Die uigurische Literatur ist die Literatur der Uiguren, die vor allem im Gebiet des heutigen Xinjiang, in geringerem Umfang auch in Kasachstan in der mit dem Usbekischen verwandten (neu-)uigurischen Sprache verfasst wurde. Sie bedient sich seit der Islamisierung der (persisch-)arabischen (in Xinjiang), später auch der kyrillischen Schrift (in Kasachstan), heute teils auch der lateinischen Schrift (in der Diaspora). Den Begriff der Uiguren verwendet das Volk als Selbstbezeichnung erst seit ca. 1920; vorher wurden die Einwohner als Türkmeni, später als Turkestani bezeichnet.

In Xinjiang stehen die traditionellen Formen uigurischer Dichtung vor allem durch den Zwang zur Verwendung der chinesischen Schrift vor ihrer Auslöschung.

Frühe buddhistische Literatur auf dem Gebiet der Uiguren Das Alt-Uigurische ist kein direkter Vorläufer des heutigen Uigurischen. Es war die alttürkische Sprache einer buddhistischen, später manichäischen Hochkultur der Uiguren vom 8./9. bis zum 13./14. Jahrhundert, die zahlreiche schriftliche Quellen in Orchon-Runen, einer reinen Konsonantenschrift, welche erst 1893 entziffert wurden, sowie in Brahmi-Schrift hinterließ.Yukiyo Kasai: Die altuigurischen Fragmente mit Brāhmī-Elementen (=Berliner Turfantexte 38). Brepols Publishers, Turnhout 2017. Bei diesen Texten handelte es sich um Übersetzungen aus dem Tocharischen, Chinesischen, Tibetischen und später aus dem Sanskrit. Frühe Übersetzungen basieren auch auf sogdischen Texten.Peter Zieme 1992, S. 16 ff. Der buddhistischen Periode entstammt vor allem die Jataka-Dichtung mit Erzählungen aus dem Leben BuddhasPeter Zieme 1986. sowie das Goldglanz-Sutra, ein Mahayana-Sutra.

Die uigurische Literatursprache der frühesten Zeit hat sich bis zur Mongolenherrschaft erhalten. In einer Grotte der Oasenstadt Dunhuang an der Seidenstraße lagerten etwa 50.000 Schriften aus dem 4. bis 11. Jahrhundert, die Mönche im Jahre 1036 eingemauert hatten, um sie vor den Mongolen zu schützen. Darunter befand sich das Diamant-Sutra, ein Text des Mahayana-Buddhismus, der am 11. Mai 868 als Holztafeldruck hergestellt wurde und als das älteste Buchdruckerzeugnis der Menschheitsgeschichte gilt.Ligurische Literatur auf uigurkultur.de

Karachanidische Phase mini|Weltkarte des Gelehrten Mahmūd al-Kāschgharī (11. Jahrhundert). Im Zentrum befindet sich Balasagun, die Hauptstadt der Karachaniden im heutigen Kirgisistan mini|Porträt Yusup Balasagunis auf einer kirgisischen Banknote Nach der Islamisierung im 10. Jahrhundert entwickelte sich unter den Karachaniden Kaschgar zu einem wichtigen kulturellen Zentrum, das in enger und fruchtbarer Verbindung zu Persien standen.Menges 1996, S. 603. In Kaschgar wirkten große Wissenschaftler und Gelehrte, vor allem Yusup Khass Hajip aus Balasagun (Yusuf Balasaguni, 1018/19–1077/85) und Mahmūd al-Kāschgharī (1005–1102), die Gesellschaft, Kultur, Gebräuche und Sprachen der überwiegend noch nomadischen Turkvölker in mitteltürkischer Sprache beschrieben.Uigurische Literatur auf uigurkultur.com mini|Mausoleum des Mahmūd al-Kāschgharī in Upal, Westliches Xinjiang

Mahmūd al-Kāschgharī verfasste um 1090 in Bagdad ein bedeutendes Wörterbuch der Turksprachen (Divan lugat at-turk, Sammlung der Sprachen der Türken) mit arabischen Übersetzungen, das eine wichtige Quelle zur Folklore Zentralasiens darstellt und für die arabischen Bündnispartner bestimmt war. Er verteidigte die Reinheit der türkischen Sprache gegen externe Einflüsse. Der Wesir, Theologe und Philosoph Yusuf Balasaguni war Urheber des Lehrgedichts Kutadgu Bilig (Gesegnetes Wissen, ca. 1069), das mit der Schöpfungsgeschichte beginnt und aus dem man viele Informationen zu den sozialen Beziehungen und Normen der Turkvölker entnehmen kann. Er sieht sich darin selbst als Begründer der türkischsprachigen Literatur und wird insbesondere in KirgisistanKyrgyzstan: Medievak Philosopher reclaimed National Hero auf eurasianet.org, 12. Oktober 2016 und Usbekistan verehrt. Seine Grabstätte in Kaschgar wurde während der chinesischen Kulturrevolution zerstört und in der Tauwetterperiode nach dem Tod Mao Zedongs wieder errichtet.

Mit der Islamisierung begann die arabische Schrift, die altuigurische Schrift zu verdrängen, die sich jedoch im Tarimbecken bis ins 17. Jahrhundert hielt, aber nicht mehr senkrecht, sondern wie das Arabische von rechts nach links geschrieben wurde.

In das ältere volkssprachliche Kulturgut gelangten nach der Islamisierung viele Motive aus der persisch-arabischen Welt. Diese weltlichen oder religiösen epos-artigen Erzählungen (mit dem persischen Wort Dastan bezeichnet, turksprachlicher Plural: dastanlar) wurden insbesondere auf Festen vorgetragen oder gesungen. Sie sind auch bei Kasachen verbreitet und galten in China noch bis zu Beginn der verschärften kulturellen Unterdrückung um 2017 als schützenswertes Kulturgut.

Literatur in tschagataischer Sprache mini|Alexander der Große jagt eine Ente. Seite aus dem Divan-i Nawāʾi (Gesammelte Gedichte des Nawāʾi). Manuskript Täbris 1526. Unter der Herrschaft der Mongolen verbreitete sich seit 1400 die osttürkische, später als Tschagataisch bezeichnete Sprache, eine Vorläuferin der heutigen uigurischen und usbekischen Sprache, die als Verkehrssprache und klassische Literatursprache in ganz Zentralasien gebräuchlich war. Sie stellte eine Weiterentwicklung der karachanidischen Sprache dar und wurde mit einem arabischen Alphabet mit Vokalzeichen geschrieben. Ihr stand neben dem türkischen Wortschatz der gesamte Formenschatz der persischen, daneben auch der arabischen Literatur zur Verfügung.

Als Hofdichter der Herrscher von Samarkand wirkte um 1400 Sakkākī, von dessen Dichtung kaum etwas erhalten ist. Aus Herat stammte Lutfī (ca. 1364–ca. 1463), von dem Hunderte Ghaselen erhalten sind. Ein Höhepunkt der tschagataischen Dichtung bildet die Hamse (Chamza) des in Herat lebenden Uiguren Mir ʿAli Schir Nawāʾi (1441–1501), der einer Volkssängerfamilie entstammte. Es handelt sich um fünf Geschichten, die aus insgesamt 50.000 Versen bestehen. Daneben verfasste er viele Prosawerke, darunter Abhandlungen über die Dichtkunst.Menges 1996, S. 605. Nawāʾis Werke waren im gesamten turksprachigen und iranischen Raum verbreitet; die Usbeken beanspruchen ihn als Nationaldichter.

Nach dem inneren Verfall der Khanate Turkestans lebte das kulturelle tschagataische Erbe im Khanat Qoʻqon (Kokand) im heutigen Usbekistan fort.Menges 1996, S. 606.

Uigurische Literatur bis 1920 Seit dem 17. Jahrhundert sind schriftliche Werke von Dichtern im so genannten „uigurischen Türkisch“ (Uygur Türkçesi, auch Turki) im heutigen Siedlungsgebiet der Uiguren nachgewiesen. Zunächst wurden vor allem religiöse Texte wie das Tadhkirah i Khwajagan aus dem Persischen ins Uigurische übersetzt; unter dem Einfluss der persischen Mystik entstanden aber auch neue religiöse Dichtungen, die als Manuskripte an den Höfen der Khane verwahrt wurden. Zu diesen uigurischen Dichtern gehören Muhammad Sadiq Zalili (ca. 1674–1723) und Khoja Jahan Arshi (wirkte um 1730/40), die auch in persischer Sprache dichteten.David Brophy: A Lingua Franca in Decline? The Place of Persian in Qing China. In: (Hrsg.): The Persianate World: The Frontiers of a Eurasian Lingua Franca. Univ. of California Press, 2019, S. 175–192.

Um die Mitte des 18. Jahrhunderts endete die Mongolenherrschaft; die gesamte Region gelangte unter chinesische Herrschaft. Damit nahm die Bedeutung der persischen Sprache ab. Anders als die schriftlich überlieferten religiösen Texte, Landesbeschreibungen und Gedichte in persischer Sprache waren die volkstümlichen uigurischen Texte ausschließlich in mündlicher Form überliefert, oft in Verbindung mit Musik, Tanz und Theaterdarbietungen. Abdurrahim Nizari (1770–1850), Mitglied der ismailitisch-schiitischen Religionsgemeinschaft der Nizariten, gilt mit seinen religiös-philosophischen Werken und Übersetzungen aus dem Persischen als wichtiger Dichter dieser neuen Epoche.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts machen sich infolge der russischen Expansion in der Region Ost-Turkestan zunehmend Einflüsse der russischen Romantik und des Realismus bemerkbar. Zwischen den Uiguren im Russischen Reich und in China bestanden auch in der Folgezeit zahlreiche kulturelle Verbindungen, was zu einer Hybridkultur führte, die in ihrem westlichen Bereich von Russland beeinflusst war, während sie im Osten eine starke Resilienz gegen chinesische Einflüsse entwickelte und ihre uigurische Identität stärker bewahrte.

Der letzte Repräsentant der klassischen Dichtung war Bilal Nazım (1825–1900). Er verfasste Gedichte in der klassischen Form der Ghasele mit gereimten Suffixen, aber auch realistische Prosa (Gazat Der Mülk-i Çin, 1864), in der sich die uigurische Gesellschaft spiegelt, sowie u. a. eine Biographie der Sängerin Nazugum (Nazugum'un Kıssası).Menges 1996, S. 609. Auch als Musiker trat Bilal Nazim hervor. Sein Bericht Kitab-gazat-dar Chin beschreibt den Aufstand der Uiguren gegen die Chinesen 1864–1867.

In den 1920er Jahren wurde in der Sowjetunion das Tschagataische offiziell abgeschafft. Die lokalen Dialekte wie das Uigurische stiegen stattdessen zu Literatursprachen auf, welche zunächst das lateinische Alphabet benutzten, bis im Zuge der Russifizierungspolitik das kyrillische Alphabet eingeführt wurde.

Angesichts der Randlage und der sozialen Situation der teilweise verarmten Region konnte sich in der Folge keine vollprofessionelle Literatenklasse entwickeln. Dennoch fanden semiprofessionelle Texte immer wieder Verbreitung auf beiden Seiten der Grenze.Ildikó Bellér-Hann, M. Cristina Cesàro, Joanne Smith Finley: Situating the Uyghurs Between China and Central Asia. Routledge, 2016, Teil 2. Um die Wende zum 20. Jahrhundert wurden die ersten uigurischen Texte und Zeitungen gedruckt. Die einzige Druckerei im südlichen Xinjiang, die Texte in arabischer Schrift auf modernen Maschinen drucken konnte, war die der schwedischen Missionsanstalt in Kaschgar, die von 1912 bis 1938 existierte. Die dort gedruckten sogenannten Kashgar Prints gehören heute zu den wichtigen historischen und literarischen Quellen.Prints from the Swedish Mission in Kashgar auf jarringcollection.se

Neu-Uigurische Literatur Das Ethnonym „Uiguren“ für die heutige Bevölkerungsgruppe wurde erstmals 1921 in Taschkent verwendet und seit den 1930er Jahren in Xinjiang gebraucht.Ralf Elger (Hrsg.): Kleines Islam-Lexikon: Geschichte, Alltag, Kultur. Beck, München, 4. Auflage 2006, S. 334 f. Diese neu-uigurische Literatur und das Schicksal der Literaten, die immer wieder verfolgt wurden, aber oft auch als Nationalhelden und Märtyrer gelten, ist eng mit der wechselhaften politischen Entwicklung der Region seit den 1930er Jahren verknüpft.

Sowjetunion, Kasachstan Von 1926 bis 1937 wurde in der Sowjetunion ein lateinisches Alphabet für die uigurische Sprache verwendet. In den 1930er und 1940er Jahren verstanden sich die uigurischen Intellektuellen an der Grenze zu China als Keimzelle einer künftigen vereinten uigurischen Kultur und verbanden diese transkulturelle Idee mit der Vorstellung der Modernisierung ganz Zentralasiens. Dieser Modernisierungsimpuls – verbunden mit der sowjetischen Einflussnahme – strahlte vor allem auf die periphere Grenzregion Ili im Nordwesten Xinjiangs aus. Dort versuchten turksprachige moslemische Intellektuelle, eine uigurische Nationalkultur auf beiden Seiten der Grenze mit Hilfe des Schulwesens und der massenhaften Verbreitung von Druckerzeugnissen zu etablieren.

Hezim İskenderov (1906–1970) begann während seines Studiums in Taschkent zu publizieren. 1937 wurde er nach Sibirien verbannt, später warb er in seinen Arbeiten für die Kollektivierung der Landwirtschaft.Harbalioğlu 2017, S. 163.