Als karolingische Kunst wird die Kunstform des Fränkischen Reichs zur Herrschaftszeit der Karolinger bezeichnet. Zeitlich lässt sie sich ins Frühmittelalter einordnen, von etwa 780/90 bis ins 10. Jahrhundert.
Die karolingische Kunst war stark abhängig von den jeweiligen Herrschern, unter denen sie sich weiterentwickelte und wandelte. Die wichtigsten Gattungen der karolingischen Kunst sind Architektur, Bildhauerei, Steinmetzkunst, Buchmalerei, Schatzkunst und Elfenbeinschnitzerei. Die karolingische Kunst lässt sich als Übergangsphase zwischen der Antike und dem Mittelalter verstehen und greift auf spätantike, frühchristliche, insulare und byzantinische Kunst zurück. Aus der Mischung dieser Kunsttraditionen mit Einbettung karolingischer Innovationen wurde ein formal neuer Stil geschaffen, der die folgenden Jahrhunderte maßgeblich prägte. Die im beginnenden 9. Jahrhundert entstandenen Kunstzweige erreichten in ihrer Bestehenszeit ein Maß an Vollkommenheit, an das kaum eine andere Kunstform heranreicht. Die karolingische Kunst folgt der merowingischen Kunst und weiteren Kunstströmungen der Völkerwanderungszeit (Keltische Kunst, Langobardische Kunst und westgotische Kunst).
Überblick mini|hochkant|Karl der Große (Dürer, ca. 1511–1513) Obwohl die Herrschaftszeit der Karolinger offiziell mit dem Einsetzen Pippins des Jüngeren 751 als König beginnt, kann die karolingische Kunst als eigenständige Kunstform erst unter Karl dem Großen einsetzen. Seit dem Tod seines Bruders Karlmann 771 war er Alleinherrscher über das sich rasch ausdehnende Frankenreich.
Aus Einhards Vita Karoli Magni ist bekannt, dass Karl neben seiner Muttersprache auch fließend Latein sprechen und verstehen konnte, Griechischkenntnisse besaß und rechnen konnte. Ob er jedoch schreiben konnte, ist nicht sicher belegt. Ebenso wenig ist sichergestellt, ob Karl in seiner Kindheit und Jugend kulturelle Fähigkeiten erlernte. Karls Interessen als Erwachsener waren jedoch umso vielseitiger, er studierte Rhetorik, Dialektik und Astronomie. Sein eigenes wissenschaftliches Interesse war von großer Bedeutung für die kommenden Umbrüche im fränkischen Reich, was Bildung, Wissenschaft und Kunst betrifft. Die Bildungsinitiative Karls begann nach seinem Italienfeldzug im Jahre 774, bei dem er bedeutende langobardische Gelehrte für sich gewinnen konnte. Er traf dort auch auf Alkuin, der zu einem der wichtigsten Berater des Königs wurde. Bei seinen weiteren Aufenthalten in Italien wurde Karl der große Handlungsbedarf im fränkischen Reich bewusst. Lehrer und Schulen waren kaum vorhanden, die Lateinkenntnisse (im Besonderen bei Klerikern) schwanden und verfälschten sich immer mehr, sodass Karl sich vor einer Fehlwirkung der heiligen Worte fürchtete. Das von Karl dem Großen geförderte Aufblühen der Wissenschaften, dazu zählen auch die freien Künste (Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik, Astronomie), kann den zahlreichen ausländischen Gelehrten zugeschrieben werden (hauptsächlich aus Italien, England und Spanien stammend; den geringsten Anteil bildeten die Franken selbst). Die Pflege der Wissenschaften geschah jedoch nicht um ihrer selbst willen, sondern zur Verbesserung der Klerikerausbildung. Die gegründeten Schulen waren hauptsächlich für zukünftige Priester und Bischöfe gedacht. Gemeinsam arbeiteten Karl der Große und seine Berater 786 ein 80 Kapitel umfassendes Werk aus, das drei Grundprinzipien zur Aufbesserung der Bildung im fränkischen Reich festlegte:
Errata corrigere (Fehler verbessern) Superflua abscindere (das Überflüssige beseitigen) Recta cohartare (das Richtige bekräftigen)
Unter diesem Programm sind circa 10.000 Manuskripte entstanden. Auch auf Papyrus überlieferte Texte aus der Antike (Reden Ciceros, Texte der Kirchenväter, Traktate von Ovid etc.) wurden kopiert. Diese umfassende Reform sicherte etliche Texte, besonders die aus der Antike, die sonst vermutlich für immer verloren gegangen wären.
Übergang von der merowingischen zur karolingischen Kunst mini|hochkant|Beispiel für merowingische Buchkunst Im Gegensatz zur karolingischen ist die vorangegangene merowingische Kunst deutlich weniger prunkvoll und die Kunstobjekte mit weniger Kostbarkeiten verziert. Erst in karolingischer Zeit entwickelte sich das Bedürfnis nach Prunk und der Darstellung von Reichtum in der Kunst. Charakteristisch für den Übergang sind neue Formen und Gegenstände und die Entwicklung der Liturgie. Während die Merowinger von Silbertauschierungen Gebrauch machten, begannen die Karolinger mit Emaille zu arbeiten.
Auch die Orte der Kunstproduktion verlagerten sich. Zur Zeit der Merowinger waren ausschließlich die Klöster für die Herstellung von Kunst verantwortlich. Zwar nahmen Klöster unter Karl dem Großen weiterhin eine Rolle in der Kunst ein, die Produktionsstätten verlagerten sich jedoch zunehmend mehr an die Hofschulen.
Architektur siehe auch: Liste karolingischer Bauwerke mini|Beispiel karolingischer Architektur: die Torhalle in Lorsch (um 900 erbaut) Bereits ab dem 6. Jahrhundert gab es Versuche, die antiken Bautraditionen nachzuahmen, die jedoch scheiterten. Erst unter Karl dem Großen wurde der Fortschritt dadurch gefördert, dass bewusst an die Vergangenheit angeknüpft wurde. Keiner der großen Bauten der karolingischen Epoche konnte ohne das mächtige Zutun Karls des Großen entstehen, da er die Architektur nicht bloß durch persönliches Bestreben, sondern auch durch die Zurverfügungstellung seines Geldes förderte. Sowohl der römische, oberitalienische als auch der byzantinische Baustil inspirierten und beeinflussten den Stil der karolingischen Baukunst. Dass die karolingische Architektur Inspiration aus byzantinischen Bauwerken schöpfte, war insofern erstaunlich, als sich die Bautätigkeit der vorangegangenen Jahrhunderte hauptsächlich an stadtrömischen Vorbildern orientierte, was beispielsweise der Bau und die Vergrößerung der Fuldaer Abteikirche (ab 791) aufzeigt. Karolingische Architektur beruht jedoch nicht auf bloßem Kopieren; vielmehr wurden die antiken Bautraditionen wiederaufgenommen, nachgestaltet und mit karolingischen Neuerungen verschmolzen und an die Bedürfnisse der Zeit angepasst. Im Gegensatz zur merowingischen griff die karolingische Kunst ganz bewusst auf die antiken Traditionen zurück und bereicherte und verstärkte damit nicht bloß die eigene Ausdrucksweise. „Mit Bewusstsein schöpfte man aus den Quellen des klassischen Altertums.“
Die Architektur der Karolingischen Epoche kann stärker als jede andere Kunstgattung Europas als Ausdruck politischer Ziele verstanden werden. Seit der Herrschaftszeit der Karolinger traten die mittelalterlichen Herrscher in die spätantik-christliche Tradition ein, was sich maßgeblich auch in der Architektur zeigte.
Die meisten Bauwerke aus karolingischer Zeit sind heute nicht mehr erhalten. Durch Ausgrabungen konnten diese jedoch rekonstruiert werden. Viele der Bauten sind genau datiert und zeitgenössische literarische Textzeugnisse geben Aufschluss über die Bauweisen. Im Vergleich zu den zahlreichen entstandenen Bauten ist die Zeitspanne ihrer Entstehung relativ gering. Die Bauwerke entstanden vornehmlich lediglich in der Zeit zwischen dem ausgehenden 8. Jahrhundert bis etwa 845.
Kirchenbauten Der Bau von Kirchen war die wichtigste Bauaufgabe des Frühmittelalters, da er den Prozess der Christianisierung begleitete. Architektur und Altaranordnung korrespondierten miteinander, wie der St. Galler Klosterplan veranschaulicht. Ebenso kann dies als Abbild der Himmelsordnung verstanden werden. Als Verbindung von irdisch-architektonischer und himmlischer Ordnung repräsentierte die Kirchenarchitektur eine umfassende Weltordnung. Charakteristisch für die Kirchen der Zeit war der römische Fachwerkbau. Neben Stabkirchen können auch Wände mit unverputzter Flechtwerk-Ausfachung nachgewiesen werden. Die karolingischen Kirchen waren von beachtlicher Fläche, an Ausdehnung in der Folgezeit kaum übertroffen.
In karolingischer Zeit entstanden Skulpturen im Benediktinerinnenkloster St. Johann in Müstair aus Laaser Marmor.Jörg Goll: Klostermuseum Müstair, Schnell und Steiner, 2022, S. 6.
Krypten Karolingische Krypten zeichnen sich durch mächtige Gewölbe aus. Sie waren meist ebenerdig mit dem Langhaus verbunden. Dies ist angelehnt an die römische Confessio und gliederte die Grabstätten in den Kirchenbau mit ein. Die karolingischen Krypten lassen sich als eine Art zweite Kirche verstehen, die sich an die erste anfügte. Meist befand sich die Krypta direkt unter dem Altarraum und war durch einen engen Gang erreichbar.
Karolingische Neuerungen: Westwerk und Doppelchoranlage siehe Hauptartikel: Westwerk und Chor rechts|mini|Westwerk des Klosters Corvey links|mini|Beispiel für eine Kirche mit Doppelchoranlage: Mainzer Dom (nicht karolingisch, dient nur zur Veranschaulichung) links|mini|Die Kirche Saint-Riquier steht heute dort, wo sich einstmals das Kloster Centula befand. Ein Westwerk ist ein Teil eines Kirchengebäudes, das nur an Stifts- oder Klosterkirchen, in Ausnahmefällen auch an Domen, auftritt. Der Bau von Westwerken begann erstmals in der karolingischen Zeit. Westwerke nehmen eine multifunktionale Rolle ein, sie dienen zu verschiedenen Nutzungen, wie beispielsweise der Hofhaltung, dem Gericht und der Wehrhaftigkeit.
Bereits in antiken Basiliken waren Choranlagen vorhanden, erst in karolingischer Zeit jedoch wurden die sogenannten Doppelchoranlagen gebaut. Sie bestehen aus einem West- und einem Ostchor. Die erste solche Anlage trat in St. Maurice-d’Agaune im Wallis auf.
Kloster Centula Das 799 fertiggestellte Kloster war der heiligen Dreieinigkeit geweiht. Die Zahlsymbolik wurde aus dem antiken Griechenland übernommen und äußerte sich symbolisch in der Dreiecksform des Klosterkomplexes und drei Kirchen, die an den drei Ecken des Geländes lagen. Drei den Engeln gewidmete Oratorien befanden sich über den Eingängen. Die dreihundert hier ansässigen Mönche wurden für die Gottesdienste in drei Chöre aufgeteilt und es gab drei Hauptaltäre. Selten fand eine Zahlensymbolik eine so konkrete Anwendung wie in diesem Kloster. Der Hauptchor, ausgerichtet nach Westen, und der andere, nach Osten ausgerichtete, Chor besaßen einen Turm, der von Wendeltreppen flankiert wurde. Die Hauptaltäre waren reichlich mit Gold, Silber und Edelsteinen verziert; Bildnisse von Tieren, Vögeln und Menschen säumten die Säulen. Der Schmuck an den Gedenkstätten, die sich in allen vier Himmelsrichtungen befanden, erinnerte stark an die der Kreuze der Britischen Inseln. Im Gegensatz zu diesen bestanden die Denkmäler in Centula jedoch nicht aus Stein, sondern aus Stuck. Das Kloster Centula wurde 881 von den Normannen vollständig zerstört. Heute steht an dieser Stelle die Kirche von Saint-Riquier aus dem 13. und 14. Jahrhundert.
Aachener Pfalz rechts|mini|Ansicht des Oktogons der Pfalzkapelle Aufgenommen wurden die Arbeiten an diesem Palast im Jahre 789, fertiggestellt wurde er jedoch erst nach dem Tod Karls. Die Kapelle ist heute noch fast vollständig erhalten. Für den Bau der Pfalz gab es nicht das eine Vorbild, an dem man sich beim Bau orientierte. Doch lassen sich Elemente byzantinischer Architektur, vornehmlich Kirchen, finden. Die Hauptteile des Palastes sind mit Grabungen gesichert. Ein knapp zweihundert Meter langes Rechteck trennt Aula und Kapelle. Die Außenseiten sind mit Lisenen und großen Bögen versehen, hölzerne Galerien verbinden die Gebäude im Westen. Aufgrund der exakten Einteilung des Bauplanes in Planquadrate konnte die Bauzeichnung genauestens auf das Gelände übertragen werden, was in einer symmetrischen und harmonischen Anordnung der verschiedenen Palastteile resultierte.