbeitung sowohl für Sarstedt, als auch in den Nachbargemeinden Barnten, Jeinsen und Algermissen archäologisch nachgewiesen.Hans-Günter Peters: Ur- und Frühgeschichte. In: Carl-Hans Hauptmeyer, Jürgen Rund, Gerhard Streich (Hrsg.): Blatt Hannover (Hannover und Hannover-Nord). Historisch-Landeskundliche Exkursionskarte von Niedersachsen, Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2007, 24–34, bes. 27.

Mittelalter mini|hochkant=1.6|Dieser Kupferstich wurde von Matthäus Merian 1645 fertiggestellt. Der Betrachter blickt vom Zusammenfluss der Innerste und der Leine bei Ruthe von Norden nach Süden auf die Stadt Sarstedt. Zu dieser Zeit gab es nur den Kirchturm von St. Nicolai. mini|Rathaus in der Fußgängerzone

Zwischen 772 und 802 lag das heutige Gebiet Sarstedt in dem Einzugsbereich der sich über 30 Jahre hinziehenden Feldzüge der Franken unter Karl dem Großen gegen die seinerzeit noch heidnischen Sachsen (zwischen Nordsee und Harz, Rhein und Elbe). In Heisede sind im Jahr 2001 vor der Errichtung eines Gewerbeparks bei einer Rettungsgrabung Gräber altsächsischer Reiterkrieger mit Pferden gefunden worden. Sie stammen aus dem 8. Jahrhundert und fanden sich auf einem Flurstück, das seit altersher den Namen „Heidenkirchhof“ trägt. Die Funde weisen auffällige Parallelen mit jenen Funden auf, die den Beteiligten bei der Schlacht am Süntel (782) zugeschrieben werden.Wanderbroschüre „Wehmholz-Route“ (PDF; 953 KB) Bei der Notgrabung jenseits der Bundesstraße 6 auf Höhe des nördlichen Zubringers der B6 zwischen Heisede und Sarstedt-Nord wurden auch beigabenlose christliche (also fränkisch-karolingische) Gräber gefunden.Erhard Cosack: Der altsächsische „Heidenkirchhof“ bei Sarstedt, Ldkr. Hildesheim, und die Schlacht am Süntel 782. Isensee Verlag, Oldenburg 2007, ISBN 978-3-89995-487-6 (= Studien zur Sachsenforschung 16).

Seit Anfang des 9. Jahrhunderts ist nördlich von Sarstedt (vor Heisede gibt es noch den entsprechenden Straßennamen in Verlängerung zum östlichen Heidenkirchhof) die Wüstung Helperde (alt. Helperdun) urkundlich belegt (826–876), dass neben dem Bistum Hildesheim, das Michaeliskloster die Grafen von Wunstorf sowie das Kloster Corvey hier Ländereien besessen haben. Dem Ort entstammte zudem eine seit dem 12. Jahrhundert nachzuweisende adelige Familie. Die Wüstung muss noch bis 1458 als Ort bestanden haben, weil Sibert von Bolzum unter anderem „das Gericht über den Ort und den Rodungszehnt vom Hildesheimer Bischof zu Lehen erhielten“.Uwe Ohainski: Mittelalterliche Wüstungen. In: Carl-Hans Hauptmeyer, Jürgen Rund, Gerhard Streich (Hrsg.): Blatt Hannover (Hannover und Hannover-Nord). Historisch-Landeskundliche Exkursionskarte von Niedersachsen, Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2007, 72–89, bes. 81

Die Rolle, die Sarstedt im 9. und 10. Jahrhundert im Hildesheimer Bistum spielte, ist von den archäologischen und überlieferten schriftlichen Quellen her nicht eindeutig. Doch wird es eine Furt an der Innerste und einen Marktflecken schon gegeben haben. Der alte Sarstedter Siedlungskern wird sich zunächst im Bereich des „Alten Dorfs“ (1279 Altendorp) als Grundbesitz des Hildesheimer Domkapitels entwickelt haben,„Durch die Ausgabe von Lehen für dieses Gebiet war der Hildesheimer Bischof bekannt. 1377 übertrugen die Grafen von Wunstorf 3/4 des Zehnten im Oldendorper veld dem Hildesheimer Moritzstift. Offenbar verließen die Einwohner schon im 14. Jh. – angeblich wegen einer Fehde – den Ort und zogen nach Sarstedt. An der Siedlungsstelle sind ein Reitergrab und Körpergräber aus der Karolingerzeit ergraben worden.“ Uwe Ohainski: Mittelalterliche Wüstungen. In: Carl-Hans Hauptmeyer, Jürgen Rund, Gerhard Streich (Hrsg.): Blatt Hannover (Hannover und Hannover-Nord). Historisch-Landeskundliche Exkursionskarte von Niedersachsen, Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2007, 72–89, bes. 77; zum Mitte der 1920er Jahre freigelegten Reitergrab vgl. Hans Gummel: Das Reitergrab in Sarstedt, Kreis Hildesheim, Hildesheim 1926. das ist jener östliche Stadtteil oberhalb der unweit der alten Mühle (heute Mühle Malzfeldt), Mündung des Bruchgrabens in die Innerste zwischen Festplatz und Hildesheimer Straße.

Zu den frühesten schriftlichen Quellen, die auf das Gebiet Sarstedt hinweisen, gehört eine Quelle aus dem Jahr 993. Das war zu einer Zeit, da Bernward noch vor seinem Amtsantritt als Bischof in Hildesheim (Januar 993) in seiner Eigenschaft als treuer und von diesem geachteter Lehrer König Ottos III. eine Streitfrage über die Stiftsgrenze elegant gelöst hatte. Er berief eine Kommission ein, um diese Grenze zwischen dem Hochstift Minden und Hildesheim, welche unterhalb von Hannover die Leine (bei Sarstedt) verließ. Diese Kommission für die Regulierung der Stiftsgrenze war ranghoch besetzt. Neben den Bischöfen Erp von Verden, Dodo von Münster, Friedrich zu Mainz und weltlichen Kommissarien auch 16 eidliche Zeugen aus der direkten Umgebung, darunter von den Ostfalen zwei Brüder aus Wennerde mit Namen „Thiedhard“ und „Oddo de Wongerdun“ (Wennerde (lat. Wongerdun (990), später Wengarde (um 1038)), war eine westlich von Sarstedt, jenseits des heutigen Bahnhofsgebäudes auf dem Wege nach Schliekum, gelegene Wüstung, die mit der Erteilung der Stadtrechte im frühen 14. Jahrhundert in Sarstedt aufgegangen ist).„An der Ortsstelle wurden 1932 bei einer Grabung bauliche Reste des Ortes, darunter ein mittelalterlicher Brunnen entdeckt.“ Vgl. Uwe Ohainski: Mittelalterliche Wüstungen, in: Carl-Hans Hauptmeyer, Jürgen Rund, Gerhard Streich (Hrsg.): Blatt Hannover (Hannover und Hannover-Nord). Historisch-Landeskundliche Exkursionskarte von Niedersachsen, Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2007, 72–89, bes. 86 und O. Grotefend: Wennerde – eine mittelalterliche Dorfstätte bei Sarstedt. In: Hannoversches Magazin. Band 8, 1933, S. 78–83. Ebenfalls als Zeuge trat ein gewisser „Deddi de Rothun“ auf, offensichtlich ein Mann aus dem Ortsteil Ruthe, der in der lateinischen Quelle auch latinisiert auftritt.Johann Heinrich Böttcher: Geschichte des Kirchspiels Kirchrode und der Umgegend. Hannover 1858, Band 1, S. 38; Publicationen aus den Preußischen Staatsarchiven, Band 65, Verlag S. Hirzel, 1896, S. 24; Stadtarchiv und Stadtbibliothek Hildesheim (Hrsg.): Alt-Hildesheim, Bände 48–51, Verlag A. Lax, Hildesheim 1977, S. 18; Historischer Verein für Niedersachsen (Hrsg.): Hannoversche Geschichtsblätter (1978), S. 5.

Um das Jahr 1000 hatte der heute nördliche Ortsteil von Sarstedt, Ruthe, an der Mündung von Innerste und Leine schon eine befestigte Schutzanlage und bildete als Besitz des Bischofs von Hildesheim den nordwestlichen Grenzort des Gaues Astfala.Franz Anton Blum: Geschichte des Fürstenthums Hildesheim, Wolfenbüttel 1805, Band 2, S. 72ff. An die strategische Rolle von Sarstedt und Ruthe für den Hildesheimer Bischof erinnert auch der Als kirchlicher Siedlungs- und damit auch Missionspunkt wird Sarstedt (Kertzstadensis) zum ersten Mal im Jahr 1075 und im Vergleich mit dem älteren Missionsstützpunkt Elze lobend erwähnt.(Vgl. Fundatio Ecclesie Hildensemensis, Hildesheim 1075. (Abgedruckt in der zweisprachigen Ausgabe von Adolf Bertram, Hildesheims Domgruft und die Fundatio Ecclesie Hildensemensis […], Hildesheim 1897, S. 7 und 8 (lat. und dt.)): „[…] jene hochgeachtete Kirche von Sarstedt“) Sarstedt liegt auf einem alten Handelsweg, dem Hellweg vor dem Santforde, der im Mittelalter die Bistümer Minden und Hildesheim verbunden hatte.