Hermann Priesner (* 19. November 1891 in Linz; † 11. August 1974 ebenda) war ein österreichischer Biologe und Entomologe, der sich auf Fransenflügler (Blasenfüße oder Thripse, Thysanoptera) und Wegwespen (Pompilidae) spezialisierte. Durch sein enormes Lebenswerk erlangte er insbesondere als Thysanopterenforscher Weltgeltung, er war aber auch Spezialist anderer Insektengruppen, speziell aus der Ordnung der Hautflügler (Hymenoptera).Erich Kreissl: 75 Jahre Fachgruppe für Entomologie des Naturwissenschaftlichen Vereines für Steiermark. In: Mitteilungen des Naturwissenschaftlichen Vereins für Steiermark. Naturwissenschaftlicher Verein für Steiermark Graz, Band 108, Graz 1978, S. 251–260, hier S. 258 (, abgerufen am 12. Januar 2022).
Leben Sowohl von seinem Vater Carol,Hermann Priesner. In: Serien > 1000 Landsleute. Oberösterreichische Nachrichten, 3. November 2006. Auf Nachrichten.at, abgerufen am 12. Januar 2022. der sich in seiner Freizeit dem Käfersammeln widmete, als auch von seinem Onkel Max Priesner, der am Oberösterreichischen Landesmuseum in Linz die Käfersammlungen erweiterte,Heinz Mitter: Zur Geschichte der Käferkunde in Oberösterreich. In: Johannes Gepp (Hrsg.): Denisia 08. Zur Geschichte der Entomologie in Österreich. Band 8, Land Oberösterreich, Verlag des Biologiezentrums der Oberösterreichischen Landesmuseen, Linz/Donau 2003, , S. 131–137, hier S. 136 (, abgerufen am 12. Januar 2022). wurde Hermann Priesners Interesse schon in früher Jugend auf dieses Hobby gelenkt, was in seinem gesamten Leben bestimmend blieb.
Nach seinem Besuch der Volksschule und des Staatsgymnasiums in Linz begann er 1910 In: Kataloge des Oberösterreichischen Landesmuseums. Neue Folge, Band 10, Linz/Donau 1987, S. 99–118, hier S. 103 f. (, abgerufen am 12. Januar 2022). sein Universitätsstudium in Graz unter den Professoren Ludwig Böhmig, Karl Fritsch und Ludwig von Graff.Helmut Heinrich Franz Hamann: In memoriam Univ.-Prof. Dr. phil. Hermann Priesner, Linz. In: Annalen des Naturhistorischen Museums in Wien. Band 83, Wien, Dezember 1980, S. 787–798 (, abgerufen am 12. Januar 2022). Dort nahm seine Vorliebe für die Entomologie und insbesondere für die Thripse Gestalt an.Willem Pieter Mantel: In memoriam Prof. Dr. Hermann Priesner. In: Nederlandse Entomologische Vereniging (Hrsg.): Entomologische Berichten. Deel 35, Nr. 12, Amsterdam 1975, S. 185–186, hier S. 185. Natuurtijdschriften – Naturalis Biodiversity Center. Auf Natuurtijdschriften.nl (PDF; 367,1 kB, niederländisch), abgerufen am 12. Januar 2022. Bereits während seiner Studienzeit wurde er Mitglied im Naturwissenschaftlichen Verein für Steiermark in Graz. Seine Promotion erfolgte im Jahre 1915 zum Doktor phil. mit der Dissertationsschrift zum Thema Zur Entwicklungsgeschichte der Turbanaugen von Cloeon dipterum L.Hermann Priesner: Zur Entwicklungsgeschichte der Turbanaugen von Cloeon dipterum L. Handschriftliche Dissertationsschrift. Graz, Juni 1914. Open-Access-Publikationsserver (UniPub) der Universität Graz. Auf UniPub.Uni-Graz.at (PDF; 166,5 MB), abgerufen am 12. Januar 2022.Die gedruckte Version der Dissertationsschrift findet sich als Sonderabdruck auf Ephemeroptera-Galactica.com (PDF; 2,10 MB), abgerufen am 12. Januar 2022.
Nach seiner Promotion wurde er zum Dienst im Ersten Weltkrieg eingezogen, in welchem er als Offizier – sein Dienstgrad war zuletzt OberleutnantGertrud Priesner (Gattin): Prof. Dr. phil. OSRT i. R. Hermann Priesner. Todesanzeige. 11. August 1974 (, abgerufen am 12. Januar 2022). – beim Linzer Hausregiment „Hessen“ diente.
Nach Kriegsende bekam er 1919 eine Anstellung als Supplent (Hilfs- bzw. Vertretungslehrer; nach anderen Quellen als Assistenzprofessor) für Mathematik und Naturgeschichte an der Staatsrealschule Linz. Im gleichen Jahr wurde er, zusammen mit Theodor Kerschner, zur Nachforschung über Anophelen zwecks Bekämpfung der Malaria beauftragt.Theodor Kerschner, Hermann Priesner: Beiträge zur Verbreitung der Anophelen in Oberösterreich. In: Jahrbuch des Oberösterreichischen Musealvereines. Band 79, Linz/Donau 1922, S. 42–51, hier S. 42 (, abgerufen am 12. Januar 2022). Zu diesem Zeitpunkt hatte er schon eine Anzahl entomologischer Abhandlungen veröffentlicht. Zusammen mit anderen oberösterreichischen Entomologen wie Hans Gföllner, Leopold Gschwendtner, Franz Hauder, Josef Klimesch, Ämilian Kloiber, Karl Kusdas und Erwin Schauberger gründete Priesner 1921 die Entomologische Arbeitsgemeinschaft am Oberösterreichischen Landesmuseum/Biologiezentrum Linz, deren Vorsitz er nach dem Ableben Hauders im Jahre 1923 von 1924 bis 1928 einnahm. Weil er politisch ungebunden sein wollte, hatte er keine beruflichen Aufstiegsmöglichkeiten. Daher bewarb er sich um eine Anstellung im Ausland, die seinen Interessen entsprach, unter anderem auch in China.
In Ägypten Im Jahre 1928 wurde er unter Hunderten von Bewerbern als Entomologe an das Königliche Ägyptische Ackerbauministerium nach Kairo-Dokki als Chef der Entomologischen Sektion berufen. Sein im selben Jahr beim Verlag Fritz Wagner in Wien erschienenes Standardwerk Die Thysanopteren Europas über eine Gruppe wesentlicher Pflanzenschädlinge machte ihn nicht nur zum kompetenten und auch bekanntesten Spezialisten in der Erforschung der Fransenflügler,Gerald Moritz: Thripse, Fransenflügler, Thysanoptera. Buchreihe Pflanzensaftsaugende Insekten, Band 1. (= Die neue Brehm-Bücherei, Band 663.) Westarp Wissenschaftsverlag, Hohenwarsleben 2006, S. 17. Die Neue Brehm-Bücherei, VerlagsKG Wolf. Auf NeueBrehm.de (PDF; 528,7 kB), abgerufen am 12. Januar 2022. sondern war zeitlebens mitbestimmend für die Wahl seines speziellen Interessengebietes und wohl auch für die Berufung nach Kairo. In Ägypten, wo er in der Schädlingsbekämpfung insbesondere in Baumwoll-, Zitrus- und Zuckerrohrplantagen wirkte,Ämilian Kloiber: Ein Leben für die Wissenschaft: Hermann Priesner – 70 Jahre. In: Oberösterreichischer Kulturbericht. Folge 23. Linz/Donau, 17. November 1961, S. 1–3. leistete er auch in der biologischen Schädlingsbekämpfung bahnbrechende Pionierarbeit. So hatte er nach seinen Beobachtungen die Idee, die einheimische Schwarze Schlupfwespe Microphanurus megacephalus als Nützling gegen die Grüne Reiswanze Nezara viridula einzusetzen, um deren Eier zu parasitieren.Hermann Priesner: Ein typischer Fall erfolgreicher Verschickung eines parasitischen Insekts zur Schädlingsbekämpfung von Ägypten nach Australien. In: Apollo. Nachrichtenblatt der Naturkundlichen Station der Stadt Linz. Band 14, Linz/Donau 1968, S. 1–2 (, abgerufen am 12. Januar 2022). Seine Tätigkeit in Ägypten war geschätzt und wurde vom damaligen Regenten König Faruk sowie später von Präsident Nasser gefördert. In Ägypten gilt Priesner bis heute als Pionier der biologischen Schädlingsbekämpfung. Ab 1932 arbeitete er mit Mahmoud Hosny in der Schädlingsbekämpfung zusammen, bis zum Ende seiner Tätigkeit am Ägyptischen Ackerbauministerium veröffentlichten sie gemeinsam insgesamt sieben Artikel zu den Themen Deckelschildläuse, Napfschildläuse und über die Gattung der Weißen Fliegen (Aleurodidae), von denen sie fünf Arten benannten. In: Taxonomic checklist of the world’s whiteflies (Insecta: Hemiptera: Aleyrodidae). Auf Hemiptera-Databases.com, abgerufen am 23. Februar 2026 (englisch). Priesner war am Ägyptischen Ackerbauministerium bis 1940 als Vorstand der Entomologischen Sektion tätig.
Von Priesners Expeditionen und Reisen sind jene zur Oase Siwah (1931) und zum Sinai (1935) in Ägypten, nach Albanien (1918), in die Marmarica (1931), nach Palästina (1935) und zum Alba-Gebirge im Sudan (1933 und 1938) nennenswert.Günther Theischinger: Hermann Priesner zum Gedenken. In: Magistrat der Landeshauptstadt Linz (Hrsg.) u. a.: Naturkundliches Jahrbuch der Stadt Linz. Band 21, Linz/Donau 1975, S. 149–158, hier S. 150 (, abgerufen am 12. Januar 2022). Seine Forschungstätigkeit wurde durch den Zweiten Weltkrieg unterbrochen; er gelangte nach dem Krieg nach Kiel, wo er von englischen Besatzungskräften ein weiteres Jahr lang festgehalten wurde. Im Jahre 1946 kehrte er nach Linz zurück und setzte die Lehrtätigkeit an seiner Schule, nun „Bundesrealschule“, fort. Er half auch mit, die dortige Entomologische Arbeitsgemeinschaft neu zu organisieren, die er im Jahre 1921 mitgegründet hatte. Er wurde jedoch bereits 1948 erneut nach Ägypten berufen, wo er nun als Experte für Entomologie am Königlichen Ägyptischen Ackerbauministerium wirkte, bevor er von 1951 bis 1958 als Professor für Entomologie an den Universitäten Fuad in Gizeh und Ibrahim-Pascha in Kairo-Heliopolis eine Gastprofessur annahm.
Ruhestand Im Jahre 1957 trat er in den Ruhestand, 1959 kehrte er endgültig in seine Heimat zurück.Vorwort der Redaktion. In: Apollo. Nachrichtenblatt der Naturkundlichen Station der Stadt Linz. Band 14, Linz/Donau 1968, S. 1 (, abgerufen am 12. Januar 2022). Auch nach seiner aktiven Zeit in Ägypten war er entomologisch tätig. Er untersuchte mehrere Museums- und Forschungssammlungen und es wurden ihm auch immer wieder Sammlungsteile oder ganze Sammlungen zur Bestimmung überlassen. Exemplarisch sei die Bestimmung der Thysanopteren-Sammlung des Zoologischen Staatsinstituts und Zoologischen Museums in Hamburg erwähnt, die Erich Titschack zusammengetragen hatte und die später während des Zweiten Weltkriegs im Jahre 1943 verloren ging.Herbert Weidner: Die Entomologischen Sammlungen des Zoologischen Staatsinstituts und Zoologischen Museums Hamburg. 6. Teil – Insecta III. In: Zoologisches Institut und Zoologisches Museum Hamburg (Hrsg.): Mitteilungen aus dem Hamburgischen Zoologischen Museum und Institut. Band 63, Selbstverlag, Hamburg März 1966, , S. 209–264, hier S. 264. Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels (LIB). Auf hamburg.leibniz-lib.de (PDF; 4,62 MB), abgerufen am 12. Januar 2022.Hermann Priesner: Thysanopterologica VII. In: Reinhold Meyer, Fritz Wagner (Hrsg.): “Konowia”. Zeitschrift für systematische Insektenkunde. Band 17, Verlag Fritz Wagner, Wien 1938, S. 266–270, hier S. 267 (, abgerufen am 12. Januar 2022).
Priesner war mit dem österreichischen Entomologen Heinrich Hugo Karny befreundet,Heinrich Hugo Karny: Beiträge zur Malayischen Thysanopterenfauna. In: Treubia. Band 9, Heft 1–3, Buitenzorg 1926, S. 6–11, hier S. 9. The Open University, Collection of Open Access Research papers (CORE). Auf CORE.ac.uk (PDF; 2,63 MB), abgerufen am 12. Januar 2022.Hermann Priesner: Zur Thysanopteren-Fauna Albaniens. In: Akademie der Wissenschaften in Wien (Hrsg.): Sitzungsberichte der Akademie der Wissenschaften, mathematisch-naturwissenschaftliche Klasse. Abteilung I, Band 128, Heft 2/3, Wien 1919, S. 115–144, hier S. 115. Auf BioDiversityLibrary.org (Online), abgerufen am 12. Januar 2022. wie auch ab den 1950er-Jahren mit dem deutschen Entomologen Richard zur Strassen, der ihn in späteren Jahren einige Male in seiner Heimatstadt Linz besuchte.Gijsbertus Vierbergen: In memoriam: Richard zur Strassen – World taxonomist in Thysanoptera (*20-xi-1926 – †31-x-2013). In: Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung (Hrsg.): Contributions to Entomology = Beiträge zur Entomologie. Band 65, Heft 2, Frankfurt am Main 2015, , S. 197–208, hier S. 198. Auf Contributions-to-Entomology.org (PDF; 1,35 MB, englisch), abgerufen am 12. Januar 2022. Zuletzt hatte Priesner die Wegwespen (Pompiliden) des Landesmuseums Joanneum in Graz bearbeitet und wollte anschließend die schwierige flügellose Schlupfwespengattung Gelis durchsehen, wozu es jedoch nicht mehr kam. Er starb in seinem 83. Lebensjahr in Linz. Er hinterließ seine Ehefrau Gertrud Priesner und seine Tochter Karoline Scherz.Jitendravir Singh Bhatti: Professor Hermann Priesner – A Biographical Sketch. In: Oriental Insects. Band 10, Heft 4, 1976, , doi:10.1080/00305316.1976.10434529, S. 587–588. Taylor & Francis Online. Auf TandFonline.com (englisch), abgerufen am 12. Januar 2022.
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