mini|hochkant=0.85|Barbara Stollberg-Rilinger auf der Leipziger Buchmesse 2017

Barbara Stollberg-Rilinger, geborene Stollberg (* 17. Juli 1955 in Bergisch Gladbach), ist eine deutsche Historikerin. Sie erforscht vor allem die Frühe Neuzeit und bekleidete von 1997 bis 2018 den Lehrstuhl für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität Münster. Von September 2018 bis Ende August 2026 war sie Rektorin des Wissenschaftskollegs zu Berlin.

Stollberg-Rilinger gehört zu den maßgeblichen Vertretern einer Forschung, die die Verfassungsgeschichte des Heiligen Römischen Reiches anhand symbolisch-ritueller Formen der Kommunikation untersucht. Ihre Arbeiten zu Ritualen, symbolischer Kommunikation und Zeremoniell haben die Forschungen zur Herrschaftsausübung in der Vormoderne wesentlich beeinflusst. Sie zählt zu den bedeutendsten Historikern der Geschichte der Frühen Neuzeit in Deutschland.

Leben Barbara Stollberg legte das Abitur im Mai 1974 ab. Sie studierte von Oktober 1974 bis Juli 1980 an der Universität zu Köln Germanistik, Geschichte und Kunstgeschichte. Ihr Erstes Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien in Deutsch und Geschichte legte sie im Mai 1980 ab. Ihr akademischer Lehrer war Johannes Kunisch, den sie bei der Herausgabe von Staatsverfassung und Heeresverfassung in der europäischen Geschichte der frühen Neuzeit (erschienen 1986)Johannes Kunisch (Hrsg.): Staatsverfassung und Heeresverfassung in der europäischen Geschichte der frühen Neuzeit (= Historische Forschungen. Bd. 28). In Zusammenarbeit mit Barbara Stollberg-Rilinger. Duncker & Humblot, Berlin 1986, ISBN 3-428-05964-6. unterstützte. Von ihm wurde ihr Interesse auf das Heilige Römische Reich Deutscher Nation gelenkt, das sie seitdem schwerpunktmäßig erforscht. Sie wurde 1985 mit dem Thema Der Staat als Maschine. Zur politischen Metaphorik des absoluten Fürstenstaats promoviert. Von 1992 bis 1996 war sie in Kindererziehungszeit. Im Februar 1994 habilitierte sie sich ebenfalls in Köln in Neuerer Geschichte mit einer Arbeit über das Thema Vormünder des Volkes?, in der sie Konzepte landständischer Repräsentation in der Spätphase des Alten Reiches untersuchte.Vgl. dazu die Besprechungen von Wieland Held in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 47, 1999, S. 1032 f.; Stefan Brakensiek in: sehepunkte 1, 2001, Nr. 2 [15. Februar 2001] (online); Louis Pahlow in: Zeitschrift für Neuere Rechtsgeschichte 26, 2004, S. 309–311; Hans Boldt in: Der Staat 41, 2002, S. 305–307; Hans-Christof Kraus in: Zeitschrift für Historische Forschung 29, 2002, S. 631–633.

Sie übernahm 1996 in Vertretung eine C 3-Professur am Historischen Seminar der Universität zu Köln und wurde 1997 auf eine C 4-Professur für Geschichte der Frühen Neuzeit am Historischen Seminar der Universität Münster berufen. Zusammen mit Gerd Althoff und weiteren Wissenschaftlern begründete sie in Münster den Sonderforschungsbereich 496 „Symbolische Kommunikation und gesellschaftliche Wertesysteme vom Mittelalter bis zur Französischen Revolution“. Dabei übernahm sie das Teilprojekt „Zur symbolischen Konstituierung von Stand und Rang in der Frühen Neuzeit“. Von 2011 bis 2015 war sie in Münster Sprecherin des Exzellenzclusters „Religion und Politik in den Kulturen der Vormoderne und der Moderne“. Im Juli 2017 wurde Stollberg-Rilinger zur neuen Rektorin des Wissenschaftskollegs zu Berlin gewählt. Zum 1. September 2018 übernahm sie als Nachfolgerin von Luca Giuliani dieses Amt,Die Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger wird Rektorin des Wissenschaftskollegs zu Berlin. In: Wissenschaftskolleg zu Berlin. am 1. Juli 2017, abgerufen am 21. November 2025. das sie bis Ende August 2026 innehatte.

Sie betreute über dreißig Dissertationen. Zu ihren bedeutendsten akademischen Schülern gehören Matthias Bähr, Antje Flüchter, Marian Füssel und André Krischer.

Im Jahr 1980 heirateten Barbara Stollberg und der Althistoriker Rolf Rilinger (1942–2003). Der Ehe entstammen zwei Söhne.

Forschungsschwerpunkte Ihr Forschungsschwerpunkt ist die Geschichte der Frühen Neuzeit. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt in den politischen und kulturellen Bewegungen im Europa des 17. und 18. Jahrhunderts. Stollberg-Rilinger gilt als führende Expertin der politischen Theorie, Publizistik und juristischen Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts. In ihrer Dissertation geht sie der Bedeutung der Metaphorik für die politische Theorie nach.Vgl. dazu die Besprechungen von Hans Schmidt in: Der Staat 29, 1990, S. 307–309: Notker Hammerstein in: Historische Zeitschrift 246, 1988, S. 436–437; Hans Schmidt in: Blätter für deutsche Landesgeschichte 126, 1990, S. 700–701 (online). Unter der Annahme, dass „politische Theorie [...] zu keiner Zeit ohne Metaphern ausgekommen“ ist, versucht sie „das deutsche politische Denken des 18. Jahrhunderts von seiner Vorliebe für die Metapher der Staatsmaschine her zu charakterisieren“.Barbara Stollberg-Rilinger: Der Staat als Maschine. Zur politischen Metaphorik des absoluten Fürstenstaats. Berlin 1986, S. 13 f.

Für ein besseres Verständnis der vormodernen Ständegesellschaft hat sie Ritualen und Symbolen größere Bedeutung eingeräumt. Sie hat sich für eine Befruchtung der traditionellen Politik- und Verfassungsgeschichte durch den kulturalistischen Ansatz ausgesprochen, besonders für die Geschichte des Heiligen Römischen Reiches.Barbara Stollberg-Rilinger: Die zeremonielle Inszenierung des Reiches, oder: Was leistet der kulturalistische Ansatz für die Reichsverfassungsgeschichte? In: Matthias Schnettger (Hrsg.): Imperium Romanum – irregulare corpus – Teutscher Reichs-Staat. Das Alte Reich im Verständnis der Zeitgenossen und der Historiographie. Mainz 2002, S. 233–246, hier: S. 235. Vgl. dazu Matthias Schnettger: Von der „Kleinstaaterei“ zum „komplementären Reichs-Staat“. Die Reichsverfassungsgeschichtsschreibung seit dem Zweiten Weltkrieg. In: Hans-Christof Kraus, Thomas Nicklas (Hrsg.): Geschichte der Politik. Alte und neue Wege. München 2007, S. 129–154, hier: S. 150. Der Ansatz der neuen Kulturgeschichte wurde von der traditionellen Politik- und Verfassungsgeschichte bislang wenig beachtet. Nach Stollberg-Rilinger war die „symbolisch-zeremonielle Inszenierung der Reichsordnung von substantieller Bedeutung für das Funktionieren des Reichsverbands als Handlungsgeflecht und Orientierungssystem“.Barbara Stollberg-Rilinger: Die zeremonielle Inszenierung des Reiches, oder: Was leistet der kulturalistische Ansatz für die Reichsverfassungsgeschichte? In: Matthias Schnettger (Hrsg.): Imperium Romanum – irregulare corpus – Teutscher Reichs-Staat. Das Alte Reich im Verständnis der Zeitgenossen und der Historiographie. Mainz 2002, S. 233–246, hier: S. 243. Sie begründete dies mit vier Strukturmerkmalen des Reiches, dem Recht durch gewohnheitliche Praxis, dem geringen „Generalisierungs- und Abstraktionsgrad der Normen der Reichsverfassung“, der Tatsache, „daß soziale und politische Ordnung noch nicht voneinander getrennt waren“ und der lockeren und vor allem je nach Gewicht seiner Glieder unterschiedlich ausgeprägten politischen Integration und dem Mangel einer zentralen, von den Einzelgliedern unabhängigen Exekutionsgewalt.Barbara Stollberg-Rilinger: Die zeremonielle Inszenierung des Reiches, oder: Was leistet der kulturalistische Ansatz für die Reichsverfassungsgeschichte? In: Matthias Schnettger (Hrsg.): Imperium Romanum - irregulare corpus - Teutscher Reichs-Staat. Das Alte Reich im Verständnis der Zeitgenossen und der Historiographie. Mainz 2002, S. 233–246, hier: S. 244–245.

In ihrer 2008 veröffentlichten Darstellung Des Kaisers alte Kleider geht es ihr um „die zentralen feierlichen Akte und Verfahren, in denen ‚das Reich‘ als Ganzes handelnd in Erscheinung trat“.Barbara Stollberg-Rilinger: Des Kaisers alte Kleider. Verfassungsgeschichte und Symbolsprache des Alten Reiches. München 2008, S. 19. Für Stollberg-Rilinger besitzen symbolisch-rituelle Akte im frühneuzeitlichen Verfassungsleben des Heiligen Römischen Reiches einen hohen Stellenwert. Symbolisch-rituelle Handlungen sieht sie geradezu als „ein vormodernes Äquivalent für die geschriebene Verfassung der Moderne“ an.Barbara Stollberg-Rilinger: Des Kaisers alte Kleider. Verfassungsgeschichte und Symbolsprache des Alten Reiches. München 2008, S. 14. In ihrer Darstellung analysierte sie das Verhältnis von „Verfassungsgeschichte und Symbolsprache des Alten Reiches“ an zentralen Reichstagsereignissen und an der Königs- bzw. Kaiserwahl und -krönung. In ihrer Untersuchung standen vier für die Entwicklung der Reichsverfassung bedeutende Ereignisse im Blickpunkt: der Wormser Reichstag von 1495, der Augsburger Reichstag von 1530, der erste Reichstag nach dem Westfälischen Frieden in Regensburg 1653/54 und die Jahre um die Nachfolge Josephs II. auf dem Kaiserthron 1764/65. Die Darstellung gilt als eine der wichtigsten Veröffentlichungen zur Geschichte des Alten Reiches in jüngerer Zeit.Vgl. dazu die Besprechungen von Matthias Schnettger: in: sehepunkte 8, 2008, Nr. 12 [15. Dezember 2008] (online); Wolfgang E. J. Weber in: Historische Zeitschrift 291, 2010, S. 799–802; Peter H. Wilson in: German Historical Institute London Bulletin. 32, 2010, Nr. 2, S. 60–65 (online); Arno Strohmeyer in: Zeitschrift für historische Forschung 37, 2010, S. 697–698; Christophe Duhamelle in: Annales 67, 2012, S. 268–269 (online); Herbert Langer in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 58, 2010, S. 849–850; Susan C. Karant-Nunn in: Law and History Review 28, 2010, S. 1116–1118; Arno Buschmann in: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte, Germanistische Abteilung 128, 2011, S. 701–704; Jochen Vötsch in: Neues Archiv für sächsische Geschichte 80, 2009, S. 367–369. Ihre Überblicksdarstellung Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation. Vom Ende des Mittelalters bis 1806 gilt auch international als eine der besten Einführungen in die Thematik.Gerrit Walther: Laudatio auf Barbara Stollberg-Rilinger. In: Dokumentation zur Verleihung des Preises des Historischen Kollegs am 8. November 2013 an Prof. Dr. Dr. h. c. Barbara Stollberg-Rilinger. S. 9–16, hier: S. 13.