Der I. Berliner Wahlkreis war ein Wahlkreis für die Wahlen zur Stadtverordnetenversammlung von Groß-Berlin. Er existierte von 1920 bis 1933 und umfasste den ehemaligen Bezirk Mitte in seinen damaligen Grenzen.
Geschichte Gebiet Im Zuge der Bildung Groß-Berlins wurde auch ein neues Wahlsystem für die Berliner Stadtverordnetenversammlung eingeführt. Dabei wurde das Berliner Stadtgebiet in 15 Wahlkreise eingeteilt, die in der Regel je einen Bezirk umfassten. Der Bezirk Mitte bildete dabei den Wahlkreis I. Da die Grenzen des Bezirks grundsätzlich die Grenzen des Wahlkreises bildeten, und diese im Zeitraum des Bestehens des Wahlkreises keinerlei nennenswerte Änderungen erfuhren, blieb der Wahlkreis die ganze Zeit über in seiner Form nahezu unverändert.
Statistik Bevölkerung Die Bevölkerungsgröße im Wahlkreis schwankte im Zeitraum seines Bestehens teilweise erheblich. So betrug die Bevölkerung vor der Bildung Groß-Berlins 292.779 Einwohner (Stand: 8. Oktober 1919)Stadtgebiet und Bevölkerung. In: Statistisches Taschenbuch der Stadt Berlin 1924. Berlin 1924, S. 2, abgerufen am 2. April 2022, stieg bis zum 1. Januar 1921 auf ca. 295.300 an und sank im Laufe des Jahres wiederum auf ungefähr 291.800 (Stand: 1. Oktober 1921). In den folgenden zwei Jahren schwankte die Bevölkerungszahl leicht und sank bis Anfang 1924 schließlich auf den vorläufigen Tiefststand von ca. 287.200 Einwohnern.Fortgeschriebene Bevölkerung 1921 bis 1929. In: Statistisches Jahrbuch der Stadt Berlin 1931. 7. Jahrgang. Berlin 1931, S. 10, abgerufen am 2. April 2022 Ab 1925 wuchs die Bevölkerungszahl wieder und betrug am 10. Oktober 1925 296.985.Personenstandsaufnahmen 1925 und 1926. In: Statistisches Jahrbuch der Stadt Berlin 1928. 4. Jahrgang. Berlin 1928, S. 25, abgerufen am 2. April 2022 Bis 1929 stieg die Einwohnerzahl dann auf 302.044 (Stand: 10. Oktober 1929) an.Personenstandsaufnahmen 1928 und 1929. In: Statistisches Jahrbuch der Stadt Berlin 1931. 7. Jahrgang. Berlin 1931, S. 9, abgerufen am 8. Juni 2023 Von da an nahm die Zahl der Einwohner erneut rapide ab. Sie betrug im Jahr 1933 schließlich nur noch 266.137 (Stand: 16. Juli 1933).Bevölkerung. In: Verwaltungsbericht der Bezirksverwaltung Mitte für die Zeit vom 1. April 1932 bis 31. März 1936 (unter Berücksichtigung der Geschehnisse in der Zeit vom 1. April 1928 bis 31. März 1932). Heft 9. Berlin 1937, S. 7, abgerufen am 2. April 2022
+ 1920 1921 1925 1929 1933 Wahlberechtigte 192.956 197.061 215.702 233.798 210.867 in % d. Bev. – – 73,1 74,9 77,1 Wähler 112.806 122.702 127.624 149.832 150.731 in % d. Wahlb. 58,5 62,3 59,2 64,1 71,5 gültige Stimmen 111.718 122.515 126.425 148.605 149.837 in % d. Wähl. 99,03 99,85 99,06 99,18 99,41 ungültige Stimmen 1.088 187 1.199 1.227 894 in % d. Wähl. 0,97 0,15 0,94 0,82 0,59
Wahlberechtigte Die Zahl der Wahlberechtigten nahm in absoluten Zahlen bis 1929 konstant zu. Sie stieg von 192.956 bei der Wahl 1920 bis auf 233.784 im Jahr 1929. Bis zur Stadtverordnetenwahl 1933 sank die Zahl jedoch auf 210.855. Seit der Wahl 1925 wurde auch der Anteil der Wahlberechtigten an der Bevölkerung erhoben. Er betrug damals 73,1 % und stieg über 74,9 % im Jahr 1929 bis auf 77,1 % im Jahr 1933.
Wahlbeteiligung Obwohl die Zahl der Wähler kontinuierlich anstieg (sie betrug im Jahr 1920 112.806 und erhöhte sich bis 1933 auf 150.731), schwankte die prozentuale Wahlbeteiligung jedoch von Wahl zu Wahl. So sank beispielsweise die Wahlbeteiligung zwischen den Wahlen von 1921 und 1925 von 62,3 % auf 59,2 %, und das, obwohl die Zahl der Wähler um knapp 5.000 anstieg. Dies lag unter anderem daran, dass sich die Zahl der Wahlberechtigten gleichzeitig um fast 19.000 erhöhte, und damit deutlich stärker als die Zahl der Wähler. Dies führte dazu, dass, trotz der Steigerung der Wahlbeteiligung in absoluten Zahlen, die prozentuale Wahlbeteiligung sank. Anders verhält es sich bei den Wahlen zwischen 1929 und 1933. Hier stieg die Zahl der prozentualen Wahlbeteiligung von 64,1 % auf 71,5 % an, obwohl die Zahl der Wähler lediglich um ca. 1.000 Personen anstieg. Grund dafür war, dass es 1933 über 23.000 weniger Wahlberechtigte gab, als bei der Wahl zuvor.
Der Anteil der gültigen bzw. ungültigen Stimmen an den Gesamtstimmen blieb im gesamten Zeitraum des Bestehens des Wahlkreises relativ konstant. Der Anteil der ungültigen stimmen war dabei nie höher als ein Prozent. Er war bei der Wahl im Jahr 1920 mit 0,97 % am höchsten und mit 0,15 % im Jahr 1921 am niedrigsten.
Ergebnisse
Stadtverordnetenwahl 1933 Die Wahl zur Stadtverordnetenversammlung 1933 war die letzte Groß-Berliner Parlamentswahl vor dem Zweiten Weltkrieg. Es traten 13 Parteien im Wahlkreis an. 210.867 Personen waren wahlberechtigt, von denen 150.731 zur Wahl gingen. Die Wahlbeteiligung lag bei 71,5 % und damit so hoch wie bei keiner anderen Stadtverordnetenwahl in der Geschichte des Wahlkreises. Mit Zugewinnen von 34,1 Prozentpunkten und einem Ergebnis von 39,9 % fuhr die NSDAP die höchsten Gewinne ein und landete damit auf dem ersten Platz. Sie errang 5 Sitze, während sie bei der letzten Wahl keinen einzigen gewann. KPD und SPD lagen mit 20,7 % (KPD) und 20,5 % (SPD) nahezu gleich auf und gewannen beide jeweils 2 Sitze über ihre Kreiswahlvorschläge. Auch die Verluste waren mit 6,3 Prozentpunkten bei der KPD und 6,2 Prozentpunkten bei der SPD nahezu gleich. Beide verloren, im Vergleich zur letzten Wahl, auch jeweils einen Sitz. Ebenfalls einen sitz verlor die DNVP, die dieses Mal im Wahlbündnis Kampffront Schwarz-Weiß-Rot antrat. Sie erhielt einen Sitz. Neben der NSDAP konnte nur noch die Zentrumspartei einen – wenn auch nur hauchdünnen – Gewinn erzielen (+ 0,7 Prozentpunkte). Mit rund 5,0 % erhielt sie jedoch kein Mandat im Wahlkreis.
+ Ergebnis der Wahl zur Stadtverordnetenversammlung von Berlin 1933 im Wahlkreis IBekanntmachung über die Wahlen der Stadtverordneten und der Bezirksverordneten in Berlin 1933. In: Amtsblatt der Stadt Berlin. 74. Jahrg. Sonderausgabe. Berlin 24. März 1933, S. 298–299, abgerufen am 31. März 2022Stadtverordnetenwahl in Berlin am 12. März 1933. In: Statistisches Jahrbuch der Stadt Berlin 1933. 9. Jahrgang. Berlin 1933, S. 268–269, abgerufen am 26. Mai 2023 Partei (Kürzel)Wahl der Stadtverordneten und Bezirksverordneten in Berlin 1933 – Wahlkreis I In: Amtsblatt der Stadt Berlin. 74. Jahrg. Sonderausgabe. Berlin 6. März 1933, S. 158–160, abgerufen am 31. März 2022 Ergebnis Sitze Stimmen % +/− Anzahl +/− Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (Hitlerbewegung) (NSDAP) 59.787 39,9 + 34,1 5 + 5 Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) 30.949 20,7 – 6,3 2 – 1 Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) 30.658 20,5 – 6,2 2 – 1 Kampffront Schwarz-Weiß-Rot (KSWR) 16.553 11,0 – 7,1 1 – 1 Deutsche Zentrumspartei (Z) 7.455 5,0 + 0,7 – ± 0 Deutsche Staatspartei (DStP) 2.724 1,8 – 4,9 – ± 0 Christlich-Sozialer Volksdienst (Evangelische Bewegung) (CSVD) 688 0,5 – 0,6 – ± 0 Deutsche Volkspartei (DVP) 657 0,4 – 4,5 – ± 0 Freibund des Handwerks, Kleinhandels und Gewerbes (Nationale Mittelstands-Selbsthilfebewegung) (FHKG) 143 0,1 – 0,1 – ± 0 Kampfbund für Handwerk, Handel und Gewerbe (KHHG) 133 0,1 – – – Mit Hindenburg für ein nationales Berlin (Vereinigte vaterländische Verbände und Vereine) (MHNB) 61 0,0 – – – Einheitsliste der Werktätigen 19 0,0 – – – Radikaldemokratische Partei (RDP) 10 0,0 – – – Gültige Stimmen 149.837 100,0 10 + 2 Ungültige Stimmen 894 0,6 – 0,2 Wähler und Wahlbeteiligung 150.731 71,5 + 7,4 Wahlberechtigte 210.867 100,0
Stadtverordnetenwahl 1929 1929 traten bei der Wahl zur Stadtverordnetenversammlung 16 Parteien im Wahlkreis an. Wahlberechtigt waren dieses Mal 233.798 Personen, von denen 149.832 zur Wahl gingen. Die Wahlbeteiligung lag somit bei 64,1 %. Mit einer Steigerung von 10,1 Prozentpunkten, landete die KPD mit einem Ergebnis von 27,0 % knapp vor der SPD auf dem ersten Platz. Sie errang 3 Sitze und damit einen mehr als bei der Wahl zuvor. Mit einem hauchdünnen Abstand von nur 0,3 Prozentpunkten lag, mit leichten Verlusten, die SPD dahinter auf dem zweiten Platz. Sie holte 26,7 % der Stimmen und konnte damit, ebenfalls wie die KPD, 3 Sitze erringen, einen weniger als bei der letzten Wahl. Die DNVP gewann mit 18,1 % zwei Sitze, verlor aber ebenso einen Sitz. Die Deutsche Demokratische Partei (6,7 %) halbierte ihr Ergebnis fast und konnte dadurch ihren einen Sitz, den sie bei der letzten Wahl errungen hatte, nicht erneut gewinnen. Die NSDAP trat zum ersten Mal an, erhielt mit 5,8 % aber kein Mandat über ihren Kreiswahlvorschlag.
+ Ergebnis der Wahl zur Stadtverordnetenversammlung von Berlin 1929 im Wahlkreis IBekanntmachung betr. die Wahlen der Stadtverordneten und der Bezirksverordneten in Berlin In: Amtsblatt der Stadt Berlin. 70. Jahrg. Nr. 49. Berlin 8. Dezember 1929, S. 1099–1100, abgerufen am 31. März 2022Stadtverordnetenwahl am 17. November 1929. In: Statistisches Jahrbuch der Stadt Berlin 1930. 6. Jahrgang. Berlin 1930, S. 347–350, abgerufen am 26. Mai 2023 Partei (Kürzel)Bekanntmachung betreffend die Wahlen der Stadt- und Bezirksverordneten in Berlin am 17. November 1929 In: Amtsblatt der Stadt Berlin. 70. Jahrg. Nr. 45. Berlin 10. November 1929, S. 924–926, abgerufen am 31. März 2022 Ergebnis Sitze Stimmen % +/− Anzahl +/− Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) 40.199 27,0 + 10,1 3 + 1 Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) 39.692 26,7 – 4,6 3 – 1 Deutschnationale Volkspartei (DNVP) 26.850 18,1 – 3,5 2 – 1 Deutsche Demokratische Partei (DDP) 9.908 6,7 – 5,3 0 – 1 Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (Hitlerbewegung) (NSDAP) 8.616 5,8 – – – Deutsche Volkspartei (DVP) 7.242 4,9 – 0,8 – ± 0 Deutsche Zentrumspartei (Z) 6.327 4,3 + 0,5 – ± 0 Reichspartei des deutschen Mittelstandes (Wirtschaftspartei) E. V. (WP) 6.284 4,2 + 0,2 – ± 0 Christlicher Volksdienst (CVD) 1.671 1,1 – – – Deutschvölkische Freiheitsbewegung (DVFB) 409 0,3 – 1,1 – ± 0 Allgemeine Volkspartei (Reichspartei für Aufwertung und Recht) (AVRA) 297 0,2 – – – Freibund des Handwerks, Kleinhandels und Gewerbes E. V. (FHKG) 284 0,2 – – – Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD) 232 0,2 – 0,7 – ± 0 Reichspartei für Handel, Handwerk und Gewerbe (Bürgerliche Mittelstandspartei) (RHHG) 225 0,1 – – – Christlich-Soziale Reichspartei (CSRP) 192 0,1 – – – Volksrecht-Partei (Reichspartei für Volksrecht und Aufwertung) (VRP) 177 0,1 – – – Gültige Stimmen 148.605 100,0 8 – 2 Ungültige Stimmen 1.227 0,8 – 0,1 Wähler und Wahlbeteiligung 149.832 64,1 + 4,9 Wahlberechtigte 233.798 100,0
Ergebnis nach Geschlecht
Eine Besonderheit bei der Wahl von 1929 war, dass die Stimmen getrennt nach Geschlecht abgegeben wurden (getrennte Stimmenerfassung).