Kaste (portugiesisch/spanisch casta „Rasse“, von lateinisch castus „rein“) bezeichnet in der Ethnologie und Soziologie ein vorrangig aus Indien bekanntes sowie religiös begründetes und legitimiertes soziales Phänomen der hierarchischen Einordnung und Abgrenzung gesellschaftlicher Gruppen. Heute wird es zunehmend als ein umfassendes System zur sozialen Unterdrückung gesehen.
Die Einteilung nach Sozialstrukturen betrifft vor allem Status, Heirat und Arbeitsteilung. Kennzeichen einer Kaste ist, dass man in sie hineingeboren wird und sie so gut wie nicht verlassen oder wechseln kann und dass sie das Lebensumfeld ihrer Angehörigen umfassend und in allen Aspekten, insbesondere im endogamen Heiratsverhalten, bestimmt, sie unterscheidet sich insofern von anderen gesellschaftlichen Einteilungen wie Stand oder Klasse.
Die Bezeichnung wird aber auch umgangssprachlich oder polemisch benutzt und auf einzelne Gruppierungen auch in modernen Gesellschaften angewandt.
Ein Kastenwesen im eigentlichen Sinne findet sich insbesondere in Indien und Nepal, auf den Inseln Sri Lanka und Bali, sowie bei der ethno-religiösen Gruppe der Jesiden.
Indien
Das Kastensystem Indien ist so sehr durch das Kastensystem geprägt, dass die Frage gestellt wird, ob es seine Identität ausmacht. Charakteristisch für das Kastensystem ist, dass in ihm seit langer Zeit zahlreiche eng abgeschlossene Gemeinschaften leben, die gleichzeitig endogame Heiratsgemeinschaften bilden und in hierarchischen Beziehungen zueinander stehen. Bezeichnet werden diese Heiratsgemeinschaften als Jati, dieser Begriff ist allerdings missverständlich, da er – neben Begriffen wie Caste oder Community – auch für größere Gemeinschaften ebenso wie deren Unterkasten gebraucht wird. Sinnvoll ist es, jede endogame Heiratsgemeinschaft als Jati zu verstehen, im Hinterkopf sollte jedoch behalten werden, dass der Begriff nicht alleine für diese kleinsten Einheiten verwendet wird, sondern mehrdeutig ist. Der Begriff Kaste für das Gesamtphänomen wurde von den Portugiesen eingeführt. Befragungen ergaben, dass 98 % der Inder sich selbst einer Kaste zuordnen, darunter auch jene Inder, die religiös gar keine Hindus sind, sondern Religionen angehören, die das Kastensystem ablehnen. Das Kastensystem geht folglich über den Hinduismus hinaus. Die Einteilung der Gesellschaft in vier Varna genannte Hauptkasten ist mit den Jati nur locker verbunden und von eher theoretischem Wert, auch wenn der Begriff Varna – der sich im Rigveda findet – die Wahrnehmung des Kastensystems lange beeinflusste.
Die Anzahl der Kasten ist unbekannt, es sind jedoch tausende. In der Literatur werden beispielsweise nach Auswertung statistischer Untersuchungen wie des von der indischen Regierung angeforderten Mandal-Berichts 7.000 Kasten genannt, bei Feststellung, dass die Zählung und Schätzung unvollständig ist, u.a weil besagter Report die höheren Kasten von vorneherein nicht berücksichtige.
Eine neuere anthropologische Publikation nimmt 40.000 endogame Gemeinschaften als Grundlage, davon 37.000 hinduistische.Hussain, Ruqaiya & Shah, Ahsana & Fareed, Mohd & Afzal, Mohammad: Gene Diversity Analysis and Microdifferentiation Process in North Indian Muslim Populations. in: Antrocom Online Journal of Anthropology. Bd.9. Ausgabe 1, 2013, S,16 Das Kastensystem bestand nicht seit Anbeginn der indischen Geschichte und auch nicht seit der Zeit der Veden. Stattdessen setzte es sich erst relativ spät vor 1.900 Jahren durch, nachdem zuvor die unterschiedlichen Populationen Indiens sich lange und stark vermischt hatten.
Gliederung der Kasten Gliederungsebenen: Beim „Kastensystem“ wird unterschieden in: die vier Hauptkasten (Varna) diese gliedern sich in Untergruppen (Jatis) auf
Varna Varna bedeutet „Klasse, Stand, Farbe“. Es gibt vier Varnas: Brahmanen (traditionell die intellektuelle Elite, Ausleger heiliger Schriften (Veda), Priester) Kshatriyas (traditionell Krieger und Fürsten, höhere Beamte) Vaishyas (traditionell Händler, Kaufleute, Grundbesitzer, Landwirte) Shudras (traditionell Handwerker, Pachtbauern, Tagelöhner) Darunter stehen die „Unberührbaren“, auch Dalit (die „Niedergetretenen“), Paria oder Harijans genannt. Traditionell nimmt man an, dass mit dem Begriff Varna die Hautfarbe gemeint war: je höher die Kaste, desto heller die Haut – worin sich die Volkszugehörigkeit der verschiedenen Einwanderer- bzw. Erobererwellen widerspiegele. Diese Theorie ist jedoch umstritten. Andere stellen den Begriff in Zusammenhang mit den „geistigen“ Farben der Gunas, den Qualitäten und Eigenschaften in Mensch und Natur.S. Radhakrishnan: Die Bhagavadgita R. Löwit Verlag, Wiesbaden Diese Ansicht weist jeder Kaste eine bestimmte Farbe zu.
Das System der Varnas lässt sich als die geistig-ideologische Ebene des Kastensystems beschreiben, da es eine Legitimation für die gesellschaftliche Hierarchie bietet. Im täglichen Leben geht es um die Jatis. Die Frage nach dem Ursprung der Kasten ist ungeklärt, oft wird er auf den Mythos des Purusha zurückgeführt, des göttlichen Urmenschen, aus dessen Körperteilen die ersten Kasten entstanden sein sollen (die erste aus dem Kopf, die zweite aus den Armen, die dritte aus den Schenkeln, die vierte aus den Füßen).
Das Purushasukta ist die einzige Hymne im Rig Veda, in der die vier Varnas erwähnt werden. In den drei anderen Veden und den Upanishaden finden die Varnas kaum Erwähnung. Im Purushasukta findet sich keine Hierarchie der Kasten.
Texte wie die Manusmriti - Verschärfung der Einteilung, besondere Rolle der Brahmanen Eine Hierarchie wurde in Texten wie den Gesetzesbüchern der Dharmaśāstra gesetzt. In der Manusmriti (zwischen 200 v. Chr. und 200 n. Chr. entstanden; auf verschiedene Autoren zurückgehend, möglicherweise aber nach der Konzeption eines Hauptautoren) postuliert Manu eine Hierarchie der vier Hauptkasten, das Werk glorifiziert dazu die Rolle der Brahmanen. Überwiegend beschäftigt es sich mit den Brahmanen und dem König, dennoch beansprucht das Buch, eine umfassende Weltdeutung mitsamt verbindlichen Regeln zu liefern. Es handelt sich dabei nicht um ein Spiegelbild seiner Zeit des frühen Gupta-Reiches, sondern um ein Programm, wie diese Welt restaurativ zu ordnen sei. Es begründet elitäre – eigene – Gruppenansprüche und lehnt missliebige mit Entschiedenheit ab. Das Mischen der Gruppen wird als Verunreinigung und Gefahr aufgefasst, Abgrenzung der Gruppen (und Ausgrenzung) wird als Mittel des Erhalts der Ordnung gesehen. Rituale und Speisevorschriften schützen die Ordnung, ebenso wie die Vermeidung potentiell verunreinigenden Kontaktes. Die Brahmanen erscheinen bei Manu als Hüter der Veda, mehr noch, sie sind mit ihr identisch, da sie ihnen in einer langen Kette vom Vater zum Sohn weitergegeben wird. Die ursprüngliche vedische Religion und ihre Anrufung wird so zu einer Ideologie der Eliten. Die Speisevorschriften der Manusmritri weisen niedrigen Kasten verschmutzende Qualitäten zu, so sehr, dass ein Brahmane, der von einem Shudra berührtes Essen zu sich nahm, sich rituell reinigen muss und niedrigen Kasten verboten wird, überhaupt Essen für andere Kasten zuzubereiten. Jede Mahlzeit bekräftigte so die Hierarchie. Kastenmischung wird scharf missbilligt, Abkömmlinge aus solchen Verbindungen stünden unter der ihres jeweils höheren Elternteils, Kinder eines niedrigen männlichen Shudra und einer Brahmanin seien Chandala, solche müssten abgesondert leben. Während Verbindungen von Männern höherer Kasten mit Frauen niederer Kasten als falsch, aber weniger verurteilenswert gesehen werden, gilt dies für Verbindungen und Nachkommen von niederen Männern und Frauen aus höheren Kasten nicht, solche Pratiloma-Verbindungen (Pratiloma= gegen den Strich) werden als vollkommen verurteilenswert und abscheulich bewertet. Auf die antike abfällige Betrachtung und Schlechterbehandlung generell von Mischkasten und insbesondere von Chandala, die als völlig rechtlos und rituell unrein beschrieben werden, gehen die Unberührbaren zurück, die heutigen Dalits.
Andere Hindu-Schriften akzeptieren das System als erstrebenswert, setzen sich aber auch immer wieder kritisch damit auseinander. Das Mahabharata stellt es einerseits an verschiedenen Stellen als wünschenswerte Institution dar, andererseits lehnen andere Aussagen im selben Epos die erbliche Gesellschaftshierarchie ab.
Nach hinduistischer Vorstellung sind mit der Kastenzugehörigkeit bestimmte Pflichten (Dharma) verbunden. So ist es traditionelle Pflicht eines Kshatriya, in den Krieg zu ziehen, zu kämpfen und die Gesellschaft zu führen (vgl. Bhagavadgita), wogegen Brahmanen die Schriften studieren, lehren und den Vollzug der Riten sicherstellen sollen.
In der frühen vedischen Zeit war die Restriktion in Bezug auf Beruf und soziale Mobilität deutlich geringer. Eine Hymne des Rig Veda lautet:
Jati Die Varnas gliedern sich in zahlreiche Jatis auf. Der Begriff leitet sich aus dem Begriff jan für „geboren werden“ ab. Dies weist auf die Hauptbedeutung von Jati hin: „Geburtsgruppe“, auch im Sinne von Großfamilie oder Clan.Jati bedeutet ferner „Geschlecht“, „Gattung“ in der Musik, einfache Melodieformen, aus denen sich Ragas entwickelt haben. Jatis sind somit die soziale und familiäre Dimension des Kastensystems und erinnern in gewissem Maße an die mittelalterliche Ständeordnung in Europa. Durch rituelle Festsetzung einer auch physischen Trennung höherer von niedrigeren Kasten sind die Grenzen jedoch hermetischer als bei Ständen. Der Anthropologe Louis Dumont ging von etwa 2000 bis 3000 Jatis aus.
Die Kastenzugehörigkeit des Individuums wird durch die Geburt bestimmt, wobei Ein- oder Austritt nicht möglich sind: „Der einzelne Mensch wird in eine soziale Gruppe, eine Jati, hineingeboren, und es ist diese Gruppenzugehörigkeit, durch die ihm eine selbst-verständliche, völlige und normalerweise unwiderrufliche Identität zugeschrieben wird“. Die Jati dient neben der beruflichen auch der ethnischen, sozioökonomischen und kulturellen Differenzierung; sie verbindet eine Volksgruppe durch besondere, gemeinsame, sittliche Normen. Früher war damit eine strenge Heiratsordnung verbunden bei mehr oder weniger strenger Abschließung gegenüber anderen Jatis. In Indien sind heute alle durch das Kastenwesen bedingten Benachteiligungen gesetzlich verboten. Trotzdem ist das Kastenwesen aus dem praktischen Leben nicht völlig verschwunden, besonders da es noch heute wichtige soziale Aufgaben erfüllt. Die Jatis etwa haben in gewisser Weise auch die Funktion eines Sozialversicherungssystems, das in der kulturellen und sozialen Tradition verankert ist. Als solche erschweren sie die soziale Mobilität, da Wegzug und Heirat außerhalb der Kaste die Möglichkeiten, Hilfestellung wie etwa Kredite abzurufen, reduzieren. Selbst der Besuch einer englischsprachigen Schule – die für höhere Bildung steht – kann sich in Großstädten für männliche Angehörige einer körperlich arbeitenden Kaste negativ auswirken, da sie eine Abkehr von der Kastenidentität und den Hilfsnetzwerken der Ursprungskaste impliziert. Für Mädchen – die auf diese Hilfestellungen keinen direkten Zugriff haben – gilt dies interessanterweise nicht.
Die Jatis gliedern sich in Subjatis auf. Politisch werden Jatis - bzw. zusamengerückte Subjatis - wichtiger, denn sie ermöglichen die Bildung starker Lobbyverbände und Wählerblöcke, die überregional agieren.
Die soziale Mobilität innerhalb der Jati ist nicht sehr groß. Jedoch können bestimmte Jatis als ganze sozial aufsteigen, wie dies im 19. und 20. Jahrhundert unter dem Einfluss der britischen Kolonialherrschaft vor allem den Kaufmanns- und Schreiber-Jatis gelungen ist. In der Praxis kommen auch Abspaltungen sozial höher oder niedriger rangierender Teilpopulationen mit Bildung neuer Jatis vor.