Alternativweltgeschichten sind eine Ausformung des Science-Fiction-Genres und unter den Bezeichnungen Allohistoria, Parahistorie, Virtuelle Geschichte, Imaginäre Geschichte, Ungeschehene Geschichte, Potentielle Geschichte, Eventualgeschichte, Alternate History, Alternative History oder Uchronie („Nicht-Zeit“, aus altgriechisch „nicht-“ und „Zeit“) bekannt.
In der Geschichtswissenschaft werden derartige Gedankenspiele, die allerdings Bezug auf die historischen Quellen nehmen, als kontrafaktische Geschichte bezeichnet.
Die Geschichten dieser Werke spielen in einer Welt, in der der Lauf der Weltgeschichte irgendwann (am so genannten Divergenzpunkt) von dem uns bekannten abgewichen ist. Während Science-Fiction mit dem Potentialis operiert, operiert die kontrafaktische Geschichte mit dem Irrealis, stellt also die Frage: „Was hätte sein können, wenn …?“ Das Genre wurde insbesondere in der englischsprachigen Literatur der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt.
Geschichte
Vor dem 19. Jahrhundert Frühe Beispiele der kontrafaktischen Geschichtsschreibung finden sich bereits in Antike, etwa in Form der Überlegungen des Titus Livius, was passiert wäre, falls die Armee Alexanders des Großen auf die römischen Legionen getroffen wäre. Herodot spekulierte hingegen über eine griechische Niederlage in der Schlacht bei Marathon.
Im Jahr 1490 erzählt Tirant lo Blanc (Joanot Martorelli, Marti Joan de Galba) die Geschichte eines Ritters, der das Byzantinische Reich vor dem Osmanischen Reich rettet.
Im Jahr 1670 merkt Blaise Pascal in seinen Pensées scherzhaft an, die Geschichte wäre anders verlaufen, hätte Kleopatra VII. eine kleinere Nase gehabt.
19. Jahrhundert Das Genre der kontrafaktischen historischen Fiktion entstand im 19. Jahrhundert, besonders im französischsprachigen Raum. Entscheidende Vorläufer waren hierbei Louis Geoffroy (Napoléon et la conquête du monde, 1836), welcher eine Welteroberung durch Napoleon Bonaparte nach einem Sieg im Russlandfeldzug 1812 beschrieb, und Charles Renouvier (Uchronie, 1876), welcher nicht nur den Begriff „Uchronie“ etablierte, sondern auch erstmals verschiedene Aspekte des Genres wissenschaftlich zu erfassen versuchte.
Das erste englischsprachige historische Werk wurde von Nathaniel Hawthorne (P's correspondence, 1845) geschrieben.
Im Verlauf des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts entwickelte sich das Genre (als solches noch nicht weithin anerkannt) nur schleppend. Zu den Beiträgen dieser Zeit gehören Hands Off (1881) von Edward Everett Hale und A Connecticut Yankee in King Arthur's Court (1889) von Mark Twain, wobei beide Beispiele eine Zeitreisegeschichte erzählen, in welcher der Zeitreisende die Zeitlinie verändert.
20. Jahrhundert George Macaulay Trevelyan veröffentlichte seine Kurzgeschichte If Napoleon Had Won the Battle of Waterloo, welche sich dadurch auszeichnet, eine der ersten dystopischen Erzählungen der Alternativgeschichte zu sein, wohingegen frühere Beispiele zumeist utopisch waren und dem Eskapismus dienten.
Im Jahr 1931/1932 veröffentlichte John Collings Squire die erste belegte Essaysammlung der Alternativgeschichte unter dem Titel If It Happened Otherwise (in den Vereinigten Staaten unter dem Titel If: Or History Rewritten veröffentlicht). Die Beiträge zu Squires Sammlung wurden von mehreren internationalen Autoren geschrieben, wobei besonders Winston Churchill, der spätere Premierminister des Vereinigten Königreichs, hervorzuheben ist. Andere Beiträge kamen von Philip Guedalla und Harold Nicolson sowie Ronald Knox (alle Vereinigtes Königreich), Emil Ludwig (Deutschland) und André Maurois (Frankreich).
Die Kurzgeschichte Sidewise in Time von Murray Leinster (welche später dem Sidewise Award den Namen gibt) wurde im Jahre 1934 veröffentlicht und erforschte eine Realität von parallel existierenden Zeitlinien, die urplötzlich durcheinandergewürfelt wurden.
Der Zweite Weltkrieg (1939–45) veränderte das Genre der Alternativweltgeschichte vollkommen und ist seitdem zum mit Abstand beliebtesten Thema der Alternativgeschichte geworden, wobei fast ausschließlich dystopische Szenarien entstehen. Alternativgeschichten des Zweiten Weltkriegs entstehen schon kurz nach Kriegsende, so etwa Si l’Allemagne avait vaincu (‚Wenn Deutschland gesiegt hätte...‘, 1950) von Randolph Robban.
Im Jahr 1953 veröffentlichte J. Ward Moore das Buch Bring the Jubilee (im Deutschen: Der Große Süden), womit er in den Vereinigten Staaten die Alternativgeschichten über den Sezessionskrieg erweiterte. Interesse in den USA an alternativen Szenarien des Bürgerkriegs stieg wiederum mit dem hundertsten Jahrestag des Sezessionskriegs im Jahre 1961, so etwa in Form von MacKinlay Kantors If the South Had Won the Civil War (1961).
mini|hochkant|Philip K. Dick, der Autor von The Man in the High Castle (Das Orakel vom Berge), dem wohl berühmtesten Werk der Alternativweltgeschichte
Im Jahr 1962 erschien die vermutlich berühmteste Alternativweltgeschichte aller Zeiten, The Man in the High Castle (ins Deutsche übersetzt unter dem Titel Das Orakel vom Berge) von Philip K. Dick, welches die Geschichte der von Nazi-Deutschland und vom Japanischen Kaiserreich besetzten Vereinigten Staaten erzählt. Das Buch wurde zum Vorbild einer erfolgreichen Fernsehserie, welche zwischen den Jahren 2015 und 2019 produziert wurde (wobei diesmal im Deutschen der Originaltitel unübersetzt blieb).
Im Jahr 1964 erweiterte Robert Fogel die Alternativgeschichte um mehrere wissenschaftliche und statistische Methoden, was das Genre als Ganzes auch interessanter als ernsthaftes Gedankenexperiment für die Geschichtswissenschaften machte (siehe hierzu: Kontrafaktische Geschichte). Fogel errechnete in seinem Werk Railroads and American Economic Growth alternative Statistiken der Logistik für eine Version der Vereinigten Staaten, in welcher der weitreichende Aufbau von Eisenbahnen nicht stattfand.
Nach dem Tod des Diktators Francisco Franco im Jahre 1975 erlebte das Genre auch in Spanien einen Aufschwung, insbesondere mit einem Schwerpunkt auf den Spanischen Bürgerkrieg. Der Katalane Victor Alba schrieb im Jahre 1976 eine utopische Darstellung einer überlebenden Zweiten Spanische Republik, wohingegen der Franquist Fernando Vizcaino Casas im Jahre 1989 eine dystopische Vision der siegreichen Republikaner zeichnete.
mini|hochkant|Robert Harris, der Autor von Fatherland (Vaterland)
Im Jahr 1992 veröffentlichte der Brite Robert Harris das Buch Fatherland (im Deutschen: Vaterland) und erzielte einen großen finanziellen Erfolg, was dem Genre der Alternativgeschichte zu größerem Status verhalf. Harris’ Buch ist der Hauptvertreter eines Phänomens der Alternativgeschichte im britischen Kulturraum während der 1990er, welcher von Richard J. Evans als „euroskeptischer Kontrafaktualismus“ bezeichnet wird. Im Kontext der Deutschen Wiedervereinigung (1990) und des Vertrags von Maastricht (1992) wurden unter britischen Konservativen Ängste über ein von Deutschland dominiertes Europa geweckt. Dadurch entstanden zahlreiche britische Alternativgeschichten über ein imperialistisches Deutschland (oft in Form eines im Zweiten Weltkrieg siegreichen NS-Staates, wie im Falle von Vaterland) oder einen anderweitig hervorgebrachten europäischen Superstaat. Andere britische Vertreter des euroskeptischen Kontrafaktualismus der 1990er-Jahre waren neben Harris auch John Charmley, Andrew Roberts und Niall Ferguson. Außerhalb Großbritanniens war das Phänomen weniger verbreitet, wobei der polnisch-britische Historiker Adam Zamoyski zu den Ausnahmen zählt.
Im Jahr 1997 veröffentlichte Niall Ferguson das Werk Virtual History: Alternatives and Counterfactuals, in welchem er versuchte, die kontrafaktische Geschichte als seriöses Mittel der Geschichtsforschung zu etablieren.
21. Jahrhundert Die Popularität der Alternativgeschichte als Genre ist seit den 1990ern rapide gestiegen.
Mehrere Klassiker des Genres wurden im 21. Jahrhundert als Serien umgesetzt, so etwa The Man in the High Castle und SS-GB.
Gesichtspunkte des Genres
Stilmittel und Tropen Wie andere Genres auch kennt die Alternativgeschichte mehrere Tropen und Stilmittel, die in verschiedensten Werken erkennbar sind.
Zu fast jeder Erzählung der Alternativgeschichte gehört ein Divergenzpunkt (engl.: point of divergence). Vor diesem Divergenzpunkt ist die Geschichte der alternativen Zeitlinie mit jener der dem Leser bekannten realen Zeitlinie identisch. Alternativgeschichten enthalten oft innerhalb ihrer Handlung eigene Alternativgeschichten (die oft auf die reale Zeitlinie anspielen). Das berühmteste Beispiel ist hierbei The Grasshopper Lies Heavy (im Deutschen: Schwer liegt die Heuschrecke) in The Man In The High Castle (im Deutschen: Das Orakel vom Berge). Während das Gesamtszenario einen Sieg der Achsenmächte im Zweiten Weltkrieg darstellt, beschreibt The Grasshopper Lies Heavy innerhalb des Szenarios eine alternative Version der Welt, in welcher die Alliierten den Zweiten Weltkrieg (wie in der realen Zeitlinie) gewinnen. Oft werden bekannte historische Persönlichkeiten in einer alternativen Zeitlinie in eine völlig andere Rolle gesetzt. So wird Al Capone in Back in the USSA (Kim Newman) zu einem Stalin-ähnlichen kommunistischen Diktator der Vereinigten Staaten.
Subjektive Motive von Autoren für ihre Themenwahl Die Wahl des Szenarios und Divergenzpunkts einer Alternativgeschichte wird nachhaltig von der Absicht, der politischen Orientierung und der Faktenkenntnis des jeweiligen Autors sowie vom Kontext der jeweiligen Epoche geprägt.
Die Autoren dystopischer Alternativgeschichten zielen oft darauf ab, dem Publikum die Vorzüge der realen Zeitlinie vor Augen zu führen, sowie die Bosheit und Unerwünschtheit der jeweils beschriebenen Dystopie zu unterstreichen.
Heimatland Autoren jeder Nation tendieren eher dazu, alternativgeschichtliche Szenarien mit Bezug auf die eigene Nationalgeschichte zu entwickeln.
Deutschland nimmt eine Sonderrolle ein. Die beiden Weltkriege als Schlüsselereignisse der deutschen Geschichte sind in der deutschen Bibliographie der Alternativgeschichte oft behandelt, aber insbesondere beim Zweiten Weltkrieg gilt in Deutschland eine größere kulturelle Tabuisierung der Veränderung bestimmter Themen als in anderen Ländern. Insbesondere Alternativgeschichten des Holocaust, welche besonders in den Vereinigten Staaten mit einiger Häufigkeit geschrieben werden, gibt es in Deutschland fast überhaupt nicht. In Frankreich sind die Französische Revolution und die Koalitionskriege sowie die Revolution von 1968 außerordentlich beliebt. In Italien ist die Epoche des Faschismus relevant. In Russland war die Alternativgeschichte als Genre zu Sowjetzeiten unbeachtet geblieben, erfreut sich aber seit den späten 1980er-Jahren wachsender Beliebtheit, wobei ein Scheitern der Russischen Revolution, Variationen in der Geschichte des Stalinismus (oder ein längeres Leben Wladimir Lenins), Abwandlungen des Zweiten Weltkriegs und religiöse Leitmotive (radikale christliche Theokratie in Russland oder Islamisierung Russlands) wiederkehrende Elemente sind. In Spanien nimmt der Spanische Bürgerkrieg eine erhöhte Stellung ein. In den Vereinigten Staaten schreiben Autoren der Alternativgeschichte oft über den Zweiten Weltkrieg (ein globales Phänomen), aber häufig auch über den Sezessionskrieg sowie den Vietnamkrieg, wobei besonders der erstere eine kulturell fast ausschließlich für Amerikaner interessante Epoche darstellt. Dennoch zählt der Sezessionskrieg wegen der großen Menge US-amerikanischer Alternativgeschichtswerke zu den meistbehandelten Themen des Genres.
Politische Sicht