Der Börsen- und Gründungs-Schwindel in Berlin ist ein Werk von Otto Glagau von 1876 und 1877.
Hintergründe miniatur|Die Gartenlaube, 1875 Der liberale Journalist Otto Glagau verlor 1873 beim Börsenkrach alle seine Aktienanteile am bankrottgegangenen Unternehmen Lindenbauverein. Daraufhin recherchierte er nach eigenen Angaben intensiv die Hintergründe der Ereignisse in Zeitungen und anderen Informationsquellen. Noch in diesem Jahr 1873 schrieb er darüber das Theaterstück Aktien. Dieses wurde jedoch von den meisten Theatern abgelehnt.
1875 veröffentlichte Glagau eine zwölfteilige Artikelserie in der viel gelesenen Familienzeitschrift Die Gartenlaube. Diese erreichte eine große Resonanz und wurde der Höhepunkt seines publizistischen Wirkens. Allerdings kritisierte selbst die Redaktion der Zeitschrift Glagaus Darstellungen, dass angeblich die gesamte spekulierende Bevölkerung auf einen Schwindel hereingefallen sei. So schrieb die Redaktion beispielsweise, dass eher die „übertriebene Gewinnsucht der kleinen Leute“o. V., Kleiner Briefkasten, in: Die Gartenlaube 5, 1875. den Börsencrash gefördert hätte und dass es „geradezu gefährlich [sei], dieser schnöden Gewinnsucht auch noch die patriotische Märtyrerkrone aufzusetzen“. „Auf Kosten einer überschaubaren Gruppe von Schuldigen boten die Artikel zum ‚Börsen- und Gründungsschwindel‘ damit ihrem Publikum die Möglichkeit, sich selbst von jeglicher Verantwortung zu entlasten.“ Dennoch gab Glagau 1876 und 1877 auf der Grundlage der Zeitschriftenartikel das Buch Der Börsen- und Gründungs-Schwindel in Berlin in zwei Bänden mit einem erweiterten Inhalt heraus.
Inhalt In dem zweibändigen Werk, in dem Glagau seine überarbeiteten Artikel aus der Gartenlaube veröffentlichte, beschreibt er einzelne – zum Teil auch fiktive – Aktien-Unternehmen und ihre Rolle beim Börsencrash, bleibt aber Nachweise für seine Behauptungen schuldig und liefert primär Anekdoten. So schreibt Glagau beispielsweise: „Der Leser aber darf überzeugt sein, daß diese Vorgänge und diese Zahlen keinem bloßen Phantasiegebilde entnommen sind, sondern auf Thatsachen beruhen, die sich hundertmal wiederholt haben, und bei dem Gründungstreiben überhaupt die Regel bildeten. Jene Summen sind durchaus nicht übertrieben“ oder „Meine andere, mir von der ‚Schlesischen Presse‘ abgenöthigte Behauptung: 90 Procent der Gründer und Börsianer sind Juden - kann wol nicht im Ernst bestritten, braucht nicht noch besonders bewiesen werden“. Er suchte Schuldige und bediente sich dafür des gesamten Kommunikationsrepertoirs, welches heute als Populismus bezeichnet wird. Ein idealisiertes 'Volk' sowie eine herrschende Elite werden kreiert, diese Elite wird „in verschwörungstheoretischer Manier als Verräter des eigentlichen Volkswillens“ dargestellt. Laut Otto Glagau besteht diese herrschende Elite aus „liberalen“ Gesetzgeber in unseren Parlamenten […] vorwiegend Manchesterleute, und sie arbeiten, in Verbindung mit der „liberalen“ Presse, hauptsächlich im Literesse des Capitals und der Börse. Diese seinen – zusammen mit den Juden – für den Börsencrash verantwortlich „und um denselben zu verdecken, namentlich um die Aufmerksamkeit von den furchtbaren Folgen des verbrecherischen Börsen- und Gründungsschwindels abzulenken, warf man sich mit Wuth auf den ‚Culturkampf‘“. Außerdem ignoriert Glagau in seinem Werk den komplexen Aufbau von Gesellschaften sowie unterschiedliche gesellschaftliche Interessenslagen. Er stellt „Gründer“, „Jobber“, „Fixer“, „Börsianer“ – laut dem Autor zu 90 % Juden – dem „Volk“ gegenüber. Bezüglich der formalen und stilistischen Merkmale des Populismus findet man in dem analysierten Werk eine Reihe von biologischen und Gewaltmetaphern. So schreibt Glagau bei der Beschreibung der Abspaltung der Preussischen Credit-Anstalt von der Muttergesellschaft Preussische Boden-Credit-Actien-Bank beispielsweise von einer „Rabenmutter, [diese] trennte sich mit einem gewaltigen Schnitte von der Tochter, die seitdem ohne Kopf und ohne Hände, ein ungestalteter blutiger Rumpf, in einem dunklen Winkel der Börse liegt“. Bei der Thematisierung der Geschäftspraktiken von Heinrich Quistorp attestiert er diesem, in der Mitte von einem „industriellen Rattenkönig“ zu stehen. Auf potentielle Gründungsobjekte werde „Jagd“ gemacht, „die Rinder sind […] das liebe Publikum“, Gründer und Gründungen vermehren sich „nach der Art der ekelhaften Schmarotzerthierchen“ und hinterließen – zum Teil bereits tot geborene – „Gründungsleichen“. Durch seine Abgrenzung eines idealtypischen ‚Volks‘ von anderen kulturellen Gruppen wären Otto Glagaus Ausführungen heute dem Rechts-Populismus zuzuordnen. So forderte Glagau unter anderem eine Säuberung der Parlamente und der Presse:
Glagaus Ausführungen sind oft in einem anklagenden Grundton verfasst, sie wollen die Schuldigen für die erheblichen wirtschaftlichen Verluste vieler kleiner Aktienanleger benennen.
Dabei enthalten sie auch mehrere antisemitische Passagen, da viele der beteiligten Geschäftsleute Glagau zufolge jüdischer Herkunft waren. So behauptete Glagau beispielsweise:
Auch schreibt er im Kapitel Häuserschacher und Baustellenschwindel, dass ein und dasselbe Haus „an Einem Tage, an Einem Abend durch sämtliche Stämme Israels [gegangen ist], […] und jede ‚Hand‘ verdiente dabei“.
Glagau identifizierte den Kapitalismus (von ihm Manchestertum genannt) mit dem Judentum, dem er somit unterstellte, Kleinbetriebe und Handwerk zu ruinieren und andere für sich arbeiten zu lassen, statt selbst zu arbeiten. Später prägte er auch den Ausspruch: Die soziale Frage ist wesentlich Gründer- und Judenfrage, alles andere ist Schwindel.Micha Brumlik: Antisemitismus. 100 Seiten. Reclam, Stuttgart 2020, ISBN 978-3-15-020533-4, S. 52 f.
Heutige Bewertung Die Texte hatten antijüdischen Formulierungen und Einschätzungen auf Grund der großen Verbreitung der Bücher einen großen Einfluss auf den wachsenden Antisemitismus dieser Zeit in Deutschland.Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Band 6. Publikationen. Walter de Gruyter, Berlin, 2013, S. 225, betonte den möglichen Einfluss der Bücher auf den wachsenden Antisemitismus in dieser Zeit
Ausgaben Der Börsen- und Gründungsschwindel in Berlin, in Die Gartenlaube, 1874, 1875, 12 Artikel Der Börsen- und Gründungs-Schwindel in Berlin. Gesammelte und stark vermehrte Artikel der „Gartenlaube“. 2 Bände [Band 1] Leipzig 1876 Archive Visual Library [Band 2] Leipzig 1877 Archive Google
Literatur Anna Rothfuss: Korruption im Kaiserreich. Skandale und Debatten zwischen 1871 und 1914. V & R unipress, Göttingen 2009. S. 96
Einzelnachweise
Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Literatur (Deutsch) Kategorie:Börsenkrach Kategorie:Investigativjournalismus Kategorie:Sachliteratur (Heimatkunde) Kategorie:Literatur (Berlin) Kategorie:Antisemitisches Buch Kategorie:Aktienmarkt