mini|Lage von Borbetomagus am Donau-Iller-Rhein-Limes (Rheinlinie) mini|Gesichtskrüge: Eine Töpfer-Spezialität aus Borbetomagus
Borbetomagus war eine römische Siedlung im Bereich der Altstadt von Worms.
Bezeichnung mini|Grabstein des Reiters und Feldzeichenträgers Quintus Carminius Ingenuus, 1. Jh. n. Chr.
Neben der heute meist verwendeten Schreibweise Borbetomagus gibt es historisch auch noch andereGreuel: Worms, S. 225. Borbitomago (Itinerarium Antonini)Itinerarium Antonini 350–355. Βορβητόμαγος (Borbitomagos – Claudius Ptolemäus, etwa 90–168 n. Chr.) [Borb]itomag(us) (Meilensäule von Aduatuca, heute: Tongern; Greuel / Häussler: Worms, S. 228.) Borgetomagi (Tabula Peutingeriana) Bormitomago (Itinerarium Antonini) Der lateinische Name der Siedlung ist keltischen Ursprungs. Die Namensgebung hatte den politischen Hintergrund, dass Rom damit demonstrieren wollte, nun über „Germanien“ zu herrschen.Grünewald: Worms in der Spätantike, S. 59 Anm. 4.
Ursprung Borbeto- wird nach einer Deutung auf den keltischen Wortstamm für *borvo-, *borbo- zurückgeführt, der sich auch im Namen des Bädergottes Borvo oder Bormo wiederfindet. Der Ort wäre also nach einer Heilquelle oder dem entsprechenden Gott benannt.Bernhard Maier: Kleines Lexikon der Namen und Wörter keltischen Ursprungs. C.H. Beck, München 2 Itinerarium Antonini003, 122. ISBN 3-406-49470-6. (Google Books). Der Wortstamm könnte „Flüssiges“ oder „warme Quelle“ bedeutet haben.Xavier Delamarre: Dictionnaire de la langue gauloise. Errance 2003, S. 82–83. Warme Quellen sind in Worms nicht bekannt. Eine andere Deutung bezieht den Namen auf das keltische Wort *borba, das auch Bedeutungen wie „Schmutz“ und „Unrat“ enthält.Johannes Kramer (Hrsg.): Etymologisches Wörterbuch des Dolomitenladinischen (EWD). Buske Verlag, 1988, ISBN 3-87118-991-X. S. 320. Es könnte sich auf die Lage der Stadt in dem wasserreichen und sumpfigen Gebiet zwischen den Mündungen des Eisbachs und der Pfrimm in den Rhein beziehen. Eine weitere Deutung geht dahin, den Ursprung in der indogermanischen Wortwurzel *bher- („aufwallen“) zu suchen, zu der auch *bherm („sprudelndes Wasser“) gehört.Oswald Szemerényi: Einführung in die vergleichende Sprachwissenschaft. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1980, ISBN 3-534-04216-6, S. 111., Nr. 52. Max Niemeyer Verlag, 2001. S. 163. So könnte mit Borbetomagus ursprünglich auch „Quellenfeld“ gemeint sein. Quellen im Stadtgebiet sind ebenfalls nicht bekannt. -magusenthält das latinisierte keltische Wort für „Feld, Ebene, Markt“.Gerhard Rasch: Antike geographische Namen nördlich der Alpen. Walter de Gruyter, Berkub 2005, ISBN 978-3-11-017832-6, S. 140. Der Ortsname wurde daher vielfach mit „Feld an der Bormita“ übersetzt.Franz Cramer: Rheinische Ortsnamen aus vorrömischer und römischer Zeit. 1901 (Nachdruck Sändig Verlag 1970, ISBN 3-500-21650-1), S. 8.
Im 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es eine Reihe von Theorien zur Herkunft des Namens Borbetomagus, die heute nicht mehr vertreten werden.Eine Übersicht bietet Schöll: Borbetomagus. Dabei wurde der Name auch von einer angeblichen germanischen Sonnengöttin Borbet abgeleitet und Borbetomagus als Heimstätte der Sonne übersetzt.Schöll: Borbetomagus, S. 106.
Von Borbetomagus zu Worms Der Geograph von Ravenna verwendet im 7./8. Jahrhundert die sprachlich jüngere Form Gormetia.Grünewald: Die Römer in Worms, S. 25. Durch einen späteren Lautwandel wurde das anlautende B zu G und zu W. So wandelte sich Borbetomagus in der Sprache der germanischen Siedler im Frühmittelalter am Ende zu „Worms“. Dass nur die erste Silbe übrigblieb, liegt an der Betonung auf dieser ersten Silbe im Germanischen, im Gegensatz zur Betonung im Lateinischen.
Geografische Lage Borbetomagus lag auf dem Hochufer und unmittelbar hinter der Abbruchkante zum Rhein hin. Der Gießen und der Woog flossen noch zusätzlich vor der Abbruchkante und mündeten hier im spitzen Winkel in den Rhein. Das Areal im Osten von Borbetomagus war also sumpfig, während die höher gelegene Siedlung – außer in Extremfällen – hochwasserfrei war.Grünewald: Die Römer in Worms, S. 13. Das Siedlungsgebiet wurde vom Eisbach durchflossen, zusätzlich fließt im Norden die Pfrimm, so dass die Siedlung auch mit Frischwasser gut versorgt war.
Das Stadtgebiet umfasste bei seiner größten Ausdehnung in der Mitte des 3. Jahrhunderts n. Chr. den überwiegenden Teil der Fläche, die später der innere mittelalterliche Mauerring umschloss, und einen Bereich südlich davon. Es erstreckte sich über etwa 78 ha.Bernhard: Die Situation, S. 84. Insgesamt war es etwa um 50 % größer als dieser mittelalterlich ummauerte Bereich mit einer Nord-Süd-Ausdehnung von etwa 1200 m.Grünewald: Worms. Borbetomagus, Hauptort der Civitas Vangionum, S. 675. Im Norden erreichte Borbetomagus dagegen nicht die Grenze, die dann die innere mittelalterliche Stadtmauer bildete, denn im Bereich der Judengasse befand sich – außerhalb der römischen Stadt – bereits ein römischer Friedhof.Grünewald: Die Römer in Worms, S. 25f.
Entlang dem Hochufer verlief die Römische Rheintalstraße von den Alpen zur Nordsee. Nächste größere Städte waren Mogontiacum (Mainz) im Norden und Noviomagus (Speyer) im Süden. Von Westen kamen die Straßen von Divodurum Mediomatricorum (Metz) aus der Kaiserslauterer Senke, eine Verbindung nach Gallien, und die Straße von Altiaiensium (Alzey). Im Bereich von Borbetomagus kreuzten diese den Rhein und führten als Handelswege weiter in den Osten und das Gebiet jenseits der Reichsgrenze.Grünewald: Die Römer in Worms, S. 32.
Forschungsstand mini|Glasflasche in einer Glasflasche: Kunststück eines römischen Glasbläsers
Immer wieder zu beobachten ist, dass Angaben zu Worms in antiken Quellen und die archäologischen Befunde nur schwer zu vereinbaren sind. Hinzu kommt, dass im 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die lokale Geschichtsschreibung versuchte, das römische Worms als besonders bedeutend darzustellen, auch für Zeitabschnitte, für die es dafür keine Belege gibt – so etwa das immer vermutete oder gar vorausgesetzte frührömische Kastell oder eine Stadtmauer vor dem 4. Jahrhundert.So etwa Behrens: Römische Anlagen, S. 54, der sich sogar zu der Aussage versteigt: „Der Umfang der römischen Mauer ist uns dank der guten Beobachtungen von Professor Weckerling und Geh. Sanitätsrat Koehl im ganzen Verlauf bekannt“.
Anfänge Bodenforschung nach urgeschichtlichen Funden hat in Worms eine lange Tradition. So gab es seit der Renaissance eine Sammlung römischer Spolien, Sarkophage und Inschriften im Hof des Bischofshofs in Worms, die Bischof Johann XX. von Dalberg (1455–1503) begonnen hatte. Sie wurde in der großen Stadtzerstörung während des Pfälzischen Erbfolgekriegs durch Truppen König Ludwig XIV. 1689 vernichtet.Grünewald: Die Römer in Worms, S. 8, 28.
Kaiser Friedrich III. ließ 1488 in einem Hügel südlich von Worms nach dem Grab des legendären Helden Siegfried graben, weil es dort vermutet wurde. Die Grabung war ein früher Ansatz für Bodenforschung.Grünewald: Worms von der vorgeschichtlichen Epoche bis in die Karolingerzeit, S. 88.
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts legte der ortsansässige Bäcker und Weinhändler Johann Philipp Bandel (1785–1866)Zu seiner Person: Bandel, Johann Philipp. In: LAGIS: Hessische Biografie; Stand: 28. November 2023 – Fritz Reuter: Johann Philipp Bandel (1785–1866). Ein Wormser Demokrat, Altertümer- und Kunstsammler im 19. Jahrhundert. In: Der Wormsgau 8, 1967/1969, S. 41–67; Gunter Mahlerwein: Johann Philipp Bandel (1785–1866). Ein Wormser Demokrat und Kunstsammler. Worms-Verlag, Worms 2011, ISBN 978-3-936118-46-9. eine umfangreiche Sammlung all der römischen Gegenstände an, die im Bereich von Worms gefunden wurden – nicht zuletzt in seinen eigenen Weingärten.Grünewald: Die Römer in Worms, S. 8.
Archäologische Forschung mini|Stadtplan von 1889 mit den von Karl Koehl eingezeichneten römischen Straßen und Friedhöfen mini|Römische Befunde unter dem Dom: Grabung von 1906/07
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann die moderne archäologische Forschung in Worms. Sie ist vor allem mit den Namen August Weckerling (1846–1924), dem Arzt Dr. Karl Koehl (1847–1929) und dem 1879 gegründeten Altertumsverein Worms verbunden.Grünewald: Die Römer in Worms, S. 9f.; Grünewald, Erwin Hahn: Zwischen Varusschlacht und Völkerwanderung, S. 11. August Weckerling verfasste die ersten umfassenden Monografien zum römischen Worms.Weckerling (1885) und Weckerling (1887). Weckerling und Koehl arbeiteten ehrenamtlich als Kustoden des Paulus-Museums, des ersten historischen Museums in Worms.Grünewald: Die Römer in Worms, S. 10. Zahlreiche archäologische Ausgrabungen fanden statt, finanziell großzügig durch Maximilian von Heyl unterstützt. Diese Phase endete mit dem Ausscheiden und dem Tod der Akteure in den 1920er Jahren. Sie fanden zunächst keine Nachfolger. Die Arbeit von Verein und Museum wandte sich mehr historischen und kunsthistorischen Themen und dem Mittelalter zu. So beruhen bis heute viele Kenntnisse auf Beobachtungen aus dem 19. Jahrhundert, etwa die Feststellungen zum römischen Straßensystem.Grünewald: Die Römer in Worms, S. 26.
Bis 1980 gab es keine systematischen Grabungen mehr. So wurde die Chance versäumt, nach der großflächigen Zerstörung der Innenstadt im Zweiten Weltkrieg freie Flächen archäologisch zu untersuchen, bevor sie neu bebaut wurden. Umfangreiche weitere unbeachtete Zerstörungen erfolgten bei großflächigen Bauprojekten in den 1960er und 1970er Jahren. Erst ab etwa 1980, nachdem Mathilde Grünewald als Archäologin die Leitung des Museums der Stadt Worms übernommen hatte, änderte sich das. Jetzt bestand aber die Schwierigkeit, dass vieles unbeobachtet bereits zerstört und wieder überbaut worden war.Grünewald: Die Römer in Worms, S. 12.
2006 fasst die Autorin dann zusammen:
Kelten Eine keltische Siedlung – kein OppidumDas nächstgelegene keltische Oppidum befand sich wohl auf dem Donnersberg. – ist im Bereich nördlich der Stelle, an der die Mainzer Straße die Pfrimm überquert, nachgewiesen. Eine weitere keltische Siedlung bestand in Worms-Pfeddersheim.Grünewald: Die Römer in Worms, S. 25. Einige wenige Funde aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. kamen auch im Bereich der Kernstadt von Worms zutage.Grünewald: Worms von der vorgeschichtlichen Epoche bis in die Karolingerzeit, S. 60. Es gab hier aber keine keltische Vorgängersiedlung.Grünewald: Worms in der Spätantike, S. 59.
Um 80 v. Chr. brach die keltische Zivilisation innerhalb kurzer Zeit zusammen. Für das folgende halbe Jahrhundert gibt es im Bereich von Worms kaum archäologische Funde, weder Siedlungen noch Gräber. Die Besiedlung kann also nur ganz dünn gewesen sein, falls es sie überhaupt gab. Die früher gerne angenommene Siedlungskontinuität im Bereich der Stadt Worms bestand nicht, es gibt dafür keinerlei archäologische Belege.Grünewald: Worms von der vorgeschichtlichen Epoche bis in die Karolingerzeit, S. 61; Grünewald / Hahn: Zwischen Varusschlacht und Völkerwanderung, S. 17. Die mit einer durchgehenden Besiedlung seit der Keltenzeit reklamierte Stellung von Worms als eine der ältesten Städte Deutschlands kann damit auch nicht belegt werden. Borbetomagus war also eine römische Gründung oder entwickelte sich aus dem Vicus, der um einen römischen Militärstützpunkt entstand.Grünewald / Hahn: Zwischen Varusschlacht und Völkerwanderung, S. 17.
Römische Zeit Anfänge mini|Militärhelm aus dem 1. Jahrhundert n. Chr.