mini|hochkant=1.1|Untertagebau der Ahlemer Asphalt-Gruben, 1912 mini|hochkant=1.1|Tagebau der Asphalt-Gruben, 1910
Die Ahlemer Asphalt-Gruben sind ehemalige Stollenbergwerke und frühere Tagebaue im Stadtteil Ahlem in Hannover, in denen von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis 1925 asphalthaltiges Gestein abgebaut wurde. Während die Tagebaue wieder verfüllt wurden, kam es bei den Stollen zu Erweiterungen für die unterirdische Rüstungsproduktion im Zweiten Weltkrieg. Über dem Stollensystem entstand ab den 1950er-Jahren eine Wohnbebauung. Von 2021 bis 2025 fanden in dem Gebiet Erkundungs- und Sicherungsarbeiten wegen Bergschäden statt, nachdem es akute Hinweise auf eine altersbedingt nachlassende Standfestigkeit des Altbergbaus gab.
Beschreibung Bei der Grubenanlage handelt es sich um einen tagesnahen Bergbau mit Schächten und Gängen in einer Tiefe von etwa 20 bis 50 Meter. Zum Abbau wurde das Gestein mit Dynamit gesprengt sowie mit Drucklufthämmern bearbeitet. Es wurde mit Gruben- und Förderwagen zum Förderschacht transportiert, wo es im Förderkorb an die Erdoberfläche gelangte. Nicht abgebaute Teile des Gesteins dienten als Stützpfeiler der Stollen.
Die Grube besteht mit dem Süd-, dem Mittel- und dem Nordstollen aus drei unterirdischen Stollensystemen mit einem schachbrettartigen Muster von Gängen im Süd- und Mittelstollen. Der Nordstollen verfügt über mehrere übereinander liegende Abbauflächen. Die Gänge verlaufen zum Teil nicht waagerecht, sondern haben eine Neigung von bis zu 25 Grad. Die Stollen dehnen sich in einem Gebiet mit einer Breite von maximal 300 Metern und einer Länge mit etwa 500 Metern aus. Das Gebiet hat eine Gesamtfläche von rund sechs Hektar. Die Gänge sind jeweils drei bis vier Meter breit und ebenso hoch. Es gibt auch Hohlräume mit einer Höhe bis zu 10 Meter. Das Volumen der Stollenanlage wird auf 100.000 m3 geschätzt. Das darüber liegende Deckgebirge hat zum Teil nur eine Mächtigkeit von 17 Metern. Dabei bestehen die obersten fünf Meter aus nicht tragfähigen Lockermassen, wie Schutt, Schotter oder Kies.
Westlich des Nordstollens und westlich des Südstollens gab es offene Tagebaue, in denen in der Anfangszeit Asphalt abgebaut wurde. Sie wurden später aufgefüllt.
Geologie Bei Ahlem befinden sich im Untergrund drei Verwerfungen, in denen Erdöl aus dem Lias in den erdgeschichtlich jüngeren Kalkstein aus dem Oberjura bis an die Erdoberfläche aufsteigen konnte. Dort entwichen die flüssigen Bestandteile und Bitumen blieb in einer sechs Meter hohen Schicht zurück. Erstmals beschrieb der Geologe Heinrich Credner die Lagerstätte in einem 1863 erschienenen Buch. Demnach ließe sich in den Steinbrüchen bei Ahlem ein Mergelkalk mit einem Bitumengehalt von 12 bis 18 Prozent beobachten. Laut Credners Beschreibung treten bei Sonneneinstrahlung an den Wänden der Steinbrüche Erdöl und Erdpech hervor. 1919 beschrieb der Geologe Friedrich Schöndorf (1884–1941) das Vorkommen als sekundäre Lagerstätte, da der Naturasphalt mit dem Kalkstein nicht gleichzeitig entstanden ist. Er bezeichnete die Fundstätte als Limmer Gruben, was wahrscheinlich in der Nähe zum Dorf Limmer begründet ist.
Geschichte mini|Zeichnung des Tagebaus der Deutschen Asphalt in den Ahlemer Asphalt-Gruben mit Verarbeitungsbetrieben und einem unterirdischen Eingang (1882)
Das Vorhandensein von bituminösem Asphaltgestein bei Ahlem war seit etwa 1730 bekannt. Mangels Verwendungsmöglichkeit wurde es nicht genutzt. Der Gastwirt und Betreiber des Limmerbrunnens Dietrich Heinrich Henning entdeckte es 1842 wieder. Eine von ihm veranlasste Untersuchung durch das Polytechnikum Hannover ergab, dass es sich um asphalthaltigen Kalkstein handelte. Das Gestein ließ Henning von Arbeitern im Tagebau abbauen. Verarbeitet wurde es in seiner 1846 im nahegelegenen Limmer gründeten Asphaltfabrik zu Asphaltmastix für Beläge und Abdichtungen. Bald wurde Henning der Titel des „Königlichen Hof-Asphalt-Fabrikanten“ verliehen.Stollen und Fabriken: So wurde einst Asphalt in Ahlem abgebaut in Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 28. April 2022.
Kurz nach 1846 baute auch August Egestorff, ein Verwandter von Johann Egestorff, Gestein in der Asphaltlagerstätte ab und verarbeitete es in seiner Asphaltfabrik in Linden. 1856 vereinigten sich die beiden abbauenden Betriebe zu Henning & Egestorff. 1871 wurde das Unternehmen an die englische The United Limmer-Vorwohle Rock Asphalte-Company (genannt: Englische Asphalt) verkauft, die den Abbau fortsetzte. 1873 stieg die Deutsche Asphalt (DASAG) in den Asphaltabbau ein. Sie errichtete die erste Asphaltfabrik in Ahlem, wo sie zunächst den im südniedersächsischen Vorwohle abgebauten Asphalt verarbeitete. Um 1880 wurden zur Förderung in Ahlem erste Schachtanlagen bis in 50 Meter Tiefe abgeteuft.
20. Jahrhundert Seit 1905 gehörten die Abbaugruben drei Gesellschaften, die neben dem Tagebau auch den Untertagebau betrieben. Dabei förderten die Hannoversche Baugesellschaft und die Deutsche Asphalt jeweils aus einem Schacht und die Englische Asphalt aus zwei Schächten.Asphaltvorkommen bei holzfragen.de Das abgebaute Gestein wurde in den Fabriken der abbauenden Unternehmen in Ahlem, Linden und Limmer weiterverarbeitet. Es fand unter der Bezeichnung „Limmer Asphalt“ Abnehmer in zahlreichen europäischen Ländern und in Amerika.Franz-Jürgen Harms: Asphalt und Kalkstein aus Ahlem in Naturhistorica 162, 2020 Als Fördermenge an asphalthaltigem Gestein nannte die Deutsche Asphalt 1912 durchschnittlich 5000 Tonnen pro Jahr, was aus heutiger Sicht gering ist. 1914, beim Beginn des Ersten Weltkriegs, wurde der Untertageabbau eingestellt. Grund war der Mangel an Kohle, mit der Dampfmaschinen zum Abpumpen des eindringenden Grubenwassers betrieben wurden. 1925, einigen Angaben zufolge 1926, wurde auch der Tagebau eingestellt.
Während des Zweiten Weltkriegs kam es nach dem Abpumpen des Grubenwassers im Jahr 1943 zu einer Erweiterung der Stollen, deren Ausmaß nicht bekannt ist. Die Arbeiten erfolgten 1944 und 1945 vor dem Hintergrund einer geplanten Untertageverlagerung von Rüstungs-Produktionsanlagen der Continental AG und der Maschinenfabrik Niedersachsen Hannover. Zur Ausführung wurden Häftlinge des KZ-Außenlagers Hannover-Ahlem gezwungen. Das aus etwa fünf Baracken bestehende Lager wurde eigens für diesen Zweck errichtet und befand sich am Rande eines früheren Asphalttagebaus nahe einem Stolleneingang. Die feuchte und kalte Arbeitsumgebung unter Tage sowie die schwere körperliche Arbeit mit Hacke und Schaufel in 12-Stunden-Schichten führten zu einer hohen Sterblichkeit. Während des fünfmonatigen Bestehens des KZ-Außenlagers starb etwa die Hälfte der 1500 Häftlinge. Ein Stollenbereich diente in dieser Zeit der Bevölkerung als Luftschutzbunker bei den Luftangriffen auf Hannover.
In der Nachkriegszeit wurden die Grubeneingänge zugeschüttet. Der Grubenbau wurde nicht verfüllt. Im Laufe der Zeit füllte er sich mit Wasser und wurde unzugänglich. Seit den 1950er-Jahren entstand eine Bebauung über der Bergwerksanlage, überwiegend in Form von Wohnbebauung. Obwohl 1950 das damalige Bergamt Hannover empfohlen hatte, keine Gebäude über dem Altbergbau zu errichten,Karl Doeleke: Einsturzgefährdete Häuser in Hannover-Ahlem: Hätte über den Stollen nie gebaut werden dürfen? In: Hannoversche Allgemeine Zeitung. 13. Mai 2022. genehmigte die Baubehörde eine Bebauung, da sie Bergschäden für möglich, aber überwiegend für unwahrscheinlich hielt.
Einsturzgefahr mini|Abgesperrter Garagenhof, unter dem sich ein Hohlraum befand. Auf dem Hof Einfüllstutzen zum Einpumpen von Verfüllungsmasse, 2022
Im Jahr 1994 kam es auf dem Sportplatz in Ahlem zu einem TagesbruchBert Strebe: Ohne festen Boden unter den Füßen: So leben die Menschen mit den Asphaltstollen in Ahlem In: Hannoversche Allgemeine Zeitung. 4. Juni 2022, S. 19 mit einem Durchmesser von sieben Metern und einer Tiefe von fünf Metern. Der Erdeinbruch geschah über einem verfüllten Grubenschacht des Asphaltbergbaus, der mit einer Betonplatte abgedeckt war.Antwort der Verwaltung auf die Anfrage der CDU-Fraktion zu den Asphalt-Gruben Ahlem bei Stadt Hannover vom 30. November 2021 Seit 2013 war der Stadt Hannover bekannt, dass bei den Bergbaustollen eine gewisse Einsturzgefahr gegeben war. Ein Sachverständiger hatte bei einer kleinflächigen Untersuchung festgestellt,Karl Doeleke: Einsturzgefährdete Asphaltstollen in Hannover-Ahlem: Niemand wollte zuständig sein In: Hannoversche Allgemeine Zeitung. 28. April 2022. dass das Deckgebirge zwar überwiegend stabil war, aber Tagesbrüche nicht ausgeschlossen werden konnten. Das Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) warnte im Jahr 2021 die Stadt Hannover unter Hinweis auf eine vergleichbare Asphaltgrube in Südniedersachsen.Asphalt-Gruben Hannover-Ahlem, Informationsdrucksache der Stadt Hannover vom 4. Oktober 2021 (PDF, 506 kB) Dort seien Sicherungsmaßnahmen notwendig, da ein Gruben- und Stollensystem der Deutschen Asphalt bei Holzen das Ende seiner Lebensdauer erreicht habe.Andreas Schinkel: Probleme mit Asphaltgruben gibt es nicht nur in Hannover – auch Holzen bei Eschershausen ist gefährdet In: Hannoversche Allgemeine Zeitung. 12. Mai 2022. Daraufhin setzten in Ahlem umfangreiche bergbauliche Untersuchungen ein, deren Grundlage unter anderem alte Grubenrisse waren. Es wurden Erkundungsbohrungen vorgenommen, die auch zur Entdeckung unbekannter Hohlräume führten.Conrad von Meding: Notsperrung wegen Hohlraum in Ahlem: Auch Stadtbahnen fahren nicht mehr In: Hannoversche Allgemeine Zeitung. 19. April 2022. Im Ergebnis zeigte sich, dass an einigen Stellen keine Gefahr und an mehreren Stellen eine konkrete Gefahr für Tagesbrüche bestand. Die Hauptdurchgangsstraße Heisterbergallee wurde im Jahr 2022 an gefährdeten Stellen gesperrtBernd Haase: Hohlraum entdeckt – Stadt Hannover muss Teilbereich der Heisterbergallee sperren In: Hannoversche Allgemeine Zeitung. 31. März 2022., außerdem wurden zwei Wohngebäude geräumt, da eine akute Tagebruchgefahr wegen des oberflächennah liegenden Stollens nicht ausgeschlossen wurde.Räumung in Ahlem: Bewohner dürfen wohl erst in Monaten zurück bei ndr.de vom 6. Mai 2022.Conrad von Meding: Gutachter entdecken weitere Stollen in Ahlem – Stadt Hannover lässt zweites Wohnhaus räumen In: Hannoversche Allgemeine Zeitung. 11. Mai 2022. An einer Stelle war unterhalb von Garagen bereits ein Schacht eingebrochen, und es hatte sich ein vier Meter tiefer Hohlraum gebildet, der verfüllt wurde.Ahlem: Mieter haben einsturzgefährdetes Haus verlassen bei ndr.de vom 5. Mai 2022. Die Garagen wurden nur noch von ihrer Bodenplatte aus Beton gehalten, die bereits angebrochen war. Im Jahr 2024 sackte der Boden unter einem Haus im Radius von fünf Metern ab, da sich offenbar der darunter befindliche Mittelstollen gesenkt hatte.Asphaltstollen abgesackt: Behörden lassen Haus in Hannover räumen bei ndr.de vom 18. Juni 2024 Betroffen von einer latenten Gefährdung in dem Gebiet sind rund 70 Gebäude und etwa 100 Grundstücke.
Behördlicher Konflikt um die Zuständigkeit