mini|Ein Modell der Werft um 1980 mit den beiden markanten Portalkränen

Die Aktien-Gesellschaft „Weser“ (umgangssprachlich nur AG Weser genannt) war eine Schiffswerft in Bremen-Gröpelingen. Der 1872 gegründete Betrieb wurde 1983 als Folge weltweiter Überkapazitäten im Schiffbau und allzu einseitiger Konzentration auf den Bau von Großtankern geschlossen.

Im Laufe ihres 140-jährigen Bestehens wurden von der A.G. „Weser“ etwa 1.400 Schiffe gebaut; neben dem zivilen hat sich die Werft sehr stark im militärischen Schiffbau engagiert, sowohl für die Kaiserliche Marine (1872–1918) als auch später für die Reichs- bzw. Kriegsmarine (1921–1945). Sie hatte in beiden Weltkriegen großen Anteil am Bau von U-Booten.

Von 1926 bis 1945 war der Betrieb Teil der Deutschen Schiff- und Maschinenbau AG (Deschimag).

Geschichte Entstehung Die A.G. „Weser“ entstand 1872 als Nachfolger der 1843 von Johann Carsten Hinrich Waltjen und Heinrich Leonhardt gegründeten Eisengiesserei und Maschinenbau-Anstalt Waltjen & Leonhard, die am Stadtrand von Bremen an der Stephanikirchenweide (heute Teil der Überseestadt) angesiedelt war. Diese Eisengießerei und Maschinenfabrik hatte ein weitgefächertes Programm „für alles was sich aus Eisen fertigen läßt“, wie Brücken und Kräne, eiserne Schleusentore, Dampfkessel und Dampfmaschinen bis hin zu ganzen Fabrikausrüstungen. 1847 entstand auch erstmals ein Schiffsneubau, mit der Baunummer 1 der eiserne Seitenraddampfer Roland, verwendet als Schleppfahrzeug und zur Personenbeförderung. Etwa 50 Jahre lang versah die Roland ihren Dienst zunächst auf der Oberweser, dann auf der Unterweser und im Seebäderdienst nach Norderney und Wangerooge. Es folgten weitere Schiffsbauten, darunter 1871 drei Torpedoboote für die Kaiserliche Marine.

Nach dem Ausscheiden von Heinrich Leonhardt, der keinen Schiffbau betreiben wollte, wurde das Unternehmen 1848 in die Aktiengesellschaft C. Waltjen & Co. umgewandelt.

Mit der Erkenntnis, dass der Schiffbau einen stetigen Aufstieg nehmen werde und Bremen hieran beteiligt sein müsse, erfolgte 1872 die Gründung der Actien-Gesellschaft „Weser“ durch achtzehn Bremer Kaufleute und Unternehmer. Wegen seiner günstigen Lage am Weserufer erschien das Waltjen-Unternehmen als Grundlage gut geeignet und wurde folglich – offensichtlich nach anfänglichem Widerstreben des Inhabers Carsten Waltjen – aufgekauft. Carsten Waltjen wurde später Mitglied im Vorstand der neuen Aktiengesellschaft.

Das neue Unternehmen – laut Annonce in der Weser-Zeitung vom 28. März 1872 eine „Gesellschaft zum Bau eiserner Schiffe, Dampfschiffe, Dampfmaschinen, Maschinentheile etc.“ – startete den Schiffbau mit einigen kleineren Einheiten. Der erste größere und für das Überleben der Werft wichtige Auftrag erfolgte von der Kaiserlichen Marine. Zwischen 1875 und 1884 wurden insgesamt 29 Kanonenboote gebaut. Hiermit erfolgte für die A.G. „Weser“ der Einstieg in den militärischen Schiffbau. Hauptaufträge erfolgten jedoch zunächst im nichtmilitärischen Bereich. Es zeigte sich jedoch schon bald, dass wegen der ansteigenden Auftragseingänge sowie auch der zunehmenden Schiffsgröße – vor allem im militärischen Bereich – eine Erweiterung der Werft erforderlich werden würde. Die derzeitige verfügte lediglich über eine einzige Querhelling.

Im Jahre 1901 pachtete daraufhin das Unternehmen vom Bremer Staat ein 47 ha großes Grundstück im Vorort Gröpelingen etwa 5 km von der Bremer Altstadt entfernt in der Nähe der Bremer Häfen für die Dauer von 60 Jahren. Produktion und Personal wurden sukzessive in das neue Werk verlegt, Mitte 1905 war die Umsiedlung beendet. Die alte Werft war inzwischen an den Norddeutschen Lloyd verkauft worden.

Entwicklung zur Großwerft mini|Blick über Gröpelingen auf die Helgen­gerüste der Werft, um 1914

Von der Gründung der Werft 1872 bis in den Ersten Weltkrieg hinein wurden laut A.G. „Weser“-Neubautenlisten etwa 125 zivile „Schiffe mit Eigenantrieb“ – Fracht- und Passagierdampfer, Schlepper, Fischdampfer, Schwimmkräne und andere – abgeliefert, darunter 1915 die drei bisher größten Frachtdampfer mit jeweils 8.319 BRT für die Bremer D.D.G. Hansa. Dies waren gleichzeitig die letzten im Krieg abgelieferten zivilen Bauten. Hinzu kamen zahlreiche Schiffe ohne Eigenantrieb – Schleppkähne, Pontons und insgesamt vier Segelschiffe – sowie etliche Schwimmbagger.

Die Bremer Großreederei Norddeutscher Lloyd (NDL) vergab nicht viele Aufträge an die Werft, obwohl Waltjen & Leonhard 1866 mit der Falke (II), 663 BRT, das erste und für lange Zeit auch einzige in Deutschland gebaute Seeschiff dieser Reederei geliefert hatten. Die Passagierschiffe des NDL wurden anfangs auf englischen Werften gebaut; erst Mitte der 1880er Jahre bestellte der Lloyd wieder bei deutschen Unternehmen, jedoch zum Großteil bei AG Vulcan Stettin, Schichau in Danzig sowie Blohm & Voss in Hamburg. Die AG Weser lieferte 1900 den Dampfer Deli für die Ostasiatische Küstenfahrt, dann 1903 den Reichspostdampfer Prinz Sigismund, zwei Reichspostdampfer der Feldherren-Klasse (Goeben, Lützow) und schließlich 1909 die über 17.000 BRT große Berlin für den Mittelmeer-New-York-Dienst. Die Werft stellte 1913 für die DEMAG den Ponton des Schwimmkrans „Langer Heinrich“ her. Während des Ersten Weltkriegs wurden außer einigen zivilen Schiffen insgesamt 81 U-Boote der Typen UB, UC und Ms-Boote fertiggestellt, wovon drei an die k. u. k. Kriegsmarine geliefert wurden.Eberhard Rössler: Die Unterseeboote der Kaiserlichen Marine. Bonn, Bernard&Graefe 1997, S. 113–115

Arbeitskämpfe im Ersten Weltkrieg Bereits vor dem Ersten Weltkrieg gab es 1910 und 1913 in der AG Weser zwei große Werftarbeiterstreiks,Laut einer Zeitungsmeldung von 1953 war der damals nach sechseinhalb Wochen beendete Werftarbeiterstreik der fünfte und kürzeste seit 1910. Die Streiks von 1910, 1913, 1923/24 und 1928 dauerten dreizehn Wochen und länger. Quelle: „Morgen beginnt die Arbeit auf den Werften“, Weser-Kurier vom 9. Juni 1953, S. 3 online nur für Abonnenten bei denen Gewerkschafter auf dem Linken Flügel der Sozialdemokratie und des Deutschen Metallarbeiter-Verbandes (DMV) an Einfluss unter der Arbeiterschaft gewannen. Arbeitskräftemangel während des Krieges wurde zum Teil kompensiert durch den Einsatz kriegsgefangener Zwangsarbeiter, dennoch führte die Rüstungsproduktion zu einer Intensivierung der Arbeit, Einschränkung von Arbeitsrechten und neuen Konflikten. Zwischen 1916 und 1918 kam es, parallel zu vielen anderen Rüstungsbetrieben, auch auf der AG Weser zu politischen Streikbewegungen, angefangen mit einem Sympathiestreik gegen die Verurteilung Karl Liebknechts im Juni 1916. Trotz anfänglicher Ausdünnung bei Kriegsbeginn erlangten nun die sozialdemokratischen Kriegsgegner der Gruppe „Bremer Linksradikale“ größeren Einfluss unter der Werftarbeiterschaft, es bildeten sich zudem politische Gewerkschaftsnetzwerke nach dem Modell der „Revolutionären Obleute“. Die Politisierung der Arbeiterschaft gipfelte im November 1918 in der Bildung eines Arbeiterrates und der aktiven Beteiligung an der Novemberrevolution.Antonio Farina: Die „unruhige Arbeiterschaft“. Rüstungsproduktion und Arbeiterbewegung in einer U-Boot-Werft. Die AG „Weser“ im Ersten Weltkrieg. In: JahrBuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung, Heft III/2014, S. 85–107.

Weimarer Republik Nach dem Krieg übernahm am 27. August 1919 der Bremer Bankier J. F. Schröder, Inhaber der Schröder-Bank, den Vorsitz des Aufsichtsrates. Schröder initiierte später eine Werftenkonzentration, die zur Gründung der Deschimag führte. Am 1. April 1921 übertrug man Franz Stapelfeldt den Vorsitz im Vorstand.Peter Müller:

Zur Umgehung des Versailler Vertrages wurde 1922 mit Unterstützung der deutschen Reichsmarine zusammen mit den Werften Vulcan-Werke Hamburg und Stettin Actiengesellschaft und der F. Krupp Germaniawerft in Kiel in Den Haag die Tarnorganisation Ingenieurskantoor voor Scheepsbouw gegründet mit dem Zweck, den U-Boot-Bau fortzusetzen und die Kenntnisse des U-Boot-Baus zu erhalten und weiterzuentwickeln.

mini|Das spanische U-Boot E-1, entworfen vom Ingenieurskantoor voor Scheepsbouw mini|Der Turbinen-Schnelldampfer Bremen vor dem Stapellauf, 1928

Als die Situation im Schiffbau Mitte der 1920er Jahre kritisch wurde, schloss sich die AG Weser 1926 mit sieben anderen Werften zur Deutsche Schiff- und Maschinenbau Aktiengesellschaft (Deschimag) zusammen. Nach Vorstellung der Deschimag-Gründer, überwiegend Bremer Kaufleute, Bankiers und Industrielle, sollte die nunmehr als Deschimag A.G. „Weser“ firmierende Werft dort die Führungsposition übernehmen. In den folgenden Jahren gingen die meisten anderen Werften der Deschimag in Konkurs, wurden verkauft oder wie die Tecklenborgwerft in Wesermünde geschlossen. Trotz dieses Konzentrationsprozesses und dem damit verbundenen Abbau von Schiffbaukapazitäten waren die Zeiten der Weltwirtschaftskrise um 1930 herum wirtschaftlich schwierig. Nach dem Konkurs der Rostocker Werft AG Neptun im Sommer 1934 und der Einstellung des Schiffbaus bei der Frerichswerft Einswarden im Jahr darauf bestand der Deschimag-Konzern nur noch aus der Stammwerft (AG Weser, Werk Bremen) und der Seebeckwerft in Wesermünde, die als „AG Weser, Werk Seebeck“ bezeichnet wurde.

Der 1927 begonnene Bau des Turbinen-Schnelldampfers Bremen – eines der berühmtesten Passagierschiffe der deutschen Seefahrtgeschichte – sorgte mehrere Jahre für ausreichende Beschäftigung. Nach dessen Ablieferung 1929 an den Norddeutschen Lloyd waren zwar noch einige Neubauaufträge vorhanden, trotzdem mussten Ende 1929 von der etwa 12.000köpfigen Belegschaft mehr als 5.000 entlassen werden. Nachdem 1931 mit der Uhenfels der vorerst letzte Neubau an die DDG Hansa abgeliefert worden war, standen die Helgen für mehrere Jahre leer. Der Schiffsneubau kam völlig zum Erliegen und im Sommer 1932 stand das Unternehmen kurz vor dem Konkurs. Erst im Mai 1934 erfolgte mit der Cairo wieder der Stapellauf eines Neubaus.

Weitere Geschäftsfelder neben dem Schiffbau waren zu der damaligen Zeit der Bau von Schiffsantrieben wie Dampfmaschinen, Dieselmotoren und Dampfturbinen, Schiffsgetrieben und -kupplungen und Dampfkessel – sowohl Eigenentwicklungen als auch Lizenzfertigungen – sowie Bauer-Wach-Abdampfturbinen, eine von der Tecklenborgwerft nach deren Schließung übernommene Entwicklung. Erfolgreich war die AG Weser auch in der Vergabe von Lizenzen für viele diese Aggregate. Längere Zeit war die Werft auch Vorreiter im Bau von Schiffen nach der Maier-Form, einer speziellen Rumpfform zur Erhöhung der Seetüchtigkeit und Wirtschaftlichkeit.

Die erste Hälfte der 1930er Jahre waren wirtschaftlich schwierig; es wurden nur wenige Schiffe gebaut. Das Tochterunternehmen Weser-Flugzeugbau-GmbH wurde 1934 gegründet, um bei der Aufrüstung von Reichswehr (ab 1935 Wehrmacht/Luftwaffe) partizipieren zu können.

Militärischer Schiffbau Mit dem Bau von Kanonenbooten für die Kaiserliche Marine hatte sich die AG Weser bereits zu Anfang ihres Bestehens im militärischen Schiffbau engagiert. Mit insgesamt 146 Einheiten für die Kaiserliche Marine und 196 Einheiten für die Kriegsmarine wurde die Werft zu einem der wichtigsten Lieferanten von Kriegsschiffen. Damit stand die A.G. „Weser“ im Gegensatz zur zweiten Bremer Großwerft Bremer Vulkan, die sich mit Ausnahme der Kriegsjahre ausschließlich auf den zivilen Schiffbau konzentrierte und erst in den 1980ern in den Kriegsschiffbau einstieg.

Der Anteil der Marinebauten an den abgelieferten Neubauten betrug für die AG Weser in den Jahren 1909/10 bereits etwa 50 % und 1917/18 fast 100 %, 1936 bereits wieder 66 % mit steigendem Anteil auf 82 % im Jahre 1938.