mini|hochkant=0.95|Walter Van Dyke Bingham (1900) Walter Van Dyke Bingham (* 20. Oktober 1880 in Swan Lake, Iowa; † 7. Juli 1952) war ein US-amerikanischer Angewandter Psychologe und Arbeitspsychologe. Er trug einen bedeutenden Teil zur Entwicklung von Intelligenz- und Eignungstestungen bei. Bingham war außerdem zuständig für die redaktionelle Verantwortung verschiedener Journale und war Autor von über 200 Artikeln und Büchern. Sein Buch „Aptitude and Aptitude Testing“ (1937/1942) ist ein Klassiker in seinem Fachgebiet.

Leben Walter Bingham wurde am 20. Oktober 1880 in Swan Lake, Iowa als Sohn von Lemuel und Martha Bingham geboren. 1920 heiratete er die Autorin und Geographin Millicent Todd, die als erste Frau an der Harvard University in Geologie und Geographie promoviert wurde. Walter war ein Kleinstadtjunge, der nach eigenen Angaben vielfältige Interessen verfolgte und zunächst Mathematik- und Physiklehrer wurde, nur um dann nach vier Jahren zu bemerken, dass sein wahres Interesse in den Menschen liegt.

Bingham interessierte sich früh für Musik, die sein ganzes Leben lang ein Hobby blieb. Als Junge experimentierte er auf der Familienorgel, spielte Althorn in der Dorfkapelle, sang im College-Glee-Club, schrieb seine Doktorarbeit über die Natur der Melodie und veröffentlichte später Artikel über musikalische Begabung.

Schon früh wurde Walter Van Dyke Bingham als Ausnahmeschüler erkannt und so übersprang er die 3. und 4. Klasse, bevor er mit 16 Jahren die High School abschloss. Er war ein geschäftstüchtiger Junge, der am Bahnhof Popcorn verkaufte, um sich die Fahrt zur World’s Columbian Exposition 1893 leisten zu können. Nach seinem High-School-Abschluss arbeitete Bingham als Vermessungsgehilfe bei den Burlington, Cedar Rapids & Northern Railway. Außerhalb seiner Heimat arbeitete er zunächst als Setzerjunge für die wöchentliche Ausgabe der Emmet County Republican. Später wurde Bingham am Beloit College in Wisconsin aufgenommen, das er im Alter von 20 Jahren im Jahre 1901 mit Auszeichnung abschloss. Danach unterrichtete er eine Zeit lang Mathematik und Physik an der Beloit Academy und der Elgin High School, bevor er an der Harvard University weiterstudierte, welche er 1907 mit einem Master abschloss. Er setzte sein Studium sowohl an der Harvard University fort, wo er in Hugo Münsterbergs Labor unter Anleitung von Edwin B. Holt tätig war, als auch an der University of Chicago, wo er unter Anleitung von James R. Angell arbeitete. Hierfür erhielt er schlussendlich 1908 zwei Doktorgrade. Seine Dissertation mit dem Titel „Studies in Melody and Movement“ basierte auf Experimenten, in denen er die psychologischen Effekte von Melodien auf Menschen erforschte. Die Psychologie etablierte sich unter Angell als empirische Disziplin, welche experimentelle Methoden anwendete. Er entwickelte eine funktionalistische Theorie psychologischer Prozesse und untersuchte die Zusammenhänge zwischen Körper und Geist. In ähnlicher Weise basierte auch der arbeits- und organisationspsychologische Ansatz von Edwin B. Holt stark auf Experimenten. Er untersuchte Probleme bezüglich Monotonie, Aufmerksamkeit und Erschöpfung, physische und soziale Einflüsse auf die Arbeitskraft, die Effekte von Werbung und die zukünftige Entwicklung der Wirtschaftspsychologie.

Chicago In seinem ersten Jahr in Chicago lernte Bingham John B. Watson kennen. Dieser hatte 1903 ein Labor für Tierpsychologie etabliert, welches das dritte solche Labor neben Clark und Harvard war. Weiters leitete er einen Kurs in Experimenteller Psychologie, basierend auf Edward Bradford Titcheners Quantitative and Qualitative Manuals. In diesem Kurs wurde Bingham zu Watsons Assistenten und übernahm ihn später sogar vollständig. 1906–1907 leistete Bingham mit einem fünfseitigen Artikel „The role of the tympanic mechanism in audition“ seinen ersten Beitrag zur psychologischen Literatur.

Europa Nach seinem ersten Jahr in Chicago entschied sich Bingham dazu, einen Sommer in Europa zu verbringen. Sein erster Stop führte ihn nach Berlin, wo er Kurt Koffka und Wolfgang Köhler kennenlernte, welche die Gestaltpsychologie etablierten. Außerdem lernte er Carl Stumpf kennen, der für seine Studien mit dem Klugen Hans (Pferd) bekannt war. Sein zweiter Stop führte ihn nach London, wo er Charles Spearman, Cyril Burt und Charles S. Meyers kennenlernte.

Harvard Nach seiner Rückkehr in die Vereinigten Staaten arbeitete Bingham im dritten Stock der Emerson Hall, wo er gute Bekanntschaften mit Hugo Münsterberg und E. B. Holt entwickelte. Wie geplant arbeitete er sein Nebenfach Philosophie unter William James, Josiah Royce, George Santayana, Ralph Barton Perry und George Herbert Palmer ab.

Wirken mini|Carnegie Mellon University Als Pionier der angewandten Psychologie startete Bingham im Fachgebiet der experimentellen Psychologie, wo er seinen Ph.D. bei James R. Angell an der Universität von Chicago erhielt. Im Jahre 1915 wechselte er an die Carnegie Mellon Universität, wo er für die Organisation des Bereichs der angewandten Psychologie zuständig war. Als der Erste Weltkrieg die USA erreichte, wurde Bingham von Robert Yerkes als Mitarbeiter eines Komitees engagiert, das die Army Alpha und Beta Tests entwickelte. Während des Ersten Weltkriegs diente Bingham als Vorstandssekretär des Komitees für die Klassifizierung des U.S. Armee-Personals. Im späteren Verlauf des Krieges diente er als Oberstleutnant in der Personalabteilung des Generalstabs der Armee. Dies war für die damalige Zeit ein äußerst hoher Rang, den im Ersten Weltkrieg nur ein einziger Psychologe erhielt. Von 1940 bis 1947 arbeitet Bingham als leitender Psychologe in der Zentrale des Gruppenbefehlshabers des Kriegsministeriums. Walter Binghams Beitrag zur Entwicklung der Methoden zur Armeeklassifizierung ebneten den Weg zur Entwicklung der Arbeitspsychologie.

Beide Mentoren Binghams hatten bedeutenden Einfluss sowohl auf seine Karriere als auch seinen Forschungsverlauf. Nach seiner Promotion nahm Bingham eine Postdoktorandenstelle als Lehrassistent bei Edward Thorndike am Teachers College der Columbia University an. Nachdem er bis 1915 als Assistenzprofessor am Dartmouth College gearbeitet hatte, wurde er an das Carnegie Institute of Technology eingeladen, um eine Einheit zusammenzustellen, die auf Basis von Psychologie Studenten bei ihrer Berufswahl helfen sollte. Während seiner Zeit bei Carnegie begann er sein bahnbrechendes Unterfangen, Psychologie als Werkzeug einzusetzen, um die Probleme der großen Industrien in der Gegend von Pittsburgh zu lösen. Gleichzeitig mit der Gründung einer Abteilung für Angewandte Psychologie bemühte er sich um eine Ausbildung für Studenten, die Karrieren im Industriemanagement und anderen Bereichen planten, in denen der Erfolg in gewissem Maße davon abhing, Menschen zu verstehen und zu beeinflussen. Er hoffte, dass dies den Studenten ein besseres Verständnis des menschlichen Verhaltens ermöglichen würde. Diese Arbeit ging bekannten historischen Entwicklungen in der Angewandten Psychologie voraus, wie das Committee on Classification of Personnel in the Army in den Jahren 1917–1918 und der Gründung der Scott Company in den Jahren 1919–1923, welches das erste Personalberatungsunternehmen von angewandten Psychologen darstellte. Bingham gründete außerdem das Bureau of Mental Tests und in 1916 einen Dachverband, die Division of Applied Psychology, welche sich zum ersten organisierten akademischen/industriellen kooperativen Personalforschungsprogramm entwickelte.

Intelligenztestungen Unmittelbar nachdem die USA in den Ersten Weltkrieg eingestiegen war, entwickelte ein Team von Psychologen unter der Führung von Robert M. Yerkes Intelligenztests, die dazu benutzt werden konnten, Rekruten mit niedrigem Intelligenzniveau zu identifizieren und gleichzeitig der Armee ermöglichten, besonders geeignete Männer für Sonderaufträge und Offiziersschulen zu entdecken. Bingham war ein Mitglied dieses Teams.

Walter Van Dyke Bingham glaubte, dass Intelligenz aus einer Reihe von Faktoren besteht, die gemessen werden können, indem man sich die individuellen Fähigkeiten ansieht. Hierfür zog er mathematische, verbale, mechanische und soziale Fähigkeiten heran. So behauptete er, dass sich Intelligenz in drei Dimensionen manifestiert:

der Schwierigkeitsgrad der Probleme, die eine Person lösen kann die Anzahl an Aufgaben, die diese Person auf diesem Niveau lösen kann die Geschwindigkeit, mit der die Probleme gelöst werden

Bingham ging davon aus, dass Intelligenz hauptsächlich durch Vererbung weitergegeben wird und Umweltursachen nur das vorhandene Intelligenzniveau modifizieren können.

Außerdem kritisierte er Theoretiker, die behaupteten, die Intelligenz anhand visueller Merkmale bestimmen zu können und warnte auch davor, Intelligenzquotienten aus Testungen blind zu vertrauen. Er begründet das damit, dass niedrige Ergebnisse ebenfalls mit nicht diagnostizierten physischen Problemen zu tun haben könnten, wie zum Beispiel schlechtes Augenlicht oder Unterernährung.

Die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg verbrachte Bingham mit dem Schreiben von Büchern und Artikeln, in denen er den Nutzen seiner Testverfahren der US-Armee für die breite zivile Bevölkerung betonte. Er ging davon aus, dass Eignungstests und Unterkategorien von Intelligenztests Unternehmen helfen könnten, die Effizienz ihrer Arbeitskräfte zu fördern und Lehrern und Beratern helfen könnten, ihre Schüler oder Klienten auf den richtigen Karriereweg zu bringen und sie dadurch glücklicher zu machen.

Eignungstests Während des Zweiten Weltkriegs wurde Bingham zum Chefpsychologen im Büro des Generaladjutanten der US-Armee berufen. 1940 wurde er zum Vorsitzenden des Army National Research Council on Classification of Military Personnel ernannt. Sein Forschungsteam entwickelte eine Reihe von Eignungstests für verschiedene Zwecke:

Einteilung der Neuankömmlinge in wenige, breitgefächerte Gruppen im Hinblick auf ihre Fähigkeit, die Pflichten und Verantwortlichkeiten eines Soldaten schnell zu erlernen. Selektion von Männern für die Offiziersausbildung. Vereinfachung der Berichterstattung über die Leistungsfähigkeit von Offizieren. Verbesserung standardisierter Berufsgespräche und Befähigungstests in einem Handwerk. Ergänzende Eignungsprüfung für jene Arbeiten, die handwerkliches Geschick oder andere besondere Fähigkeiten erfordern.

Bingham glaubte daran, dass diese Eignungstests die Kriegsanstrengungen unterstützen und die amerikanische Militärmacht stärken würden. Er behauptete, dass die durch die Durchführung von Eignungstests ermöglichte Anpassung der Arbeitsbedingungen die Effizienz und Effektivität militärischer Trainingsprogramme auf die gleiche Weise steigern würde, wie der Maschinenbau die Effektivität von Panzern, Geschützen und Flugzeugen maximiert. Bis 1941 wurden die Testergebnisse für mehr als eine Million Soldaten dokumentiert.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Binghams Testmodelle von der zivilen Industrie angenommen, und das neue Gebiet der Arbeitspsychologie gewann an Popularität. Unternehmensleiter waren begeistert von den möglichen finanziellen Vorteilen der Verwendung standardisierter Tests zur Auswahl der besten Arbeitnehmer für jede Art von Arbeit.

Bureau of Salesmanship Research Binghams Interesse an der Angewandten Psychologie und seine Bereitschaft, die Barrieren zwischen Akademie und Wirtschaft abzubauen, werden bei der Gründung des Bureau of Salesmanship Research an der Carnegie Mellon Universität deutlich. Einige Wochen nach seiner Ankunft wurde er von Edward A. Woods, dem Leiter des Büros der Equitable Life Assurance Society of the United States in Pittsburgh, vorgestellt. Woods beklagte das Fehlen von Verkaufskursen an Colleges und kritisierte die vorhandenen Kurse, die von Personen mit fragwürdigem Wissen angeboten wurden. Sie kamen zu dem Schluss, dass Recherche basierend auf Themen wie Verbraucherverhalten, Verkaufsstrategien sowie die Auswahl und Training von Verkäufern nötig sei.