Ines Lindner (geboren am 10. Oktober 1953 in Celle; gestorben am 11. März 2022 in Berlin) war eine deutsche Kunsthistorikerin und Autorin. Sie leitete das Zentrum für Interdisziplinäre Frauenforschung und Gender Studies an der Hochschule der Künste Berlin, war Gastwissenschaftlerin am Centre de recherche sur l’intermédialité de l’Université de Montréal und Intendantin des Forums für interdisziplinäre Studien der Muthesius Kunsthochschule Kiel. Sie forschte zum Surrealismus, zu Interdisziplinarität und Intermedialität, zur Darstellung von Weiblichkeit, zu feministischer Ästhetik und zu Frauen im Kunstbetrieb.

Leben und Werk Im niedersächsischen Celle geboren und aufgewachsen, ging Ines Lindner 1972 nach ihrem Abitur am Auguste-Viktoria-Gymnasium an die Eberhard Karls Universität Tübingen.Kurzbiografie Ines Lindner in: Ines Lindner (Hrsg.) Sehbewegungen. Über die Folgen der Entprivilegierung des Einzelbilds in der zeitgenössischen Kunst, HdK, Berlin 1993, S. 106. 1974 wechselte sie zum Hauptstudium, das sie 1976 zu Forschungen über die europäische Avantgarde in New York und Philadelphia unterbrach, an die Philipps-Universität Marburg. Dort beendete sie 1979 ihr Studium bei Martin Warnke und Gert Mattenklott mit einem Magisterabschluss in Kunstgeschichte. Zu Beginn der 1980er Jahre wirkte sie in Berlin an kulturhistorischen Sonderausstellungen mit und engagierte sich für das Verborgene Museum.Kurzbiografie Ines Lindner. In: Ines Lindner, Sigrid Schade, Silke Wenk, Gabriele Werner (Hrsg.): Blickwechsel. Zur Konstruktion von Männlichkeit und Weiblichkeit in Kunst und Kunstgeschichte, Dietrich Reimer Verlag, Berlin 1989. ISBN 978-3-496-00471-4. Sie begann in dieser Zeit nicht nur regelmäßig für FKW Zeitschrift für Geschlechterforschung und visuelle Kultur zu schreiben, sondern neben wissenschaftlichen Aufsätzen auch Beiträge zu Film-, Theater- und Kunstmagazinen, Zeitungsartikel und Rundfunkbeiträge zu verfassen, Vorträge zu halten und – in Zusammenarbeit mit anderen Kunsthistorikerinnen – Tagungen zu organisieren und deren Ergebnisse in Sammelbänden zu dokumentieren.

In den 1990er Jahren – gerade Mutter geworden – unterrichtete sie an der Hochschule der Künste Berlin. Von 1990 bis 1995 war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachbereich Visuelle Kommunikation tätig; anschließend leitete sie das Zentrum für Interdisziplinäre Frauenforschung und Gender Studies, bis sie im Jahr 2000 nach Kanada ging.Biografie Ines Lindner. In: Frauen Kunst Wissenschaft, 34, 2002, S. 106. In Montréal war sie als Gastwissenschaftlerin am Canadian Centre for German and European Studies der Université de Montréal und am Centre de recherche sur l’intermédialité de l’Université de Montréal aktiv. Nach ihrer Promotion bei Katharina Sykora an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig unterrichtete sie 2007 außerdem an der McGill University.Kurzbiografie Ines Lindner. In Hiltrud Häntzchel, Irene Below, Maria Kublitz-Kramer und Inge Hansen-Schaberg (Hrsg.): Fluchtorte - Erinnerungsorte. Sanary-sur-Mer, Les Milles, Marseille. edition text + kritik, München 2017, ISBN 978-3-86916-603-2. 2008 kehrte sie nach Deutschland zurück, wo sie für drei Jahre die Intendanz des Forums für interdisziplinäre Studien der Muthesius Kunsthochschule Kiel übernahm und unter dem Titel gehen blühen fließen ein umfangreiches Lehr-, Ausstellungs- und Publikationsprojekt realisierte.Jens Rönnau: Stadtgalerie Kiel: Kunst im Zeichen der Natur: Die Galerie blüht auf. Schleswig-Holsteinischer Zeitungsverlag, 2. Februar 2011, abgerufen am 14. April 2022.

Sie wandte sich dann immer mehr der unmittelbaren professionellen Zusammenarbeit mit Künstlerinnen zu: Neben ihren Schreibworkshops und Fachcoachings im Rahmen des Berliner Goldrausch Künstlerinnenprojekts und des Kultur- und Bildungswerks des Berufsverbands Bildender Künstler*innen Berlin, betrieb sie seit 2013 ihre eigene Beratungspraxis für Kunst- und Kulturschaffende in Berlin. Ihre Unterstützung künstlerischen Schaffens erweiternd, gründete sie zusammen mit Christine Hoffmann den internetbasierten Kunstvertrieb Parterra und ko-kuratierte dessen virtuelle Kunstgalerie. Neben ihrer Arbeit an fremden und eigenen Texten zur Kunst schrieb sie Erzählungen und lyrische Texte, die zum Teil in ihrem Gedichtband CAVAT veröffentlicht sind.

Ines Lindner starb am 11. März 2022. Beigesetzt wurde sie auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin-Schöneberg.

Arbeits- und Forschungsschwerpunkte Frauen, Kunst, Wissenschaft Engagiert in kulturgeschichtlichen und -theoretischen Auseinandersetzungen zum Bild der Frau, schrieb Ines Lindner bereits Ende der 1970er Jahre über mechanomorphe Weiblichkeitsbilder – also die Eigenschaft und Form von Mensch und Maschine vereinende FrauendarstellungenVgl. – im Werk von Marcel Duchamp und Francis Picabia. In den 1980er Jahren brachte sie zusammen mit Sigrid Schade, Silke Wenk und Gabriele Werner 1989 den Konferenzband Blick-Wechsel, Konstruktionen von Männlichkeit und Weiblichkeit in Kunst und Kunstgeschichte heraus. Involviert in die damaligen Diskurse um feministische Ästhetik arbeitete sie Anfang der 1990er Jahre zusammen mit Theresa Georgen und Silke Radenhausen an dem Dialogband Ich bin nicht ich, wenn ich sehe, in dem es um „ästhetische Praxis in Kunst und Wissenschaft von Frauen“ geht. In ihrer Dissertation und in einem Beitrag zu Renate Bergers Buch über Künstlerpaare setzte sie sich mit Georgia O’Keeffe und Alfred Stieglitz auseinander. In diesen Bänden und andernorts schrieb sie über weitere Künstlerinnen. Mit dem Augenmerk auf deren Wirkung und Rezeption nahm sie sich zum Beispiel die Arbeiten von Birgit Kleber, Orlan, Jenny Holzer und den Guerrilla Girls vor.Ines Lindner: Einleitung. In: Birgit Kleber, Frauen im Hotel, Kunst-Werke, Berlin 1993; Ines Lindner: ORLAN oder die Bilder des Begehrens, in: Erzeugte Realitäten 2, Berlin 1994, S. 36–40; Ines Lindner: Die exakte Stummheit des Details – Über Jenny Holzers Arbeit für das Magazin der Süddeutschen. In: kritische berichte, 3, 1994, S. 16–22 and Ines Lindner: Ätzend bis prickelnd. Interventionsstrategien der Guerrilla Girls. In: FKW, 18, 1994, S. 55–61.

Im Dialog Seit Anfang der 1990er Jahre begleitete Ines Lindner phasenweise die Arbeit vieler weiterer Künstler und Künstlerinnen. Der Austausch mit ihnen schlug sich auch in Lindners Arbeit nieder. Hier sind zum Beispiel Anna Oppermann, Eva-Maria Schön und Anette Rose zu nennen, deren Werk auf Lindners spezielles Interesse an der „Entprivilegierung des Einzelbildes“Sehbewegungen. Über die Entpriviligierung des Einzelbilds in der zeitgenössischen Kunst. HdK, Berlin 1993. ISBN 978-3-89462-025-7. verweist.

Den schwierigen Prozess der Annäherung an die bereits 1993 verstorbene Hamburger Künstlerin Anna Oppermann thematisierte Ines Lindner in dem genannten Dialogband. Paradigmatisch für Lindners Interesse am Dialogischen ist die Bedeutung, die sie Details des wechselseitigen Austauschs beimisst, wenn sie zum Beispiel beschreibt, wie die Künstlerin Lindners kameragestützten Versuch intellektueller Aneignung von deren raumfüllenden Bild-Text-Installation Das Blaue vom Himmel herunterlügen wiederum diesem Werk einverleibte, indem sie ein Foto, mit dem Lindner einen bestimmten Zug des Werks hatte 'einfangen' wollen, kurzerhand zum Teil des Ensembles machte. Hier zeigt sich auch bereits Lindners Interesse an MultiplesInes Lindner: Vervielfältigung der Bilder und der Blicke. Zur Medialität in Anna Oppermanns. In: Ute Vorkoeper (Hrsg.): Anna Oppermann, Ensembles 1968-1992, Hatje Cantz, Berlin 2007, ISBN 978-3-7757-1995-7, S. 22–37. und an der FotografieInes Lindner: Mehr als Aide-Memoires. Anmerkungen zu Anna Oppermanns Verwendung der Fotografie und der Digitalisierung ihrer Ensembles. In: Kunstforum International, Nr. 128, 1994, S. 116–120. . Nach Anna Oppermanns Tod war Ines Lindner zugegen, als deren Biografin Ute Vorkoeper dieses Ensemble im Museum of Contemporary Art Australia in Sidney aufbaute;Ines Lindner: The Paradox and Other Fuses: On transfigurative Structures in Anna Oppermann’s Ensemble „Paradoxical Intentions“. In: Ute Vorkoeper (Hrsg.): Paradoxe Intentionen – Das Blaue vom Himmel herunterlügen – 1988–1992. Monografie anlässlich des 5. Todestags Anna Oppermanns. Brüssel, Edition Lebeer Hossmann, Brüssel 1998, ISBN 978-2-87284-015-1. 2011 wählte Ines Lindner Anna Oppermanns als eine der in ihrer Ausstellung in der Stadtgalerie Kiel vertretenen künstlerischen PositionenMaren Kruse: Blumen und wovon sie erzählen. „gehen, blühen, fließen“, Stadtgalerie und Muthesius Kunsthochschule kooperieren mit einer Ausstellung. In: Freitag, 23, 28. Januar 2011, S. 17. und 2016 nahm Ines Lindner als Kommentatorin der Berliner Re-Inszenierung eines Werks Oppermanns an der Vernissage in der Galerie Barbara Thumm teil.

Seit Anfang der 1990er Jahre verfolgte Ines Lindner auch die Arbeit von Eva Maria Schön, in der sich Zeichnerisches,Ines Lindner: Eva-Maria Schön: Aus der Hand. In: Ines Lindner (Hrsg.) Sehbewegungen. Über die Entpriviligierung des Einzelbilds in der zeitgenössischen Kunst, HdK, Berlin 1993. ISBN 978-3-89462-025-7 FotografischesInes Lindner: Querstrich. Eva-Maria Schöns Fotoinstallation in Adlershof, Katalog des Zentrums IT und Medien, Adlershof, Berlin 2009 o.p. und Performatives miteinander verbinden und Wiederholungen zum Mittel werden, Differenz wahrnehmbar zu machen. Lindner studierte nicht nur Schöns Arbeiten, sie präsentierte sie auch, den Kontext als Kommentar nutzend: So zeigte sie zum Beispiel ihre auf mikroskopischen Fotografien lokaler Wasserproben basierten Inneren Gärten in der Kieler Ausstellung gehen blühen fließen und ihre Leporellos atemstoßweise angetriebener Tintenverläufe, zusammen mit einer windbewegten Installation von Ulrike Mohr in der Doppelausstellung Durchzug, in dem beidseitig geöffneten Bibliotheksbau im Park von Schloss Steinhöfel.

Über Jahrzehnte begleitete Ines Lindner Anette Roses Werk von den frühen Filmen zum Erzählen mit redebegleitenden GestenZ.B. 16 Traumstücke. Kleine Fernsehspiel. ZDF 51 min. 2001. über das Langzeitprojekt Enzyklopädie der HandhabungenInes Lindner: Hand und Auge. Zur Enzyklopädie der Handhabungen. In: Jan Hoet (Curator), Landschaftsverband Osnabrücker Land e.V. (Hrsg.): Colossal – Kunst Fakt Fiktion, Fromm und Rasch, Osnabrück 2009, S. 206–213. bis zu Captured Motion, einem Werkkomplex zum textilen Prozessieren.Ines Lindner: Captured Motion. Bewegungsnotationen im Raum. In: Jana Bressem/Ellen Fricke (Hrsg.): Gesten. gestern, heute, übermorgen. Vom Forschungsprojekt zur Ausstellung. Universitätsverlag, Chemnitz 2019, S. 150–157. Ines Lindner interessierte in Roses Arbeiten vor allem das Zusammenspiel körperlicher und maschineller Bewegungsformen und deren Transformationen. Sie schrieb über Roses Auseinandersetzung mit solchen Umsetzungen, über ihre Methoden der Bewegungsnotation und des Sichtbarmachens impliziten Wissens und öffnete ihrer Leserschaft darüber den Blick auf weitere Kunst- und medientheoretische Zusammenhänge.Ines Lindner: Minimalismus reloaded. Zur Typologie sozialer Tatsachen in Anette Roses Enzyklopädie der Handhabungen. In: Anette Rose (Hrsg.): Enzyklopädie der Handhabungen. 2006–2010, Kerber, Bielefeld 2011, S. 6–13.

Serialität und Intermedialität