Dundubhi (Sanskrit, , Pali dudrabhi) ist die älteste Bezeichnung für eine Trommel, die in der auf Sanskrit verfassten vedischen Literatur in Indien ab dem Ende des 2. Jahrtausends v. Chr. erwähnt wird. Im Rigveda kommt dundubhi vier Mal vor. Mehrfach wird die Trommel in der klassischen Sanskrit-Dichtung, darunter den großen Epen Mahabharata und Ramayana erwähnt. Daraus ist zu entnehmen, dass die dundubhi als laute Kriegstrommel und bei Opferritualen verwendet wurde. Ihr Korpus war aus Holz gefertigt, dessen Gestalt ist jedoch nicht eindeutig geklärt. Bei den Ritualen wurde auch die Erdtrommel bhumidundubhi geschlagen. Dies ist die Urform eines Membranophons, die aus einer über ein Erdloch ausgebreiteten Rindshaut besteht.
Herkunft mini|hochkant|Buddha steigt auf der Leiter aus dem Himmel der 33 Götter herab. Oben in der Mitte der Bodhibaum, flankiert von zwei waagrechten Zylindertrommeln, die mit langen Stöcken geschlagen werden. Stupa 1 von Sanchi, Nordtor, Westpfeiler außen, 1. Jahrhundert v. Chr. Die metaphysischen Wurzeln der indischen Musik reichen bis in die Schriften der vedischen Religion im 2. Jahrtausend v. Chr. zurück. Darin wird das kosmische Prinzip mit Sanskrit brahman bezeichnet, in der ursprünglichen Bedeutung „heiliges Wort“, das sich in der heiligen Silbe Om als Klang ausdrückt. Im Klang des Wortes liegt eine schöpferische Kraft. Die kosmogonischen Schwingungen heißen nada („Klang, Laut, Ton“) und Nada-Brahman ist die universale Musik, die mit ihrer Kraft die Schöpfung in Gang setzt. In der klassischen indischen Musik etabliert die tanpura im Hintergrund einen Nada-Brahman repräsentierenden gleichbleibenden Bordunklang, aus dem heraus die musikalischen Strukturen entstehen.Vgl. William Jackson: Features of the Kṛiti: A Song Form Developed by Tyāgarāja. In: Asian Music, Band 24, Nr. 1, Herbst 1992 – Winter 1993, S. 19–66, hier S. 24
Da Sprache und Musik aus nada hervorgegangen sind, hat der Klang genauso Bedeutung wie das Wort. Mit bestimmten Silben (in Nordindien bol, in Südindien konnakol) lassen sich Trommelschläge wiedergeben, weshalb Trommelschläge ebenso ein Mittel zur Kommunikation darstellen wie Wörter und eine ebensolche Wirkungsmacht wie Sprache entfalten können;Andrew Alter: Dancing with Devtās: Drums, Power and Possession in the Music of Garhwal, North India. (2008) Routledge, Abingdon/New York 2016, S. 18 wie etwa aus dem Taittirīya Brāhmana hervorgeht.Sindhu S. Dange: The Institutions of Ganika and Devadasi. From Ancient to Medieval Times. In: Sangeet Natak, Nr. 97, Juli–September 1990, S. 5–9, hier S. 6 Eine magische Wirkung wird Trommeln nicht nur in Indien, sondern in vielen Kulturen weltweit zugesprochen. Trommeln (beispielsweise Schamanentrommeln) sind die am häufigsten zur Begleitung von Ritualen verwendeten Musikinstrumente.
Am Anfang der Schöpfung stand gemäß der indischen Mythologie Gott Shiva, der in seiner Erscheinungsform als Nataraja in einem kosmischen Tanz (tandava) mit dem Klang und den Vibrationen der kleinen Sanduhrtrommel (damaru) die Welt und mit ihr die Sprache erschuf. Die damaru – nach ihrer Tonerzeugung eine Klappertrommel – ist auch in den Händen anderer Götter ein machtvolles Symbol.
Wie der Mythos die Herkunft der damaru als Attribut Shivas erklärt, sind auch andere Musikinstrumente mit Göttern verbunden, so die Flöte mit Krishna, die vina mit Sarasvati und das Schneckenhorn (Sanskrit shankha) unter anderem mit Vishnu. Das Schneckenhorn wurde seit dem Rigveda wahrscheinlich als Kriegstrompete geblasen und diente ferner als Behältnis für das heilige Wasser beim Trankopfer (abhisheka) an die Götter. Das älteste und von Anbeginn bis heute wichtigste Musikinstrument ist aber die menschliche Stimme. Die ursprünglichste Methode, um einen Rhythmus zu erzeugen, ist das Klatschen mit den Händen auf den eigenen Körper oder Fußstampfen auf den Boden, genannt gatra vina („Körper-vina“, ursprünglich wurde unter vina allgemein „Musikinstrument“ verstanden). Hasta vina („Hand-vina“) bedeutete, beim vedischen Chanting die Hände geräuschlos im Takt zu erheben.Bigamudre Chaitanya Deva: Musical Instruments of India. Their History and Development. Firma KLM Private Limited, Kolkata 1978, S. 32
Das älteste Membranophon (in der indischen Instrumentenklassifizierung auf Sanskrit avanaddha vadya, „mit Fell bedecktes Musikinstrument“) war vielleicht ein mit Rinde überdecktes Erdloch, das nach dem Austausch der Rinde durch eine Tierhaut zu der in den Veden erwähnten Erdtrommel bhumidundhubi wurde. Daraus entwickelte sich in Indien im Lauf der Zeit eine größere Anzahl von Trommeltypen als in allen anderen Musikkulturen. Dazu kommen hunderte von Trommelnamen, die in der altindischen Sanskrit- und Tamil-Literatur erwähnt werden. Die Namen beziehen sich teilweise auf die Form, Funktion oder die kultische Bedeutung.Walter Kaufmann, 1981, S. 31
Der Name dundubhi für eine Trommel wird in Sanskrit-Texten ab dem Ende des 2. Jahrtausends v. Chr. bis zum 13. Jahrhundert n. Chr. genannt. Die dundubhi scheint als Kriegstrommel verwendet worden zu sein, denn sie kommt im Rigveda und anderen vedischen Texten im Zusammenhang mit dem Donner- und Kriegsgott Indra oder mit Heldentaten vor. Dem Yajurveda zufolge wohnt in der dundubhi – wie auch in der Flöte und der Harfe – der Geist der Bäume, folglich muss ihr Korpus aus Holz gefertigt worden sein. Dies geht auch aus dem Taittiriya-Samhita hervor. Den sakralen Charakter der dundubhi belegt eine im Atharvaveda enthaltene Anrufung, laut der die Trommel zusammen mit einer karkari von der „Göttin des Hauses“ gespielt wurde. Die Bedeutung des Begriffs karkari ist unklar. Dies war wohl ein Saiteninstrument mit einer Membran, etwa ein Erdbogen, möglicherweise auch eine Weiterentwicklung desselben in Richtung zu einem Musikbogen oder einer Bogenharfe.Alastair Dick: Karkarí. In: Grove Music Online, 20. Januar 2016
Die meisten Trommeln hatten eine religiöse oder magische Bedeutung und wurden wie eine Gottheit mit Speise- und Trankopfern geehrt, entweder weil man die Trommeln selbst für göttlich hielt oder in den Trommelschlägen die Stimme eines Gottes vernahm. Dundubhisvana, „Trommelklang“, heißt im Ramayana eine heilige Formel (Mantra) zur Abwehr bewaffneter böswilliger Geister. Die im Natyashastra erwähnten Trommeltypen sind als Musikinstrumente der Götter an buddhistischen Stupas abgebildet. Am Nordtor des großen Stupas von Sanchi sind am oberen Ende der Himmelsleiter, auf der Buddha herabsteigt, zwei große Zylindertrommeln zu sehen, die, um ihre Bedeutung zu betonen, waagrecht in der Luft schweben. Sie werden mit enorm langen Stöcken geschlagen. Zu dieser Szene heißt es im Jaiminiya-Brahmana (Teil des Samaveda, der ab 1000 v. Chr. entstand): „In der Luft schwebende Trommel erklinge! Dadurch erhält man die Stimme, die im Luftraum ist.“Walter Kaufmann, 1981, S. 72
Zu den sonstigen Trommeln im 1. Jahrtausend v. Chr. gehörte an erster Stelle die mrdanga (heute in Südindien mridangam), deren Namensbestandteil mrd („Tonerde“) auf das für ihren Korpus verwendete Material verweist. Die mrdanga wird nicht in den Veden, aber dafür in den großen altindischen Epen Ramayana und Mahabharata, im Arthashastra, in der um die Zeitenwende entstandenen ältesten Abhandlung über Musik und darstellende Künste Natyashastra und vom Grammatiker Panini (5. oder 4. Jahrhundert v. Chr.) erwähnt.
Laut dem Natyashastra gab es hundert verschiedene Trommeln (avanaddha). Es werden drei Gruppen von Trommeln unterschieden: Die erste Gruppe der aus Ton hergestellten Trommeln wird nach Form und Spielhaltung in mehrere Typen eingeteilt. Die zweite Gruppe (pushkara) beinhaltet fassförmige und sanduhrförmige Trommeln mit einem hölzernen Korpus. Die Sanduhrtrommel panava mit veränderlicher Schnurspannung (wie die südindische idakka) wird als bedeutend für die Theatermusik erwähnt.Alastair Dick: Paṇava. In: Grove Music Online, 20. Januar 2016 Zur dritten Gruppe gehören alle Trommeln mit unbestimmter Tonhöhe, die nicht in Musikensembles verwendet wurden, namentlich die bheri, eine zweifellige, wahrscheinlich fassförmige Kriegstrommel aus Kupferblech, die einen schreckenerregenden lauten Ton hervorbrachte,Alastair Dick: Bherī. In: Grove Music Online, 15. Januar 2015 die pataha, eine langgestreckte Fasstrommel aus Holz, die bis etwa ins 12. Jahrhundert bekannt war,Alastair Dick: Paṭaha. In: Grove Music Online, 20. Januar 2016 die bhambha, die ebenfalls laut und tief tönende, zweifellige Sanduhrtrommel dindima aus Holz und die dundubhi. Als Grund, weshalb die Trommeln der dritten Gruppe als Musikinstrumente ungeeignet erschienen, nennt das Natyashastra außer den ungenauen Tonhöhen die hierfür fehlenden Sprachsilben (bol) und die nicht festgelegten Schlagfolgen. Es ging bei dieser Trommelgruppe rein um das lautstarke, angsteinjagende dumpfe Dröhnen, das durch Schläge mit schweren keulenförmigen Hölzern erzeugt wurde.
Neben der großen Vielfalt an Röhrentrommeln kamen und kommen Rahmentrommeln wesentlich seltener in Indien vor. Zunächst sind sie in Gandhara abgebildet.Walter Kaufmann, 1981, S. 32f, 72 In der altindischen Spielweise wird die südindische parai mit Stöcken geschlagen. Seit dem 16. Jahrhundert ist in Nordindien die mit einer Hand geschlagene kleine Rahmentrommel khanjari bekannt, aus der in Südindien die kanjira entwickelt wurde.
Etymologie Dundubhi ist ein onomatopoetischer Name, der in der ersten Hälfte des 1. Jahrtausends v. Chr. von einer ursprünglichen Lautäußerung zu einem Ausdruck für „Trommel“ wurde. In dieser mittel- und spätvedischen Zeit gewannen die brahmanischen Rituale in Nordindien eine feste Gestalt und sprachliche Normierungen erscheinen als ein Aspekt des gewachsenen gesellschaftlichen Einflusses der Brahmanenkaste, interpretiert Paola M. Rossi (2019).Paola M. Rossi, 2019, S. 108 In einer Proto-Munda genannten Ursprache wird für die Wurzeln *dub / *dum die Bedeutung „angeschwollen, rundlich“ angenommen und für Proto-Afroasiatisch *duby / *dub „Schwanz, Gesäß, Tiergliedmaßen“. Dazu passend enthält ein iranischer Dialekt *dumb für „Schwanz, Gliedmaßen, Fettschwanz-Tiere“. Dundubhi verdoppelt die erste Silbe wie verwandte Bezeichnungen für „Trommel“: Sanskrit dindima, adambara und Pali dudrabhi, die alle auf die Munda-Wurzel *da-ba-, „angeschwollen, gerundet sein“ zurückgeführt werden. Wörter aus dieser Wurzel gehören in etlichen modernen Munda-Sprachen zum Bedeutungsumfeld von Musik und Tanz. Nach dieser Herleitung ging der sprachliche Ursprung aus dem austroasiatischen Proto-Munda, das im östlichen Indien bereits vor Ankunft der indoarischen Sprachen verbreitet war, als Lehnwort in jene ein. Für diesen Prozess der sprachlichen „Sanskritisierung“, also der Etablierung indoarischer Dialekte zu einer Verkehrssprache, kommt die mittel- und spätvedische Zeit in Betracht. Der Begriff dundubhi wird als ein sprachlicher Ausdruck für die „Aryanisierung“ verstanden, womit die Übernahme indigener Elemente in die Kultur der nomadischen und halbnomadischen arischen Einwanderer in Nordindien gemeint ist.Paola Maria Rossi, 2014, S. 257 Durch seine Silbenverdoppelung ist dundubhi jedoch keine unmittelbare Ableitung aus einer Wortwurzel, sondern im Zusammenhang der rituellen Praktiken und der damit eingeführten gesellschaftlichen Strukturen eine Folge der sprachlichen Entwicklung.
Es erscheint naheliegend, von einem Wortstamm dundu- für „Trommel“ auf Parallelentwicklungen aus einem lautmalerischen Ursprung in anderen Sprachen zu verweisen, etwa auf das weite Bedeutungsumfeld von Latein tuba und Althochdeutsch trumba für zunächst Blasinstrumente bis später zu Maultrommeln in slawischen Sprachen (siehe drymba zur Etymologie).Paola M. Rossi, 2019, S. 109f
mini|hochkant|Im Ramayana kämpft der Affenkönig Vali siegreich gegen den Dämon Dundubhi. Miniatur in einer Ramayana-Handschrift aus Marwar, um 1820–1840.