In der Sache J. Robert Oppenheimer ist ein Schauspiel von Heinar Kipphardt, das sich kritisch mit den Untersuchungen gegen amerikanische Wissenschaftler in der McCarthy-Ära auseinandersetzt. Die Uraufführung als Fernsehinszenierung fand 1964 statt.

Hintergrund Das Schauspiel baut auf zwei verschiedenen Hintergründen auf. Es werden die amerikanischen Bemühungen zum Bau der Atombombe im Zweiten Weltkrieg, das sogenannte Manhattan-Projekt, geschildert, die 1942 von einer Gruppe von Physikern unter der Leitung der historischen Person J. Robert Oppenheimer in Berkeley aufgenommen wurden. Anhand der in diesem Projekt gemachten Erfahrungen sowie aufgrund der Loyalitätsfrage bei Oppenheimers Weigerung, am Bau der Wasserstoffbombe 1951 mitzuwirken, setzte die Atomenergiekommission der USA einen Untersuchungsausschuss ein, dessen Aufgabe es war, die Loyalität der Wissenschaftler zu überprüfen.

Oppenheimer, ein gebürtiger Amerikaner deutscher Herkunft, wurde 1954 drei Wochen lang heftigsten Verhören ausgesetzt, da ihm Sympathien zum Kommunismus und Landesverrat vorgeworfen wurden. 1954 wurde ein Verfahren gegen Oppenheimer eingeleitet. Es endete damit, dass Oppenheimer die erforderliche Sicherheitsgarantie für die weitere Arbeit an Regierungsprojekten entzogen wurde. 1963 rehabilitierte Präsident John F. Kennedy den Wissenschaftler.

Handlung

1. Teil

1. Szene

Am 12. April 1954 tritt der Untersuchungsausschuss der Atomenergiekommission zum ersten Mal zusammen. Dieser soll klären, ob dem Physiker J. Robert Oppenheimer die Sicherheitsgarantie erteilt werden kann. Der Ausschuss setzt sich aus dem Vorsitzenden Gordon Gray, einem Zeitungsverleger, Besitzer von Radiostationen und ehemaligem Staatssekretär im Kriegsministerium, Ward V. Evans, einem Professor der Chemie in Chicago, und Thomas A. Morgan, dem Generaldirektor der Sperry Gyroscope Company, einer Atomausrüstungsfirma, zusammen. Roger Robb und C. A. Rolander, ein Mitarbeiter Robbs und Sicherheitsfachmann, vertreten die Atomenergiekommission. Oppenheimer wird durch die Anwälte Lloyd K. Garrison und Herbert S. Marks vertreten.

Als Zeuge wird zunächst Oppenheimer selbst befragt. Marks spielt ein Interview von Senator McCarthy vor, in dem McCarthy die Entwicklung der Wasserstoffbombe und das Atomwaffenmonopol der USA durch den Kommunismus und kommunistische Verräter bedroht sieht. Oppenheimer kritisiert bei der Frage, ob er den Ausschuss anerkenne, dass sich kaum Wissenschaftler darin befinden. Er ist bereit, unter Eid auszusagen, obwohl das nicht erforderlich ist.

Der Anwalt der Atomenergiekommission, Roger Robb, befragt ihn über seine Beteiligung am Atomwaffenprojekt der USA. Oppenheimer lehnt die Bezeichnung „Vater der Atombombe“ ab, obwohl er an der Konstruktion der Atombomben „Little Boy“ und „Fat Man“ beteiligt war. Er erklärt, dass er vom Kriegsministerium bei der Auswahl der Zielorte für die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki als wissenschaftlicher Berater eingesetzt wurde. Er sollte die Eignung der Ziele Hiroshima, Kokura, Nigata und Kyōto auswerten. Das Ziel sollte möglichst unberührt von Bombardierungen sein und einen hohen militärisch-strategischen Wert besitzen, um die Wirkung der Atombombe exakt messen zu können.

Die politische Verantwortung für den Atombombenabwurf lehnt Oppenheimer jedoch ab, da er lediglich als Berater des Kriegsministeriums eingesetzt wurde und die Entscheidung nicht traf. Über die Tötung von Zivilisten, 70.000 nach seiner Angabe, äußerte er moralische Skrupel. Er erklärt, dass er die Atombombe mitentwickelte, um Hitlerdeutschland darin zuvorzukommen und damit zu verhindern, dass sie eingesetzt wird. Den Einsatz einer Wasserstoffbombe auf Hiroshima hätte Oppenheimer jedoch nicht befürwortet. Die Stadt eigne sich nicht als Ziel einer Wasserstoffbombe, weil sie zu klein sei.

Robb befragt nun Oppenheimer über die Anschuldigungen der Atomenergiekommission. Dieser entgegnet, dass ihn die Anschuldigungen deprimieren, da sie seine Arbeit für die Vereinigten Staaten nicht würdigen und ihn fälschlicherweise des aktiven Widerstands gegen den Bau der Wasserstoffbombe durch Beeinflussung anderer Wissenschaftler bezichtigen. Robb kündigt an, sich mit Oppenheimers Verbindungen auseinanderzusetzen, woraufhin Garrison beantragt, dass ältere Beschuldigungen, die schon in früheren Verfahren geklärt werden sollten, nicht Gegenstand des Verfahrens werden sollten. Robb erhebt Einspruch, da er weitere Beweise gegen Oppenheimer habe. Gray lehnt den Antrag deswegen ab.

1. Zwischenszene

Evans zeigt Interesse an Robb, der ihm daraufhin erklärt, weshalb er davon überzeugt ist, dass die Anschuldigungen gegen sein früheres Idol Oppenheimer seiner Meinung nach gerechtfertigt sind. Er kann sich jedoch nicht erklären, weshalb Oppenheimer die Entwicklung der Wasserstoffbombe ablehnt. Evans spekuliert, dass er Angst vor dieser haben könnte. Robb will die Gefühle und Motivationen Oppenheimers zum Gegenstand des Verfahrens machen, um eine lückenlose Aufklärung zu erreichen. Evans fragt sich jedoch, ob er damit die Privatsphäre Oppenheimers verletzt und ob Robbs Ansichten sich überhaupt noch im rechtsstaatlichen Bereich bewegen.

Robb: „Wenn die Sicherheit der freien Welt davon abhängt, müssen wir zu unserem Unbehagen an die Grenze gehen.“ Evans: „Manchmal vielleicht auch darüber?“ Robb: „Ich glaube, Dr. Evans, es gibt in der Chemie die quantitative und die qualitative Analyse.“ Er lacht.

2. Szene

Am nächsten Tag, dem 2. Verhandlungstag, befragt Robb Oppenheimer zu Verbindungen zur kommunistischen Partei und zu seinen Einstellungen zum Kommunismus. Oppenheimer sagte, dass er zwar Sympathien zum Kommunismus hatte, diese aber während der Gewaltherrschaft Stalins verschwanden. Während der Entwicklung der Atombombe musste er die Verbindung zu einigen kommunistischen Freunden unterbrechen, da er die Atombombe in der Wüste unter militärischen Sicherheitsbedingungen entwickeln musste. Robb geht weiter auf die Beziehung zu seiner damaligen Verlobten Dr. Jean Tatlock ein. Diese war wechselhaft Mitglied der kommunistischen Partei.

Robb: „… War Ihre frühere Verlobte Dr. Jean Tatlock Mitglied der kommunistischen Partei?“ Oppenheimer: „Ja. Weniger aus politischen, als aus romantischen Motiven. Sie war ein sehr empfindsamer, an den Ungerechtigkeiten dieser Welt tief verzweifelter Mensch.“

Tatlock beging Selbstmord. Kurz vor ihrem Tod traf sie sich mit ihrem Verlobten, und sie verbrachten eine Nacht in einem Hotel. Oppenheimer fragt, was das mit seiner Loyalität zu tun haben soll, doch Robb sieht in dem Treffen eine kommunistische Zusammenkunft. Oppenheimer ist empört. Er weigert sich, die Frage, worüber er mit seiner Verlobten in dieser Nacht sprach, zu beantworten, und verlässt den Zeugenstand. Garrison erhebt Einspruch und fordert, dass die Frage nicht gewertet wird. Gray gibt dem Einspruch statt.

2. Zwischenszene

Evans äußert gegenüber Morgan erhebliche Zweifel an dem Ziel des Verhörs. Er fragt sich, ob aus dem Loyalitätsprinzip ein Überwachungsstaat entsteht, der die Loyalität seiner Mitglieder überprüft und auswertet, seine Maßstäbe selbst festlegt und ob die Wissenschaft dabei hilft, diese Technik zu entwickeln. Morgan entgegnet, dass die kommenden Generationen der Wissenschaftler sich an diese Verhältnisse angepasst haben.

Evans: „… Ich weiß nicht, ob ich mich an Durchsichtigkeit gewöhnen will, ob ich dann noch leben möchte? ‚Sprich nicht, schreib nicht, rühr dich nicht‘, heißt es schon heute an den Universitäten, wenn das so weitergeht, wie soll das weitergehen?“

3. Szene

Am 3. Tag des Verhörs geht Robb auf Oppenheimers Verbindungen zum Kommunismus zur Zeit des Spanischen Bürgerkriegs ein. Oppenheimer unterstützte die Menschen, die in Spanien gegen Franco und die Nazis kämpften, mit $300 monatlich. Er stand den kommunistischen Organisationen nahe, war jedoch kein Mitglied der kommunistischen Partei und wollte dieser auch nicht beitreten, da er sich in seiner Unabhängigkeit nicht beeinflussen lassen wollte. Er sah die Welt durch den Faschismus bedroht und den Kommunismus als eine Alternative an, die aktiv dagegen vorging.

Robb: „Was beunruhigte Sie?“ Oppenheimer: „Was mich beunruhigte, Mr. Robb? – Dass die Welt mit den Händen in den Hosentaschen zusah. Ich hatte Verwandte in Deutschland, Juden, denen ich helfen konnte, in dieses Land zu kommen, und sie erzählten mir, was damals dort geschah.“

Robb verdächtigt Oppenheimer, dass am 23. Juli 1941 in dessen Haus in Berkeley ein geschlossenes Treffen kommunistischer Funktionäre stattgefunden hat. Ein kommunistischer Funktionär namens Schneidermann soll bei der Versammlung „die Neue Linie der kommunistischen Partei“ dargelegt haben. Ein Zeuge namens Paul Crouch und dessen Frau sollen das bezeugt haben. Marks beantragt, dass die Zeugen erscheinen und ihre Aussage bezeugen sollen. Dies ist jedoch nicht möglich, da das FBI die Zeugen für den Fall nicht freigegeben hat. Marks kann dann jedoch belegen, dass sich Dr. Oppenheimer und seine Frau zu dem besagten Zeitpunkt in New Mexico und nicht in Berkeley aufhielten.

3. Zwischenszene

Oppenheimer lehnt die Verwendung eines Telexentwurfs von Marks, einen zur damaligen Zeit verwendeten Fernschreibertext, ab. Marks will die Verhandlung an die Öffentlichkeit bringen, um die defensive Verteidigung Oppenheimers offensiver zu gestalten. Die Anwälte wollen den Fall der Öffentlichkeit zugänglich machen. Oppenheimer will jedoch nicht, dass die Anwälte so vorgehen, sondern dass sie weiter auf seine Verteidigung setzen. Garrison und Marks sehen in der Verhandlung ein Exempel, um die Wissenschaft zu unterdrücken. Die Verteidigung hat keinen Zugriff auf die Verhandlungsgegenstände.

Garrison: „Wenn es um Tatsachen ginge, wenn es um Argumente ginge. Es geht um Sie als politisches Exempel.“ Oppenheimer: „Warum dann nicht McCarthy, sondern dieses Hearing?“ Marks: „Du bist der Bock, der übersprungen werden muss, die Unterwerfung der Wissenschaft unter die Militärs zu erzwingen, die Einschüchterung der Leute, die einen Ochsen einen Ochsen nennen, trotz McCarthy.“ Garrison: „Wenn der Chef von Los Alamos, wenn Oppie ein Verräter, ein verkappter Kommunist ist, dann kann man niemandem trauen, dann muss hier endlich jeder überwacht und durchleuchtet werden.“

Doch Oppenheimer geht es nicht darum, sondern nur um seine Sicherheitsgarantie. Doch da Oppenheimers Arbeitsvertrag sowieso nur noch 3 Monate läuft, wäre dieses Verfahren ohne einen politischen Hintergrund nicht notwendig. Marks vergleicht Oppenheimers Zeugenposition mit der Jungfrau von Orléans.

4. Szene

miniatur|rechts|Klaus Fuchs (Foto auf seinem Los-Alamos-Dienstausweis während des Zweiten Weltkrieges) Am Verhör des 5. Tages wird Oppenheimer über seine Auswahlkriterien für die an dem Atomwaffenprojekt beteiligten Wissenschaftler befragt. Er sagt, dass er es zwar damals für möglich hielt, einen Kommunisten an dem Projekt einzusetzen, heute allerdings nicht mehr. Dies begründet er damit, dass die Sowjetunion am Ende des Zweiten Weltkriegs ein Verbündeter der Westmächte war. Nach dem Zweiten Weltkrieg war das jedoch nicht mehr denkbar, da sich im Kalten Krieg Russland als möglicher Gegner Amerikas herausstellte. Die Kommunistische Partei der USA wurde als Spionageinstrument verwendet, was Oppenheimer jedoch nicht bekannt war, da sie eine legale Partei war und Amerika im Kampf gegen Hitlerdeutschland unterstützt hatte. Oppenheimer schlug keine Mitglieder der kommunistischen Partei vor, da er sich nicht sicher sein konnte, dass diese sich loyal gegenüber den Vereinigten Staaten verhielten. Er sah die Gefahr der Indiskretion. Bei ehemaligen Mitgliedern der Partei sah er jedoch nicht zwingend diese Gefahr.