mini|hochkant|Ein xalamkat der Wolof, 1910 Xalam (Wolof), auch khalam, halam, kalam (der erste Buchstabe steht für den uvularen Frikativ ch), ist eine fünfsaitige gezupfte Binnenspießlaute mit einem langovalen hölzernen Korpus, einer Hautdecke und einem fächerförmigen Steg, die von xalamkat genannten Berufsmusikern (Griots) der Wolof in Senegal, Gambia und im Süden von Mauretanien gespielt wird. Die Mandinka nennen eine ähnliche Binnenspießlaute ngoni und bei Berbern in Mauretanien heißt dieser in Westafrika verbreitete Lautentyp tidinit. Auch die musikalische Tradition teilt die xalam mit anderen Binnenspießlauten. Die unterschiedlichen westafrikanischen Zupflauten gehen mutmaßlich auf altägyptische Vorbilder zurück. Die xalam galt bis um 2000 als Vorläuferin des amerikanischen Banjos, das von afrikanischen Sklaven in der Karibik entwickelt wurde.
Herkunft und Verbreitung mini|Altägyptische Lautenspielerinnen. Eine Langhalslaute mit einem annähernd kreisrunden und die andere mit einem langovalen Korpus. Zeichnung in François-Joseph Fétis, Histoire générale de la musique, 1869. Leiern und Bogenharfen sind erstmals von Abbildungen aus der sumerischen Zeit in Mesopotamien ab dem Anfang des 3. Jahrtausends v. Chr. und etwas später auch aus dem Alten Ägypten bekannt. Die dritte und letzte Gruppe der Saiteninstrumente sind die Lauten, die mit den Hyksos (17./16. Jahrhundert v. Chr.) nach Ägypten gelangten, wo die einfachen westasiatischen Langhalslauten weiterentwickelt wurden und zwei symmetrische Schalllöcher in der Decke erhielten.Harvey Turnbull: The Origin of the Long-Necked Lute. In: The Galpin Society Journal, Band 25, Juli 1972, S. 58–66, hier S. 63 Wandbildern aus dem Neuen Reich (1550 bis 1070 v. Chr.) zufolge wurden Langhalslauten bei Bankettszenen und rituellen Prozessionen verwendet. Einigen gut erhaltenen Funden von Lauten aus der pharaonischen Zeit zufolge gehörten diese typologisch zu den Spießlauten, bei denen der schlanke Halsstab durch den Resonanzkörper hindurch gesteckt ist oder auf beiden Seiten über den Rand hinwegführt. Unterschieden werden Lauten mit einem etwa kreisrunden Korpus (meist aus einem Schildkrötenpanzer gefertigt) und mit einem langovalen, aus Holz geschnitzten Korpus.Hans Hickmann: Musikgeschichte in Bildern. Band 2: Musik des Altertums. Lieferung 1: Ägypten. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1961, S. 68 Die Saiten der altägyptischen Lauten waren am oberen Ende nicht an Wirbeln, sondern mit Schnurwicklungen direkt am Halsstab festgebunden. Erst die in frühchristlicher, koptischer Zeit gebauten Halslauten, deren Korpus und Hals aus einem Block geschnitzt sind, besitzen Wirbel.Ricardo Eichmann: Extant lutes from the New Kingdom and the Coptic Period of Ancient Egypt. In: Iconea, 2011, S. 25–37, hier S. 27
Eine instrumentenkundlich von den Spießlauten unterschiedene Gruppe innerhalb der Lauteninstrumente bilden die Binnenspießlauten vom Typ der xalam, deren Halsstab in den Korpus hineingesteckt ist oder so auf dessen Rand aufliegt, dass er kurz vor der gegenüberliegenden Seite im Innern endet. Auch manche altägyptische Langhalslauten gehörten wohl zu dieser Gruppe. Wahrscheinlich trifft dies auch für zwei Lauten mit einem birnenförmigen Korpus aus der pharaonischen Spätzeit (um 700 v. Chr.) zu, bei denen die erhaltenen Einzelteile entsprechend zusammengepasst werden können. Ricardo Eichmann (1987) stellt eine Verbindung von diesen altägyptischen Lauten zur heutigen marokkanischen Binnenspießlaute gimbri (gunbrī) her.Ricardo Eichmann: Zwei Schalen-Spießlauten aus einer spätzeitlichen Nekropole bei Abusir el-Meleq. In: Jahrbuch der Berliner Museen, Band 29/30, 1987/1988, S. 7–36, hier S. 19, 35 Die gimbri mit ihren am Halsstab festgebundenen Saiten markiert den Endpunkt der mutmaßlichen Ausbreitungsroute der Binnenspießlauten, die zusammen mit den Spießlauten von Ägypten den Nil aufwärts zunächst nach Nubien und weiter südlich der Sahara bis nach Westafrika führte, von wo die gimbri nach Norden in die schwarzafrikanisch beeinflusste Musik Marokkos gelangte. Die Binnenspießlauten und Spießlauten verbreiteten sich somit über eine andere Route und unabhängig von der islamischen Eroberung der Araber entlang der nordafrikanischen Küste, die ab etwa 700 den Maghreb beherrschten. Henry George Farmer (1928) zufolge haben die arabischen Eroberer die gimbri im Maghreb bereits vorgefunden.Henry George Farmer: A North African Folk Instrument. In: Journal of the Royal Asiatic Society of Great Britain and Ireland, Nr. 1, Januar 1928, S. 24–34, hier S. 27
mini|Drei Griots der Fulbe mit Binnenspießlauten hoddu im Dienst des Königs Sambala von Médine, einem Dorf in der Region Kayes in Mali, 1890. Laut der mündlichen Überlieferung der Soninke sollen Zupflauten im mittelalterlichen Reich von Ghana gespielt worden sein.Eric Charry, 1996, S. 3 Den ersten schriftlichen Beleg für Binnenspießlauten in Westafrika liefert Ibn Battuta (1304–1377), der sich auf seiner Reise durch Westafrika im Jahr 1352 für mehrere Monate beim König des Malireichs aufhielt. Ibn Battuta beschreibt, wie der Sultan bei besonderen Anlässen sein Palastareal betrat und ihm dabei Musiker mit zweisaitigen Zupflauten vorausgingen. Die mit dem Wortumfeld von gimbri benannte Laute (basierend auf der arabischen Wurzel q-n-b-r)Eric Charry, 1996, S. 11 soll aus Gold und Silber bestanden haben. Diese Schilderung stellt auch den frühesten Nachweis für die Existenz von Berufsmusikern (Griots) im Dienst eines Herrschers in Westafrika dar.Michael Theodore Coolen, 1983, S. 479
Der venezianische Seefahrer und Händler Alvise Cadamosto berichtet von seinen Reisen 1455 und 1456 bis an die Mündung des Senegal-Flusses, dort gäbe es lediglich zwei Musikinstrumente: eine große Trommel und eine zweisaitige gezupfte Laute. In der vom Buchdrucker Valentim Fernandes 1506–1510 herausgegebenen Handschriftensammlung ist ein portugiesischer Reisebericht enthalten, der Griots als Spaßmacher und Sänger beschreibt, die Laute und cavaco spielen (portugiesisch cavaco, eine etwas größere Variante der gitarrenähnlichen Kastenhalslaute cavaquinho). Zu Form und Musik dieser Laute äußert sich Michel Jajolet de la Courbe, einer der Direktoren der französischen Senegalkompanie, in seinem Reisebericht von 1685 anerkennend, denn die Griots sangen für ihren Auftraggeber und für ihn Preislieder mit lauter Stimme. Sie begleiteten sich demnach auf einer angenehm zu hörenden kleinen Laute mit drei Saiten aus Pferdehaaren. Am Saitenträger der Laute waren Glöckchen festgebunden.Eric Charry, 1996, S. 21f Dass an der Laute zusätzlich klingende Metallteile befestigt gewesen sein konnten, bestätigt Georg Høst, von 1760 bis 1768 dänischer Konsul in der marokkanischen Hafenstadt Essaouira. Zur Abbildung einer dreisaitigen marokkanischen gimbri mit einem langen schlanken Korpus erklärt er: „Getára genáua, die gleichfalls allein von den Negern gebraucht wird...sie wird nur mit den Fingern berührt, das oberste ist eine dünne eiserne Platte mit Ringen besetzet, die ein starkes Geräusch geben.“Georg Høst: Nachrichten von Maroccos und Fes, im Lande selbst gesammelt, in den Jahren 1760 bis 1781. Aus dem Dänischen übersetzt. Kopenhagen 1781, S. 261f; zitiert nach: Paul Collaer, Jürgen Elsner: Musikgeschichte in Bildern. Band 1: Musikethnologie. Lieferung 8: Nordafrika. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1983, S. 170 Mit Ringen besetzte Eisenplättchen, die als Pendelrasseln fungieren, sind bei westafrikanischen Binnenspießlauten bis heute weit verbreitet, etwa bei einigen Lauten der Hausa.Ulrich Wegner, 1984, S. 139
Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts sind nur wenige weitere Reiseberichte bekannt, in denen Zupflauten erwähnt werden. Der Afrikaforscher René Caillié bemerkt 1824 über seinen Aufenthalt bei den in der westlichen Sahara lebenden Bidhan, dass deren Berufsmusiker zur Gesangsbegleitung zwei Instrumente verwenden. Eines davon beschreibt er als wohlklingende Laute aus einem mit Schafshaut bespannten Kalebassenkorpus und fünf Saiten aus gedrehtem Pferdehaar. Zur Rolle eines Griot ergänzt Caillié, dieser sitze häufig im Zelt des Königs und singe schwärmerische Lobhudeleien, die jeden erröten lassen müssten, sofern er nicht der König selbst ist. Dabei werde der Sänger üblicherweise von seiner Frau und seinen Kindern begleitet, die auf seine Verse im Chor antworten.Michael Theodore Coolen, 1983, S. 479; ders., 1984, S. 122 Nach weiteren Berichten aus dem 19. Jahrhundert scharte ein König oder ein anderer Höhergestellter zwei oder drei Griots um sich, deren Aufgabe es war, bei verschiedenen Gelegenheiten ihren Dienstherren in Liedern zu preisen.Richard Wallaschek: Primitive Music: An Inquiry into the Origin and Development of Music, Songs, Instruments, Dances, and Pantomimes of Savage Races. Longmans, Green, and Co., London 1893 S. 66f Diese Tradition der Zupflaute ist in Westafrika seit vielen Jahrhunderten weit verbreitet.
Alle afrikanischen Binnenspießlauten sind Zupfinstrumente, dagegen werden Lauten mit einem durchgehenden Spieß entweder gezupft oder mit einem Bogen gestrichen. Mit Ausnahme der marokkanischen gimbri habe alle Binnenspießlauten einen schalenförmigen Resonanzkörper.Ulrich Wegner, 1984, S. 114, 138 Westafrikanische Binnenspießlauten lassen sich nach zwei hauptsächlichen formalen Kriterien unterscheiden: Die Korpusform ist trogförmig aus einem Holzblock geschnitzt und der Steg steht V-förmig oder fächerförmig sich nach oben verbreiternd auf dem Ende des Saitenträgers und ragt über die Hautdecke. Hinzu kommt ein soziales Unterscheidungskriterium, denn dieser Typ wird ausschließlich von Berufsmusikern (Griots) gespielt. Dieser „Griot-Laute“ stehen Binnenspießlauten gegenüber, deren Korpus aus einer Kalebassenhalbschale oder wie bei der im Norden des Tschad gespielten keleli aus einem Blechtopf besteht und deren zylindrischer Steg (aus einem Rundstab) auf der Hautdecke liegt. Dieser Lautentyp unterliegt keinen sozialen Restriktionen und wird von jedermann zur eigenen Unterhaltung oder bei sonstigen sozialen Anlässen gespielt. Auch bei diesen nicht von Berufsmusikern gespielten Binnenspießlauten kann der Korpus aus einem Holzblock geschnitzt sein. In diesem Fall haben die Lauten mehrere Saiten, während Instrumente mit Kalebassenkorpus lediglich eine oder zwei Saiten besitzen.Eric Charry, 1996, S. 4–6
mini|Spießlaute akonting mit rundem Kalebassenkorpus und durchgehendem Spieß Zu den Nicht-Griot-Binnenspießlauten mit einem zylindrischen Steg gehören neben der keleli die gimbri der Gnawa in Marokko, die molo mit einem ovalen trogförmigen Korpus der Hausa in Nigeria, die kwamsa mit einem kreisrunden Korpus aus einer Kalebasse im nigerianischen Bundesstaat Sokoto, die ebensolche zweisaitige garaya der Hausa und die einsaitige kuntigi der Hausa.
Der xalam entsprechende Griot-Lauten mit einem fächerförmigen Steg und einem trogförmigen Holzkorpus sind unter anderem die ngoni der Mandinka, die wohl Ibn Battuta in Mali sah, die tidinit in Mauretanien, die tahardent der Tuareg, die gambare der Soninke und die vier- oder fünfsaitige hoddu der Fulbe.Eric Charry, 1996, S. 23–26 Ein anderer Name für eine große xalam in Senegal und in Gambia ist bappe,Bappe. In: Grove Music Online, 13. Januar 2015 während im Osten Senegals für die fünfsaitige xalam die Bezeichnung diassaré geläufig ist.Tolia Nikiprowetzky: The Griots of Senegal and Their Instruments. In: Journal of the International Folk Music Council, Band 15, 1963, S. 79–82, hier S. 80