Das 1979 auf Schloss Weikersheim maßgeblich von Hans Filbinger gegründete und bis 1997 von ihm geleitete Studienzentrum Weikersheim (SZW) versteht sich als christlich-konservative Denkfabrik. Es veranstaltet regelmäßige Kongresse, Seminare und Tagungen, vor allem zur Europa- und Deutschlandpolitik. Journalisten wie der ehemaligen SPD-Politikerin Susanne Gaschke und Christian Fuchs (Das Netzwerk der Neuen Rechten) zufolge gilt das Studienzentrum als ein Instrument der Neuen Rechten. Alles ganz harmlos?. In: Die Zeit, Nr. 49/1995Christian Fuchs und Paul Middelhoff: Das Netzwerk der Neuen Rechten. Wer sie lenkt, wer sie finanziert und wie sie die Gesellschaft verändern. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2019, S. 118 f.
Ausrichtung Das Studienzentrum beschreibt heute seine Zielsetzung wie folgt:
Demnach vertreten die Weikersheimer einen Konservatismus, der sich auf Werte und Traditionen des christlichen Abendlands beruft, diese als Identität Europas versteht und bewahren will.
Führungsmitglieder des SZW beschrieben seinen Auftrag als Verwirklichung einer geistig-moralischen Wende in Deutschland, die Bundeskanzler Helmut Kohl bei seinem Amtsantritt 1983 angekündigt hatte. Sie richtete sich gegen eine aus ihrer Sicht in den 1970er Jahren entstandene kulturelle Hegemonie des linksliberalen Lagers.Martin Thunert: Politikberatung in der Bundesrepublik Deutschland seit 1949. In: Ulrich Willems (Hrsg.): Demokratie und Politik in der Bundesrepublik 1949–1999, Leske + Budrich Verlag, 2001, S. 233.Stephan Winckler: Wertkonservative Denkfabrik. In: Ostpreußenblatt, 3. Februar 2001
Hans Filbinger sah das SZW als „geistig-politische Initiative, die unseren Staat befähigen will, den großen Herausforderungen unserer Zeit zu begegnen“, und zwar über Ideologie- und Parteigrenzen hinweg als „Antwort auf die sogenannte Kulturrevolution aus den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts“. Dazu forderte er die „Abkehr von den Irrlehren der sogenannten Selbstverwirklichung“ und Hinkehr zu „Staatsgesinnung“, „geistiger Führung“ und einer „geistigen Leistungselite“.Ulrich Rüdenauer: Ganz in Weiß. Rückblende: Wie Filbinger sich auf NS-Gegner berief. In: Der Tagesspiegel, 14. April 2007 Günter Rohrmoser wollte die CDU als „christlich-nationale-konservative“ Partei profilieren.Wolfram Wette: Filbinger – eine deutsche Karriere. S. 128. Das Studienzentrum lehnt die Europäische Verfassung in ihrer jetzigen Form ab. Seine Vertreter fordern ein „Europa der Vaterländer“ und einen Gottesbezug in der EU-Verfassung, mit dem die Menschenrechte willkürlicher Auslegung entzogen werden sollen. Auch Beitrittsverhandlungen der Europäischen Union mit der Türkei werden abgelehnt. Dazu gab das SZW am 15. Juni 2005 ein Europa-Manifest heraus. abgerufen am 30. Oktober 2013
Geschichte Bis 2007 Der CDU-Politiker Hans Filbinger gründete das Zentrum etwa ein Jahr nach seinem Rücktritt als Ministerpräsident Baden-Württembergs infolge der Filbinger-Affäre (7. August 1978). Die erste Mitgliederversammlung des SZW wählte ihn am 12. Oktober 1979 zu dessen Präsidenten. Ferner wurden der Sozialphilosoph Günter Rohrmoser und der Brigadegeneral a. D. Heinz Karst zum Vizepräsidenten, der Tübinger Pflanzenphysiologe Helmut Metzner zum geschäftsführenden Präsidiumsmitglied und der Freudenstädter Klinikarzt Erich Baumann zum Beisitzer gewählt. Im Oktober 1997 trat Filbinger von seinem Leitungsamt zurück und wurde zugleich zum Ehrenpräsidenten des SZW gewählt. Dieses Amt wurde damals für ihn neu geschaffen.
Der Soziologe Lothar Bossle († 2000) war langjähriger wissenschaftlicher Leiter des Studienzentrums. Der Journalist Stephan Winckler vom Ostpreußenblatt nannte Rohrmoser, Hornung und Bossle als Hauptvertreter für die Entwicklung des SZW.
Filbingers Nachfolger wurde der CDU-Bundestagsabgeordnete Wolfgang von Stetten.
Auf von Stetten folgte 2001 der Politikwissenschaftler Klaus Hornung, der einen offen rechtsnationalistischen Kurs verfolgte. Von 2003 bis 2007 war Bernhard Friedmann, der von 1976 bis 1990 für die CDU Mitglied des Deutschen Bundestages und von 1996 bis 1999 Präsident des Europäischen Rechnungshofs war, Präsident des Studienzentrums. Er kündigte bei seinem Amtsantritt an, er werde das SZW wieder näher an die Unionsparteien heranführen und stärker mit wirtschaftlichen Themen befassen.
Folgen der Oettinger-Affäre 2007 Am 11. April 2007 hielt Günther Oettinger – damaliger Ministerpräsident Baden-Württembergs, der wie seine Vorgänger Mitglied im Kuratorium des SZW ist – eine Trauerrede zur Beerdigung Hans Filbingers, in der er diesen u. a. als „Gegner des NS-Regimes“ bezeichnete, der persönlich keine Hinrichtung von Deserteuren unter dem NS-Regime zu verantworten gehabt habe. Die Rede hatte der frühere Mitarbeiter Günter Rohrmosers Michael Grimminger verfasst, der seit 2002 im baden-württembergischen Staatsministerium als Redenschreiber beschäftigt war und nach der Kritik an der Rede versetzt wurde.Helmut Kramer: Die Spur führt nach Weikersheim. Wochenzeitung Freitag, 27. April 2007 Ebenfalls am 11. April wurde bekannt, dass Oettinger eine persönliche Referentin eingestellt hatte, die Mitglied im SZW ist.Ministerpräsident Oettinger soll noch immer Kontakte zu dem rechten Studienzentrum Weikersheim pflegen. Focus, 11. April 2007 Dies stieß ebenso wie seine eigene Mitgliedschaft auf Kritik.Öttinger ist Mitglied in rechtem Studienzentrum. Spiegel Online, 19. April 2007
Die Trauerrede löste bundesweit und international Kritik aus. Stephan Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, forderte am 18. April 2007 Oettingers Rücktritt und die Schließung des SZW. Am Folgetag nahm Oettinger seine Aussage zu Filbingers NS-Gegnerschaft zurück, lehnte aber einen Austritt aus dem SZW ab und verteidigte es als demokratisches Institut. Daraufhin erneuerte der Zentralrat seine Forderungen nicht. Netzeitung, 19. April 2004
Am 20. April sollte im Waldhotel Stuttgart-Degerloch ein Vortrag des SZW zum Thema „Die Bundeswehr als demokratischer Weltpolizist – Sind Auslandseinsätze sinnvoll?“ stattfinden. Veranstalter war Jung-Weikersheim; als Redner vorgesehen war Reinhard Günzel, früher Chef des Bundeswehr-Kommandos Spezialkräfte. Er war 2003 wegen seiner öffentlichen Zustimmung zu Martin Hohmanns Rede aus der Bundeswehr entlassen worden. Auch Hohmann war zu der Weikersheimer Veranstaltung eingeladen worden. Der Spiegel, die FAZ und andere deutsche Medien verwiesen zudem darauf, dass die Veranstaltung am für Rechtsextremisten symbolträchtigen Geburtstag Adolf Hitlers stattfinden sollte.FAZ-online, 20. April 2007: Oettinger nimmt Abstand von Filbinger-Institution
Baden-Württembergs SPD-Vorsitzende Ute Vogt, Claudia Roth von Bündnis 90/Die Grünen und andere forderten deshalb die Schließung des SZW. Dieses biete „bekennenden Antisemiten“ ein Forum.Filbinger-Affäre: Oettinger ist Mitglied in rechtem Studienzentrum spiegel.de, 19. April 2007. Der grüne Bundestagsabgeordnete Volker Beck kritisierte zudem, das SZW dulde „schwulenfeindliche Hetze“, und erinnerte an einen Vortrag Günther Rohrmosers, in dem dieser den russischen Konservativismus als „Gegengewicht gegen die liberale Dekadenz, die sich bei uns ausbreitet“, gelobt und eine Körperverletzung an Beck im Mai 2006 wie folgt kommentiert hatte:
Das Simon Wiesenthal Center forderte Oettinger am 20. April erneut zum Rücktritt auf und begründete dies auch damit, dass das SZW regelmäßig Redner mit extremen und antisemitischen Ansichten zu öffentlichen Vorträgen einlade.„Rechtsextreme Sympathien“ vorgeworfen. In: Kölner Stadt-Anzeiger. 20. April 2007.
Am Nachmittag erklärte Oettinger, er werde seine Mitgliedschaft bis zur abschließenden Klärung ruhen lassen, und bat SZW-Präsident Bernhard Friedmann um baldige Aufklärung über die mit Hohmann und Günzel geplanten Veranstaltungen.Financial Times Deutschland, 20. April 2007 Daraufhin untersagte Friedmann das Treffen mit Günzel und eine für den 25. August 2007 vorgesehene Veranstaltung mit Hohmann als Redner, an der die Jung-Weikersheimer zunächst festgehalten hatten.
Am 30. April erklärte Oettinger zusammen mit Präsidium und Landesvorstand der CDU, das SZW müsse sich „gegenüber Inhalten und Kräften jenseits des demokratischen Spektrums unserer Werte- und Verfassungsordnung“ abgrenzen und dürfe keine Redner aus dem rechten Spektrum mehr auftreten lassen. Er begrüßte die Absage der Veranstaltungen mit Günzel und Hohmann, deren Planung ein „Fehler und durch nichts zu begründen“ gewesen sei. Friedmann müsse sicherstellen, dass die Arbeit des SZW inhaltlich, organisatorisch und personell „unzweifelhaft“ den Satzungszielen entspreche.Oettinger macht Front gegen rechte Redner. Spiegel Online, 30. April 2007
Die stellvertretende JU-Bundesvorsitzende Nina Bender, der RCDS-Landesvorsitzende Steffen Kirsch sowie der JU-Landesvorsitzende Steffen Bilger legten ihre Vorstandsposten bei Jung-Weikersheim am selben Tag nieder. Dabei rechtfertigte Kirsch seine Mitgliedschaft bei Jung-Weikersheim in einer Erklärung und wurde daraufhin von seinen Aufgaben als Landesvorsitzender entbunden.Oettinger fordert von Weikersheimern Distanz zu Rechtsextremen. In: FAZ, 30. April 2007, S. 4
Auf Oettingers Distanzierung und Vorwürfe von Kritikern an das SZW, „seit Jahren […] die Grenze zu verfassungsfeindlichen und rechtsextremen Auffassungen nicht eindeutig genug zu ziehen“,Oettinger rückt von Weikersheim ab. In: FAZ, 21. April 2007, S. 4 antwortete SZW-Präsident Friedmann in einem Leserbrief: Viele Kritiker wollten das Studienzentrum offensichtlich „mundtot“ machen und die grundgesetzlich garantierte Meinungs- und Pressefreiheit „zur Disposition“ stellen. In: FAZ, 5. Mai 2007, S. 8
Infolge der Kritik gab das SZW am 19. Mai bekannt, dass Klaus Hornung aus dem SZW-Vorstand und Albrecht Jebens aus dem Vorstand der Filbingerstiftung ausscheiden sollen. Geschäftsführer Schrumpf wolle die Jungweikersheimer Veranstaltungspläne künftig kontrollieren.Studienzentrum zieht personelle Konsequenzen. Südwestdeutscher Rundfunk, 19. Mai 2007
Die Fraktion der Grünen verlangte am 24. Mai 2007 in einer parlamentarischen Anfrage nochmals genauere Auskunft über das Verhältnis der Landesregierung zum Studienzentrum Weikersheim und zur Hans-Filbinger-Stiftung.Landtag von Baden-Württemberg, Drucksache 14/1330 Antrag der Fraktion GRÜNE und Stellungnahme des Staatsministeriums zur Rolle der Landesregierung bei der Aufklärung der Vorgänge um das Studienzentrum Weikersheim und die Hans-Filbinger-Stiftung, 25. Mai 2007 (PDF)
Ab 2008
2008 wurde der Personalberater Bernhard von Diemer Präsident, im Juni 2011 folgte ihm der Philosoph Harald Seubert, dessen Stellvertreter wurden der Staatsrechtslehrer Karl Albrecht Schachtschneider und der Soziologe Jost Bauch. Seubert legte zu Beginn seiner Präsidentschaft Wert darauf, dass das Studienzentrum Weikersheim „als bürgerlich liberaler Think Tank und als Forum auf hohem Niveau die europäischen Traditionen aus Antike, Christentum und Aufklärung in die globale Welt des 21. Jahrhunderts hinein“ fortsetze. Verfassungsgemäßheit und Menschenwürde als unbestreitbare erste Wertorientierung seien damit selbstverständlich. Weikersheim sollte zudem wieder verstärkt zu einem Forum öffentlicher Debatte werden und stärker publizistisch hervortreten.H. Seubert: Für einen modernen Konservatismus. Antrittsrede als Präsident des Studienzentrums Weikersheim, in: Deutschland und Europa in einer veränderten Welt. Weikersheimer Dokumentationen Neue Folge Band 1, vtr Verlag, Nürnberg 2012, S. 9–19.