Die Firmen Arthur Hermsdorf waren Unternehmen der Rauchwaren- beziehungsweise Pelzbranche. Sie gehen auf ihren Gründer Arthur Hermsdorf zurück, der 1891 im Raum Leipzig eine Rauchwarenzurichterei, einen Veredlungsbetrieb für Pelzfelle, errichtet hatte. Um 1938 firmierte die Rauchwarenzurichterei unter dem Namen Gebr. Hermsdorf.
Im Jahr 1879 führte das Adressbuch den Leipziger Bürger Arthur Hermsdorf noch als Prokuristen der Firma Jules und Heinrich Königswerther, Ritterstraße und Brühl, auf.Leipziger Adreß-Buch für 1879, S. 107.
Der Sohn Leopold Hermsdorf (* 16. April 1878; † 2. Mai 1953 in Leipzig) „gehörte zu den Fachmännern, die dereinst den Namen Leipzig als internationales Pelzzentrum in aller Welt bekannt gemacht haben“. Weiterhin unter dem Firmennamen Arthur Hermsdorf war er im Leipziger Pelzhandelsviertel um die Straße Brühl als Rauchwarenhändler und Rauchwarenkommissionär tätig. Auf seine Initiative ging die Einführung des über Jahrzehnte weltweit in der Pelzmode sehr beliebten Artikels „Indisch Lamm“ zurück.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde 1950 als Fortsetzung des Großhandelsbetriebs im neu entstandenen Pelzhandelszentrum Niddastraße in Frankfurt am Main die Rauchwarenkommissionsfirma Lodde & Hermsdorf gegründet. Im westdeutschen Monheim am Rhein entstand ein, zu dem Betrieb in der DDR unabhängiges, neues Pelzveredlungsunternehmen.
mini|Firma Arthur Hermsdorf im Haus „Stadt Warschau“, Brühl 76–78III (1905)
Rauchwaren-Zurichterei und Färberei Arthur Hermsdorf, Rauchwaren-Kommission Gebr. Hermsdorf Leopold Hermsdorf, der Sohn des Gründers, führte den Rauchwaren-Veredlungsbetrieb unter dem Namen seines Vaters Arthur Hermsdorf im Gebäude Brühl 76 weiter. Außerdem eröffnete er zusammen mit seinem Bruder einen Kommissionshandel für Pelzfelle. Das Münchner Pelzeinzelhandels- und Rauchwarenhandels-Unternehmen Bernhard Bauch unterhielt bei Arthur Hermsdorf, Berlin um 1922 ein Felllager.Bernhard Bauch, München. Inserat vom 9. April 1922, in der Tageszeitung von: Der Rauchwarenmarkt, Berlin, 1922, Seite 7.
Leopold Hermsdorfs Sohn Herbert Hermsdorf (* 1925), Enkel des Gründers, erlernte ab dem 1. April 1925 das Zurichterhandwerk bei der Firma Rylke & Schiwick und kehrte anschließend in den väterlichen Betrieb zurück.50jähriges Branchenjubiläum von Herbert Hermsdorf. In: Winckelmann Pelzmarkt Nr. 281, 18. April 1975, S. 15. Herbert Hermsdorf führte das Unternehmen nach dem Tod des Vaters weiter. Dessen Sohn, der Pelzveredler Jürgen Hermsdorf, blieb der letzte Inhaber. 1904 hatte Jürgen Hermsdorf die Lehre im Pelzzurichter-Handwerk begonnen. 1919 hatte er sich in Leipzig-Lindenau selbständig gemacht. Bereits ein Jahr später wurde das Unternehmen in größere selbsterbaute Räume nach Böhlitz-Ehrenberg verlegt.
In einem Inserat von Paul Hermsdorf, Leipzig aus dem März 1925 wird unter der Firmenadresse Brühl 76/78 die „Geschäftsstelle der Vereinigten Rauchwaren-Veredlungs-Werke G. m. b. H.“ mit angegeben, mit den Gesellschaftern A. Herzog, Wilhelm Jeute GmbH, Thorer & Co. sowie die Leipziger Rauchwaren-Färberei A.-G. mit den Gesellschaftern Theodor Kniesche, Dr. Friedrich König, Marquardt & König G-M-B-H.Inserat Arthur Hermsdorf, März 1925. Das in den 1920er Jahren von ursprünglich drei der Unternehmen (ohne Hermsdorf) zustande gekommene Joint Venture war mit dem Ziel gegründet worden, die unterschiedlichen Erfahrungen zu teilen, technisches Wissen zu verbessern und dabei die individuellen Interessen beiseite zu stellen: „Als nächstes werden wir zusammenarbeiten, um unsere bisherigen Methoden zu verfeinern und neue zu entwickeln. Der Ruf und die Geschichte der einzelnen Unternehmen garantieren Leistung und Prozess.“Robrecht Declercq: The Leipzig Fur Industry as an Industrial District - Collective Action, Lead Firms and World Market Transformation (1870-1939). 11. Februar 2015, S. 188 (englisch). Abgerufen am 2. Januar 1922.Erika Rowald: Die deutsche Rauchwarenveredlung eine Lohnindustrie. Verlag Der Rauchwarenmarkt, Leipzig (Inaugural-Dissertation, ohne Datum) ca. 1930/31, S. 41.
Die Einträge im Fachverzeichnis der Leipziger Pelzbranche des Jahres 1930 lauteten: Gebr. Hermsdorf, Böhlitz-Ehrenberg, Fraunhofer Straße 6, Rauchwaren-Zurichterei und Färberei (im Leipziger Adressbuch 1949 Gebr. Hermsdorf K.-G.) Arthur Hermsdorf, Richard-Wagner-Straße 3/4, Durchgang Brühl 71. Direkte Importe, Spezialität: Indisch Lamm.Führer durch den Brühl und die Berliner Pelzbranche, Werner Kuhwald Verlag, Leipzig 1938, S. 47.
Leopold Hermsdorf war Vorsitzender der Rauchwaren-Kommissionäre, Direktor der „Kriegsfell AG“ und der „Vereinigten Veredlungsunternehmen“ sowie von 1945 bis 1951 Mitglied des Kuratoriums der Deutschen Kürschnerschule zu Leipzig. Als Referent gab er dort, wie unter den Kollegen des Brühl, seine auf vielen Auslandsreisen erworbenen Kenntnisse „jederzeit und gerne“ weiter. Leopold Hermsdorf blieb in den Nachkriegsjahren in der DDR bis zu seinem Tod im Jahr 1953 „dem Brühl verbunden“.
Eine Fachzeitung berichtete 1924 von einer „merkwürdigen Neuerung auf dem Gebiete des Pelzfärbens“ der Firma Arthur Hermsdorf, „die metallisch glänzenden Pelzfelle“, von dem Entwickler „Pharao“-Farbe benannt:
Es gab in späterer Zeit immer wieder einmal Versuche, mit verschiedenen Verfahren hergestellte Gold- und Silberfarben auf Fell im Markt zu etablieren, allerdings nie mit anhaltend größerem wirtschaftlichen Erfolg.Pelzbekleidung mit 24 Karat Gold beschichtet. In: Pelzmarkt. Nr. 09/15, Deutscher Pelzverband, September 2015, S. 3–4 (Falk Rau mit Kopenhagen Studio).
Im Jahr 1930 fand in Leipzig die einmalig gebliebene Internationale Pelzfach-Ausstellung als Selbstdarstellung der Pelzbranche statt, gleichzeitig mit dem wohl ebenfalls einzigen Welt-Pelz-Kongress. Leopold Hermsdorf gehörte zu den zahlreichen dafür Engagierten der Branche. Er war Mitglied des „Vereins Weltpelzkongress“ und unter anderem der Vorsitzende der „Kommission zur internationalen Sammlung von Handelsgebräuchen und Usancen“ sowie der Kommission für Vertreterfragen. Für den Messekatalog verfasste er zwei Fachartikel. In einer eigenen Vitrine zeigte das Unternehmen in der Ausstellung Beispiele seiner Pelzmodelle.IPA – Internationale Pelzfachausstellung, Internationale Jagdausstellung Leipzig 1930 – Amtlicher Katalog. S. 38, 47, 308, 355.
Philipp Manes, der von den Nationalsozialisten ermordete Biograph der Pelzbranche, schilderte den Rauchwaren-Kommissionär als „kleinen beweglichen Mann mit den frischen, strahlenden Augen“, wer ihn näher kennt, „weiß, dass er einen der wenigen tiefschürfenden Fachleute vor sich hat, dem die Branche kein Geheimnis bietet. Immer hat sich Leopold Hermsdorf, der die 1891 gegründete väterliche Firma Arthur Hermsdorf übernahm, wissenschaftlich innerhalb der Branche betätigt. Seine großen Verbindungen reichten bis zu fernen Kontinenten. Unvergessen sei ihm, dass er es war, der das indische Lammfell - bisher nur von Handschuhfabriken genommen - der Rauchwarenbranche zuführte, seine Verwendungsmöglichkeiten für sie gleichsam entdeckte und dadurch eine neue Industrie begründete. Ohne Hermsdorfs tätigen Einsatz wäre der so bedeutende Artikel „indisch Lamm“ nie der Welterfolg geworden, der die Augen aller pelzverarbeitenden Länder wieder auf die Farbkunst der Leipziger Betriebe gelenkt und ihnen die riesigen Quantitäten zum Färben eingebracht hätte. Er kannte die Ursprungsorte im fernen Indien und die Eigner der Ware. Wenn Thorers ihren tüchtigen jungen Abteilungsleiter Schulz dorthin sandten, um den wichtigen Markt an Ort und Stelle zu studieren, kann man daraus ersehen, welchen Dienst Hermsdorf der Branche geleistet hat.“Philipp Manes: Die deutsche Pelzindustrie und ihre Verbände 1900-1940, Versuch einer Geschichte. Berlin 1941 Band 4. Durchschrift des Originalmanuskripts, S. 344–345 (→ Inhaltsverzeichnis). mini|hochkant|Indisch-Lamm-Mantel (1936) An anderer Stelle schrieb Manes dazu:
Indisch Lamm blieb nach der Einführung durch Arthur Hermsdorf eines der beliebtesten Fellmaterialien der Pelzmode bis weit nach dem Zweiten Weltkrieg. Zusammen mit dem Abflauen der Mode des dem Indisch Lamm ähnlichen Persianers verschwand es im Handel fast völlig, letztlich verstärkt durch die Kriege im Ursprungsland.
mini|links|hochkant=0.4|Logo „PHS“ Nach dem Zweiten Weltkrieg verlegten eigentlich alle bedeutenden Leipziger Rauchwaren-Handelsunternehmen ihren Geschäftssitz in die Bundesrepublik, die meisten in das neu entstandene Pelzhandelsviertel Niddastraße in Frankfurt am Main. Die nach dem Krieg zusätzlich gegründete Rauchwaren-Handelsfirma Lodde & Hermsdorf ist im Fachverzeichnis von 1950 im neu entstandenen Frankfurter Pelzhandelszentrum um die Niddastraße, auf der Taunusstraße 42 eingetragen.Winckelmann Deutschland. Fachadressbuch der Rauchwaren u. Pelzwirtschaft und des Kürschnerhandwerks, 59. Ausgabe, 1950/51 Ralf Winckelmann (Hrsg.) London, S. 12, 27. Rauchwaren-Zurichtereien und Färbereien waren aufgrund ihrer Betriebsstruktur viel schlechter zu verlegen als reine Handelsbetriebe, auch waren sie anfangs noch auf fließendes Wasser angewiesen. Die Pelzveredler, soweit sie es nicht vorzogen zu bleiben, sammelten sich nicht wieder um das Pelzhandelszentrum, sondern verteilten sich weitgehend in der Bundesrepublik. Die Rauchwarenzurichterei und Färberei Gebr. Hermsdorf verblieb an ihrem alten Standort, noch zum Ende der DDR war sie dort verzeichnet.Böhlitz-Ehrenberg – Industriebranchen und -betriebe um 1988. Primärquellen Fernsprech- und Branchenbücher 1985, 1987, 1988, 1990. Heinz Peter Brogiato: Böhlitz-Ehrenberg – Kleinstädtisches Gepräge. In: Landschaften in Deutschland Online. Abgerufen am 31. Dezember 2021. In Köln schien sich eine kleine Konzentration von Pelzhändlern zu bilden, und der Pelzveredler Paul Hermsdorf gründete dann doch einen weiteren Pelzveredlungsbetrieb in der Bundesrepublik, im Köln nahen Monheim.Paul Hermsdorf †. In: Die Pelzwirtschaft Nr. 1, CB-Verlag Carl Boldt, Berlin 31. Januar 1973, S. 61.
Im Jahr 1973 zeichneten Herbert und Jürgen Hermsdorf für das Unternehmen Paul Hermsdorf & Sohn, Rauchwaren-Zurichterei und -Färberei in Monheim, Gartzenweg 46 verantwortlich. Frühe Spezialartikel waren Fohlenfelle und Kalbfelle, 1973 auch „Wildware aller Art“.Die Betriebe der Pelzveredlungsindustrie. In: Felle - Farben - Fantasie - Ein Porträt der deutschen Pelzveredlungsindustrie. Rifra Verlag Murrhardt, 1973, S. 54.
Paul Hermsdorf starb am 27. Dezember 1972 im Alter von 83 Jahren in seinem Urlaubsort Grainau (bei Garmisch), bis drei Wochen vor seinem Tod war er noch aktiv tätig. Er hinterließ neben dem Sohn Herbert und Enkelkindern einen weiteren Sohn in der damaligen DDR.Am 27. Dezember 1972 verstarb … In: Winckelmann Pelzmarkt Nr. 164, Winckelmann Verlag, Frankfurt am Main, 5. Januar 1973, S. 16. Offiziell war er einige Jahre vorher aus der Firma Paul Hermsdorf & Sohn ausgeschieden, dafür war sein Enkel Jürgen Hermsdorf Mitinhaber geworden. Jürgen Hermsdorf leitete das Unternehmen Paul Hermsdorf & Sohn zusammen mit seiner Ehefrau Sieglinde († 25. Februar 2018) bis 2016. Er starb 2020 im Alter von 76 Jahren. Er hinterließ die Tochter Sylvia, Schwiegersohn Dirk und Enkelsohn Maximilian.Jürgen Hermsdorf, Mondorf. In: Pelzmarkt - Newsletter des Deutschen Pelzverbandes, August 2020, S. 12–13.
Fußnote