mini|Logo der Letzten Generation mini|Straßenblockade am Berliner Hauptbahnhof (2022) mini|Mit oranger Farbe angesprühter Haupteingang der Universitätsbibliothek Freiburg, 2023 Die Letzte Generation (kurz LG; auch Die letzte Generation vor den Kipppunkten) ist ein Zusammenschluss und eine seit Ende 2023 eingetragene Marke von Klimaaktivisten in Deutschland. Bis August 2024 bestand die Gruppe auch in Österreich. Paywall. Sie verfolgt das Ziel, durch Mittel des zivilen Ungehorsams Maßnahmen der Regierungen zur Einhaltung des Übereinkommens von Paris und des 1,5-Grad-Ziels zu erzwingen. Die Gruppe bildete sich 2021 aus Teilnehmern am Hungerstreik der letzten Generation. Die Anfang 2022 begonnenen Aktionen bezeichnen die Aktivisten als Aufstand der Letzten Generation, weil nach ihrer Ansicht die Überschreitung von Kippelementen im Erdklimasystem drohe und sie der letzten Generation angehörten, die noch in der Lage sei, „den völligen Erdzusammenbruch vielleicht noch aufzuhalten“. Aufsehen erregt die Gruppe insbesondere, weil sich die Aktivisten bei vielen Aktionen auf Straßen festkleben und den Verkehr blockieren und weil sie Gebäude mit oranger Farbe besprühen. Diese Protestformen werden von großen Teilen der Öffentlichkeit abgelehnt.Deutsche lehnen Straßenblockaden mehrheitlich ab; Tagesschau.de, 23. Juni 2023, abgerufen am 18. Dezember 2024. Deutsche Gerichte haben Aktivisten in Strafprozessen oft wegen Nötigung verurteilt; einige wurden freigesprochen. Im Falle von Verurteilungen wurden in den meisten Fällen Geldstrafen und in einigen Fällen Freiheitsstrafen verhängt.
Nach Ansicht des Landgerichts München ist der Zweck und die Tätigkeit der Vereinigung auf die Begehung von Straftaten gerichtet. Im Beschluss vom 23. November 2023 wird auf die erhebliche Gefahr für die öffentliche Sicherheit durch die Vereinigung hingewiesen.
Ende 2024 kündigte die Gruppierung eine Umbenennung und strategische Neuausrichtung an. Sie teilte sich im Februar 2025 in Neue Generation und Widerstands-Kollektiv. Aktionen der Neuen Generation richteten sich im Frühjahr 2025 gegen „Rechte und Reiche“, Firmengebäude (Müllermilch, Tesla) wurden mit „AfD-blauer“ Farbe besprüht. Im April 2025 ließ das Widerstands-Kollektiv Luft aus Reifen privater Tesla-Fahrzeuge in Berlin und besprühte sie.
Hintergründe
mini|Diese Abbildung zeigt die Raten, mit denen die weltweiten CO2-Emissionen nach 2024 sinken müssen, um den globalen Temperaturanstieg auf 1,5, 1,7 oder 2,0 Grad Celsius zu begrenzen, ohne auf Netto-Negativemissionen angewiesen zu sein. alt=Aktivisten fordern explizit die Sorgfaltspflicht des Staates gegenüber kommender Generationen ein.|mini|Aktivisten fordern die in Artikel 20a des Grundgesetzes aufgeführte Schutzpflicht des Staates gegenüber kommenden Generationen ein Die Letzte Generation möchte mit ihrem Namen auf den wissenschaftlichen Konsens zum Klimawandel und das völkerrechtlich verbindliche Übereinkommen von Paris aufmerksam machen. Nach Einschätzung der Bewegung sei festzustellen, dass die derzeitige Generation die letzte sei, die etwas gegen die globale Erwärmung und das Erreichen von Kippelementen im Erdklimasystem unternehmen könne.
Die Bezeichnung der Gruppe wird auch mit einem Tweet von Barack Obama in Verbindung gebracht:
Die Letzte Generation verweist auch auf die Prüfberichte des Expertenrats für Klimafragen der Bundesrepublik Deutschland. Dieser hatte 2023 das Klimaschutzprogramm der Bundesregierung als unzureichend bezeichnet und einen fehlenden Einklang mit dem Bundes-Klimaschutzgesetz beklagt. Die Bundesregierung lege gemäß dem Expertenrat ebenfalls nicht dar, wie die Lücke zu den Zielen für 2030 des Bundes-Klimaschutzgesetzes zu schließen sei. Dies gelte insbesondere für den Verkehrs- und Gebäudesektor.
Ziele
Die Letzte Generation gibt unterschiedliche Ziele für ihre Aktionen aus und hat diese im Lauf der Zeit immer wieder angepasst.
„Essen Retten Leben Retten“
Als erste Aktionsreihe führten die Aktivisten die Kampagne Essen Retten Leben Retten durch. Dabei wurde gefordert, dass die neue deutsche Bundesregierung gesetzliche Maßnahmen für eine Agrarwende bis 2030 festlegen und als erste Sofortmaßnahme gegen Lebensmittelverschwendung vorgehen sollte. Große Lebensmittelhändler sollten verpflichtet werden, noch genießbares Essen zu spenden, was ein Beitrag gegen den Hunger sei und den CO₂-Ausstoß sofort reduzieren würde. Damit dies passiere, müsse die Bundesregierung ein Essen-Retten-Gesetz nach dem Vorbild Frankreichs einbringen. Um eine umfassende Agrarwende einzuleiten, solle sich die Bundesregierung an den Vorschlägen des Bürgerrats Klima orientieren. So sollte sichergestellt werden, dass nachhaltig wirtschaftende Landwirtschaftsbetriebe besser entlohnt würden und eine „gute Ernährung“ für alle Menschen erschwinglich werden würde.
In Österreich forderte die Gruppe von der Bundesregierung, Maßnahmen gegen eine weitere Bodenversiegelung und für eine Agrarwende bis 2030 zu treffen.
Dekarbonisierung
mini|hochkant=0.8|Von der Gruppe zitierte IPCC-Statements zum Klimawandel, November 2022
Sowohl mit Blick auf den Bericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) und die Auswirkungen des Klimawandels als auch mit Blick auf die Finanzierung des russischen Regimes und dessen Überfalls auf die Ukraine fordert die Gruppe ein Ende der staatlichen Finanzierung von Infrastruktur, die der Bereitstellung fossiler Energieträger wie Kohle, Erdöl und Erdgas dient. Im September 2023 forderte die Letzte Generation die Bundesregierung auf, bis 2030 die Verbrennung fossiler Brennstoffe wie Kohle, Öl und Erdgas in Deutschland einzustellen.
Tempo 100 und 9-Euro-Ticket
Im Herbst 2022 erhob die Aktionsgruppe Forderungen von zunächst einem Tempolimit von 100 km/h auf deutschen Autobahnen und einer Fortsetzung des 9-Euro-Tickets im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV).Mona Jaeger und Eckart Lohse: Wie radikal darf Klimakampf sein? Die „Letzte Generation“ fordert alle Parteien heraus. Vor allem für die Grünen könnten die Aktivisten zum Problem werden. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 12. Dezember 2022.
Forderungen nach einem Gesellschaftsrat
In einem Brief vom 6. März 2023 forderte die Letzte Generation die Einsetzung eines Gesellschaftsrates aus gelosten Bürgern, der darüber beraten solle, wie Deutschland bis 2030 klimaneutral werden könne. Die Bundesregierung solle öffentlich versprechen, den Empfehlungen dieses Rats zu folgen. In dem Brief hieß es: Man werde die öffentliche Ordnung maximal stören, .Gernot Knödler: Hamburg will nun doch reden. In: taz nord vom 23. März 2023, S. 21. Nachdem Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher die Staatsanwaltschaft wegen versuchter Nötigung von Verfassungsorganen eingeschaltet hatte, entschuldigte sich die Letzte Generation per offenem Brief für ihre als Drohung verstandene Forderung: Es sei nie ihr Ansinnen gewesen zu drohen. In einem Brief an die Bundesregierung vom April 2023 forderten die Klimaaktivisten weiterhin die Einrichtung eines Gesellschaftsrats, formulierten dann aber versöhnlicher:
mini|Wahlvorschlag Nr. 31 auf dem Stimmzettel für die Europawahl 2024
Teilnahme an der Europawahl 2024
Im Februar 2024 wurde eine Sonstige Politische Vereinigung mit dem Namen Parlament aufmischen – Stimme der Letzten Generation gegründet, um zur Europawahl 2024 anzutreten. Unter den 12 Kandidaten aus verschiedenen deutschen Städten und mit zusätzlich zum Stand bzw. Beruf ergänzten Bezeichnung „Klimaschützer“ waren Lina Johnsen, Carla Hinrichs, Raúl Semmler und Henning Jeschke. Hauptpunkte des Programms sind:
Stärkung und Veränderung der Demokratie durch Gesellschaftsräte Gerechter Ausstieg aus Öl, Gas & Kohle so schnell wie möglich Soziale Gerechtigkeit weltweit Unterstützung von Bewegungen für soziale und Klimagerechtigkeit
Am 29. März 2024 teilte der Bundeswahlausschuss mit, dass die Gruppe zur Wahl antreten durfte. Informationen über die Aufstellungsversammlung (zum Beispiel: Datum, Ort, Anzahl der Teilnehmer, Kreis der Eingeladenen, Gegenkandidaturen um die Spitzenplätze, Wahlergebnisse) waren nicht öffentlich bekannt.
Die Vereinigung erzielte in Deutschland 104.340 Stimmen, entsprechend 0,3 Prozent, und erreichte so keinen Sitz im Parlament.
Strategie
Die Letzte Generation ist Teil einer internationalen Klimaprotestbewegung, deren einzelne Gruppen unterschiedliche Schwerpunkte haben und Strategien verfolgen. Anders als Fridays for Future, jedoch ähnlich wie Extinction Rebellion, arbeitet die Letzte Generation vornehmlich mit störenden Aktionen des zivilen Ungehorsams. Diese haben das Ziel, Unternehmen und Regierungen angesichts der Klimakrise zum Handeln zu bewegen. Die Letzte Generation gibt an, dass ziviler Widerstand nicht ihr bevorzugtes Mittel, jedoch angesichts der unzureichenden Klimaschutzpolitik notwendig sei, um wahrgenommen zu werden.
Die Aktivisten richten nach eigenen Angaben ihr Handeln nach einem „Protestkonsens“ der Letzten Generation aus. Der höchste Wert sei die Gewaltfreiheit. Außerdem veröffentlichen sie Fotos und Videos von sich. In der Öffentlichkeit stoßen die Proteste jedoch oft auf Ablehnung.
Anfang 2024 kündigte die Letzte Generation einen „Strategiewechsel“ und das Ende des „Kapitel des Klebens“ an. Die Entscheidung fiel mit einem internen Führungswechsel zusammen, zudem seien nicht genug „neue Leute“ zur Gruppe gestoßen, die bereit wären, die Klebeblockaden anstelle von Aktionen und Strafverfolgung erschöpfter Aktivisten fortzusetzen. Großdemonstrationen und gezielte Störaktionen gegenüber Politikern oder kritischen Infrastrukturen wie Pipelines sollen neue Hauptprotestformen werden. Tage später gaben sie bekannt, zur Wahl des EU-Parlaments 2024 anzutreten.
Struktur
mini|Carla Hinrichs, eine Pressesprecherin der „Letzten Generation“, 16. Februar 2022 am Reichstagsgebäude
Die Letzte Generation wurde im Dezember 2021 von Henning Jeschke, Lea Bonasera und Melanie Guttmann gegründet. Jeschke und Bonasera hatten vorab bereits an Aktionen von Extinction Rebellion und am Hungerstreik der letzten Generation teilgenommen. Struktur und Protestformen wurden aus den Vorgaben des A22-Netzwerks übernommen, einem internationalen Zusammenschluss von 12 nationalen Gruppen. An der Spitze der hierarchisch aufgebauten Letzten Generation stehen das dreiköpfige „Kernteam“ und darunter das „Strategieteam“, die grundlegende und strategische Entscheidungen („Kampagnenziele“) treffen und an Arbeitsgemeinschaften wie „Legalteam“, „Finanzteam“ und „Presseteam“ weitergeben. Auf dieser dritten Ebene befinden sich auch sechs regionale Strategieteams, in denen die Kampagnenziele an Gegebenheiten vor Ort angepasst werden. Diese unterweisen die auf der vierten Ebenen befindlichen lokalen Protestgruppen (die sich u. a. auf den Straßen festkleben). Im internen Sprachgebrauch führen „Bienenkönige und -innen“ diese Aktivistengruppen auf der untersten Ebene, bestehend aus den „Arbeitsbienen“, gleichzeitig „Keimzellen“, an. Festgenommenen Aktivisten stehe ein „Ermittlungsausschuss“ zur Verfügung, darüber hinaus Psychologen der Gruppe „Psychologists for Future“.Unterstützt durch US-Stiftung – Das System „Letzte Generation“. In: Focus.de, 5. November 2022.