Die AIM-9 Sidewinder ist eine wärmesuchende selbstgesteuerte Kurzstrecken-Luft-Luft-Rakete aus US-amerikanischer Produktion für den Einsatz durch Kampfflugzeuge und Kampfhubschrauber. Eine Variante der Sidewinder ist die Boden-Luft-Rakete MIM-72 Chaparral. Seit 1958 wurden mit Sidewindern mehr Flugzeuge abgeschossen als mit allen anderen spezifischen Flugkörpern.

Die Sidewinder orientiert sich bei der Zielverfolgung an der Wärmestrahlung mittels eines Infrarotsensors. Hinter dem Suchkopf sind der Gefechtskopf und der Raketenmotor. Die Steuerung leitet den Flugkörper mit Hilfe der Ruder in das Ziel. Der Infrarot-Suchkopf gibt dem Flugkörper Fire-and-Forget-Fähigkeiten. Die Rakete Sidewinder ist nach der Seitenwinder-Klapperschlange benannt.

Geschichte Die AIM-9 wurde ab den späten 1940er-Jahren von der US Navy von einem Entwicklungsteam auf der Naval Ordnance Test Station der US-Marine in China Lake, Kalifornien, unter der Leitung von William B. McLean entwickelt. Sie verwendete einige neue Techniken, die sie einfacher und verlässlicher als ihr Gegenstück bei der Air Force, die AIM-4 Falcon, machten. Nachdem die Falcon im Vietnamkrieg unbefriedigende Leistungen erzielt hatte, ersetzte die Air Force sie durch Sidewinders.

mini|Die Heat-Homing Rocket der U.S. Navy, 1952

Die Firma Philco (später Ford Aerospace) erhielt 1951 den Auftrag zur Entwicklung einer Rakete auf Basis der Erkenntnisse des Navy-Teams. Ein Prototyp der Sidewinder, die AIM-9A, wurde zum ersten Mal am 11. September 1953 erfolgreich abgefeuert, wobei eine umgebaute F6F-5K als Ziel diente. Die erste Produktionsversion AIM-9B wurde ab Frühjahr 1956 als AAM-N-7 an die Navy bzw. als GAR-8 an die Air Force ausgeliefert. Die ersten Serienversionen wurden anfangs als Sidewinder I oder IA, später als AIM-9A oder AIM-9B bezeichnet. Da sie seitdem ständig weiter verbessert wurde, führte dies zu einer Vielzahl verschiedener Versionen, was zusätzlich noch durch den Umstand verstärkt wurde, dass in den 1960er- und 70er-Jahren die US Navy und die US-amerikanische Luftwaffe die Fortentwicklung der Sidewinder getrennt voneinander betrieben. Die Gründe dafür lagen vor allem in der traditionellen Rivalität dieser beiden Teilstreitkräfte, aber auch in den unterschiedlichen Anforderungsprofilen in dieser Zeit. So nahm in der Einsatzdoktrin der US-Marineflieger der Luftkampf gegen feindliche Jäger und Jagdbomber einen wesentlich höheren Stellenwert ein als bei der Luftwaffe, die ihre Hauptpriorität vornehmlich auf die Bekämpfung verhältnismäßig behäbiger Bomber in großen Flughöhen legte. Die ersten Modelle erreichten nur eine Reichweite von etwa 4 km, konnten nur von hinten auf ein Flugzeug abgefeuert werden und ließen sich noch recht leicht von Wolken, Reflexionen, der Sonne und ähnlichen Einflüssen ablenken.

Der Bambini-Code der schweizerischen Luftwaffe für die Sidewinder lautet Siwa.

Überblick

Versionen mini|AIM-9B

AIM-9B Erste Serienversion mit ungekühltem 70-Hz-Bleisulfid-(PbS)-Detektor-Suchkopf mit 4° Blickfeld und rotierendem Spiegel, 25° Schielwinkel und einer Zielverfolgungsrate von 11°/s. Gasgenerator zur Energieversorgung für die 20 s Flugzeit und einer Gasflasche zur Kühlung der elektrischen Bauteile. Sprengkopf mit Splitterwirkung, der von einem passiven Infrarot-Annäherungszünder ausgelöst wird. Passiv bedeutet, dass der Zünder durch die vom Triebwerk des Zielobjektes ausgehende (Infrarot-)Wärmestrahlung ausgelöst wird und dieser nicht – wie bei aktiven Verfahren – selbst eine elektromagnetische Welle aussendet und deren Reflexionen auswertet. Diente als Grundlage der Luft-Boden-Rakete AGM-87 Focus.

AIM-9C Version mit halbaktivem Radarsuchkopf, verbessertem Raketenmotor Rocketdyne MK36 mit längerer Brenndauer und 60 Sekunden gelenkter Flugzeit (dadurch größere Reichweite), größeren Steuerflächen und stärkeren Aktuatoren. Von der US-Marine nur kurze Zeit an der Vought F-8C Crusader verwendet. Restbestände umgebaut zur Anti-Radar-Rakete AGM‑122 Sidearm.

AIM-9D mini|Mit AIM-9D bewaffnete F-4B der U.S. Navy im Vietnamkrieg Version mit stickstoffgekühltem 125-Hz-Suchkopf mit verkleinertem 2,5°-Blickfeld, 27°-Schielwinkel und auf 12°/s erhöhter Zielverfolgungsrate. Erhöhte Reichweite und Wendigkeit dank ogivalem Nasenprofil für geringeren Luftwiderstand, schubstärkerem Raketenmotor mit längerer Brenndauer, größeren Steuerflächen, stärkeren Aktuatoren und neuem Gasgenerator für bis zu 60 s gesteuerter Flugzeit. Weiterhin Installation eines verbesserten Gefechtskopfs mit neuem Annäherungszünder. Marinevariante.

AIM-9E Verbesserte AIM-9B mit Peltier-gekühltem 100-Hz-Suchkopf mit auf 16,5°/s erhöhter Zielverfolgungsrate in einer verlängerten konischen Nase. Luftwaffenvariante. Wird von den japanischen Luftstreitkräften als AAM-1 geführt.

AIM-9F Auch als AIM-9B F.G.W.2 bezeichnet. Verbesserte Variante der AIM-9B mit einem neuen CO2-gekühlten Suchkopf mit einer Zielverfolgungsrate von 16°/s, bei der an Stelle der Röhrenelektronik eine zuverlässigere Transistorelektronik eingesetzt wurde. Diese Variante wurde von der Bodenseewerk Gerätetechnik GmbH für die deutsche Luftwaffe entwickelt und gebaut. Sie wurde nicht von US-amerikanischen Streitkräften verwendet.

AIM-9G Verbesserte Version der AIM-9D mit neuen Zielerfassungsmodi (SEAM, Sidewinder Extended Acquisition Mode). Diese erlauben es, dem Suchkopf mittels des Bordradars ein Ziel zuzuweisen oder aber den Suchkopf in einem speziellen Raster den Bereich vor der Startplattform abtasten zu lassen. Auch über ein Helmvisier konnten Ziele zugewiesen werden. Diese Option wurde aber nur in Verbindung mit der F-4N und F-4S Phantom II genutzt und seit der Einführung der McDonnell Douglas F/A-18 bis zur Einführung der Variante AIM-9X nicht mehr verfolgt. Marinevariante.

AIM-9H Erneute Verbesserung der G-Version mit einer neuen Steuerelektronik, die statt störungsanfälligen Elektronenröhren zuverlässigere Halbleiterbauelemente verwendete. Erhöhung der Zielverfolgungsrate auf 20°/s und stärkere Aktuatoren. Marinevariante.

AIM-9J/N Weiterentwicklung der AIM-9E ab Anfang der 1970er-Jahre, bei der die Elektronik teilweise von Elektronenröhren auf Halbleiterbauelemente umgestellt wurde. Installation eines neuen Gasgenerators für bis zu 40 s gesteuerter Flugzeit und neuer Steuerflächen mit charakteristischen eckigen Doppeldelta-Canards zu Erhöhung der Wendigkeit. Die Variante AIM-9N, zunächst auch als AIM-9J-1 bezeichnet, weist gegenüber der Basisvariante eine überarbeitete Elektronik auf und war vorwiegend für den Export bestimmt. Luftwaffenvariante.

AIM-9L mini|AIM-9L und -9M Stark verbesserte Variante der Sidewinder auf der Basis der AIM-9H, die ab 1977 in Serie produziert wurde. Einsatz eines FM-modulierten argongekühlten Indiumantimonid-Suchkopfs, der erstmals auch die Erfassung von Zielen auch aus der frontalen Hemisphäre erlaubte, während vorige Sidewinderversionen nur von hinten auf ein Ziel abgefeuert werden konnten. Überarbeitete Steuerflächen in Form von spitz zulaufenden Doppel-Canards. Verwendung eines überarbeiteten Gefechtskopfes mit aktivem Laser-Annäherungszünder. Einsatz sowohl bei Luftwaffe als auch Marine und Beendigung der nach Teilstreitkräften getrennten Entwicklungslinien der Sidewinder. Die AIM-9L/i ist eine von Bodenseewerk Gerätetechnik in Lizenz produzierte Subvariante mit verbesserter Unterdrückung von IR‑Gegenmaßnahmen. Sie wurde auch in Japan hergestellt.

AIM-9M Überarbeitete AIM-9L mit raucharmem Raketenmotor MK36 Mod.11, überarbeiteter Elektronik und Unterdrückung von IR-Gegenmaßnahmen (IRCCM). Verschiedene Subvarianten mit einsatz- und nutzerspezifischen Modifikationen.

AIM-9P mini|AIM-9P der Hawaii Air National Guard, 1980 Verbesserte Variante AIM-9J/N mit einigen Subvarianten. P-1: Einsatz des aktiven Laser-Annäherungszünders der AIM-9L. P-2: Verwendung eines raucharmen Raketenmotors. P-3: Kombination der beiden vorigen Varianten. P-4: Verwendung eines All-Aspect-Suchkopfs ähnlich dem der AIM-9L. P-5: Verbesserung der P-4 mit verbesserter Resistenz gegenüber IR-Störmaßnahmen. Die AIM-9P war ursprünglich als leistungsreduzierte Exportvariante zur Ergänzung der AIM-9L konzipiert worden, wurde wegen ihrer vergleichsweise geringeren Kosten und der Möglichkeit, bereits vorhandene AIM-9J/N aufzurüsten, auch von der US-Luftwaffe in größeren Stückzahlen geordert.

AIM-9R Variante der Sidewinder mit abbildendem IR-Suchkopf. Entwicklung Ende der 1980er-Jahre aus Kostengründen eingestellt.

AIM-9S Exportvariante der AIM-9M.

Die Sidewinder ist der von den NATO-Staaten und einigen amerikanischen Verbündeten am meisten genutzte Luft-Luft-Flugkörper. Er ist einer der ältesten, kostengünstigsten und erfolgreichsten Flugkörper im US-Waffeninventar.

Es existiert auch eine Trainingsversion, die ATM-9L. Diese besitzt keine Ruderflossen und keinen Raketenmotor. Sie wird nicht abgefeuert, sondern dient den Zielsystemen des Flugzeugs und dem Piloten als Übungsobjekt zur Erfassung von Zielen, da der Suchkopf voll funktionsfähig ist.

AIM-9X mini|AIM-9X einer F/A-18E, 2008 mini|Frontalansicht einer AIM-9X Nach der Beendigung des Kalten Kriegs und der deutschen Wiedervereinigung kamen westliche Streitkräfte in den Besitz sowjetischer Waffensysteme. Sie stellten fest, dass der modernste Nahkampf-Luft-Luft-Flugkörper des Ostblocks Wympel R-73/A-11 Archer den damaligen westlichen Gegenstücken in nahezu allen relevanten Parametern weit überlegen war. Dies war für die NATO-Streitkräfte überraschend, weil man bis dato angenommen hatte, sowjetische Raketensysteme wären weniger weit entwickelt und man hätte auch zukünftig mit Lenkwaffen in der Leistungsklasse der AIM-9L/M rechnen müssen. Daher wurde entschieden, eine neue Luft-Luft-Rakete zu entwickeln, um zur sowjetischen Entwicklung aufzuschließen.

Ursprünglich wurde erwogen, die britische AIM-132 ASRAAM als Ersatz für die Sidewinder zu beschaffen. Fortwährende Verzögerungen durch Streitigkeiten über die konzeptionelle Auslegung des Flugkörpers zwischen Großbritannien und dem damaligen ASRAAM-Projektpartner Deutschland führten zu einer Beendigung dieser Pläne durch die USA. Stattdessen wurde 1994 ein eigenes Programm für den neuen Kurzstrecken-Luft-Luft-Flugkörper AIM-9X begonnen.

Die AIM-9X wurde zwar der AIM-9-Serie zugeordnet, ist aber eine komplette Neuentwicklung, die lediglich einige Komponenten ihrer Vorgänger verwendet. So wurden bewährte Bauteile wie der raucharme Raketenmotor und der Sprengkopf von der AIM-9M übernommen. Neu ist der Raketenkörper, der wesentlich luftwiderstandsärmer als der früherer Versionen ist. Er wird über die Heckflossen gesteuert, nicht mehr über die vorderen Canards. In Verbindung mit einer ebenfalls neuen Schubvektorsteuerung wird die Manövrierfähigkeit deutlich verbessert. mini|Start einer AIM-9X von einem Multi-Mission Launcher Ein wesentlicher Fortschritt gegenüber den bisherigen AIM-9-Modellen ist der abbildende IR-Suchkopf, dessen Herzstück ein Bildsensor als Focal plane array mit 128×128 Elementen ist. Dieser besitzt eine größere maximale Erfassungsreichweite als die Suchköpfe früherer Sidewinder und kann durch eine Auswertung des IR-Bildes das eigentliche Ziel zuverlässig von Störmaßnahmen unterscheiden. Hinzu kommt, dass eine Erfassung von Zielen bis zu 90° abseits der Flugrichtung möglich ist, während ältere Modelle der AIM-9-Serie nur 27,5° erfassten. Die Rakete verwendet zur Steuerung nun einen Digitalrechner, dessen Mikroprozessor wesentlich komplexere Daten und Algorithmen verarbeiten kann.

Die Kommunikation zwischen dem Flugkörper und dem Feuerleitrechner der Plattform wird erstmals digital abgewickelt. Neuere Flugzeuge beherrschen diesen Modus; für Plattformen, bei denen sich eine Umrüstung nicht mehr lohnt (F-14, AV-8B und AH-1 Cobra), hat die Rakete einen analogen Kompatibilitätsmodus, in dem sie sich wie eine AIM-9M verhält und sich gegenüber dem Feuerleitrechner auch so identifiziert.