Vittore Soranzo (* 26. Juli 1500 in Venedig; † 13. Mai 1558 ebendort) war ein italienischer katholischer Bischof. Als er 1551 wegen Ketzerei angeklagt wurde, erteilte ihm Julius III. die Absolution, nachdem er eine geheime Abschwörung geleistet hatte. Als Paul IV. das Papstamt übernahm, wurde der Bischof von Bergamo erneut vor Gericht gestellt und wenige Wochen vor seinem Tod in Abwesenheit verurteilt.
Leben Im Dienst von Clemens VII. mini|Jacopo Bassano: Porträt Pietro Bembo
Vittore wurde als ältester SohnAus den Prozessesakten vom 26. Juli 1500: von Alvise Soranzo und Lucia Cappello geboren und entstammte einer adligen, aber nicht sehr wohlhabenden Familie. Im Laufe der Zeit kamen sechs weitere Söhne zur Welt, von denen der letzte, Francesco, im Jahr 1519 geboren wurde.
Wie jedem erstgeborenen Patrizier wurde ihm die Bürde auferlegt den überlieferten Familienbesitz zu festigen. Er ging daher nach Padua um Jura zu studieren und so Zugang zu einer Karriere in der Verwaltung der venezianischen Republik zu erhalten.Um 1518 oder spätestens 1519; die Universität von Padua wurde 1518 nach der kriegsbedingten Unterbrechung der Lehrveranstaltungen wieder eröffnet, und im Januar 1520 ist Soranzo bereits als Student der Rechtswissenschaften belegt. Vittore schloss sein Studium jedoch nicht ab: Seine Bekanntschaft mit dem brillanten Humanisten Pietro Bembo, einem entfernten Verwandten, der sich 1521 in Padua niedergelassen hatteSeine Schwester Isabetta Soranzo heiratete Alvise Bembo, einen Cousin des Humanisten: siehe V. Cian, A Decade in the Life of M. Pietro Bembo (1521-1531), S. 41–42 und an seiner Prose della volgar lingua arbeitete, veranlasste ihn der Literatur den Vorrang zu geben und die Universität und damit eine sichere Karriere zugunsten einer ungewissen Zukunft, welche die Geisteswissenschaften boten, zu verlassen.
Er studierte privat bei dem geschätzten und strengen Meister Trifone Gabriel, der in seiner Villa in Ronchi in der Umgebung von Padua zu Gast war, und wurde von Bembo gefördert, dem er Sonette und Lieder schickte, um Beurteilungen und Korrekturen zu erhalten. Zu Gabriels Schülern gehörten in jenen Jahren Persönlichkeiten wie Alvise Priuli (der ein enger Mitarbeiter des umstrittenen Kardinals Reginald Pole werden sollte), Jacopo Bonfadio und Apollonio Merenda, Bembos Sekretär, der dreißig Jahre später im Gefängnis der römischen Inquisition landen sollte. All diese Personen haben zusammen mit den gleichaltrigen Studenten in Padua – Ludovico Beccadelli, Giovanni Morone, Pietro Martire Vermigli und Pietro Paolo Vergerio – auf unterschiedliche Weise an dem dogmatischen Prozess mitgewirkt, den die lutherischen Reformation in Italien auslöste.
mini|Sebastiano del Piombo: Clemens VII. Obwohl er mehrmals von BemboZwischen den beiden gab es einen regen Briefwechsel. Bembos Briefwechsel ist in einer systematischen Reihe erschienen: Lettere, 4. Bände, Bologna 1987–1993. gelobt und gefördert wurde, war seine poetische Ader nicht genügend ausgeprägt, um ihm die Türen zum literarischen Ruhm zu öffnen. So musste er sich um kirchliche Pfründe bemühen, die es ihm erlaubten von seiner Familie unabhängig zu werden und sich in Ruhe der Poesie und dem Studium der Klassiker zu widmen. Zu diesem Zweck reiste Vittore im Oktober 1529 nach Bologna, wo Clemens VII. und Karl V. zum ersten Mal nach dem Sacco di Roma zusammentrafen, um den Frieden wiederherzustellen, Italien eine neue Ordnung aufzuerlegen und sich auf eine Strategie zur Regelung der beunruhigenden politischen und religiösen Situation in Deutschland zu einigen. Wahrscheinlich wurde er auf Empfehlung seines illustren Beschützers zum Geheimen Kammerherrn des Papstes ernannt. In dieser Eigenschaft überreichte er dem Papst ein Ersuchen um die Legitimierung der leiblichen Kinder Bembos, dem sofort stattgegeben wurde. Er hoffte, dass er Zeit zur Fortsetzung seines Studiums haben würde und zog im April 1530 an den päpstlichen Hof nach Rom.
Die Zugehörigkeit zum päpstlichen Hof bedeutete nicht nur die Möglichkeit, Vorteile und Privilegien zu erlangen, sondern bedeuteten auch notwendige große Ausgaben für die Anpassung an den Lebensstandard des hohen Hofes. Während Ersteres Soranzos Zeit in Anspruch nahm, war Letzteres alltäglich. In seiner Korrespondenz mit Bembo beklagte er sich daher über die Schulden, die er bei Gläubigern angehäuft hatte, über die mangelnde Unterstützung seines Vaters und darüber, dass er sein Studium abgebrochen hatte, ohne eine Entschädigung zu erhalten. Es findet sich jedoch kein Kommentar zu religiösen Themen und zur Einheit der Christen, die durch die in Deutschland entstehenden Reformen gefährdet waren und die zu den wichtigsten Anliegen der Kurie gehören sollten, und auch nicht zu den zahlreichen Persönlichkeiten, die er aufgrund seiner Aufgaben kennenlernen durfte, wie den spanischen Exilanten Juan de Valdés, die Florentiner Carnesecchi, Pulica und Gelido oder den Modeneser Dichter Gandolfo Porrino.
Soranzos quälende Suche nach einem finanziellen Ausgleich muss seinen Kollegen und seiner Bruderschaft sehr am Herzen gelegen haben und das beherrschende Merkmal seiner römischen Aktivitäten gewesen sein, da ihn Giovanni Mauro in zwei Versen als zielstrebig auf der Suche nach Vergünstigungen schildert.In Il primo libro delle opere burlesche ... schildert er E s'el Soranzo è ad uccellar sì intento / qualche fiat di man del padre santo, London 1723, S. 104 Bembo gelang es schließlich, dass er vom Papst, Anfang 1533, eine Rente aus dem Priorat Sant'Antonio in Brescia erhielt. Dies erfolgte gerade noch rechtzeitig, denn am 23. September 1534 starb Clemens VII. und mit der Nachfolge von Paul III. wurden die alten Diener durch neue Höflinge ersetzt. Soranzo ging, ohne allzu großes Bedauern, wieder nach Venedig.
Im Dienste von Kardinal Bembo Von Venedig begab er sich sofort erneut nach Padua, um in der Nähe seines Förderers zu leben, sich um seine Einkünfte aus Brescia zu kümmern und sich mit Bembo, Fregoso und Gheri humanistischen Interessen zu widmen. Er verkehrte mit Sicherheit mit allen wichtigen Intellektuellen, die in der Stadt entweder dauerhaft lebten oder auf der Durchreise waren: Benedetto Varchi, Aonio Paleario, Marcantonio Flaminio, Sperone Speroni, Ludovico Beccadelli, Pietro Aretino, Alvise Priuli und Carlo Gualteruzzi, aber über diese Kontakte ist wenig oder gar nichts bekannt.
mini|Palazzo SS Apostoli, die erste römische Residenz von Bembo Der erste Wendepunkt in Soranzos Leben kam mit der Ernennung von Pietro Bembo zum Kardinal. Nachdem Paul III. die Familienangelegenheiten geregelt hatte, indem er seine Kinder Pier Luigi und Costanza Farnese legitimierte, beschloss er sich mit der inzwischen unlösbaren lutheranischen Frage zu befassen und berief in mehreren Konsistorien angesehene Persönlichkeiten wie Gasparo Contarini, Gian Pietro Carafa, Reginald Pole, Jacopo Sadoleto, Federigo Fregoso und 1538 Pietro Bembo an die Kirchenspitze. Bembo war sicherlich „weder ein Mann, auf den man sich für die dringende Reform der Kirche verlassen konnte, noch auf eine disziplinierte Verteidigung der Kurientradition gegen die Risiken der Reform [...] er war ein Mann, für den das Kardinalsamt in einer sichtbaren Kirche, die an der Spitze der humanistischen und menschlichen Kultur stand, eine Messe wert war“.C. Dionisotti, Scritti sul Bembo, 2002, S. 143–167 Seine Wahl erregte die offene Feindschaft eines Mannes wie Carafa, der rigoros bis zum Fanatismus war. In Wirklichkeit nahm Bembo seine Aufgaben sehr ernst, was sich unter anderem in seinen neuen, auf religiöse Probleme ausgerichteten Lektüren zeigte: von den Paulusbriefen bis zu den Kommentaren von Johannes Chrysostomus, von Palearios Apologia bis zu Francesco Zorzis In Scripturam sacram problemata, von Bartolomeo da Castellos Dialogo dell'unione bis zu Flaminios Paraphrases in duos et triginta psalmos. In der Absicht den Interessen der Kirche und der christlichen Religion zu dienen, ließ sich Pietro Bembo im Oktober 1539 in Begleitung des unzertrennlichen Soranzo, seines Hausverwalters, und einiger anderer im Palazzo dei Santi Apostoli neben der gleichnamigen Basilika nieder, von wo aus er zwei Jahre später in die vatikanischen Paläste umziehen sollte.
Während der Romreise hatten sie bei einem Halt in Florenz unter anderem Carnesecchi getroffen. In den ersten Monaten des Jahres 1540 reisten sie zusammen nach Neapel, wo er die Gelegenheit hatte die Fastenpredigten des berühmten Kapuziners Bernardino Ochino zu hören. Nach dem Tod von Clemens VIII. hatte sich Valdés in Neapel seinen Wohnsitz. Soranzo besuchte ihn und die Gruppe der Alumbrados, vor allem um diese zu hören. Ochino, Flaminio, Merenda, Vermigli, Mario Galeota, um nur einige zu nennen, neben den Adligen Giulia Gonzaga, Giovan Francesco Alois, Ferrante Brancaccio, Consalvo Bernaudo, Galeazzo Caracciolo und andere gehörten dieser Gruppe an.
Unter dem Einfluss von Juan de Valdés mini|Valdés: De doctrina christiana
Die intensive Begegnung mit dem charismatischen Valdés und seiner spirituellen Lehre hatte einen entscheidenden Einfluss auf Soranzos religiöses Selbstverständnis und stellte den eigentlichen Wendepunkt in seinem Leben dar. Für Valdés wird die Gotteserkenntnis durch einen Prozess der inneren Offenbarung erlangt, der aufgrund der Unzulänglichkeit der menschlichen Vernunft notwendigerweise durch den Heiligen Geist ausgelöst wird, das innere Licht, das den Sinn der Heiligen Schrift erhellt, die „wie eine Kerze an einem dunklen Ort“J. de Valdés, Le cento e dieci divine considerazioni, S. 42 ist und ohne ihn dunkel und stumm bliebe.
Der Glaube wird nicht durch logische Schlussfolgerungen erlangt, er ist auch nicht die Frucht von Überredung oder Meinung, sondern wird nur durch Offenbarung erlangt. Er ist daher eine freie Gabe des Heiligen Geistes. Ein Christ gelangt nicht durch das Studium der Naturphilosophie – der Erkenntnis der Geschöpfe – zur göttlichen Erkenntnis, wie die Heiden es glauben, noch durch das Studium der Heiligen Schrift allein, wie die Juden glauben, sondern durch Christus, und der Segen der Erlösung liegt im Glauben an sein Leiden und Sterben.
Wahrer Glaube wird also nicht aus der Heiligen Schrift „gelernt“, als ob er auf einer persönlichen Beziehung zu einem Buch beruhen könnte. Das wahre Evangelium ist nicht dasjenige, „das von Menschen mit Feder auf Papier geschrieben und gedruckt wurde, sondern dasjenige, das in die Herzen geschrieben und weitergegeben wird“.J. de Valdés, Commento ai Salmi, S. 112 Der christliche Glaube wird „durch die göttliche Kraft des heiligen Geistes in unserer Seele erzeugt“, er ist ein inspirierter Glaube, der „dem Menschen den Seelenfrieden gibt [...], ihm bestätigt, dass er in der Gnade Gottes steht, dass er ein Kind Gottes und Erbe des ewigen Lebens ist“.J. de Valdés, Cinque trattatelli evangelici, S. 78
Die Gotteserfahrung ist also eine persönliche Erfahrung des Geistes: Sie kann nicht von außen kommen – keine Kirche kann sie vermitteln – sie ist nicht an Taten, Gelübde, Zeremonien oder äußere Praktiken gebunden. Sie wird von jedem im Innersten der Seele bewahrt, so dass „der wahre und vollkommene Christ frei ist von der Tyrannei des Gesetzes, von Sünde und Tod, und absoluter Herr über seine Folgen und Neigungen“.J. de Valdés, Alfabeto cristiano, S. 125 Die wahre Kirche ist nach Valdés die „Gemeinschaft der Heiligen“, die dieses innere Evangelium teilen, die Kirche des lebendigen Glaubens im Gegensatz zum „toten Glauben“, des Geistlichen und des Evangelischen im Gegensatz zum „Aberglauben“ und zum „Zeremoniellen“. mini|Juan de Valdés