Die Kleidermode des Rokoko, ähnlich wie die Architektur dieser Epoche, gilt als Fortführung des Barock und wird im Allgemeinen von etwa 1720 bis 1770 datiert, zum Teil auch bis zum Ausbruch der Französischen Revolution 1789. Hauptausgangspunkt der Modeentwicklung war bis um 1760 der französische Königshof in Versailles, an dem sich die Mode in Gesamteuropa orientierte.

Geschichtlicher Hintergrund Mit dem Tod Ludwigs XIV. 1715 verwaiste der französische Hof, da der spätere König Ludwig XV. noch nicht volljährig war. Die wohlwollenden oder abfälligen Äußerungen Ludwigs XIV. hatten großen Einfluss auf die Mode seiner Zeit gehabt; das stark reglementierte Hofzeremoniell hatte obendrein dem Hochadel die Hofkleidung weitgehend vorgeschrieben. In der darauf folgenden Régence fiel das höfische Kleiderreglement ebenso weg wie die Rolle des obersten Moderichters in Person des Königs.

Viele Aristokraten verließen Versailles und zogen in die unzähligen Palais, Stadtschlösser und Appartements der Stadt Paris. Dadurch bildete sich ein neues gesellschaftliches Leben aus, das sich dezentral in den Salons der feinen Damen abspielte. Was modisch war und was nicht, wurde nunmehr vor allem in diesen Salons festgelegt, und das änderte sich auch mit der Volljährigkeit und offiziellen Thronbesteigung des neuen Königs nicht. Es wurde möglich, eine mittlerweile als unmodern empfundene Steifheit in Kleidung und Benehmen abzulegen. Die Strömung der Empfindsamkeit führte zu einem Gefühlskult, der sich gegen repräsentative Machtentfaltung richtete. Seit Jean-Jacques Rousseaus Zurück zur Natur! bekamen auch das Naive und das Ländliche hohen Stellenwert.

Vom frühen bis zum Hochrokoko (ca. 1720–1750) mini|Kundschaft einer Pariser Kunsthandlung, 1720

In der Zeit zwischen dem Tod Ludwigs XIV. und der Thronbesteigung Ludwigs XV. gab es kein offizielles Hofzeremoniell, so dass sich nicht-höfische Modeströmungen durchsetzen konnten.

Die Damenmode So kam die Robe Volante in Mode, die auch als Robe Battante bezeichnet wurde: Ein Kleid mit tief eingelegten Falten vorn und hinten, die ab Schulterhöhe aufsprangen. Ursprünglich ein bequemes Hauskleid, wurden diese Roben zunehmend auch von Bürgerlichen und Zofen auf der Straße getragen. Von der Konstruktion her lehnt sich die Robe Volante an das Hofkleid des späten 17. Jahrhunderts an: Ein Rock und ein darüber getragenes, mantelartiges (Manteau)-Kleid, das vorne mehr oder weniger weit offen bleibt, so dass die Schnürbrust sichtbar wird. Die Ärmel sind ellbogenlang und haben aufgesetzte Ärmelaufschläge, die in der Form an heutige Schwimmflügel erinnern. Im Verlauf der 1720er wurde dieses später Robe à la française genannte Kleid zunehmend auch von adligen Damen außer Haus getragen. Diese Roben umspielten den Oberkörper nur lose und wurden ab ca. 1715 von immer größer werdenden Reifröcken aufgespreizt. Da die Konstruktion früher Reifröcke der von Hühnerkörben der Zeit ähnelte, wurden sie Panier (frz. Korb) genannt.

mini|Tanzstunde in Italien, 1741

Waren die frühesten Reifröcke um 1710 herum noch kegelförmig gewesen, wurden sie während der 1720er Jahre kuppelförmig und um 1730 vorn und hinten abgeflacht-oval. Die Roben darüber wurden gleichzeitig immer taillierter. Aus den 1740ern haben sich Prachtroben (höfische und/oder Hochzeitsroben) erhalten, die im Querschnitt sehr flach oval sind, im Aufschnitt rechteckig oder trapezförmig (d. h. unten mehr oder minder ausgestellt, z. B. Victoria & Albert Museum, Inventarnummer T.260 & A-1969) oder halbkreisförmig (z. B. Krönungskleid der Luise Ulrike von Schweden, Livrustkammaren, Stockholm).

In England und den Niederlanden hielt sich über die 1720er Jahre hinaus eine Kleiderform, die in England Mantua genannt wurde und direkt vom Manteau des späten 17. Jahrhunderts abstammt. Während bei der Robe à la française die Rückenfalten lose herabfallen, werden sie bei der Mantua fest eingebügelt und zum Teil angenäht.

Prachtentfaltung bestand im frühen 18. Jahrhundert vor allem darin, großmustrige Seidenbrokate oder ‑damaste aus Spitalfields bzw. Lyon zu verarbeiten, für besondere Anlässe auch mit Gold- oder Silberfäden durchwirkte Seiden oder Gold- bzw. Silberstickerei, kombiniert mit Klöppelspitzen am Ausschnitt und am Ellenbogen (Engageantes). Verzierungen in Form von Rüschen, Schleifen oder ähnliches waren bis um ca. 1750 noch nicht üblich. Da die Robe zwischen Dekolleté und Bauch aufklaffte, wurde dort die Schnürbrust meist durch einen Stecker verdeckt, sofern sie nicht selbst prächtig verziert war.

Das Haar wurde im Allgemeinen aufgesteckt getragen; die Frisuren waren schlicht. Perücken und Haarteile waren für Damenfrisuren noch nicht üblich, weil das natürliche Haar für die modischen Frisuren ausreichte. Mindestens außer Haus, meist aber auch im Haus, trugen Frauen und Kinder eine Haube.

Die Herrenmode So, wie die Robe à la française auf Formen des späten 17. Jh. zurückgeht, kann auch der Herrenrock des frühen 18. Jh. seine Abstammung von Röcken des späten 17. Jh. nicht verleugnen. Ein vollständiger Männeranzug besteht aus Kniehose (Culotte), Weste und Rock (Justaucorps). Zu Anfang des 18. Jahrhunderts sitzt der kragenlose Rock eng, kann vom Hals bis zu den Knien zugeknöpft werden (wird aber, wie das ganze Jahrhundert lang, meistens offengelassen), die Ärmel reichen nicht bis zum Handgelenk, dafür reichen die weiten Ärmelaufschläge bis zum Ellenbogen oder sogar darüber hinaus. Relativ weit unten, etwa auf Hüfthöhe, sind Taschen angebracht, die von großen, leicht gebogenen, mit Knopfschluss versehenen Klappen verdeckt werden.

Die Weste ist fast ebenso lang wie der Rock und hat kleinere Taschen. Anfangs waren Westen noch so gearbeitet, dass man sie ohne Rock darüber tragen konnte, d. h., sie hatten Ärmel und die Vorderseite und Rücken waren aus dem gleichen Stoff (z. B. V&A Nr. T.200-1984). Ab ca. 1720 wird die Weste der Tatsache angepasst, dass immer ein Rock darübergetragen wurde: Die Ärmel verschwinden, und da der Westenrücken unsichtbar bleibt, ist nur die Vorderseite mit dekorativem, kostbarem Stoff belegt, während die Rückseite meist aus naturfarbenem Leinen besteht. Der Rücken ist in der hinteren Mitte von den Schulterblättern bis zum Saum geschlitzt, so dass hier durch eine Schnürung die Weite reguliert werden kann. Ärmelwesten werden nunmehr fast ausschließlich von der arbeitenden Bevölkerung getragen.

Die Kniehose ist mit leicht gespreizten Beinen und voluminösem Hosenboden geschnitten. Dies ist nötig, um trotz einer am unteren Oberschenkel eng anliegenden, am Knie befestigten Hose sitzen und reiten zu können.Victoria & Albert Museum Nr. T.435-1967 Um beim Ankleiden den Fuß durch die enge Stelle am Knie stecken zu können, wird in die äußere Hosenbeinnaht ein Schlitz mit Knopfschluss eingearbeitet. Das Knieband wird mit einer Schnalle verschlossen.

Während am Anfang des Jahrhunderts die Strümpfe noch oft über das untere Ende der Kniehose gezogen wurden, werden sie ab ca. 1730 immer öfter darunter getragen. Kurz unter dem Knie getragene Strumpfbänder hindern sie daran, herunterzurutschen.

Im Verlauf des frühen 18. Jh. werden die Rockschöße allmählich weiter; wie die Reifröcke der Damen erreichen sie in den 1740ern ihre größte Weite. Die Schöße wurden in jener Zeit oft ganzflächig durch Roßhaar verstärkt. Die Ärmel werden länger (bis fast zum Handgelenk), die Weste ein wenig kürzer. Um 1750 ist die Weste kaum noch knielang.

Anders als die Damen trugen die Herren oft Perücken. Bis um 1750 war der vorherrschende Stil die Bourse (dt.: Börse), d. h. ein Pferdeschwanz, der in einen schwarzen Taftbeutel gesteckt wurde. Die eigenen oder die Perückenhaare wurden mit Pomade bestrichen, so dass der Haarpuder daran haftete. Der Puder bestand aus feinem Mehl, das entweder weiß gelassen oder mit Ruß, Ocker oder Zinnober eingefärbt wurde.Johann Bartholomäus Trommsdorff: Kallopistria, oder die Kunst der Toilette für die elegante Welt. Erfurt 1805. So, wie eine Frau außer Haus eine Haube trug, trug ein Herr einen Dreispitz.

Hochrokoko (1750–1770) mini|Madame de Pompadour, 1756

Die Damenmode Die Mode des Hochrokokos führt die Kleiderformen des frühen Rokokos fort, das heißt, die Robe à la française (frz.: Kleid im französischen Stil) ist weiterhin das verbreitetste Kleidungsstück der Oberschicht auf dem europäischen Kontinent. Sie wird nunmehr mit einem zweiteiligen Vorderteil gearbeitet (d. h., das Rockteil wird an das Oberteil angenäht statt wie zuvor in einem Stück geschnitten), was eine stärkere Taillierung ermöglicht. Stoffmuster werden kleinteiliger. Aufgesetzte Dekorationen in Form von gerüschten oder gefältelten Volants, Schleifen, geknüpften Seidensträngen oder Chenille übernehmen die Funktion der Prachtentfaltung, Stickerei spielt hingegen keine Rolle mehr. Die schlichten, steifen Ärmelaufschläge werden durch zwei- oder dreilagige Ärmelvolants mit bogig geschnittenen Kanten ersetzt.

Um 1750 kommt die Compère auf, die das Ankleiden bequemer macht, weil die Robe nur noch vorn zugeknöpft werden muss. Die Variante mit per Stecknadeln befestigtem Stecker wurde aber weiterhin getragen.

Gleichzeitig entwickelt sich in England das Manteau unter dem Einfluss des eher ländlich geprägten dortigen Adels zu einem Kleidungsstück weiter, das ohne Reifrock auskommt und dessen Oberteil vorn mittig mit Haken und Ösen verschlossen wird (open robe), also auch keinen Stecker benötigt. Unter dem Namen Robe à l’anglaise (frz.: Kleid im englischen Stil) wurde es ab ca. 1770 in die kontinentaleuropäische Mode übernommen.

mini|Englisches Familienbildnis, 1755

Reifröcke wurden in der Breite kleiner und zunehmend durch die bequemeren Poschen ersetzt. Nur für festliche Anlässe (z. B. Brautkleider) und Hofkleidung werden wie bisher große Paniers verwendet.

Das Haar wurde weiterhin in schlichten Aufsteckfrisuren getragen, bedeckt von einer Haube. Eine der beliebtesten Frisuren ist ein am Nacken ansetzender Zopf, der den Hinterkopf hoch geführt und oben auf dem Kopf festgesteckt wird. Auch das bekannte Bildnis der Madame de Pompadour im grünen Kleid zeigt diese Frisur im Spiegel hinter ihr. Erst gegen Ende der 1760er türmen sich die Frisuren allmählich auf.

Die Herrenmode Auch bei den Herren bleiben die grundlegenden Kleidungsteile bestehen: Weste, Kniehose, Rock. Die Rockschöße werden allmählich kleiner und weniger steif, die Ärmel länger (bis zum Handgelenk), die Ärmelaufschläge kleiner. Hatten die Ärmelaufschläge um 1720 noch vom unteren Unterarm bis zum Ellenbogen gereicht (wobei sie deutlich weiter gewesen waren als der Ärmel), waren sie in den 1760ern nur noch etwa handbreit und kaum weiter als der Ärmel. Die Vorderkante des Rockes wird untenherum immer weiter nach außen weggeschnitten. Konnte der Rock um 1750 noch über dem Bauch zugeknöpft werden, reichte es um 1770 herum gerade noch zu einer Knöpfung über der Brust. Immer häufiger wird der Rock mit einem Umlegekragen oder einem niedrigen Stehkragen versehen.

Die Weste wurde noch kürzer und reicht ab ca. 1760 nur bis knapp über die Hüfte. Die Vorderkanten der Weste waren bisher gerade oder leicht gebogen gewesen; ab ca. 1760 aber knicken die Vorderkanten ab etwa Hüfthöhe auswärts. Zweireihig geknöpfte Westen kommen auf.

Durch die kürzer werdende Weste wird der Hosenschlitz in der vorderen Mitte sichtbar. Wahrscheinlich deshalb wird er allmählich durch eine Frontklappe verdrängt, die in der französischen Literatur „bavaroise“ genannt wird und tatsächlich Ähnlichkeit mit dem Verschluss der bayrischen Lederhosen hat.Garsault: L'Art du Tailleur. Neuchâtel 1780, S. 82/Nr. 158.

Spätrokoko (1770–1794)