Die Urkundenhypothese (auch Dokumentenhypothese, Quellenhypothese oder Quellentheorie) ist eine Theorie der historisch-kritischen Bibelwissenschaft zur Entstehung der Tora bzw. des Pentateuchs. Sie erklärt diesen als literarische Komposition aus mehreren schriftlichen Quellen verschiedener Autoren, die mehrere Redaktoren später zusammenfügten. Diese Theorie entstand im Zeitalter der Aufklärung und wurde im 19. Jahrhundert besonders im deutschen Sprachraum entfaltet.

Dabei unterscheidet man die ältere Urkundenhypothese (ab 1711) von der neueren Urkundenhypothese (ab 1853). Letztere geht von vier zeitlich aufeinander folgenden Quellschriften des Pentateuch bzw. des Hexateuch aus, die meist als Jahwist (J), Elohist (E), Priesterschrift (P) und Deuteronomium (D) bezeichnet werden, abgekürzt JEPD oder JEDP. Hauptvertreter dieses Modells war ab 1876 der Alttestamentler Julius Wellhausen: Daher nennt man die neuere Urkundenhypothese auch Wellhausen-Theorie oder Vierquellenmodell.

Ab etwa 1880 wurde dieses vielfältig differenziert und modifiziert, blieb jedoch bis 1975 das dominante Erklärungsmodell zum Pentateuch. Dann verlor es durch verschiedene Kritiken und gewachsene Kenntnisse zur Geschichte des Volkes Israel zunehmend an Relevanz für die Erforschung des Alten Testaments (AT) in Europa. In Israel und den USA behielt es jedoch seinen anerkannten Status.

Voraussetzungen Die Reformation im 16. Jahrhundert hatte die Bibel als Heilige Schrift und Zeugnis des lebendigen Wortes Gottes im Sinne dessen verstanden, was auf Jesus Christus hinführt und hindeutet. Im Anschluss an Martin Luthers sola scriptura orientierte sich die Evangelische Theologie am Literalsinn der Bibel und machte diesen kritisch gegen kirchliche Überlieferungen geltend. Bei ihrem Interesse an einem Urtext der Bibel und auch dessen historischem Kontext stellten die Reformatoren die Autorschaft des Mose für die Tora nicht in Frage.Erich Zenger et al. (Hrsg.): Einleitung in das Alte Testament, Stuttgart 2015

Nur Andreas Bodenstein bezweifelte diese Autorschaft 1520 (De canonicis scripturis Libellus) für Teile der Tora, weil vom Tod des Mose berichtet. Er forderte, den verschiedenen Redestil von Toratexten zu prüfen und zu vergleichen. Demgemäß nahm der katholische Humanist Andreas Masius 1574 an, das Buch Josua sei aus mehreren Urkunden entstanden. Er und sein Schüler Bento Pereira folgerten, auch der Pentateuch sei Ergebnis einer Kompilation und Redaktion älterer Quellen. Diese musste zeitlich viel später als die erzählten Ereignisse stattgefunden haben. Damit wurde deren bisher als selbstverstänlich vorausgesetzte Historizität fraglich. Darum vermutete Masius bereits, die meisten AT-Schriften seien als historische Dokumente völlig unglaubwürdig. Damit begann die Erforschung des Pentateuch mit der Methode der Literarkritik.Hans-Joachim Kraus: Geschichte der historisch-kritischen Erforschung des Alten Testaments. Neukirchen-Vluyn 1988, S. 38–41

Die Lutherische Orthodoxie im 17. und 18. Jahrhundert ordnete die Bibelauslegung ganz der reinen kirchlichen Lehre (pura doctrina) unter, so dass biblische Aussagen nur noch theologische Dogmen (loci) bestätigen sollten. Mit der Lehre der Verbalinspiration versuchten ihre Vertreter die Autorität der Offenbarung Gottes durch die Zuverlässigkeit und Irrtumslosigkeit des Bibeltextes zu sichern. Dazu verstanden sie diesen als Diktat des Heiligen Geistes. Diese Gleichsetzung des Bibeltextes mit dem geoffenbarten Wort Gottes machte die Bibel zum Objekt und forderte umso mehr die historische Kritik heraus.Hans-Joachim Kraus: Geschichte der historisch-kritischen Erforschung des Alten Testaments. Neukirchen-Vluyn 1988, S. 31–38

Im 17. Jahrhundert bestritten Thomas Hobbes (Leviathan, 1651), Isaac de La Peyrère (Praeadamitae, 1655) und Baruch Spinoza (Tractatus theologico-politicus, 1670) die Autorschaft des Mose für große Teile der Tora. Daraufhin beschrieb Richard Simon, ein Schüler Bento Pereiras, in seinem Werk Histoire critique du Vieux Testament (1676; 2. Auflage 1685) detailliert die Unterschiede und Widersprüche zwischen den Rechtskorpora und Erzählungen der Tora und folgerte: Der Pentateuch könne unmöglich von einem einzigen Autor stammen. Mose habe schriftliche Vorlagen gekannt, zusammengestellt und ergänzt; Schreibschulen hätten diese nach seinem Tod weiterbearbeitet. Erst unter Esra sei der Pentateuch fertiggestellt worden. Darum gilt Simon als Begründer der historisch-kritischen AT-Forschung.

Ältere Urkundenhypothese (ab 1711) Ausgangspunkt der Urkundenhypothese war der auffällige Wechsel der Gottesbezeichnung vom Titel Elohim in zum Namen JHWH in und die Unterschiede beider Texte zu Gesamtszenerie, Vorgang, Abfolge und Gottesbild der Schöpfung. Früh beobachtet wurden weitere Doppelungen, die zugleich Spannungen enthalten und damit auf verschiedene Autoren hinweisen: etwa die dreifache Erzählung von der Preisgabe der Ahnfrau in Gen 12, 20 und 26, doppelte und widersprüchliche Aussagen zur Sintflut in Gen 6–9, die zweifach erzählte Gottesoffenbarung für Jakob in Gen 28 und 35, die verschiedenen Angaben zum Auszug aus Ägypten in Ex 14–15, der variierte Dekalog in Ex 20 und Dtn 5 sowie der unklare Inhalt der beiden steinernen Gebotstafeln in Ex 34.

Der evangelische Pfarrer Henning Bernward Witter (Jura Israelitarum, 1711) folgerte aus den verschiedenen Gottesbezeichnungen in Gen 1–2 erstmals eine verschiedene Herkunft der beiden Schöpfungserzählungen. Mose habe beim Abfassen des Pentateuch auf archaische, mündlich überlieferte Gedichte wie Gen 1 und 2 zurückgegriffen und sie zusammengestellt. Witters These blieb unbeachtet und wurde erst 1924 als Anfang der Urkundenhypothese wiederentdeckt.Hans-Joachim Kraus: Geschichte der historisch-kritischen Erforschung des Alten Testaments. Neukirchen-Vluyn 1988, S. 95

Der Mediziner Jean Astruc (Conjectures…, 1753) teilte vom Namenswechsel in Gen 1–2 aus das ganze Buch Genesis in zwei durchlaufende Hauptquellen A (Elohim) und B (JHWH) sowie zehn Nebenquellen für Dubletten und kürzere Texteinheiten (C-M) ein. Mose habe diese Quellen in vier Kolumnen (A, B, C, D) zusammengestellt; ein späterer Redaktor habe sie zusammengefügt. Damit wollte Astruc die Autorenrolle des Mose gegen die älteren Kritiken verteidigen.

Johann Gottfried Eichhorn (Einleitung in das Alte Testament Band 1, 1779) weitete die These von zwei Hauptquellen und mehreren Nebenquellen auf den ganzen Pentateuch aus. Er bezeichnete Astrucs Quelle A als (vormosaischen) Elohisten, Quelle B als (mosaischen) Jehowisten, folgte also der damals üblichen Fehlschreibung des Gottesnamens als „Jehova“. Auch Eichhorn sah Mose als Kompositeur und Redaktor des Pentateuchs.

Karl David Ilgen (Die Urkunden…Theil 1, 1798) teilte den Pentateuch erstmals in drei ursprünglich selbständige, durchlaufende Quellschriften auf und nahm 17 ältere Quellen für diese an. Zudem deutete er an, das 5. Buch Mose sei als eigenes Werk entstanden. Ilgens Werk blieb mehr als 50 Jahre lang unbeachtet; doch damit lag ansatzweise erstmals das Vierquellenmodell vor. Seine Theorie wird mitsamt ihren Vorläufern „ältere Urkundenhypothese“ genannt.

Weil deren Vertreter einige Toratexte keiner der angenommenen Urkunden zuordnen konnten, entwickelte Alexander Geddes um 1800 eine Fragmentenhypothese, die Johann Severin Vater um 1805 fortführte.Henrik Koorevaar, Walter Hilbrans: Einleitung in das Alte Testament: Ein historisch-kanonischer Ansatz. Brunnen, Gießen 2023, ISBN 978-3-7655-7724-6, S. 365 Um diese mit der Urkundenhypothese zu vermitteln, entwickelte Heinrich Ewald (Die Composition der Genesis kritisch untersucht, 1823) die Ergänzungshypothese. Diese führten Friedrich Bleek (1836) und Johann Christian Friedrich Tuch (1838) aus. Sie betrachteten den vermuteten Elohisten (E) als vielfältig ergänzte Grundschrift des ganzen Pentateuch.Henrik Koorevaar, Walter Hilbrans: Einleitung in das Alte Testament. Gießen 2023, S. 366 und Fn. 90f.

Neuere Urkundenhypothese (ab 1853) 1853 und 1854 entfalteten Hermann Hupfeld und sein Schüler Eduard Riehm das Vierquellenmodell: Eine elohistische „Urschrift“ ab Gen 1 sei die älteste schriftliche Quelle und ziehe sich bis zur Landverteilung (Num 32) fortlaufend durch den Pentateuch. Eine jüngere, ebenfalls elohistische Schrift umfasse die Erzelternerzählungen (Gen 12–50). Eine nochmals jüngere „jehowistische“ Schrift beginne mit der zweiten Schöpfungerzählung in Gen 2 und verwende durchgehend den Gottesnamen JHWH. Das Buch Deuteronomium sei die jüngste und eigenständige Quellschrift des Pentateuch. Dessen Kern (Dtn 12–26) hatte Wilhelm Martin Leberecht de Wette in seiner Dissertation von 1805 erstmals mit der Kultzentralisation des Königs Joschija im Jahr 622 v. Chr. (2 Kön 22–23) verknüpft. Dies ergab ein Kriterium zur Datierung der übrigen Pentateuchquellen: Jene, deren Bestandteile mehrere Heiligtümer im Siedlungsraum der Israeliten nennen, mussten früher entstanden sein als jene, die nur ein Heiligtum beschreiben und damit den zentralen Jerusalemer Tempel voraussetzten.

Gestützt auf Vorarbeiten von Eduard Reuß, Karl Heinrich Graf und Abraham Kuenen revidierte der Alttestamentler Julius Wellhausen (Die Composition des Hexateuchs, 1876; Prolegomena zur Geschichte Israels, 1878) die damals gültige Sicht der Religions- und Literaturgeschichte Israels: Er ordnete wesentliche Teile der bisher angenommenen Elohim-Quelle (Elohist) ab Gen 1 einem „Priestercodex“ zu. Als dessen ältesten Kern sah er ein „Buch der vier Bundesschlüsse“ (abgekürzt Q) um die Kultgesetze am Sinai, das um mehrere Schichten erweitert worden sei. Diese Priesterschrift müsse jünger sein als die frühe Prophetie im Tanach, da die älteren Schriftpropheten noch keine derartigen Kultgesetze enthielten. Sie sei somit die jüngste Quelle des Pentateuch. Im Ergebnis datierte er dessen vier Hauptquellen neu: Der Jawhist (J) sei im 9., der Elohist (E) im 8., das Deuteronomium (D) im 7. und die Priesterschrift (P) nach dem Babylonischen Exil im 6. Jahrhundert v. Chr. entstanden. Dabei seien J und E schon vor der Entstehung von D zu JE zusammengefügt und dann ihrerseits vielfach weiterbearbeitet worden. Darum sei die Aufteilung von Pentateuchtexten auf J und E nicht mehr genau durchführbar. Die drei selbständigen Erzählfäden von JE, D und P zögen sich auch durch das Buch Josua. Darum bezog Wellhausen dieses in seine Theorie ein und sprach vom „Hexateuch“. JE, D und P seien nicht nur lose verknüpft, sondern „vor, bei und nach ihrer (nicht zugleich erfolgten) Vereinigung erheblich vermehrt und überarbeitet worden“ (Composition S. 315). Damit behalte die ältere Ergänzungshypothese ihr Recht, nur anders als bei deren ursprünglichen Vertretern.

Laut Wellhausen reichte J von der zweiten (älteren) Schöpfungserzählung (ab Gen 2,4b) bis zum Abschluss der Landnahme der Israeliten (Jos 24) und umfasste die meisten Erzelterngeschichten in Gen 12–50, die Exoduserzählung (Ex 1–17), die Sinaioffenbarung (Ex 19) und kultische Hauptgebote (Ex 34). Er rechnete mit einer längeren vorstaatlichen Entstehung der Traditionen, die J im etablierten Königreich Israel vereint habe. Er wies der zweiten Quellschrift E nur einige jüngere Vätergeschichten wie den Bundesschluss mit Abraham (Gen 15) und die Bindung Isaaks (Gen 22) zu, vor allem die Berufungsgeschichte des Mose (Ex 3) und Teile der Bileam-Perikope (Num 22-24). Er datierte E unmittelbar vor Hoseas Auftreten im 8. Jahrhundert. Zu P als fast vollständig erhaltener Quellschrift gehörten für ihn die erste Schöpfungserzählung (Gen 1-2,4a) und die meisten Rechtstexte ab dem Dekalog (Ex 20).Jan Christian Gertz: Tora und Vordere Propheten. In: Jan Christian Gertz (Hrsg.): Grundinformation Altes Testament, 6. überarbeitete und erweiterte Auflage, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2019, ISBN 978-3-8252-5086-7, S. 193–312, hier