The Decline of Western Civilization ist ein US-amerikanischer Musik-Dokumentarfilm aus dem Jahr 1981. Regisseurin Penelope Spheeris dokumentiert darin die Punkszene von Los Angeles und zeigt neben Konzertausschnitten von Alice Bag Band, Black Flag, Catholic Discipline, Circle Jerks, Fear, Germs und X Interviews mit Bandmitgliedern, Fanzine-Redakteuren, Klubbesitzern und Fans. Die bedeutende Rockumentary in Spielfilmlänge wurde 2016 in das National Film Registry der Library of Congress aufgenommen.

Zwei Fortsetzungen aus den Jahren 1988 und 1998 widmen sich anderen musikalischen Subkulturen.

Inhalt Der Film beginnt mit dem jungen Skinhead Eugene, der seine Bewunderung für den Punkrock erklärt. Nachdem die Frontleute der dargestellten Bands Einverständniserklärungen verlesen haben, zeigt die Titelsequenz einen ersten Auftritt von X inklusive wilder Tanzbewegungen und Nahaufnahmen der Konzertgäste. Klubinhaber Wayne Mayotte beschreibt die Musik:

Einer kurzen Erklärung eines weiteren Klubbesitzers, Brendan Mullen (The Masque), folgen ein Auftritt und Gespräch mit Musikern der Band Black Flag, die in einer ehemaligen Baptistenkirche proben und leben. Das nächste Kapitel widmet sich den Germs, vor allem dem Kontrast zwischen Bühnenpersona und Privatleben des selbstzerstörerischen Frontmannes Darby Crash. Crash spricht über den eigenen Drogenkonsum und führt seine zahme Vogelspinne vor.

Um die Verständigung zwischen Fans und ihren Idolen bemühen sich unterdessen Fanzines. Während Slash-Herausgeber Robert Biggs Einblicke in den Redaktionsalltag gewährt, teilt der streitbare Redakteur Claude Bessy, der unter dem Pseudonym Kickboy Face schreibt, seine Ansichten mit dem Publikum und gibt ein Konzert mit Catholic Discipline. Zwischen den Auftritten diskutieren John Doe, Exene und Billy Zoom von X unter anderem die eigenen Texte und die Wahl des richtigen Tattoos.

Die drei restlichen Konzertausschnitte von Circle Jerks, Alice Bag Band und Fear sind von zunehmender Aggressivität im Publikum geprägt. Dazwischen kommen Promoter, Tontechniker und Pogotänzer sowie mehrere Fans zu Wort, die die gewaltvollen Aspekte der Szene zu erklären versuchen. Der Film endet mit einem Konzert von Fear, bei dem sich Frontmann Lee Ving und Bassist Derf Scratch ein teilweise homophobes Schimpfduell mit den Konzertbesuchern liefern.

Konzertausschnitte mini|Die Band X (1980) mini|Germs mit Großaufnahme von Frontmann Darby Crash (1979)

Band Besetzung Aufnahmeort Titel X John Doe (Gesang, Bass) Exene Cervenka (Gesang) Billy Zoom (Gitarre) D. J. Bonebrake (Schlagzeug) Club 88 Nausea Unheard Music Beyond & Back Johnny Hit and Run Paulene We’re Desperate Black Flag Ron Reyes (Gesang) Greg Ginn (Gitarre) Gary McDaniel (Bass) Robo (Schlagzeug) Cherrywood Studios White Minority Depression Revenge Germs Darby Crash (Gesang) Pat Smear (Gitarre) Lorna Doom (Bass) Don Bolles (Schlagzeug) Cherrywood Studios Manimal Shutdown Catholic Discipline Claude Bessy (Gesang) Phranc (Gitarre) Rick Jaffe (Bass) Craig Lee (Schlagzeug) Robert López (Keyboard) Hong Kong Café Underground Babylon Barbee Doll Lust Circle Jerks Keith Morris (Gesang) Greg Hetson (Gitarre) Roger Rogerson (Bass) Lucky Lehrer (Schlagzeug) The Fleetwood Red Tape Back Against the Wall I Just Want Some Skank Beverly Hills Wasted Alice Bag Band Alice Bag (Gesang) Craig Lee (Gitarre) Rob Ritter (Bass) Terry Graham (Schlagzeug) The Fleetwood Prowlers in the Night Gluttony Fear Lee Ving (Gesang, Gitarre) Philo Cramer (Gitarre) Derf Scratch (Bass) Spit Stix (Schlagzeug) The FleetwoodThe Arena I Don’t Care About You Beef Bologna I Love Livin’ in the City Let’s Have a War

Produktion und Hintergrund mini|hochkant|Penelope Spheeris (1984) Penelope Spheeris gründete in den 1970er Jahren ihre eigene Produktionsfirma und machte sich, lange vor dem Start von MTV, einen Namen mit dem Filmen von Musikvideos. Im Auftrag verschiedener Plattenlabels arbeitete sie unter anderem mit The Doobie Brothers, Funkadelic und The Staple Singers zusammen. Die dabei gewonnenen Fachkenntnisse nutzte sie, um erste Punk-Konzerte abzulichten:

Mit der Absicht, einen Pornofilm zu finanzieren, traten die Versicherungsvertreter Gordon Brown und Jeffrey Prettyman an Spheeris heran. Die Filmschulabsolventin lehnte ab, konnte die Geldgeber aber für einen Dokumentarfilm über die Punkszene gewinnen, nachdem sie die beiden zu einem Auftritt der Germs mitgenommen hatte. Weil die mit Fanzine-Herausgeber Robert „Bob“ Biggs verheiratete Spheeris plante, in Super 8 zu filmen, belief sich das Budget ursprünglich auf gerade einmal 15.000 Dollar. Schließlich entschied sie sich jedoch, den Konzertmitschnitten mehr Bedeutung beizumessen und verwendete einen 16-mm-Film, der für die Kinoleinwand auf 35 mm vergrößert wurde. Laut der Regisseurin betrugen die Kosten am Ende etwa 120.000 Dollar.Marc Spitz & Brendan Mullen: We Got the Neutron Bomb: The Untold Story of L.A. Punk. Three Rivers Press, New York 2001, ISBN 978-0-609-80774-3, S. 261–264 (englisch). Die Filmaufnahmen entstanden zwischen Dezember 1979 und Mai 1980 in Los Angeles. Am produktivsten Drehtag wurden im Fleetwood nacheinander Circle Jerks, Fear, Urinals, The Gears und Alice Bag Band aufgenommen, wovon es jedoch nur drei in den Film schafften. Kameramann Steve Conant, der Erfahrung mit dem Filmen von Spielen der L.A. Lakers hatte, hielt sich während der Konzerte teilweise nahe der Moshpits auf.

Weil die ehemalige Bassistin der Band, Patricia Rainone alias Pat Bag, einen Rechtsanspruch auf den Namen The Bags angemeldet hatte, musste die Band im Film als Alice Bag Band auftreten. Angebote einer Wiedervereinigung sowie die Zahlung eines Geldbetrages über mehrere tausend Dollar für die Verwendung des Namens lehnte die im Streit ausgeschiedene Rainone ab. Kurioserweise ist der Name auf Rainones Bass, den sie für den Filmdreh ihrem Freund und künftigem Ehemann Rick Jaffe (Morrison) von Catholic Discipline geliehen hatte, dennoch zu sehen.

Die titelgebende Phrase The Decline of Western Civilization wurde 1970 durch den Musikjournalisten Lester Bangs in seiner Rezension des Albums Fun House der Protopunk-Band The Stooges geprägt. Es könnte sich dabei um eine bewusste Abwandlung des englischen Titels The Decline of the West von Oswald Spenglers Der Untergang des Abendlandes handeln. Germs-Sänger Darby Crash zählte das umstrittene kulturphilosophische Werk zu seiner Lektüre. Laut der 2001 veröffentlichten Oral History We Got the Neutron Bomb reklamierte Claude Bessy die Idee für den Filmtitel für sich.

Soundtrack

Professionelle Bewertungen Quelle Bewertung Kritiken Allmusic Robert Christgau B–

Der Soundtrack zu The Decline of Western Cilivilization enthält ausschließlich Stücke der im Film aufgetretenen Bands und erschien im Dezember 1980 bei Slash Records. 1993 wurde das Album erstmals auch als CD mit längeren Track-Laufzeiten aufgelegt. Robert Christgau lobte in einer kontemporären Kritik X und Black Flag, spöttelte aber über die „Kritikerbands“ Alice Bag Band, Catholic Discipline und Germs. Außerdem machte er sich über den französischen Akzent von Catholic-Discipline-Sänger Claude Bessy lustig. Alex Henderson von Allmusic vergab in einer späteren Rezension 4,5 Sterne und empfahl das „superbe Album“ jedem, der auch nur ein „beiläufiges Interesse“ an Punk habe.

Titelliste White Minority – Black Flag – 1:29* Depression – Black Flag – 2:05 Revenge – Black Flag – 1:49 Manimal – Germs – 2:25 Underground Babylon – Catholic Discipline – 3:01 Beyond & Back – X – 2:35 Johnny Hit and Run Paulene – X – 2:43 We’re Desperate – X – 1:56 Red Tape – Circle Jerks – 0:58 Back Against the Wall – Circle Jerks – 1:25 I Just Want Some Skank – Circle Jerks – 0:56 Beverly Hills – Circle Jerks – 1:12 Gluttony – Alice Bag Band – 2:19 I Don’t Care About You – Fear – 1:42 I Love Livin’ in the City – Fear – 2:01 Fear Anthem – Fear – 0:32

* Track-Längen der ursprünglichen LP-Version (1980)

Rezeption Veröffentlichung The Decline of Western Civilization wurde erstmals vor der Writers Guild of America aufgeführt. Nach der Premiere soll eine Frau empört aufgestanden sein und den Satz „How dare you glorify these heathens!“ (Wie können Sie es wagen, diese Heiden zu verherrlichen!) an Penelope Spheeris gerichtet haben. Im Februar 1981 zeigte das Sherwood Oaks Experimental College in Hollywood den Dokumentarfilm. Die offizielle Premiere fand am 13. März im Fairfax Theatre statt, wo am Eröffnungswochenende 13.900 Dollar eingespielt wurden. Das Los Angeles Police Department befürchtete Ausschreitungen und sperrte am Tag der Kinopremiere den Hollywood Boulevard. Laut Spheeris soll LAPD-Chef Daryl Gates sogar mit einem offenen Brief versucht haben, weitere Aufführungen des Films zu verhindern. Am 1. Juli 1981 lief der Film noch in ausgewählten Kinos in New York City an, das in der Branche weit verbreitete Argument „Punk is dead“ verhinderte jedoch eine landesweite Distribution.

Der Film und seine zwei Fortsetzungen blieben lange nur auf VHS erhältlich und wurden im Internet zu entsprechend hohen Preisen gehandelt. Im Juni 2015 brachte Shout! Factory die Trilogie in einer 2K-restaurierten Fassung erstmals auf DVD und Blu-ray heraus. Das Boxset enthält als Bonusmaterial unter anderem ausgedehnte Interviews und einen Kommentar von Dave Grohl. Da der Originalfilm nicht mehr existiert, musste Spheeris die Digitalisierung anhand einer Kopie durchführen.

Kritik Der Film wurde bereits bei seiner Erstveröffentlichung 1981 von der Kritik positiv aufgenommen. Todd McCarthy befand für Variety, der Titel schaffe es wie die besten Rock-Dokus, die Präsentation der Live-Auftritte mit einem „scharfen Gespür für den soziologischen Moment“ zu verknüpfen. Außerdem gelänge es dem Streifen, Einblicke in eine „anarchische, nicht einfach zu erklärende Szene“ zu bieten und zur selben Zeit musikalische Unterhaltung zu liefern.

Nicht zuletzt aufgrund der geringen Verfügbarkeit entwickelte sich The Decline of Western Civilization über die Jahre zu einem Kultfilm. Mit der erstmaligen DVD-Veröffentlichung erfuhr der Film ab 2015 wieder eine breitere mediale Rezeption. Hazel Cills von Pitchfork bezeichnete Spheeris ersten Langfilm als „düsteren Blick in das Chaos aus Moshpits, Bühnenpossen und beschissener Musik, das die breite Öffentlichkeit gerade erst zu begreifen begann“. Rückblickend bescheinigte sie dem Film eine „ungewollte Komik“, die sich vor allem aus dem Schnitt ergebe, der den Gegensatz zwischen den lockeren Musikern und den teilweise sehr ernsten Fans sichtbar macht. Die für dieselbe Publikation schreibende Madison Bloom lobte Regisseurin Spheeris, die mit ihrem „aufrichtigen Interesse an der desillusionierten Jugend“ die Subkultur in ihrer „rohesten Form“ einfange. Amy Nicholson nannte den Film so „gritty“, dass er sich anfühle wie ein Kaugummi, den Spheeris von der Straße gekratzt hätte.Amy Nicholson on The Decline Of Western Civilization I & II (1981 & 1988). In: Alicia Malone: The Female Gaze: Essential Movies Made by Women. Mango Media Inc. 2018, ISBN 978-1-63353-838-2 (englisch). Weitere positive Retrospektiven veröffentlichten etwa der Guardian, die New York Times oder der Rolling Stone. Negativ beurteilt werden heute vor allem die homophoben Flüche während des Fear-Konzerts sowie die wiederholte Abbildung von Swastikas, die von frühen Punks als Schocksymbol benutzt wurden.

In der IMDb erhält der Film durchschnittlich 7,5 von 10 Punkten, bei Metacritic eine mittlere Kritikerwertung von 93. Rotten Tomatoes verzeichnet eine Bewertung von 100 Prozent, basierend auf 41 Kritikermeinungen, im Konsens der Seite heißt es, der Film werfe einen „offenen, oft lustigen Blick auf die Punkkultur der späten 70er und frühen 80er Jahre“.

Nachwirkung