Octopus ist das vierte Studioalbum der britischen Progressive-Rock-Band Gentle Giant, das am 1. Dezember 1972 veröffentlicht wurde. Es war das letzte Album der Band mit Gründungsmitglied Phil Shulman und das erste mit Schlagzeuger John Weathers, der bis zur Auflösung der Band im Jahr 1980 dabeiblieb. Octopus ist nach wie vor ein hoch angesehenes Beispiel für das Genre des Progressive Rock und wird allgemein als Beginn der Hochphase der Gentle Giants angesehen.

Produktion Der Albumtitel Octopus wurde angeblich von Phil Shulmans Frau Roberta als Wortspiel mit octo opus, einem achtteiligen musikalischen Werk, das die acht Titel des Albums widerspiegeln, benannt. 2004 kommentierte Ray Shulman: „Octopus war wahrscheinlich unser bestes Album, mit Ausnahme von Acquiring the Taste vielleicht. Wir begannen mit der Idee, einen Song über jedes Mitglied der Band zu schreiben. Ein Konzept im Kopf zu haben, war ein guter Ausgangspunkt für das Schreiben. Ich weiß nicht, warum, aber trotz des Einflusses von The Who’s Tommy und Quadrophenia wurden Konzeptalben fast über Nacht plötzlich als langweilig und prätentiös empfunden.“

Das Konzept sah ursprünglich acht Stücke vor: je eines über die sechs Bandmitglieder, eines über die Gruppe selbst und eines über die Roadies. Die Band verwarf die Idee jedoch, weil die Musiker davor zurückschreckten, ihre Persönlichkeiten so offen darzustellen. Erhalten blieben daraus The Boys in the Band über die Gruppe und Dog’s Life über die Road Crew.

Zur Arbeitsweise erklärte Derek Shulman rückblickend, Kerry Minnear und Ray Shulman hätten sich jeweils mehrere Wochen zurückgezogen und seien mit „rudimentären Melodien, Riffs und Gesangslinien“ zurückgekehrt, die die übrigen Mitglieder rasch aufgegriffen und vervollständigt hätten; die Musik sei oft schon fertig gewesen, während er und Phil Shulman noch an den Texten arbeiteten. Die Studiozeit sei knapp bemessen gewesen: „Mehr als zwei Wochen hat man uns kaum zugestanden, also mussten wir schon sehr gut vorbereitet sein. Zwei Drittel jedes Liedes waren fertig, ehe wir ins Studio gingen, der Rest war reserviert für spontane Einfälle.“ Die als kunstvoll wahrgenommenen Kombinationen, etwa ein bluesiges Gitarrensolo über einer Folk-Melodie oder ein Xylophon zu einem Heavy-Rock-Riff, seien nicht kalkuliert gewesen, sondern „alles rein intuitiv“.

Musikalischer Stil und Thema Das Album behielt Gentle Giants Markenzeichen eines breiten und anspruchsvollen integrierten Stils bei. Einer der Höhepunkte war das komplizierte, madrigalartige Vokalstück Knots. Die Texte des Albums basieren im Allgemeinen auf literarischen und philosophischen Vorlagen: The Advent of Panurge ist inspiriert von François Rabelais’ Werk Gargantua und Pantagruel, A Cry for Everyone basiert auf dem Werk und den Überzeugungen des algerisch-französischen Schriftstellers Albert Camus, während der Song Knots von dem Buch Knoten (engl. Knots) des schottischen Psychiaters Ronald D. Laing inspiriert ist.

Veröffentlichungen Am 30. Oktober 2015 wurde das Album als Remix von Steven Wilson auf Compact Disc/Blu-ray Disc über das bandeigene Musiklabel Alucard veröffentlicht.Booklet der Gentle Giant CD Octopus, Alucard Publishing Limited, Nr. ALUGG052 von 2015 Die Tracks 1, 2 und 5 konnten nicht direkt remixt werden, da eines der originalen Mehrspurbänder fehlte. Stattdessen wurden diese drei Tracks mit der Penteo-Surround-Software auf Surround-Sound 5.1 hochskaliert. Die übrigen fünf Tracks wurden von Steven Wilson auf Surround-Sound 5.1 neu abgemischt.

Artwork Das Cover der britischen Veröffentlichung von Vertigo wurde von Roger Dean gestaltet, dessen Logo im Inneren des Textheftes erscheint.

Für die US-amerikanischen und kanadischen Veröffentlichungen verwendete Columbia Records ein anderes Coverdesign von Charles White. Bei frühen Versionen dieses Covers war das Motiv des Tintenfisches im Einweckglas in Form des Glases ausgestanzt.

Rezeption Eine zeitgenössische deutschsprachige Besprechung erschien im April 1973 in der Musikzeitschrift Sounds. Karl Lippegaus stellte fest, Gentle Giant habe auch nach mehreren einander übertreffenden Produktionen „noch lange nicht die Beachtung bekommen“, die der Band in hohem Maße gebühre. Mit ihrer stark an der Musik des Mittelalters ausgerichteten Arbeit habe sie der Rockmusik einen „unerschöpflich erscheinenden Bereich neuer Ausdrucksformen“ geöffnet. Er bezeichnete die Gruppe als „die Songkonstrukteure der heutigen Rockmusik“ und sah sie in ihrer eigentümlichen Stellung King Crimson verwandt. Jedes Stück sei „ein kleines Kunstwerk für sich“, die Texte seien „mit Verstand gemacht“ und die Songs bis ins Detail komponiert und konstruiert. Als Spezialität der Band hob er den Chorgesang hervor, dessen Struktur zu entschlüsseln „jeden an den Rand des Wahnsinns treiben“ müsse, ebenso den erstaunlich gut eingepassten Moog und die für Gentle Giant typische Verbindung alter, aufgearbeiteter und neu arrangierter Themen mit neuen Instrumenten. Mit Octopus habe die Band das bei Erscheinen von Acquiring the Taste gegebene Versprechen, „die Grenzen der gegenwärtigen Populärmusik zu erweitern, mit dem Risiko, sehr unpopulär zu sein“, voll und ganz eingehalten.

Die Kritiken zum Album waren durchweg positiv. AllMusic beschreibt Octopus als ein Album, „das den Test der Zeit viel besser überstanden hat, als man vielleicht erwartet hätte“.

Im Juni 2015 wählte die Musikzeitschrift Rolling Stone das Album auf Platz 16 der 50 besten Progressive-Rock-Alben aller Zeiten.

Im Classic-Special-Edition-Sonderheft Pink Floyd & The Story of Prog Rock der Zeitschriften Q und Mojo erreichte das Album auf Platz 16 in der Liste der 40 Cosmic Rock Albums.Q Classic: Pink Floyd & The Story of Prog Rock. Sonderheft von Q und Mojo, 2005. In der Liste der 100 besten Prog-Alben aller Zeiten des ProgMagazine steht Octopus auf Platz 65.

2013 coverte die Progressive-Death-Metal-Band Witherscape den Titel A Cry for Everyone auf ihrem Debütalbum The Inheritance.

Die von Steven Wilson abgemischte Neuauflage des Albums aus dem Jahr 2015 stieg in den BBC Rock-Charts auf Platz 34 ein.

Titelliste Alle Titel wurden von Kerry Minnear, Derek, Phil und Ray Shulman geschrieben.

Seite 1 The Advent of Panurge – 4:41 Raconteur Troubadour – 4:01 A Cry for Everyone – 4:04 Knots – 4:11

Seite 2 The Boys in the Band – 4:34 Dog’s Life – 3:11 Think of Me with Kindness – 3:34 River – 5:53

Literatur

Weblinks Octopus auf gentlegiantmusic.com mit Informationen zu dem Album (englisch)

Octopus. Progarchives.com (englisch)

Einzelnachweise

Kategorie:Album 1972 Kategorie:Album (Progressive Rock)