Die Diglossie () ist eine besondere Form der Zweisprachigkeit, bei der die Sprachen einen ungleichen Status haben.

Begriff Diglossie beschreibt die Zweisprachigkeit einer ganzen Gesellschaft, bei der es eine klare funktionale Differenzierung zwischen zwei sozial unterschiedlich gewerteten Sprachvarietäten gibt. Meist sind es Varietäten derselben Sprache. Insbesondere wird so die Koexistenz von Dialekt und Standardsprache oder von gesprochener Volkssprache zur geschriebenen Hochsprache bezeichnet.

Im Regelfall verfügen alle Sprecher einer solchen Gemeinschaft über die Fähigkeit, in denselben zwei (oder auch mehr) Varietäten (bzw. Einzelsprachen) zu kommunizieren, verwenden aber die eine und die andere nur in bestimmten Situationen, beispielsweise die eine Varietät (meist als L für englisch ‚niedrig‘ bezeichnet) in familiären Alltagsgesprächen und Talkshows, die andere (H für englisch ‚hoch‘) in Ausbildung und Beruf, gegenüber Ämtern und im öffentlichen Raum. Es ergibt sich eine funktionale Spezialisierung des Sprachvermögens. Die Lebensbereiche, in denen die Sprachen oder Varietäten jeweils verwendet werden, nennt man Domänen.Claudia Maria Riehl: Sprachkontaktforschung. Eine Einführung. Narr, Tübingen 2004, ISBN 3-8233-6013-2, S. 15.

In der Deutschschweiz zum Beispiel werden die jeweiligen lokalen Dialekte und die deutsche Standardsprache (das „Hochdeutsche“) nicht als Dialekt-Standard-Kontinuum verwendet, sondern man trennt die beiden Sprachvarietäten und wechselt je nach Situation von der einen in die andere. So wird in den lokalen Fernseh- und Radiosendern für das alltägliche Begleit- und Unterhaltungsprogramm fast durchgehend Dialekt gesprochen (dabei kann es vorkommen, dass einzelne Sprecher kein Schweizerdeutsch sprechen, es aber verstehen und die Sendung dennoch auf Schweizerdeutsch abgehalten wird), während die Nachrichtensendungen (wie auch der Kultursender SRF2) sowie Printmedien und (Schul-)Bücher Hochdeutsch verwenden. Unterrichtssprache ist an mittleren und höheren Schulen Hochdeutsch (an Universitäten daneben auch Englisch); schulisch-administrative Belange werden jedoch oft auf Schweizerdeutsch besprochen. In den Kindergärten wird normalerweise Schweizerdeutsch gesprochen, in einzelnen Kantonen ist dies gesetzlich vorgeschrieben.Kanton Aargau verbietet Hochdeutsch im Kindergarten Artikel auf tagesanzeiger.ch vom 18. Mai 2014Ausländer freuen sich über Hochdeutsch-Verbot Artikel auf blick.ch vom 2. Juni 2014

Eine ähnliche Situation existiert auch in Luxemburg mit der Nationalsprache Lëtzebuergesch in Beziehung zu einer Amtssprache, der deutschen Hochsprache. Die andere Amtssprache ist Französisch. Der luxemburgischen Nationalsprache wird international meist der Status eines Ausbaudialekts zugeschrieben. Luxemburgisch wird von den meisten Luxemburgern als Muttersprache gesprochen, auch z. B. im nationalen Fernsehen und Radio wird es benutzt. Als Schreibsprache wird dagegen mehrheitlich Deutsch verwendet, in kleinerem, aber signifikantem Umfang Französisch. So verwenden die meisten und die größten Printmedien, aber auch die (Schul-)Bücher, und teilweise die elektronischen Medien im Großherzogtum Standarddeutsch.

Entdiglossierung bezeichnet das Verschwinden der Diglossie, wie es beispielsweise in Norddeutschland geschieht. Vom 16. bis in das 20. Jahrhundert herrschte dort eine Diglossie mit Standarddeutsch als Schriftsprache und Sprache des amtlichen Gebrauchs und Plattdeutsch als allgemeine Umgangssprache. Seit dem 20. Jahrhundert setzt sich dort allerdings Standarddeutsch als Sprache in allen sozialen Bereichen durch. Dieser Prozess ist für die jüngeren Generationen weitgehend abgeschlossen, in den älteren Generationen bestehen teilweise weiter diglossische Verhältnisse.

Begriffsgeschichte Der Terminus (franz. ) wurde von Ioannis Psycharis (französisiert ) 1885 für die damalige Sprachsituation in Griechenland geprägt, wo bis in die 1970er-Jahre zwei Varietäten des Griechischen, die (gelehrtere und meist geschriebene) Katharevousa und die (muttersprachlich gesprochene) Dimotiki nebeneinander gebraucht wurden.

William Marçais bezog den Terminus auf die arabischsprachigen Länder, in denen die jeweiligen nationalen Varietäten des Arabischen neben dem Hocharabischen stehen.

Charles A. Ferguson schließlich stellte in seinem berühmten Aufsatz von 1959 neben den griechischen und arabischen Sprachraum auch den deutschschweizerischen (Standarddeutsch und Schweizerdeutsch) und haitianischen (Standardfranzösisch und Kreolisch).

Joshua Fishman erweiterte das Konzept 1967 (): seines Erachtens sollten auch diglossische Situationen, in denen die Sprachen nicht miteinander verwandt sind (beispielsweise Hindi und Tamil in Tamil Nadu, Indien), als echte Diglossie gelten. In dieser Frage herrscht unter (Sozio-)Linguisten Uneinigkeit.

1981 empfahl Gottfried Kolde für die deutschsprachige Schweiz den Terminus mediale Diglossie zu verwenden, da sich hier im Laufe der Zeit die Funktionsaufteilung von Dialekt und Standardsprache geändert hatte und in den meisten Fällen das Medium die Wahl der Varietät bestimmt.

In einer allgemeineren Fassung des Begriffes werden bisweilen sogar alle kommunikativen Situationen als diglossisch bezeichnet, in denen zwei oder mehrere Sprachvarietäten den unterschiedlichen funktionalen Sprachkontext berücksichtigen; in diesem Sinne umfasst Diglossie auch die Verwendung verschiedener Sprachregister und Soziolekte in einer Sprachgemeinschaft.

Diglossie versus Standard-Dialekt-Kontinuum Diglossie ähnelt auf den ersten Blick der Situation für Dialektsprecher: Der Dialekt wird häufig ausschließlich mündlich verwendet, und zwar lokal und funktional begrenzt (vor allem in informellen Kontexten). Für formelle Kommunikationssituationen außerhalb der Familie und des (lokalen) Freundeskreises wird eine Standardsprache verwendet oder eine Varietät der Standardsprache, die dieser sehr nahekommt, aber regional gefärbt ist (Regionalsprache oder Regiolekt). Da aber beispielsweise im deutschen Sprachraum der Bundesrepublik Deutschland die Dialektsprecher immer weniger werden und inzwischen viele Menschen keinen Dialekt mehr sprechen, kann die Standardsprache auch in all jenen Situationen benutzt werden, in denen sonst der Dialekt vorherrscht(e) – im Gegensatz zu einer echten Diglossie wie in der Deutschschweiz, in den meisten Regionen von Österreich, in vielen ländlichen Regionen in Altbayern, oder in Luxemburg, wo die Einheimischen in Alltagssituationen (fast) ausschließlich ihre Dialekte sprechen und der mündliche Gebrauch der Standardsprache unüblich ist.

Hinzu kommt, dass vielerorts Sprachmischungen aus Ortsdialekt (= L), Regionalsprache oder Regiolekt und Standardsprache (= H) entstanden sind. In einer echt diglossischen Situation sind die Grenzen niemals fließend. Im Gegensatz dazu existieren beim Dialekt-Standard-Kontinuum immer „Graustufen“, die selbst da, wo sie wenig genutzt werden, von den Sprechern als „richtig“ empfunden werden.

Sprachgemeinschaften mit Diglossie Außer den vier von Ferguson genannten Diglossie-Fällen (damaliges Griechenland, Deutschschweiz, arabische Länder, Haiti) wurde für eine Reihe weiterer Sprachgemeinschaften postuliert, dass in ihnen Diglossie herrsche.

Ähnlich wie in der Schweiz gibt es in Südtirol einen Diglossie-Fall. Die Mundart wird im Umgang mit allen Südtiroler Mundartsprechern verwendet, sei es im Beruf oder im Privatleben. Einzig in der Schule und im Fernsehen wird Hochdeutsch gesprochen. Südtiroler wechseln im Normalfall ins Hochdeutsche, wenn sie mit einer Person sprechen, für die die Südtiroler Mundart nur schwer oder überhaupt nicht verständlich ist.

Darunter ist auch die Sprachsituation der Kiewer Rus, auf die Boris Andrejewitsch Uspenski das Diglossie-Konzept 1983 anwandte: Demnach wurde dort das Kirchenslawische als H neben dem Altostslawischen als L verwendet.

Auch in ostasiatischen Gesellschaften war in gebildeten Schichten lange Zeit das Phänomen der Diglossie zu beobachten, dies jedoch wahrscheinlich nicht auf der Ebene der gesprochenen Sprache. Das klassische Chinesisch diente über China hinaus auch in Korea, Japan und Vietnam als universelle Schriftsprache, da bei diesen Gesellschaften zunächst noch keine eigenen Schriftsysteme vorhanden waren. Darüber hinaus diente das Chinesische als Träger der gemeinsamen buddhistischen und konfuzianischen Tradition.

An der Grenze dieses Phänomens ist die Sprachsituation in Tschechien. Die gesprochene tschechische Sprache unterscheidet sich deutlich von der vor allem in Medien verwendeten Schriftsprache. Die tschechische Schriftsprache basiert auf der Kralitzer Bibel aus dem 16. Jahrhundert (Mitteltschechisch), während sich die Umgangssprache aus dem mittelböhmischen Dialekt entwickelte. Diese Diskontinuität wurde verursacht durch die Germanisierung nach der Schlacht am Weißen Berg (1620), in deren Folge die böhmischen Länder dauerhaft bis 1918 zum habsburgischen Herrschaftsbereich gehörten und Tschechen und Deutsche hier ihre gemeinsame Heimat hatten. In dieser Zeit wurde Tschechisch fast nur noch von Bauern in den sprichwörtlichen „böhmischen Dörfern“ gesprochen, während die Sprache der Gebildeten und der Städter Deutsch war. Am Ende des 18. bis Anfang des 19. Jahrhunderts entstand unter Führung von Josef Dobrovský und Josef Jungmann die tschechische Wiedergeburtsbewegung, die wieder eine tschechische Schriftsprache schaffen wollte und dabei eben an die Tradition vor dem 17. Jahrhundert anknüpfte.

Ebenfalls in einer diglossischen Situation leben viele Einwanderer, vor allem der zweiten Generation, in Westeuropa. In Frankreich werden sie, sofern sie maghrebinischer (und somit meist arabischsprachiger) Herkunft sind, Beurs (ein Verlan-Ausdruck für Araber) genannt. In der Schweiz werden sie – unabhängig ihrer Herkunft – Secondos genannt – benannt nach den ersten, die italienischer Herkunft waren. Weil die Elterngeneration die Landessprache nur schlecht oder überhaupt nicht beherrscht, trennen Jugendliche und Kinder ihr Kommunikationsverhalten zwischen dem äußeren landessprachlichen und dem familieninternen Bereich auf, wobei es in der Kommunikation unter den Jugendlichen selbst oft zu sprachlichen Durchmischungen kommt.

Die romanischen Sprachen entwickelten sich erst zu eigenständigen Sprachen, nachdem Latein nach dem Untergang des Römischen Reiches nicht mehr gesprochen wurde.

Deutschschweiz – Diglossie oder Bilingualismus? Seit vielen Jahrzehnten diskutiert die Sprachwissenschaft über die Frage, ob Standarddeutsch für Deutschschweizer nun eine Fremdsprache sei oder nicht. Die sich damit thematisch befassenden Experten sind, vereinfacht gesagt, in zwei Lager aufgeteilt: Diejenigen, welche die schweizerdeutschen Dialekte für eine Varietät einer gemeindeutschen Sprache, also nicht für eine eigenständige Sprache halten, und diejenigen, welche den schweizerdeutschen Dialekten so viel sprachliche Eigentümlichkeit und/oder Ausgebautheit attestieren, dass im Gegenzug Standarddeutsch eher als Fremdsprache zu betrachten sei. Während erstere sich in der Regel dafür entscheiden, die schweizerische Sprachsituation anhand des Diglossie-Modells zu beschreiben, halten letztere die Beschreibung des deutschschweizerischen Sprachzustands anhand des Bilingualismus-Modells meist für angemessener.

Argumente in der Tendenz für Diglossie