Otto Wilhelm Rahn (* 18. Februar 1904 in Michelstadt im Odenwald; † 13./14. März 1939 bei Söll (Tirol), Österreich) war ein deutscher Schriftsteller, Ariosoph und SS-Obersturmführer,Nicholas Goodrick-Clarke benennt mit Rahn, Karl Maria Wiligut und Günther Kirchhoff drei SS-Ariosophen, siehe Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus. S. 254. der sich mit dem Gralsmythos beschäftigte.

Leben Schule und Studium Rahn wurde 1904 in Michelstadt/Odenwald als erstes Kind des Justizamtmanns Karl und Clara Rahn (geb. Hamburger) geboren. Ab 1910 besuchte er das humanistische Gymnasium in Bingen, wo er bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs lebte. Sein Abitur legte er in Gießen ab. Dort begeisterte ihn sein Religionslehrer Freiherr von Gall erstmals für die Geschichte der Katharer. 1922 begann Rahn in Gießen ein Jurastudium, das er an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und der Universität Heidelberg fortsetzte. Während seines Studiums wurde er 1922 Mitglied der Burschenschaft Germania Gießen.Paul Wentzcke: Burschenschafterlisten. Zweiter Band: Hans Schneider und Georg Lehnert: Gießen – Die Gießener Burschenschaft 1814 bis 1936. Görlitz 1942, R. Germania. Nr. 743.

1925 brach er das Studium ab und wurde Handelsreisender für verschiedene Verlage. Er unterhielt Kontakte zu Anhängern Stefan Georges. Rahns erster Verleger bezeichnete ihn später als Schüler Friedrich Gundolfs, der in Heidelberg Literaturgeschichte lehrte und zum George-Kreis gehörte. Er hatte auch Kontakt zu dem Dichter und Schriftsteller Albert Heinrich Rausch.Victor Trimondi: Hitler, Buddha, Krishna – eine unheilige Allianz vom Dritten Reich bis heute. Ueberreuter 2002, S. 264–265.Franz Wegener: Alfred Schuler, der letzte deutsche Katharer. Gnosis, Nationalsozialismus und mystische Blutleuchte. Gladbeck 2003, ISBN 3-931300-11-0, S. 67–69.

Forschungsreisen 1928 besuchte er Genf und Paris. In Paris lernte er einen Kreis von Literaten und Privatgelehrten kennen, zu dem auch der aus Toulouse stammende Poet und Schriftsteller Maurice Magre gehörte. Dieser behauptete, dass ein Manuskript des Bogomilen-Bischofs Nicetas im Château de Monségur aufbewahrt wurde, welches während des Albigenserkreuzzuges als Teil des legendären Katharerschatzes in der Grotte von Ornolaca [sic!] im südfranzösischen Languedoc versteckt worden sei. Durch Magre lernte Rahn seine spätere Sponsorin, die Spiritistin Gräfin Miryanne Pujol-Murat kennen, die sich für eine Nachfahrin der Gräfin Esclarmonde de Foix (um 1151–um 1215) hielt, einer prominenten Angehörigen der Katharer im Frankreich des 13. Jahrhunderts. Gräfin Pujol-Murat war Mitglied der Gnostischen Kirche und unterhielt enge Kontakte zur Okkultgruppe Les Polaires (gegründet 1930), die sich mit den Hyperboreern und den Mythen um Ultima Thule beschäftigten und Ideen der Welteislehre des von der SS protegierten österreichischen Ingenieurs Hanns Hörbiger (1860–1931) vertraten.

Gralssuche mit Antonin Gadal mini|Antonin Gadal (1871–1962) Inspiriert durch Magres Buch Magiciens et Illuminés, der eine Verbindung zwischen den Katharern und Buddhisten konstruierte und die Katharer als die „Buddhisten des Westens“ bezeichnete, entschloss sich RahnRichard Barber: Der heilige Gral. Geschichte und Mythos, Düsseldorf und Zürich 2004. S. 351. 1929 zu Reisen in die Provence, in die Pyrenäen und in das südfranzösische Languedoc, wo er Höhlen untersuchte. Rahns Mäzenin, die Gräfin Pujol-Murat, stellte ihm für seine Exkursionen in den Midi-Pyrenäen eine Limousine und ihren deutschen Chauffeur Joseph Widegger zur Verfügung, was ihm Reisen „auf den Spuren der Gnostiker“ im Languedoc nach Pamiers, Foix, Carcassonne, Montségur und Mirepoix ermöglichte. 1930 unternahm er eine Reise ins Tal der Ariège, wo er unter anderem die Burgruine Montségur besichtigte. Sein Interesse galt der mittelalterlichen Ketzerbewegung, insbesondere den Katharern. Auf seinen Reisen lernte er Déodat Roché, einen Anhänger Rudolf Steiners, und den Heimatforscher Antonin Gadal kennen. Gadal hatte nach seiner Pensionierung über die Katharer geforscht und sich den Ruf eines Neukatharer-Fachmanns erworben. Er interessierte sich für die französische Geschichte und die katharische Häresie und betätigte sich als Höhlenforscher. Höhlenerkundungen im Tal der Ariège ließen ihn glauben, dem Katharerschatz auf der Spur zu sein, den er als den Gral imaginierte. Er ermutigte auch Rahn zur Gralssuche und Recherchen über die Rolle der Burg von Montségur, die er für die Gralsburg Montsalvatge (Montsalvatsch) im Epos Parzival Wolframs von Eschenbach hielt. Rahn bezeichnete Gadal als Lehrmeister und Gönner und arbeitete in den folgenden zirka drei Jahren intensiv mit ihm zusammen. Ihre Freundschaft hielt bis zu seinem Tode.Hans-Jürgen Lange (Hrsg.): Der Gralssucher (1. Buch der Neuausgabe von: Otto Rahn. Leben und Werk) Engerda 1995, ISBN 3-927940-22-4, S. 19. 1930 bis 1932 erkundete Rahn von Ornolac-Ussat-les-Bains aus das Languedoc. Gadal begleitete ihn auf seinen Ausflügen in den französischen Pyrenäen und seinen Höhlenbesuchen im Ariègetal.Lothar Baier: Die große Ketzerei: Verfolgung und Ausrottung der Katharer durch Kirche und Wissenschaft. Wagenbach, Berlin 2002, ISBN 3-8031-2410-7, S. 186 f. Rahn übernahm auch den Rezeptionsstrang Katharer–Gral–Shambala von Gadal, der auch ihn überzeugte, dass in den Höhlen des Sabarthes ein Katharerschatz verborgen liegen müsse,Nicholas Goodrick-Clarke: Black Sun – Aryan Cults, Esoteric Nazism and the Politics of Identity. New York University Press 2002, ISBN 0-8147-3124-4, S. 134–135. bei dem es sich angeblich um den „Heiligen Gral“ handele, dessen letzter Aufbewahrungsort eine Grotte nahe Ussat (Ariège) gewesen sei. Gadal machte Rahn mit dessen Buch „Kreuzzug gegen den Gral“ schließlich bekannt.Richard Barber: Der heilige Gral. Geschichte und Mythos, Düsseldorf und Zürich 2004. S. 351.

Identifizierung der Gralsburg Aus seinen Recherchen in den Archiven von Montségur (Ariège) schloss Rahn, dass er die Gralsburg gefunden habe. Diese wurde erstmals von dem provenzalischen Dichter Guyot im 12. Jahrhundert erwähnt, der dies einem Buch des arabischen Astrologen Flegitanis entnommen haben will. Rahn behauptete, dass Montségur mit der Gralsburg Montsalvatge (Montsalvatsch) aus Wolframs Parzival identisch sei. Er stellte die These auf, dass die Katharer die Hüter des Grals waren, und dass die von Papst Innozenz III. initiierten Albigenserkriege ein Kreuzzug gegen den Gral gewesen seien.Marc Roberts: Das neue Lexikon der Esoterik. Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag Berlin 2005, ISBN 3-89602-537-6, S. 409, 353–354. Rahns Thesen stammen im Wesentlichen von Antonin Gadal.Monika Hauf: Der Mythos der Rosenkreuzer. Patmos Verlag, 2007. S. 156–157.

Am 3. März 1932 berichtete die Zeitung La Dépêche du Midi von Ausgrabungen einer theosophischen Gruppe der Fraternité des Polaires, kurz Les Polaires, mit Sitz in Paris (Avenue Rapp), in der Nähe von Massat, die ein Deutscher [gemeint war Otto Rahn, der dies dementierte] leite. Die Zeitung berichtete wiederholt von der Schatzsuche dieser Polaires in der Burg Montségur, die einem Schatz der Albigenser aus dem 13. Jahrhundert gelte.Franz Wegener: Heinrich Himmler. Deutscher Spiritismus, französischer Okkultismus und der Reichsführer SS. KFVR, Gladbeck 2004, ISBN 3-931300-15-3, S. 103–104.

Bankrott und Flucht wegen Spionageverdacht Im Spätherbst 1931 ließ sich Rahn in dem kleinen Kurort Ornolac-Ussat-les-Bains nieder, in dem sein Mentor Antonin Gadal wohnte. mini|Ehemaliges Hotel Restaurant des Marroniers in Ornolac-Ussat-les-Bains im Ariège-Tal Im Mai 1932 pachtete Rahn das an der Nationalstraße Toulouse-Andorra gelegene Hotel Restaurant des Marronniers in Ussat-les-Bains für drei Jahre. Josephine Baker, Paul Ladame und Marlene Dietrich sollen zu seinen Gästen gehört haben. Trotzdem war er knapp bei Kasse. Mit deutschen Verlagsvorschüssen gelang es ihm zwar, die gröbsten Schulden zu tilgen, aber bereits am 10. Oktober desselben Jahres stellte das Handelsgericht in Foix den Bankrott fest. Ende 1932 wurde Rahn von französischen Regierungsstellen beschuldigt, ein deutscher Spion und der Führer eines internationalen Geheimbundes zu sein. Er verließ daraufhin Frankreich.

Veröffentlichungen Im Herbst 1933 erschien Rahns Buch Kreuzzug gegen den Gral im Urban Verlag in Freiburg i.Breisgau. Kurz darauf trat er dem Reichsverband deutscher Schriftsteller bei. Am 5. August 1934 erschien Rahns Artikel 'Heinrich Minneke' in der Frankfurter Zeitung, in dem er die Verehrung des aus dem Himmel stürzenden Luzifers behauptet. Im April 1938 erschien Rahns Buch Luzifers Hofgesind im Schwarzhäupter-Verlag Leipzig.Nicholas Goodrick-Clarke: Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus, S. 204.

In seinem Buch Kreuzzug gegen den Gral postulierte Rahn eine Einheit der Traditionen der Troubadoure und des Minnesangs, der katharischen Häresie und der Sage vom Heiligen Gral. Er postulierte die Existenz einer gnostischen Untergrundreligion arisch-westgotischen Ursprungs, die im Jahre 1244 von der Inquisition vernichtet worden sei. Er vertrat die Auffassung, dass die Ideen der katharischen Religion bereits durch die Kelten und Iberer im Languedoc vertreten wurden, die er als Erben der Perser bezeichnete. Die Katharer seien durch manichäische Missionare christianisierte Druiden gewesen. Die Thesen des Buddhisten und Dichters Maurice Magre, eines Freundes von Rahn, die Katharer und überhaupt alle europäischen Ketzer seien getarnte Anhänger der Buddhalehre, haben in Rahns Büchern deutliche Spuren hinterlassen.Franz Wegener: Heinrich Himmler. Deutscher Spiritismus, französischer Okkultismus und der Reichsführer SS. KFVR, Gladbeck 2004, ISBN 3-931300-15-3, S. 93–98. Diese Auffassung wird jedoch von Historikern nicht geteilt.Josef Ackermann: Heinrich Himmler als Ideologe. Muster-Schmidt Verlag 1984, ISBN 3-7881-1660-9, S. 58. Gemäß der „Durchsagen“ des „Sternenkraftorakels“ Magre wünschte sich das tibetische Zentrum die Errichtung eines europäischen Einweihungszentrums unter der Leitung der Polaires, das, anknüpfend an katharische Traditionen, eine Neuauflage der sapientes, der Weisen der Katharer, werden solle.Franz Wegener: Heinrich Himmler. Deutscher Spiritismus, französischer Okkultismus und der Reichsführer SS. KFVR, Gladbeck 2004, ISBN 3-931300-15-3, S. 90 und 103.

Rahn stützte die Verbindung Katharer – Gral – Tibet auf den Shambala-Mythos. Hier wird der Mani-Stein des Chakravartin in Zusammenhang mit einem wunscherfüllenden Juwel in einem ähnlichen Kontext erwähnt wie in Rahns Buch, in dem er behauptet, eine weiße Taube habe den Gral „nach Asiens Bergen“ gebracht, womit er den Himalaya meint.Victor Trimondi: Hitler, Buddha, Krishna – eine unheilige Allianz vom Dritten Reich bis heute. Ueberreuter 2002, S. 269–270 und S. 271 ff. Das höchste Mysterium der Katharer, die Manisola, sei mit dem Gralsmahl identisch, und der von den Katharern verehrte Stein Mani sei mit tibetisch-buddhistischen Glaubensinhalten zu verbinden.

Luzifers Hofgesind Die beiden Bücher Rahns unterscheiden sich in Stil und Inhalt stark. Besonders deutlich ist der Sinneswandel des Autors am Begriff „Luzifer“. Im „Kreuzzug gegen den Gral“, geschrieben vor seiner Mitgliedschaft in der SS, ordnet Rahn Luzifer, der christlichen Tradition folgend, dem Bösen zu. In seinem zweiten Buch, „Luzifers Hofgesind“ mutiert Luzifer zu einem Träger des Lichtes, Luci-Bel, wie ihn die Lucifer-Anhänger der Katharer angeblich nannten. Rahn deutete den Gral als Sammelsymbol aller Anhänger Luzifers. 1938 hielt Rahn im „Dietrich Eckart-Verein“ in Dortmund einen Vortrag vor der SS, in dem er Luzifer umwertete und als Lichtbringer feierte.Hans-Jürgen Lange: Otto Rahn und die Suche nach dem Gral. Verlag Zeitenwende, Engerda 1999, ISBN 978-3-927940-45-1, S. 66–72. Auch in diesem Buch versucht Rahn, die mittelalterlichen Ketzerbewegungen umzudeuten. Das Buch ist als Reisetagebuch aufgebaut.