mini|Alfred Erich Hoche (vor 1923) Alfred Erich Hoche (* 1. August 1865 in Wildenhain; † 16. Mai 1943 in Baden-Baden) war ein deutscher Psychiater sowie Neuroanatom und Neuropathologe. Er profilierte sich als Kritiker Emil Kraepelins und Sigmund Freuds. Vor allem aber ist er als Mitverfasser der Schrift über Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens (1920) bekannt, durch die er als einer der Wegbereiter der Krankenmorde in der Zeit des Nationalsozialismus gilt.

Leben Herkunft und Familie Alfred E. Hoche wurde in eine evangelische Pfarrersfamilie geboren. Sein Vater Ernst August Rudolph Hoche (1819–1879) war Pfarrer in Wildenhain bei Torgau, später in Bretleben, Neisse und Egeln.Alfred E. Hoche: Jahresringe. Innenansicht eines Menschenlebens. Lehmann, München 1969 (1934), S. 31 ff. Seine Mutter, Mathilde von Renouard, zweite Ehefrau von Ernst Hoche, war die Tochter des preußischen Generalmajors Maximilian von Renouard (1797–1883). Mathildes Ururgroßvater Franz von Renouard (1710–1796), ein preußischer Hofrat, war Direktor der französischen Kolonie in Potsdam. Alfred Hoche war Enkel des Superintendenten und Historikers Johann Gottfried Hoche (1762–1836) und Neffe der Schriftstellerin und Revolutionärin Louise Aston, geb. Hoche (1814–1871). Alfred Hoche hatte eine SchwesterAlfred E. Hoche: Jahresringe. Innenansicht eines Menschenlebens. Lehmann, München 1969 (1934), S. 50. und Halbgeschwister aus der ersten Ehe seines Vaters, die auch in der Pfarre lebten.Alfred E. Hoche: Jahresringe. Innenansicht eines Menschenlebens. Lehmann, München 1969 (1934), S. 51. Über Eulalie Merx, geb. Hoche (1811–1908), eine weitere ältere Schwester seines Vaters, war Alfred Hoche weitläufig verwandt mit Ernst Ruska (1906–1988), Nobelpreisträger für Physik 1986.

Alfred Hoche war verheiratet mit Hedwig Goldschmidt (1875–1937), Tochter von Siegfried S. Goldschmidt (1844–1884), Professor für orientalische Sprachen und Sanskrit in Straßburg, und dessen Ehefrau Anna Meyer. Das Ehepaar hatte einen Sohn, Ernst Hoche (1896–1914), der im Ersten Weltkrieg als kriegsfreiwilliger Primaner in Nordfrankreich fiel.Hoche, Alfred Erich. In: Alma Kreuter: Deutschsprachige Neurologen und Psychiater. Band 2, Saur, Berlin 1995, S. 584 ff. ().

Nachdem man ihn mit acht Jahren aus der Volksschule genommen hatte, bereitete ihn sein Vater zusammen mit einem gleichaltrigen Pensionär auf das Gymnasium vor.Alfred E. Hoche: Jahresringe. Innenansicht eines Menschenlebens. Lehmann, München 1969 (1934), S. 46. Im Alter von zwölf Jahren trat er mit einem Stipendium in die Untersekunda der Klosterschule Roßleben ein, damals eine staatlich beaufsichtigte Stiftung der Familie von Witzleben, aus der eine Urgroßmutter von Hoche stammte.Alfred E. Hoche: Jahresringe. Innenansicht eines Menschenlebens. Lehmann, München 1969 (1934), S. 58.

Studium und Karriere Nach dem Abitur entschied sich Hoche für ein Studium der Medizin. Ab dem Wintersemester 1882/83 studierte er zunächst in Berlin, wo er Vorlesungen u. a. bei dem Mediziner und Physiologen Emil Heinrich Du Bois-Reymond und dem Physiologen und Physiker Hermann von Helmholtz hörte und wo er das Physikum absolvierte.Alfred E. Hoche: Jahresringe. Innenansicht eines Menschenlebens. Lehmann, München 1969 (1934), S. 71, 73. Danach ging Hoche nach Heidelberg. Dort nahm ihn sein älterer Vetter Adalbert Merx (1838–1909), Sohn der erwähnten Eulalie Merx und Professor für Orientalistik, unter seine Fittiche.Alfred E. Hoche: Jahresringe. Innenansicht eines Menschenlebens. Lehmann, München 1969 (1934), S. 84. Hoche arbeitete bei dem Anatomen Carl Gegenbaur, dem Pathologen Julius Arnold und dem Neurologen Wilhelm Heinrich Erb.Alfred E. Hoche: Jahresringe. Innenansicht eines Menschenlebens. Lehmann, München 1969 (1934), S. 85 ff. Nach vier Semestern schob Hoche ein neues Berlin-Semester ein, um bei Karl Schroeder zu studieren und Gynäkologe zu werden.Alfred E. Hoche: Jahresringe. Innenansicht eines Menschenlebens. Lehmann, München 1969 (1934), S. 90. Nach dem überraschend frühen Tod Schroeders kehrte Hoche nach Heidelberg zurück.

Nach dem 1888 bestandenen Staatsexamen und der Promotion trat er dort eine Assistentenstelle bei Theodor von Dusch in der Luisenheilanstalt, der Universitäts-Kinderklinik und Medizinischen Poliklinik, an. Um Weihnachten 1889 erreichte die große Influenza-Welle die Stadt. Von Dusch starb 1890 an einer Influenza-Pneumonie.Alfred E. Hoche: Jahresringe. Innenansicht eines Menschenlebens. Lehmann, München 1969 (1934), S. 98 ff. Nach dem Tod seines Mentors bot ihm der Neurologe und Psychiater Carl Fürstner eine Stelle an der Heidelberger Irrenanstalt an. Hoche selbst sah sich aber eher noch als Schüler Wilhelm Erbs. Damit begann der mehr als vier Jahrzehnte umfassende Weg Alfred Hoches im Bereich der Psychiatrie.Alfred E. Hoche: Jahresringe. Innenansicht eines Menschenlebens. Lehmann, München 1969 (1934), S. 103. Mit Fürstner ging Hoche 1890 an die Kaiser-Wilhelm-Universität nach Straßburg, wo er sich 1891 für das Fach Psychiatrie habilitierte wurde und ab 1899 als außerordentlicher Professor wirkte. 1902 wurde er zum Direktor der neu eingerichteten psychiatrischen Klinik und Ordinarius für Psychiatrie an die Universität Freiburg berufen.Hoche, Alfred E., Dr. med. und Dr. jur. h.c In: Alfons Labisch / Florian Tennstedt: Der Weg zum „Gesetz über die Vereinheitlichung des Gesundheitswesens“ vom 3. Juli 1934. Entwicklungslinien und -momente des staatlichen und kommunalen Gesundheitswesens in Deutschland, Teil 2, Akademie für öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf 1985, S. 430. In Straßburg lernte Hoche seine Frau kennen, die Jüdin war. Im Mai 1933 wurde Hoche im Alter von 68 Jahren emeritiert; 1935 zog er nach Baden-Baden.

Politische Aktivitäten Politisch war er stets national und konservativ eingestellt. Er war aktives Mitglied der Deutschen VaterlandsparteiMax Weber: Zur Politik im Weltkrieg. Schriften und Reden 1914–1918. Hrsg. von Wolfgang J. Mommsen. Mohr Siebeck, Tübingen 1984, S. 767. und in Baden ihr Vorsitzender. Auf der ersten öffentlichen Sitzung in Heidelberg, am 21. Oktober 1917, hielt Hoche den Hauptvortrag „über die Aufgaben und Ziele der Vaterlandspartei“.

Ruhestand und Tod In seinem Ruhestand schrieb Hoche nur noch belletristische Bücher. Angeblich hatte er sich von allen psychiatrischen Fachbüchern getrennt. 1934 publizierte er in München seine Memoiren unter dem Titel „Jahresringe. Innenansichten eines Menschen.“ Seine Frau verstarb 1937.

Am Abend des 13. Mai 1943 besuchte Hoche im Kreis von Freunden ein Schubert-Konzert in Baden-Baden, ging aber vorzeitig nach Hause, weil er sich nicht wohl fühlte. Am nächsten Morgen fand ihn seine Hausdame bewusstlos in seinem Bett. Er starb am 16. Mai 1943, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben. In Nachrufen wurde als Todesursache ein Schlaganfall genannt. Jedoch gibt es Hinweise, dass sich Hoche, der einstmals den Begriff Bilanzselbstmord geprägt hatte, sich selbst durch Vergiftung das Leben nahm. So soll es einen Brief an die Hinterbliebenen gegeben haben, der die Selbsttötung bestätigte.Müller-Seidel, Hoche, S. 15. Auch manche Nachrufe sind ambivalent formuliert. So hebt Max Nonne hervor, man habe Hoche tot im Bett gefunden, „keine Spur von gewollter Einwirkung.“Nonne, Alfred Hoche, S. 189. Und Robert Gaupp berichtet:

Wirken Wissenschaftliche Positionen Hoche arbeitete vor allem zur Anatomie, pathologischen Anatomie und Pathologie des Gehirns. Wichtig waren seine Arbeiten „Zur Lehre von der Tuberkulose des Zentralnervensystems“ (1888) und „Über Verlauf und Endigungsweise der Fasern des ovalen Hinterstrangfeldes im Lendenmark“ (1896), das seither als „Hochesches Bündel“ bekannt ist.

Psychiatrische Arbeiten hingegen hat Hoche kaum vorgelegt. Die Psychiatrie hatte ihm nie viel bedeutet. Allerdings profilierte er sich als Kritiker der psychiatrischen Formenlehre Emil Kraepelins. Bereits 1906 trug er auf der Münchner Tagung des Deutschen Vereins für Psychiatrie seine Kritik vor und traf damals noch auf eine breite Front der Ablehnung. Sechs Jahre später stieß er auf offenere Ohren. Auf Einladung des Deutschen Vereins für Psychiatrie referierte er „Über die Symptomenkomplexe in der Psychiatrie“. Dabei formulierte er eine konstruktivistische Kritik am Naturalismus und Universalismus der Kraepelinschen Krankheitskategorien, die er als „Glaubensfragen“, „dogmatische Angelegenheiten“ und „logisch-dialektische Fiktionen“ bezeichnete.

Darüber hinaus demonstrierte Hoche empirische Widersprüche in der von Kraepelin postulierten spezifischen Beziehung zwischen Krankheitsursache, Hirnpathologie und klinischer Symptomatik. Zwar legte Hoche keine eigene Krankheitslehre vor, trug aber ähnlich wie zur gleichen Zeit Eugen Bleuler und Karl Jaspers zur psychiatrischen Theoriediskussion bei. Empirische Forschung provozierte die Vorstellung der „Symptomenkomplexe“ dagegen kaum, abgesehen vielleicht von Carl Schneiders Arbeiten zur Schizophrenie.Hoche: Die Bedeutung der Symptomenkomplexe in der Psychiatrie. In: Zeitschrift für die gesamte Neurologie und Psychiatrie 12 (1912), S. 540–551.Volker Roelcke: Die Entwicklung der Psychiatrie zwischen 1880 und 1932. Theoriebildung, Institutionen, Interaktionen mit zeitgenössischer Wissenschafts- und Sozialpolitik. In: Rüdiger Vom Bruch und Brigitte Kaderas (Hrsg.). Wissenschaften und Wissenschaftspolitik. Bestandsaufnahmen zu Formationen Brüchen und Kontinuitäten im Deutschland des 20. Jahrhunderts. Steiner, Stuttgart 2002, ISBN 3-515-08111-9, S. 112–114.Ferdinand Kehrer: Die Stellung von Hoches „Syndromenlehre“ in der heutigen Psychiatrie. In: Archiv für Psychiatrie 74 (1925), S. 427–456; R.G. Dening, T.R. Dening, T.R. Dening and G.E. Berrios: Introduction: Alfred Hoche, The significance of symptom complexes in psychiatry. In: History of Psychiatry 2 (1991): 329–333. „Die Dinge sind eben gegangen, wie sie es leider oft tun und wie Hoche es für seinen Fall vorausgesagt hat“, resümierte Oswald Bumke 1943, „zuerst allgemeine Ablehnung, dann eine Zone des Schweigens und allmählich die Äußerung ähnlicher Ansichten, zumeist ohne daß Hoches Name dabei erwähnt worden ist. Schließlich ist die Syndromenlehre so selbstverständlich geworden, daß von den Jüngeren kaum einer mehr einsehen wird, wieso ihrem Begründer ein Verdienst an ihr zukommen soll.“Oswald Bumke, Alfred Erich Hoche †, S. 341.

Zugleich trat Hoche, der für seine sarkastische Rhetorik bekannt war, als Kritiker der damals neuen Lehre der Psychoanalyse Sigmund Freuds auf, die er als „morbide Doktrin“ und „Heilslehre für Dekadente, für Schwächlinge aller Arten“ abtat. Freud nannte Hoche umgekehrt einen „bösen Geist“.Nonne, Alfred Hoche, S. 194.Vgl. auch Heinz Hector (Hrsg.): Drei Kritiken der Psychoanalyse (Hoche, Gruhle, Jaspers). Coburg 1975. Außerdem beschäftigte sich Hoche mit der forensischen Psychiatrie, insbesondere mit der Stellung des Gutachters. Für seine Verdienste um die Zusammenarbeit von Juristen und Psychiatern verlieh ihm die juristische Fakultät der Universität Freiburg die Ehrendoktorwürde.

Nach seiner Emeritierung veröffentlichte Hoche ausschließlich Belletristisches, darunter die sehr erfolgreichen Erinnerungen Jahresringe. Bereits 1920 hatte er unter dem Pseudonym „Alfred Erich“ einen Zyklus von Sonetten unter dem Titel „Deutsche Nacht“ veröffentlicht.