mini|Luftaufnahme der britischen Armee vom 16. April 1945

Das Konzentrationslager (KZ) Neuengamme in Hamburg-Neuengamme war ein nationalsozialistisches deutsches Konzentrationslager. Es wurde 1938 zunächst als Außenlager des KZ Sachsenhausen errichtet und bis 1940 zu einem selbständigen Lager ausgebaut. Das Lager Neuengamme hatte mindestens 86 Außenlager, die sich bis an die dänische Grenze erstreckten. Die Häftlinge mussten Zwangsarbeit für die auf dem Gelände befindliche Ziegelei der Schutzstaffel (SS), in der Rüstungsindustrie und beim Bau militärischer Anlagen (Friesenwall) leisten.

Von den bis 1945 dort inhaftierten ca. 100.000 Häftlingen aus Deutschland (9 % der Häftlinge) und den besetzten Ländern (91 %) starben mindestens 50.000 infolge der unmenschlichen Arbeits- und Lebensbedingungen, durch Morde (so wurden etwa 1942 bei zwei Mordaktionen sowjetische Kriegsgefangene mit dem Gas Zyklon B getötet) und bei der Lagerräumung (Todesmärsche).

Kurz vor Kriegsende begann die SS damit, das KZ Neuengamme aufzulösen und die Häftlinge auf Transporte zu schicken. Unterwegs starben viele der völlig entkräfteten Häftlinge. Am 3. Mai 1945 verloren fast 7000 von ihnen auf der Cap Arcona und der Thielbek ihr Leben bei einer Bombardierung dieser Schiffe. Am 4. Mai 1945 fanden britische Truppen das Konzentrationslager geräumt vor. Auf dem Gelände wurde 1945 unter britischer Militärverwaltung das Internierungslager Neuengamme eingerichtet.

Geschichte des Konzentrationslagers Neuengamme Entstehung des KZ mini|Mahnmal am ehemaligen KZ mini|Neugestaltung des ehemaligen Stammlagers

Das SS-Unternehmen Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH nahm 1938 Kaufverhandlungen mit der Stadt Hamburg über ein 50 Hektar großes Gelände in Neuengamme auf. Dort befanden sich eine seit Jahren stillgelegte Ziegelei und Flächen, die sich zum Abbau von Ton eigneten. Die Vertragspartner vereinbarten die Errichtung eines von der Stadt finanzierten Konzentrationslagers und die Lieferung von jährlich 20 Millionen Ziegeln für die Neugestaltung des Elbufers. Am 12. Dezember 1938 wurde der Betrieb der Ziegelei mit 100 Häftlingen des Konzentrationslagers Sachsenhausen aufgenommen. Sie wurden von 40 SS-Männern aus dem KZ Buchenwald bewacht.

Einige Monate nach Kriegsbeginn begann der Ausbau des KZ Neuengamme zu einem eigenständigen Konzentrationslager.

Nach der Besichtigung durch Heinrich Himmler im Januar 1940 wurde die Produktion von Ziegeln für die Führerbauten am Elbufer als die wichtigste Aufgabe des Lagers festgelegt. Dafür sollten eine größere Ziegelei auf dem Gelände, ein Bahnanschluss, ein Stichkanal zur Doven Elbe, ein neues Hafenbecken gebaut und die Dove Elbe flussabwärts verbreitert werden.

Ab dem Frühjahr 1940 war das KZ Neuengamme ein selbständiges Konzentrationslager. Die Häftlinge mussten, von der SS angetrieben, ein neues Lager bauen. Ende des Jahres arbeiteten bereits 2900 Häftlinge am Bau des Konzentrationslagers. Daneben wurden ebenfalls Häftlinge in die Arbeitskommandos „Dove Elbe“ und „Klinkerwerk“ eingeteilt. Die ersten Tongruben wurden aufgedeckt.Fritz Bringmann: KZ Neuengamme. Berichte, Erinnerungen, Dokumente. Nachdruck der 1981 erschienenen Erstauflage. Aukrug 1993.Hermann Kaienburg: KZ-Haft und Rassenideologie. Die Bedeutung der nationalsozialistischen Rassenideologie für die Häftlingsbehandlung im Konzentrationslager Neuengamme. In: Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland. 1/1994, S. 22–34.

Bis zum Ende des Jahres wurden bereits 430 tote Häftlinge verzeichnet.Hermann Kaienburg: Das Konzentrationslager Neuengamme 1938–1945. KZ-Gedenkstätte Neuengamme, Bonn 1997, S. 310 f.

1941 Durch neu eingewiesene Häftlinge hatten die Insassen des Lagers einen guten Überblick über die aktuellen Kriegsgeschehnisse. Der scheinbar unaufhaltsame Vormarsch der Wehrmacht an allen Fronten und die schlechten Arbeits- und Lebensbedingungen zermürbte die Häftlinge zunehmend. 1941 musste in allen Kommandos zwölf Stunden gearbeitet werden, das Strafmaß wurde heraufgesetzt.

Die ersten polnischen Häftlinge wurden zur Arbeit im Lagerbüro eingeteilt. Im April wurden 1002 Häftlinge aus dem KZ Auschwitz nach Neuengamme überstellt. Am 24. September kamen die ersten Belgier (280 Mann aus dem Fort Huy) und am 19. Dezember die ersten Holländer (270 Mann aus dem KZ Amersfoort), Kommunisten, sowie Mitglieder anderer linksgerichteter Parteien in Neuengamme an. Die Neuankömmlinge konnten den Lebensbedingungen im KZ kaum körperlichen Widerstand entgegensetzen, so dass viele von ihnen bereits nach wenigen Monaten an Entkräftung starben. Wenige wurden zu leichteren Arbeiten herangezogen und konnten im Baubüro oder im Häftlingsrevier als SanitäterHermann Kaienburg: Das Konzentrationslager Neuengamme 1938–1945. (siehe Literatur) ihr Leben fristen.

Im Sommer wurde ein Häftlingsorchester eingerichtet, das aus 20 Personen bestand.

Im August wurden 43 sowjetische Offiziere in der Nacht ihrer Ankunft an der Kläranlage erschossen. Sie waren aus einem Kriegsgefangenenlager in der Lüneburger Heide nach Neuengamme überstellt worden. Entgegen den Bestimmungen der Haager Konvention wurden im Oktober fast 1000 sowjetische Kriegsgefangene in das KZ Neuengamme gebracht. Sie wurden in einer separaten und überfüllten Baracke isoliert. Diese Kriegsgefangenen wurden hauptsächlich durch Verhungern ermordet.

Im November und Dezember kamen erneut Transporte belgischer und holländischer Häftlinge in das KZ. Das Krankenrevier war wie das ganze Lager überlastet, in der Folge breitete sich eine Fleckfieberepidemie aus.Ulrich Bauche, Heinz Brüdigam, Ludwig Eiber, Wolfgang Wiedey (Hrsg.): Arbeit und Vernichtung. Das Konzentrationslager Neuengamme 1938–1945. Katalog zur ständigen Ausstellung im Dokumentenhaus der KZ-Gedenkstätte Neuengamme. 2. Auflage. Hamburg 1991. Im Verlauf des Jahres 1941 wurden 434 tote Häftlinge verzeichnet.

1942 Infolge der 1941 ausgebrochenen Epidemie wurde das gesamte Lager unter Quarantäne gestellt. In den ersten sechs Wochen wurden durch die Lagerverwaltung keine nennenswerten Schritte zur Überwindung der Epidemie unternommen. Später wurden der Duschraum und die Entlausungsanstalt fertiggestellt. Nachdem die Häftlinge die Baracken mit Papier abgedichtet hatten, wurden die Räume mit Zyklon B begast. Erst mit der Inbetriebnahme der Dusch- und Entlausungsanlagen Ende März 1942 konnte die Epidemie, an der etwa 1000 Häftlinge starben, eingedämmt werden.Ulrike Jureit, Karin Orth: Überlebensgeschichten. Gespräche mit Überlebenden des KZ Neuengamme. Mit einem Beitrag von Detlef Garbe, Hamburg 1994.

Zwischen 1941 und Anfang 1942 begannen erste Tötungen nicht arbeitsfähiger Häftlinge durch Phenolspritzen. Diese Methode wurde zuerst durch Rottenführer Bahr und SS-Unterscharführer Breuning im sowjetischen Kriegsgefangenenlager angewandt. Der SS-Arzt Johannes Nommensen selektierte alle nicht mehr für das KZ Dachau benötigten Häftlinge aus. Unter dem Vorwand, eine Röntgenuntersuchung durchzuführen, wurden die Häftlinge ins Krankenrevier bestellt und getötet.

Ab April 1942 wurden 500 Neuengammer Häftlinge zum Aufbau des KZ Arbeitsdorf überstellt, der Lagerkommandant Martin Gottfried Weiß führte die Konzentrationslager Neuengamme und Arbeitsdorf zunächst in Personalunion.Karin Orth: Die Konzentrationslager-SS. München 2004, S. 181 f.

Ab dem 3. Juni 1942 mussten die Häftlinge auf Anweisung von Gerhard Maurer auch am Sonntagvormittag arbeiten, so dass nur der Sonntagnachmittag arbeitsfrei war. Um die Arbeitsproduktivität zu erhöhen, ordnete das SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt (SS-WVHA) an, die Sterblichkeit in den Lagern deutlich zu senken. Zunächst erhielten alle Häftlinge mehr Nahrung. Ab September entstand neben dem Lager ein ganzer Industriekomplex folgender Unternehmen:

Jastram, Kriegsmarineausrüstung, vor allem Motoren und Torpedos Messap, Produktion von Zeitzündern Walther-Werke, Herstellung automatischer Gewehre

Ende Juni 1942 wurden die 348 Überlebenden der 1000 sowjetischen Kriegsgefangenen in das KZ Sachsenhausen überstellt. Von Juni bis September 1942 wurden 700 arbeitsunfähige Häftlinge in das KZ Dachau überstellt. In der zweiten Jahreshälfte wurden 6800 Häftlinge aus Konzentrationslagern und der Gestapo nach Neuengamme eingeliefert. Im Herbst 1942 wurden die jüdischen Häftlinge in das KZ Auschwitz überstellt.Hermann Kaienburg: Das Konzentrationslager Neuengamme 1938–1945. KZ-Gedenkstätte Neuengamme, Bonn 1997, S. 312 f.

Am 1. September löste Max Pauly, ein Kaufmann, den Lagerkommandanten Martin Gottfried Weiß, der ins KZ Dachau abkommandiert wurde, ab. Mit diesem Wechsel war ein Funktionswechsel des KZ Neuengamme verbunden. In dem neben dem Lager entstehenden Industriekomplex wurde die Produktion des Selbstladegewehrs G 43, die erst 1944 in vollem Umfang begonnen werden konnte, vorbereitet. Dies umfasste die Produktionsvorbereitung zum Bau der Pistole P 38, mit dem bereits im Frühjahr 1943 begonnen werden konnte. Im Barackenkomplex erfolgte durch die SS-eigenen „Deutschen Ausrüstungswerke“ die Herstellung von Ausrüstungsgegenständen wie beispielsweise Tarnnetze und Patronenkästen. Im Bestreben, Rüstungsgüter von Häftlingen herstellen zu lassen, kam es zu gewissen Lockerungen der Verhältnisse, was sich durch die verschlechterten Ernährungsverhältnisse jedoch nicht positiv auswirkte.Detlev Garbe: KZ Neuengamme. In: Benz/Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. (siehe Literatur), S. 328.

Im Oktober 1942 wurde der Arrestbunker zu einer provisorischen Gaskammer umgerüstet; dafür wurden die Fenster mit Stahlblenden versehen, im Dach sechs Einwurfrohre eingelassen und ein Ventilator installiert. Kurz darauf wurden 197 sowjetische Kriegsgefangene – teils Schwerversehrte – mit Zyklon B ermordet. Vier Wochen später wurden weitere 251 versehrte Kriegsgefangene vergast.Reimer Möller: Die beiden ‚Zyklon B‘-Mordaktionen im Konzentrationslager Neuengamme 1942. In: Günter Morsch, Bertrand Perz: Neue Studien zu nationalsozialistischen Massentötungen durch Giftgas. Berlin 2011, ISBN 978-3-940938-99-2, S. 288–293.

Mit weiteren Häftlingstransporten wurde die Zahl der Insassen gegen Ende 1942 auf 10.000 gesteigert. Im Verlauf des Jahres 1942 wurden 3140 tote Häftlinge bei etwa 13.400 Einweisungsnummern verzeichnet.

1943 Anfang 1943 wurden die Walther-Werke bezugsfertig, und die Fertigung von Pistolen und Gewehrteilen begann. Mit der Fertigstellung des Stichkanals zur Versorgung des Klinkerwerks und der Schaffung eines Verladebahnhofs mit Eisenbahnanschluss im Lager wurde die für den Betrieb erforderliche Verkehrsanbindung verbessert. Immer mehr KZ-Häftlinge wurden für Zwangsarbeit außerhalb des Lagers eingesetzt. Untergebracht wurden sie hierbei zunehmend in extra dafür eingerichteten Außenlagern, etwa bei den Bauarbeiten am U-Boot-Bunker Valentin. Im Juli 1943 wurden Häftlinge erstmals zur Trümmerbeseitigung eingesetzt.

Im Verlauf des Jahres 1943 wurden etwa 11.300 Häftlinge aus Konzentrationslagern und von der Gestapo nach Neuengamme eingeliefert. Es waren etwa 25.700 Einweisungsnummern verzeichnet.Hermann Kaienburg: Das Konzentrationslager Neuengamme 1938–1945. KZ-Gedenkstätte Neuengamme, Bonn 1997, S. 315 f. Im August 1943 unterstanden etwa 9500 Häftlinge der Lagerverwaltung, davon etwa 2700 in Außenlagern. Gegen Ende des Jahres 1943 stellte der Lagerarzt 3991 Tote fest.Ruth Bondy: Mehr Glück als Verstand. München 2000.

1944 Die militärischen Niederlagen der deutschen Wehrmacht und die damit verbundene Verschlechterung der Versorgungslage der deutschen Bevölkerung führte zu einer wesentlichen Verschlimmerung der Lebensbedingungen im Stammlager und den überfüllten Außenlagern. Im Laufe des Jahres 1944 wurden rund 25.000 Häftlinge aus 28 Nationen in das KZ Neuengamme oder in die Außenlager deportiert. Dazu zählten 589 Männer aus dem niederländischen Putten, die fast alle in Neuengamme zu Tode kamen.