mini|hochkant=0.85|Alois Mertes, 1983 mini|Das Grab von Alois Mertes auf dem Rüngsdorfer Friedhof in Bonn Alois Mertes (* 29. Oktober 1921 in Gerolstein; † 16. Juni 1985 in Bonn) war ein deutscher Diplomat, Politiker (CDU) und von 1982 bis zu seinem Tode Staatsminister im Auswärtigen Amt.

Leben und Beruf Mertes wurde als fünftes Kind der Eheleute Michael Mertes und Anna Mertes geb. Feldges in Gerolstein geboren. Er war seit 1951 mit Hiltrud Mertes geb. Becker verheiratet. Aus der Ehe gingen fünf Kinder hervor, darunter Michael Mertes und der Jesuit Klaus Mertes.Georg S. Schneider: Mertes, Alois, NDB-online, veröffentlicht am 1. Januar 2024.

Nach dem Abitur 1940 am Regino-Gymnasium in Prüm nahm Mertes als Soldat am Zweiten Weltkrieg teil. Nach der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft absolvierte Mertes ein Studium der Rechtswissenschaft, Geschichte und Romanistik an den Universitäten in Bonn und Paris. 1948 schloss er sein Studium mit dem Staatsexamen in Geschichte und Französisch ab und promovierte 1951 an der Universität Bonn mit der Arbeit Frankreichs Stellungnahme zur deutschen Revolution im Jahre 1848 zum Dr. phil. Aus der Zeit des Studiums und des gemeinsamen Engagements in der von Josef Steinberg geleiteten Bonner Katholischen Studentengemeinde datierte auch die lebenslange Freundschaft mit Kurt Plück.Rainer Barzel: Für Kurt Plück. Deutschland Archiv 4/2004, S. 579.

Auswärtiger Dienst 1952–1971 1952 trat Mertes in den auswärtigen Dienst der Bundesrepublik Deutschland ein, für den er am Generalkonsulat in Marseille und an den Botschaften Paris (1958–1963) und Moskau (1963–1966) tätig war. Einen dienstlichen Studienaufenthalt 1968/69 an dem von Henry Kissinger geleiteten Center for International Affairs der Harvard University schloss er mit der Studie Reflections on Détente: Russia, Germany, and the WestDie deutsche Übersetzung erschien posthum in: Günter Buchstab: Alois Mertes – Der Primat des Politischen, Düsseldorf 1994, S. 1–61. ab. Nach seiner Rückkehr nach Bonn übernahm er im Auswärtigen Amt die Leitung des Referats Europäische Sicherheit und regionale Abrüstung.

Zu Beginn der 1970er Jahre, während der dramatischen Auseinandersetzungen über die Ost- und Deutschlandpolitik der Regierung Brandt, gehörte Mertes zusammen mit Kurt Plück zu den engsten Beratern des CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden Rainer BarzelRainer Barzel: Im Streit und umstritten. Anmerkungen zu Adenauer, Erhard und den Ostverträgen. Frankfurt a. M./Berlin 1986 (Ullstein), S. 146 und 154.Eduard Ackermann: Mit feinem Gehör. Vierzig Jahre in der Bonner Politik. Bergisch Gladbach 1994 (Lübbe), S. 42 und 78.Kurt Plück: Der schwarz-rot-goldene Faden. Vier Jahrzehnte erlebter Deutschlandpolitik. Bonn 1996 (Bouvier), S. 182ff.Günter Buchstab: Die Whistleblower von 1970 – Die Enthüllung des geheimen „Bahr-Papiers“. Zur Vorgeschichte des Moskauer Vertrags zwischen der Sowjetunion und der Bundesrepublik Deutschland. In: Historisch-Politische Mitteilungen 27 (2020), S. 138., den die Sorge umtrieb, die Ostverträge könnten – im Sinne der sowjetischen Auslegung – auf eine endgültige Anerkennung der Teilung Deutschlands hinauslaufen.Rainer Barzel, Kurt Plück, S. 579.

Opposition 1972–1982 Ende 1971 verließ Mertes den auswärtigen Dienst und wurde von Januar bis Oktober 1972 Bevollmächtigter des Landes Rheinland-Pfalz beim Bund unter Ministerpräsident Helmut Kohl, den er in der Debatte über die Ratifizierung des Moskauer und des Warschauer Vertrags (17. Mai 1972) fachlich beriet. Mertes ging es darum, die ideologischen und machtpolitischen Hintergründe der sowjetischen Politik ernst zu nehmen, den Friedensvertragsvorbehalt und die Option auf eine deutsche Wiedervereinigung offen zu halten, dabei die Westbindung der Bundesrepublik und das westliche Bündnis nicht zu beschädigen und eine Weiterentwicklung der Europäischen Gemeinschaft nicht zu gefährden. Insbesondere die „Modus vivendi“-Passagen der gemeinsamen Entschließung aller Bundestagsfraktionen vom 17. Mai 1972, an deren Entwurf Mertes maßgeblich beteiligt war, entsprachen seinen Forderungen.Schneider, NDB-Eintrag Alois Mertes.

Nachdem er bereits bei der Bundestagswahl 1969 ohne Erfolg für die CDU auf der rheinland-pfälzischen Landesliste kandidiert hatte, wurde er im November 1972 als direkt gewählter Abgeordneter des Eifelwahlkreises Mitglied des Deutschen Bundestages. Als Oppositionspolitiker und außenpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion befürwortete Mertes eine konstruktive Zusammenarbeit mit der Bundesregierung, um Positionen der Unionsparteien einzubringen, verstärkt ab 1974 mit der neuen Regierung unter Bundeskanzler Helmut Schmidt und Außenminister Hans-Dietrich Genscher, dessen deutschlandpolitische Beharrlichkeit er schätzte. Mertes spielte eine zentrale Rolle bei der Konzeption der Außen-, Deutschland- und Sicherheitspolitik der CDU/CSU in den 1970er und frühen 1980er Jahren und bei der außenpolitischen Wiederannäherung von CDU/CSU und FDP.Schneider, NDB-Eintrag Alois Mertes.

Staatsminister im Auswärtigen Amt 1982–1985 Nach dem Regierungswechsel von 1982 wurde Mertes Staatsminister im Auswärtigen Amt, wo er unter anderem mit der öffentlichen Vermittlung des NATO-Doppelbeschlusses befasst war. Bekannt wurde sein vermittelnder Auftritt vor dem American Jewish Committee in New York City auf dem Höhepunkt der Bitburg-Kontroverse im Mai 1985, die ihn als Abgeordneten des Eifelwahlkreises besonders anging.

Mertes starb im Juni 1985 vier Tage nach einem schweren Schlaganfall, den er während einer Podiumsdiskussion über die Offenheit der deutschen FrageKulturstiftung der deutschen Vertriebenen (Hrsg.): Die Berliner Erklärung vom 5. Juni 1945 zu Deutschland. Bonn 1982, S. 15 ff. und 45ff. erlitten hatte.AP: Alois Mertes Is Dead at 63; Bonn Foreign Ministry Aide, New York Times, 18. Juni 1985Georg Schneider: Alois Mertes, Konrad-Adenauer-Stiftung, o. D.

Nach Mertes’ Tod schrieb Heinrich Böll an seine Witwe Hiltrud, ihr Mann sei „einer der wenigen, wenn nicht der einzige Politiker seiner Partei [gewesen], mit dem ich reden konnte und noch hätte reden können“Zit.n. Jürgen Aretz: Das Ethische in der Politik. Erinnerung an Alois Mertes, in: Die Politische Meinung Nr. 386/02, S. 92.. Über Mertes bemerkte Hans-Dietrich Genscher in seinen Memoiren unter anderem: „Sein Tod hatte mich besonders getroffen, und die Erinnerung an diesen weltläufigen, kenntnisreichen und aufrichtigen Mann, der fest in seinem Glauben, seiner Familie und seiner Heimat verwurzelt war, wird immer von höchster Wertschätzung und menschlicher Verbundenheit gekennzeichnet sein.“Hans-Dietrich Genscher: Erinnerungen. Wolf Jobst Siedler Verlag, Berlin 1995/1999, ISBN 3-88680-680-4, S. 1022f. mini|Gedenktafel zu Ehren Mertes in seiner Geburtsstadt Gerolstein.

In einer Serie von acht „Alois Mertes Memorial Lectures“ (1991–1999) ließ das Deutsche Historische Institut Washington Mertes’ vielfältige konzeptionelle Beiträge zur deutschen Außen- und Sicherheitspolitik durch namhafte Geschichts-, Politik- und Geisteswissenschaftler würdigen.Siehe German Historical Institute Washington DC (Hrsg.): Occasional Papers Nr. 3 (Michael Wolffsohn, 1990), 5 (Clayton M. Clemens, 1992), 10 (Ludger Kühnhardt, 1993), 11 (Jeffrey Herf, 1994), 14 (Wolfgang Krieger, 1995), 16 (Melvyn P. Leffler, 1996), 21 (Michael Zöller, 1998), 23 (Sander L. Gilman, 1999).

Partei Seit 1961 war Mertes Mitglied der CDU.

Abgeordneter Von 1972 bis zu seinem Tode war er Mitglied des Deutschen Bundestages. Hier war er von 1980 bis 1982 Vorsitzender der Arbeitsgruppe Außenpolitik der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.

Alois Mertes ist stets als direkt gewählter Abgeordneter des Wahlkreises Bitburg in den Bundestag eingezogen.

Öffentliche Ämter 1972 war Mertes Staatssekretär und Bevollmächtigter des Landes Rheinland-Pfalz beim Bund.

Am 4. Oktober 1982 wurde er als Staatsminister im Auswärtigen Amt in die von Bundeskanzler Helmut Kohl geführte Bundesregierung berufen. Mertes verstarb im Amt.

Kabinette Kabinett Kohl I – Kabinett Kohl II

Nebentätigkeiten und Ehrenämter Von 1969 bis 1972 nahm Mertes einen Lehrauftrag für politische Wissenschaft an der Universität zu Köln wahr.

Von 1969 bis 1971 war er Vorsitzender des katholischen Bundes Neudeutschland. Rudolf Vierhaus (Hrsg.): Biographisches Handbuch der Mitglieder des Deutschen Bundestages 1949–2002. K. G. Saur Verlag, München 2002, S. 558. Er war von 1972 bis 1975 Mitglied der Gemeinsamen Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland, von 1975 bis zu seinem Tod Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, von 1980 bis zu seinem Tod Vorsitzender des Wilhelm-Böhler-Klubs e.V.Philipp Jenninger (Hrsg.): Alois Mertes zur Erinnerung. Ansprachen und Nachrufe. Kevelaer 1986, S. 76.Zu Bedeutung und Funktion des 2015 liquidierten Böhler-Klubs siehe Katholisches Büro (Kommissariat der Bischöfe) Bonn (Bestand), Archivportal-D, abgerufen am 25. September 2026. und gehörte dem Verwaltungsrat der deutsch-französischen „Gesellschaft für übernationale Zusammenarbeit/Bureau International de Liaison et de Documentation“ an.Joseph Rovan in Jenniger, Alois Mertes zur Erinnerung, S. 53.

Veröffentlichungen (Auswahl) Eigene Publikationen Die Union und Polen. In: Gerhard Mayer-Vorfelder und Hubertus Zuber (Hrsg.): Union alternativ. Seewald Verlag, Stuttgart 1976, ISBN 3-512-00423-7 Sowjetische Kriterien der Sicherheit und Rüstungskontrolle – Konzeptionelle Gegensätze und Unterschiede zum Westen. In: Erhard Forndran und Paul J. Friedrich: Rüstungskontrolle und Sicherheit in Europa. Europa Union Verlag, Bonn 1979, ISBN 3-7713-0113-0 Abschreckung sichtbar machen. In: Josef Joffe (Hrsg.): Friede ohne Waffen? Der Streit um die Nachrüstung. Wilhelm Heyne Verlag, München 1981, ISBN 3-453-01524-X Der Heilige Doktor von Moskau Friedrich Joseph Haass. In: Drei Deutsche in Russland. Ostermann – Cancrin – Haass (zus. mit Hans Dietrich Mittorp und Dieter Wellenkamp). Turris-Verlag, Darmstadt 1983, ISBN 3-87830-016-6 Agostino Casaroli – Zeuge des Friedensauftrags der Kirche. In: Herbert Schambeck (Hrsg.): Pro Fide et Iustitia. Festschrift für Agostino Kardinal Casaroli zum 70. Geburtstag. Duncker & Humblot, Berlin 1984, ISBN 3-428-05678-7 Europe’s Role in Central America: A West German Christian Democratic View. In: Andrew J. Pierre (Hrsg.): Third World Instability. Central America as a European-American Issue. Council on Foreign Relations Books, New York 1985, ISBN 0-87609-005-6 Nuclear Weapons and the Preservation of Peace (zus. mit Karl Kaiser, Georg Leber und Franz-Josef Schulze). In: William P. Bundy (Hrsg.): The Nuclear Controversy. New American Library, New York 1985, ISBN 0-452-00736-4

Über Alois Mertes Walter Henkels: Alois Mertes. In: Walter Henkels: Bonner Köpfe in Wort und Bild. Econ, Düsseldorf/Wien 1981, ISBN 3-430-14309-8 Philipp Jenninger (Hrsg.): Alois Mertes zur Erinnerung. Ansprachen und Nachrufe. Verlag Butzon & Bercker, Kevelaer 1986, ISBN 3-7666-9498-7 (mit Beiträgen u. a. von Władysław Bartoszewski, Agostino Casaroli, Peter Hermes, Joseph Rovan, Emmanuel von Severus, Hermann Josef Spital, Leo Tindemans) Konrad Repgen: Ein politischer Lebensweg: Alois Mertes (1921–1985). In: Konrad Repgen: Von der Reformation zur Gegenwart. Beiträge zu Grundfragen der neuzeitlichen Geschichte. Schöningh, Paderborn 1988, ISBN 3-506-77207-4 Jürgen Aretz: Alois Mertes (1921–1985). In: Jürgen Aretz, Rudolf Morsey, Anton Rauscher (Hrsg.): Zeitgeschichte in Lebensbildern, Aus dem deutschen Katholizismus des 19. und 20. Jahrhunderts, Band 7, Aschendorff Verlag GmbH & Co. KG, Münster 1994, ISBN 978-3-402-06112-1, S. 209–226. (Digitalisat) Michael Mertes: Alois Mertes – Ein Lebensbild. In: Günter Buchstab: Alois Mertes – Der Primat des Politischen. Reden und Aufsätze. Mit einer Einleitung von Timothy Garton Ash. Droste, Düsseldorf 1994, ISBN 3-7700-1872-9.