Sprachkritik untersucht Sprache, Sprechakte und Diskurse auf die Zusammenhänge von Sprache und Denken bzw. Erkenntnisfähigkeit (Sprachphilosophie) sowie von Sprache und den gesellschaftlichen Verhältnissen (Soziologie). Nach Roland Barthes, Sprachwissenschaftler und Begründer der modernen Semiotik, ist Sprachkritik auch Gesellschaftskritik, da Sprache selbst ideologisch sei.Roland Barthes: Das Reich der Zeichen. Frankfurt am Main 1981, S. 21. In der Sprachpflege bedeutet Sprachkritik die Bewertung sprachlicher Äußerungen. Sie kann in ihrer Aussage sowohl negativ (Tadel) als auch positiv (Empfehlung) sein.

Sprachphilosophische Ursprünge der Sprachkritik Ferdinand de Saussure stellte 1916In diesem Jahr veröffentlichten Schüler Saussures Mitschriften seiner Vorlesungen unter dem Titel Cours de linguistique générale. die These auf, dass sprachliche Zeichen auf Konventionen innerhalb einer Sprachgemeinschaft beruhen. Er prägte dafür den Begriff Arbitrarität. Dies hat allerdings überhaupt nicht explizit und nicht unbedingt mit Sprachkritik als Kulturkritik zu tun.

Wilhelm Kamlah kritisiert das „monologische Drauflosschreiben und Aneinandervorbeireden“ der Philosophen und fordert eine (sprachkritisch fundierte) „Disziplin des Denkens und des Redens“. Er weist darauf hin, dass Menschen, bevor sie philosophieren, „immer schon sprechen“ und dass es ein verbreiteter Fehler ist, eine „Kaspar-Hauser-Situation“ zu fingieren. Aus dieser Alltagssprache und ihrem Vorverständnis der Welt heraus sei die wissenschaftliche Sprache erst neu zu entwickeln.Wilhelm Kamlah, Paul Lorenzen: Logische Propädeutik. Vorschule des vernünftigen Redens. Bibliographisches Institut, Mannheim 1967.

Sprachkritik unter dem Aspekt der Gesellschaftsanalyse Vor dem Hintergrund des Zusammenhanges von Sprache und Gesellschaft wird hier Sprache als ein gesellschaftlich wirksames Instrument betrachtet. Sprache wird als ein Mittel zur Ausübung von Macht sowie zur Etablierung und Reproduktion von Machtverhältnissen analysiert. Diese Sprachkritik findet sich nicht nur in den Kulturwissenschaften und der Soziologie, sondern auch in der Sprachwissenschaft. In den 1920er Jahren entwickelte Kurt Tucholsky unter dem Leitspruch „Sprache ist eine Waffe“ eine primär politisch motivierte Form der Sprachkritik.

Im Promotionskolleg „Sprachkritik als Gesellschaftskritik im europäischen Vergleich“ des Europäischen Zentrums für Sprachwissenschaften (EZS)Homepage „Europäische Sprachkritik Online“ wird der Zusammenhang zwischen sprachkritischem Verhalten und gesellschaftlicher Veränderungen in den Blick genommen. Untersuchungssprachen sind derzeit Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch und Kroatisch.

Sprachkritik unter dem Aspekt der Sprachpflege Sprachkritik und Sprachwissenschaft Sprachkritik gehörte von der Antike bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts zu den Aufgaben sprachwissenschaftlicher Untersuchungen. Mit Jacob Grimm erfolgte eine Revision des Verhältnisses zwischen Sprachkritik und Sprachwissenschaft. Grimms als „Manifest der historischen Grammatik“ bezeichnete Vorrede zur ersten Fassung des ersten Teils seiner „Deutschen Grammatik“ (1819) brachte die Wende. Von da an folgte eine Entwicklung der Sprachwissenschaft, die zum Strukturalismus führte und damit zur Auffassung, die Sprache sei ein sich selbst genügender Organismus. Der Praxisbezug wurde zunehmend ausgeklammert. Charakteristisch für diese Haltung ist der Titel eines Buches des Strukturalisten Robert A. Hall aus dem Jahr 1950: „Leave your language alone“ (Laß deine Sprache in Ruhe!). In jüngerer Zeit wird beobachtet, dass aus der Sprachwissenschaft nicht mehr nur schroffe Ablehnung gegenüber der Sprachkritik geäußert wird.Hans-Martin Gauger: Mach meine Sprache nicht an! In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 6. Februar 2006.

Linguistisch begründete Sprachkritik Die linguistisch begründete Sprachkritik basiert auf detaillierter Kommunikationsanalyse nach semantischen und pragmatischen Kriterien. Ihre Grundlage bilden Pragmatik, Sprechakttheorie und kommunikative Handlungstheorie. Kritik an sprachlichen Äußerungen und Sprechern sollte wissenschaftlich begründet sein und nicht von ideologischen Kriterien geleitet. Die Sprachkritik soll wissenschaftlich und fundiert bewerten, nicht normierend sein, sich aber nicht jeder Wertung enthalten. Die linguistisch begründete Sprachkritik bleibt nicht Linguisten vorbehalten: „Sprachkritik ist etwas für alle.“ (Slogan von Heringer). Jeder Einzelne soll nach Maßgabe seiner sprachlichen Kompetenz Sprachkritik betreiben und reflektiert mit seinem eigenen Sprachgebrauch umgehen. Damit geht die linguistisch fundierte Sprachkritik eine didaktische und emanzipatorische Verpflichtung ein: zur Freiheit im Umgang mit Sprache befähigen.

Linguistisch fundierte Sprachkritik hat nicht nur Sprecher im Blick. Sie kritisiert auch die Sprachkritiker, die nach unbegründeten Kriterien urteilen.

Alles Sprechen ist geleitet von evolutionär und in Kommunikation entstandenen Regeln. Klassische Sprachkritik orientiert sich an gesetzten Normen. Darum gehört zur fundierten Sprachkritik die Kritik an sprachlichen Normen, die in einem gewissen Sinn der Sprache äußerlich sind. Dies gilt insbesondere für konfligierende (in Konflikt stehende) Normen. Die linguistisch begründete Sprachkritik versteht sich als Sprachnormenkritik und will konfliktlösend in Normenkonflikte eingreifen.

Vorgehensweise der linguistisch begründeten Sprachkritik nach Rainer Wimmer:

Kommunikationsschwierigkeiten und Kommunikationskonflikte identifizieren Ziele und Relevanz einer sprachkritischen Analyse bestimmen Sprachlich wichtige Aspekte im Blick auf den Konflikt ermitteln Diese sprachlichen Phänomene linguistisch analysieren und linguistisch-sprachkritisch bewerten auf der Grundlage der Analyse.

Grundrichtungen nach Schiewe Einen Überblick über die Geschichte der Sprachkritik gibt Jürgen Schiewe.Jürgen Schiewe: Die Macht der Sprache. Eine Geschichte der Sprachkritik von der Antike bis zur Gegenwart. Beck, München 1998, ISBN 3-406-42695-6. Dazu Rezension von Theodor Ickler in der Deutschen Sprachwelt Er unterscheidet zwischen Sprachkritik als Kulturkritik (Pädagogik), als Normkritik (Grammatik), als Stilkritik (Rhetorik), als Textkritik (Philologie) und als Erkenntniskritik (Philosophie), also an der Leistung der Sprache als Mittel der Erkenntnis.

Mit Sprachkritik als Erkenntniskritik beschäftigte sich bereits die antike Philosophie. Dies äußert sich zum Beispiel in den Sprachstudien von Platon, Aristoteles oder den Stoikern. Dagegen kam die Textkritik erst in hellenistischer Zeit auf. Die Alexandrinische Schule war hier federführend.

Richtungen der Sprachkritik nach Gauger Hans-Martin Gauger unterscheidet zwischen Kritik am Sprachbesitz und Kritik an Sprachäußerungen.Hans-Martin Gauger: Richtungen der Sprachkritik. In: Ders. (Hrsg.): Sprach-Störungen. Beiträge zur Sprachkritik. München 1986, S. 13–25.

Kritik am Sprachbesitz kann nach Gauger unter zwei Aspekten geäußert werden: erstens unter dem Gesichtspunkt der Wahrheit, Wahrheitsfindung und Wahrheitsvermittlung; zweitens unter dem Gesichtspunkt der kommunikativen Absicht.

Kritik an Sprachäußerungen kann nach Gauger unter drei verschiedenen Gesichtspunkten kritisiert werden: inhaltlich, formal und speziell sprachlich (Beispiel Fremdwortgebrauch).

„Sprachideologische Haltungen“ nach Polenz Peter von Polenz klassifiziert die Sprachkritik anhand von „sprachideologischen Haltungen“.Peter von Polenz: Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart. Teil 3: 19. und 20. Jahrhundert. Berlin: de Gruyter, 1999. (De-Gruyter-Studienbuch) ISBN 3-11-014344-5. Uwe Pörksen bezeichnet dessen Kritik an den Sprachkritikern der 1950er Jahre als „problematisch“, da Sprachkritiker die geschichtliche Dimension der Wörter und ihren Wahrheitsaspekt ernst nähmen. Sprachwissenschaftler wie Polenz vernachlässigten wegen ihres synchronen Ansatzes und ihrer Überzeugung von der Kontextdetermination der Wörter diese Aspekte.Uwe Poerksen: Hier die Polenzsche ideologische Klassifizierung sprachkritischer Haltungen:

Sprachkonservative Haltung Immer wieder wird in der Sprachkritik Sprachverfall beklagt. Bestimmte Veränderungen im Sprachgebrauch werden als negativ und in entsprechender Ideologie als Verfall gesehen. Als positives Ideal wird ein vergangener Sprachgebrauch (beispielsweise die Sprache Luthers oder Goethes) oder der eigene Sprachgebrauch angesehen. Ignoriert wird der der Sprache immanente Wandel und die Herausbildung neuer Formen.

Historische Haltung Vertreter der „Historischen Haltung“ beriefen sich auf die Etymologie oder frühere Bedeutungen eines Wortes. Beispielsweise sei die Wendung „Welche Alternativen gibt es dazu?“ falsch, weil lateinisch alter nur eine Wahl zwischen zwei Möglichkeiten zulässt. Bekannt ist auch das Beispiel, dass man nicht „neu renovieren“ könne, weil „neu“ in „renovieren“ bereits enthalten sei. Ignoriert werde die Veränderbarkeit von Gebrauchsbedingungen (Bedeutungswandel). Außerdem werde den Sprechern mehr Sprachbildung abverlangt als für die Kommunikationserfordernisse nötig ist.

Im anglo-amerikanischen Sprachraum hat in den 1990er Jahren insbesondere durch die Veröffentlichungen von Henry Louis Gates eine Auseinandersetzung mit dem sogenannten Signifyin' stattgefunden, ein im Grunde ironisches Sprechen, bei dem durch den jeweiligen Sprachgebrauch, zum Beispiel eine stark reflektierte Berücksichtigung der Bedeutungen von Wortbestandteilen, Worte (und Begriffe) selbst ad absurdum geführt werden (Beispiel: hello bedeutet hell / low). Das Referenzobjekt wird auf diese Weise entkleidet und zumeist auch kommentiert. Während der Kommunikation entsteht eine Situation jenseits der Sprache, die oft verblüffend durch ihre stupende und unerwartet naheliegende Einfachheit ist und spontan erscheint, sowie den Gebrauch von Sprache als solchen kritisiert. Grundlegend für diese Praxis ist die Frage nach der kulturellen Identität von Afroamerikanern, ob sie sich also als westlich geprägte US-Amerikaner verstehen oder den Bruch in der Geschichte der Afroamerikaner als Bruch in der eigenen Geschichte mit- bzw. nachvollziehen und den historischen Hintergrund weiterhin berücksichtigen. Es stellt sich hier auch die Frage, ob die Phylogenese der Ontogenese des Menschen entspricht, wie Norbert Elias in der Zivilisationstheorie behauptet.

Sprachpuristische Haltung Sprachpuristen setzten sich für die „Reinerhaltung“ der Sprache von Fremdwörtern und dem Eindringen anderer Sprachen ein. Im 18. Jahrhundert habe man sich primär gegen das Französische und Lateinische gewendet, um Deutsch als allgemeinverständliche Wissenschaftssprache zu etablieren. Im 19. Jahrhundert hätten primär nationalistische Beweggründe im Vordergrund gestanden. Im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts habe sich die Kritik vor allem gegen Anglizismen gewendet. Für solche Zusammenhänge wird bei Polenz auch der Terminus Sprachlegitimation verwendet.

Nicht beachtet wird dabei, dass das Deutsche von jeher eine Mischsprache mit sprachkulturellem Gewinn ist. Versuche, Fremdwörter zu übersetzen, seien häufig fehlgeschlagen. Teilweise stehen auch beide Ausdrücke nebeneinander, werden aber in unterschiedlichen Kontexten gebraucht. Während Anschrift primär amtssprachlich gebraucht wird, hat sich Adresse im öffentlichen Sprachgebrauch nicht verdrängen lassen, da das Wort zur Zeit der Übersetzung bereits etabliert war.

Sprachmonomane Haltung Die sprachmonomane Haltung bezeichnet eine pedantische Sprachnorm-Auffassung. Unter Berufung auf den Duden oder andere Nachschlagewerke werde kritisiert, was dort nicht verzeichnet ist. Vertreter dieser Haltung gingen davon aus, dass jedes Wort an sich für etwas steht; Auffassung der Sprachwissenschaft sei, dass Wörtern erst im Gebrauch ihre Bedeutung verliehen wird.

Panlinguistische Haltung