mini|Mutissala-Kette und Tais-Tücher (hier aus Viqueque) sind typische Bestandteile eines Barlake

Barlake oder Barlaki (Aussprache: Baa-lacki, ) bezeichnet die Traditionen rund um Eheschließungen auf der Insel Timor, denen in Osttimor noch immer bei etwa der Hälfte aller Vermählungen gefolgt wird. Ein wichtiger Bestandteil ist dabei der Austausch von Geschenken zwischen den Familien des Brautpaares.Sara Niner: Barlake: an exploration of marriage practices and issues of women's status in Timor-Leste, In: Local-Global: Identity, Security, Community, Nr. 11, S.138–153, Universität Melbourne, 2012, abgerufen am 22. Februar 2022. Bereits seit der Kolonialzeit wird heftig über die Bewertung der Tradition und die Rolle der Frau darin diskutiert. Kritiker sehen hier eine heidnische Herabsetzung der Frau zur Handelsware, dem von verschiedenen Seiten widersprochen wird.

Überblick Obwohl die verschiedenen ethnolinguistischen Gruppen auf Timor teils sehr große Unterschiede in Sprache und kulturellen Systemen (patriarchal und matriarchal) haben, gibt es viele Gemeinsamkeiten in kosmologischen Vorstellungen und sozialen Strukturen. Es existiert eine Vorstellung des Dualismus, etwa bei männlich–weiblich (mane–feto) oder Einheimische–Auswärtige (ema laran–ema liur). In dieser Vorstellung ist das Irdische rai vom Männlichen dominiert, während die heilige Welt rai laran (innere Welt) dem Weiblichen gehört. Ihr Kern ist das Heilige, das Lulik. So führt die Frau den Haushalt und kümmert sich um die Kinder, während äußere Angelegenheiten nach dieser Vorstellung den Männern zufallen. Frauen haben prinzipiell eine hohe Stellung in der Gesellschaft, doch in der Familie droht die Kontrolle durch den Mann, gerade wenn jung geheiratet wird. Seit der Unabhängigkeit haben timoresische Traditionen an Einfluss in Politik und in der Gesellschaft im Allgemeinen gewonnen.

Grundlage ist ein Vertrag zwischen den Familien, so dass es sich bei der Vermählung eher um eine „Ehe zwischen zwei Familien“ handelt. Ausgehandelt werden die Bedingungen des Bündnisses von Onkeln des Brautpaares.Berta Antonieta Tilman Pereira: Unnachgiebig im Kampf gegen Unterdrückung. In: Südostasien – Zeitschrift für Politik, Kultur, Dialog, 17. August 2020, abgerufen am 20. Februar 2022. Die ausgetauschten Wertgegenstände müssen in Symbolik und kultureller Bedeutung gleichwertig sein, wobei die Gegenstände aus der Familie der Braut als symbolisch höher gestellt gelten, da diese von der Seite kommt, die als die heilige Quelle des Lebens gilt. Das Barlake für die Brautfamilie stellt eine Respektsbezeugung dar. Es gibt der Braut einen Wert und legt ihren Status fest. Kein Barlake zu zahlen wird als Respektlosigkeit gegenüber den Brauteltern angesehen. Die Wertgegenstände werden nur selten vollständig bei einer Gelegenheit übergeben, meist werden sie im Laufe der Ehe nach und nach bei bestimmten Zeremonien ausgetauscht. Dies gibt der Brautfamilie eine gewisse Kontrolle darüber, wie ihre Tochter und deren Kinder behandelt werden. Neben dem Austausch von Geschenken gehören auch Verpflichtungen im weiteren rituellen Leben und auch bei den Todesriten zu Barlake.

Ein Lian Nain erklärte, dass Barlake dazu diene, eine starke Gesellschaft und Beziehungen zu schaffen. Ohne Barlake würde man die Beziehungen der Leute untereinander nicht erkennen können. Außerdem schütze es sowohl Mann als auch Frau vor Gewalt, da das Barlake allgemein bekannt sei und jeder ein Auge auf die Einhaltung habe ().

Für die Menschen außerhalb der Hauptstadt Dili definieren die Traditionen ihre Identität und haben großen Einfluss auf das Leben in den Dörfern und kleinen Städten.

Ablauf Meist beginnt die Zeremonie mit dem tuku odamatan (), wenn sich die Vertreter der Familien das erste Mal treffen und die Familie des Bräutigams um die Erlaubnis für die Heirat bittet. Die Familie der Braut wird als manesan/umane () bezeichnet, jene des Bräutigams als fetosan (). Dann beginnen geheime Verhandlungen innerhalb der Großfamilien, ob die Verbindung akzeptabel ist, welches Barlake zu bieten man bereit ist und was man von der anderen Familie fordern sollte. Damit es auf jeden Fall zu einer Entscheidung kommt, ist bis zum fertigen Beschluss das Essen untersagt. Es kommt dann zu einem ersten Austausch von Geschenken und das Brautpaar bittet um den Segen der Ahnen in den beiden Uma Lulik () der Familien.

Die Form und der Wert der ausgetauschten Waren und der Verhandlungen richten sich stark nach den Häusern und Clans, denen das Brautpaar angehört, und in welcher Beziehung diese zueinander in der Vergangenheit standen. Die Stellung des Uma Lulik der Braut spielt ebenso eine Rolle wie (ganz pragmatisch), was die Großfamilie aufbringen kann. Je höher gestellt eine Familie ist, desto komplexer und wertvoller sind die ausgetauschten Gaben. Die Hochzeit zwischen Cousins ersten Grades (), so zwischen der Tochter des Bruders und dem Sohn der Schwester, die außerhalb des Clans geheiratet hat, wird besonders gefördert. Ehen zwischen Clans ohne diese Beziehung oder gar mit anderen ethnischen Gruppen sind üblich, es bedarf dann aber längerer Verhandlungen.

mini|Zwei Männer mit Belaks in Same, Manufahi (2000)

Barlake repräsentiert das Wandern von Leben von einer Familie zur anderen. Es wird auch als die Beendigung der Beziehung der Frau zu ihrem angestammten Uma Lulik und den Beginn der Beziehung zum Uma Lulik ihres Mannes angesehen Allerdings gibt es auch Ethnien, in denen traditionell der Mann zur Familie seiner Frau zieht, so bei den matriarchalen Bunak.UCAnews: Bunaq men seek emancipation from matriarchal society. 7. August 1991, abgerufen am 21. Januar 2014. In der Gemeinde Manufahi muss die Familie des Bräutigams dem Uma Lulik der Braut einen goldenen Belak (runde Metallscheiben, die vor der Brust getragen werden) übergeben. Dieses Symbol der Weiblichkeit soll den Körper oder Geist der Braut ersetzen, der ihrem ursprünglichen Uma Lulik verloren geht. Als Nächstes wird der Brautmutter ein Geschenk überreicht, das bee manas ai tukun () genannt wird, in Anspielung auf deren Notwendigkeit bei der Geburt. Damit werden ihre Schmerzen und Leiden bei der Geburt der Tochter vergolten. Ein weiteres Geschenk geht an den Bruder der Mutter als Anerkennung der mütterlichen Familie. Das Hauptgeschenk geht aber an die Familie des Brautvaters, was heutzutage oft als Brautpreis verunglimpft wird.

mini|Wasserbüffel in Lautém

Von der Familie des Bräutigams kommen Waren, die mit der Schaffung von Wohlstand in Verbindung gebracht werden, wie zum Beispiel Wasserbüffel, die auf Reisfeldern den Pflug ziehen. Von der Brautseite kommen Gegenstände, die von Frauen produziert werden, wie die für Osttimor typischen Tais-Baumwollstoffe oder Schweine, die als weich und weibliche Objekte angesehen und in der Regel von den Frauen versorgt werden. Dazu kommen viele weitere Objekte, die auch von der jeweiligen Ethnie abhängig sind, so beispielsweise Schmuck, wie Mutissala-Ketten oder alter Schmuck und Münzen aus Gold oder Silber. Zum Barlake gehört auch die Verpflichtung der die Braut aufnehmenden Familie, sie und die gemeinsamen Kinder des Paares zu beschützen.

Die Waren, die im Barlake ausgetauscht werden, verbleiben in der Regel nicht bei einer Familie, sondern wandern, wie in einer Kette, von einer zur nächsten verwandten Familie, was zumindest theoretisch ein allgemein anerkanntes Niveau des Wertes der ausgetauschten Geschenke garantiert.

Beim Barlake gibt es bei den verschiedenen ethnolinguistischen Gruppen Timors jeweils gewisse Unterschiede, doch sind die genannten Punkte meist bei allen vorhanden. Eine Ausnahme bilden einige der matriarchalen Gemeinschaften, die kein Barlake betreiben, wobei es bei diesen noch immer das „heiße Wasser und Feuerholz“ für die Brautmutter gibt. Generell entscheidet die Zugehörigkeit der Braut zu einer matriarchalen oder patriarchalen Gruppe darüber, ob es zum Barlake kommt oder nicht. Kann die Familie eines Bräutigams kein adäquates Barlake aufbringen, zieht der Bräutigam zur Familie seiner Frau und bleibt mindestens so lange, bis er mit seiner Arbeit eine entsprechende Gegenleistung erbracht hat. Traditionell bedeutete das Feldarbeit oder Hilfe im Haushalt. Heutzutage kann die Arbeit darin bestehen, den jüngeren Geschwistern seiner Frau bei der Ausbildung zu helfen. Die Situation macht die Ehemänner verwundbar für Ausnutzung und sorgt für Frustration. Manche Männer, die aus armen Familien kommen, heiraten überhaupt nicht und bekommen daher auch keine Kinder, wodurch ihnen die Anerkennung als vollwertige Erwachsene fehlt.

Entwicklungen im Laufe der Geschichte mini|Hochzeit in Atsabe (1968)

Die portugiesische Kolonialzeit und die folgende indonesische Besatzung (1975–1999) schwächten die traditionelle Kultur in Osttimor, stärkten aber Familienbande und Glaubensvorstellungen. Von Problemen berichtet ein Artikel aus dem Jahr 1963. Um zu beeindrucken oder aus Großzügigkeit opferten manche Familien für Hochzeitsfeiern zu viele Büffel mit der Folge, dass man später im Jahr bemerkte, dass einem selbst die Tiere für die Zucht oder Arbeit fehlten. Die Kolonialverwaltung setzte dem ein Ende, indem sie die Zahl der Tiere beschränkte, die für Feierlichkeiten getötet werden durften. Eine Begrenzung der Höhe des Barlake wurde in Ermera auch nach der Unabhängigkeit eingeführt, um die finanziellen Belastungen für Familien niedrig zu halten. Die Vorgaben wurden Teil des Tara Bandu, Regeln, die nach traditionellen Methoden von der Gemeinschaft beschlossen werden.Belun & The Asia Foundation: Tara Bandu: Its Role and Use in Community Conflict Prevention in Timor-Leste, Juni 2013, abgerufen am 17. Mai 2020.

Gegen Ende der portugiesischen Kolonialzeit kam es zu einem heftigen Disput, dem sogenannten „Barlake-Krieg“ (), der von 1969 bis September 1970 und dann nochmals von Juli bis Dezember 1973 dauerte. Auslöser waren das Gedicht Mulher de Lipa, Feto Timor (1969) und die Novelle Mau Curo e Bere Mau ou o Grande Amor de Cai Buti (1973) des portugiesisch-timoresischen Autors Inácio de Moura, in denen er zu dem Schluss kam, Barlake würde die Braut zur Handelsware machen. Timoresische Intellektuelle widersprachen, dass Barlake ein weitaus komplexerer sozialer Prozess sei, den man nicht nur auf den Warenaustausch beschränken könne. Auf der einen Seite der Auseinandersetzung standen Moura und Jaime Neves, gebürtige Portugiesen, die sich mit der timoresischen Kultur beschäftigten. Sie waren als Militärangehörige nach Timor gekommen. Ihnen gegenüber standen Abílio Araújo, Francisco Xavier do Amaral und Nicolau dos Reis Lobato. Sie waren Timoresen aus führenden Familien aus unterschiedlichen Landesteilen, hatten eine westlich-katholische Ausbildung erhalten und daher den Status eines Assimilado. Diese Kategorisierung war zwar offiziell 1961 abgeschafft worden, gab den Männern aber das nötige Gewicht, um mit den portugiesischen Beamten auf gleicher Ebene zu diskutieren. Alle drei sollten später führende Positionen in der FRETILIN innehaben. Neben den Veröffentlichungen von Moura wurde Barlake in Folge auch von der Zeitung A Voz de Timor, dem kirchlichen Magazin Seara und dem Militärbulletin A Província de Timor als Thema aufgegriffen. Neves war Redakteur bei der A Voz de Timor und Sprecher bei Emissora de Radio e Difusão de Timor, dem lokalen Radio. Redakteur der A Província de Timor war Luís Filipe Thomáz, ein weiterer portugiesischer Militärangehörige, der sich in der Diskussion aber auf die Seite der Timoresen stellte.Kelly Silva: The Barlake War Marriage Exchanges Colonial Fantasies and the Production of East Timorese People in 1970s Dili, S. 313 ff.