mini|König Salomo mit Tempelmodell. Russisch-orthodoxe Ikone, Kizhi-Kloster, 18. Jahrhundert Als Enkainia (; latinisiert encaenia oder encenia, in beiden Sprachen neutr. pl.) „Erneuerung“ wurden im antiken Judentum und Christentum Rituale bezeichnet, die Gebäude(komplexe) zu einem heiligen Raum machten. Beim Jerusalemer Tempel gibt es zwei Verbindungen zu jüdischen Festen, die beide eine christliche Wirkungsgeschichte hatten:
Weihe des Ersten Tempels durch Salomo: Laubhüttenfest im September, vgl. die Weihe der Grabeskirche unter Kaiser Konstantin am 13. September; Wiederweihe des Zweiten Tempels unter Judas Makkabäus: Chanukkafest im Dezember, vgl. die Erzählung im Johannesevangelium, Kapitel 10. Das Bedeutungsspektrum von enkaínia war aber nicht auf Heiligtümer begrenzt. Auch die Neugründung der Stadt Konstantinopel (11. Mai 330) und die Einweihung des Mausoleums Kaiser Konstantins (21. Mai 337) konnten als enkaínia bezeichnet werden.
Hellenistisches Judentum In Schriften des hellenistischen Judentums begegnet als Bezeichnung für die Weihe des im Pentateuch beschriebenen Zeltheiligtums, so bei Philon von Alexandria, der die symbolisch interpretierten Opfergaben der Fürsten Israels (vgl. ) als richtige, heilige Begehung des „Weihefestes“ bezeichnete.Philon von Alexandria: De congressu eruditionis gratia 114. In der Septuaginta findet sich der Begriff mehrfach im 2. Buch Esdras, beispielsweise 2 Esdr 6,16: „Und die Israeliten … begingen das Einweihungsfest des Hauses Gottes mit frohem Herzen.“Wolfgang Kraus, Martin Karrer (Hrsg.): Septuaginta Deutsch. Das griechische Alte Testament in deutscher Übersetzung. Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 2009, S. 572. Hier geht es um den Wiederaufbau des Jerusalemer Tempels durch die Rückkehrer aus dem Babylonischen Exil.
Das jüdische Tempelweihfest (Chanukka) erinnert an die Wiederweihe des Jerusalemer Altars durch Judas Makkabäus nach der Entweihung des Heiligtums unter Antiochos IV (). „Das Thema von Chanukka ist somit einerseits ein Akt der Blasphemie und andererseits dessen Überwindung durch die erneute Weihe des Tempels für den einen Gott Israels“, so Dorit Felsch, die zum positiven Festinhalt auf verweist.Dorit Felsch: Die Feste im Johannesevangelium: Jüdische Tradition und christologische Deutung. Mohr Siebeck, Tübingen 2011, S. 228. Die in der Septuaginta enthaltenen Makkabäerbücher beschreiben diese Ereignisse bzw. empfehlen die jährliche Feier des Tempelweihfest als Erinnerung daran. Der Begriff enkaínia fällt hier nicht, wohl aber die ähnliche Formulierung „Einweihung () des Altars“ in und mehrfach das zugehörige Verb „einweihen“.Bauer/Aland: Griechisch-deutsches Wörterbuch zu den Schriften des Neuen Testaments und der frühchristlichen Literatur. De Gruyter, 6. völlig neu bearbeitete Auflage Berlin / New York 1988, Sp. 433 f.
Johannesevangelium Dem Johannesevangelium zufolge hielt sich Jesus Christus im Winter in Jerusalem auf, als gerade das Tempelweihfest (hier in bezeichnet als enkaíniaNovum Testamentum Graece: Ἐγένετο τότε τὰ ἐγκαίνια ἐν τοῖς Ἱεροσολύμοις, χειμὼν ἦν (Online); Vulgata: facta sunt autem encenia in Hierosolymis et hiemps erat. (Online)) stattfand. Dieses jüdische Fest bildet den Hintergrund für seine in erzählten Auseinandersetzungen mit „den Juden“ im Tempelgelände, genauer: in der Halle Salomos.Johannes Beutler: Das Johannesevangelium. Kommentar. Herder, 2. Auflage Freiburg im Breisgau 2016, S. 313 f. Damit wird für die Wirkungsgeschichte der Perikope sozusagen eine salomonische Spur gelegt, denn Salomo als Tempelgründer ist im Christentum zentraler als Judas Makkabäus, der Tempelreiniger.
Bei der Abfassung des Johannesevangeliums lag die Zerstörung des Tempels durch römische Soldaten (70 n. Chr.) bereits in der Vergangenheit. Dieser Verlust ist erträglich, so die Botschaft des Evangelisten, weil Jesus als „personifizierter Tempel“ an dessen Stelle getreten sei.Dorit Felsch: Die Feste im Johannesevangelium: Jüdische Tradition und christologische Deutung. Mohr Siebeck, Tübingen 2011, S. 233. Jesus Christus sei nun der Ort der Gottesnähe und Gottesbegegnung.
Wie aus dem Armenischen Lektionar hervorgeht, war die für das Enkaínia-Fest in der Jerusalemer Liturgie vorgesehene Lesung aus dem Neuen Testament.
Anastasis (Grabeskirche) in Jerusalem mini|Modell der byzantinischen Grabeskirche, links die teilweise erhaltene Rotunde der Anastasis (St. Peter in Gallicantu) Die Weihe der Grabeskirche in Jerusalem fand am 13. September des Jahres 335 statt und wurde durch Eusebius von Caesarea beschrieben.Eusebius: Vita Constantini IV, 43-47 (Online in der Bibliothek der Kirchenväter). Es war zugleich die Feier der dritten Dekade (der tricennalia) von Konstantins Kaisertum. Welche Teile der Grabeskirche zu diesem Zeitpunkt fertiggestellt waren, geht aus der Beschreibung bei Eusebius nicht klar hervor, auch nicht, dass das Fest der Enkaínia jährlich wiederholt werden sollte. Eusebius nutzte die Gelegenheit, um den Kaiser als einen zweiten Salomo zu feiern; er rühmte die Ankunft kirchlicher Würdenträger aus dem ganzen Reich und somit den „ökumenischen“ Charakter des Festes. Festbankette und Almosenverteilungen an die Armen nahmen breiten Raum ein. Über die liturgischen Vollzüge erfährt man nur, dass es eine Eucharistiefeier mit Schriftlesung, Psalmen und Gebeten gab.Matthew Black: The Festival of Encaenia Ecclesiae in the Ancient Church with special reference to Palestine and Syria, 1954, S. 78.
Sozomenos erwähnte, dass die Enkaínia in Jerusalem jährlich als achttägiges Fest aufwändig begangen wurde.Sozomenos: Historia ecclesiastica II 26,4. In der Festwoche fanden Taufen statt, und große Mengen von Pilgern strömten in der Stadt zusammen. Die Angaben des Sozomenos werden durch den Reisebericht der Egeria bestätigt, die Jerusalem im späten 4. Jahrhundert als Pilgerin besuchte. Zu ihrer Zeit waren die Weihe des Martyrion, die Weihe der Anastasis und das Datum der Kreuzauffindung bereits auf diesen Termin zusammengelegt worden. Egeria stellte explizit einen Zusammenhang dieser christlichen Festwoche mit dem Salomonischen Tempel her:
Joshua Schwartz vermutet sogar, dass das Datum der Weihe der Grabeskirche extra auf einen Termin Mitte September gelegt wurde, damit dieses Ereignis während des jüdischen Laubhüttenfestes stattfand und somit auch ein zeitlicher Bezug zu König Salomos Tempelweihe hergestellt war.Joshua Schwartz: The "encaenia" of the Church of the Holy Sepulchre, the Temple of Solomon and the Jews, 1987, S. 269.
Obwohl Egeria die Enkaínia als eines der Jerusalemer Hauptfeste rühmte, blieb diese Festwoche, im Gegensatz zum Fest der Kreuzauffindung, ein rein lokales Ereignis. Politische Krisen, angefangen mit der persischen Eroberung 614, schädigten die Bedeutung Jerusalems als christliches Pilgerziel und mittelbar auch die Bedeutung des mit der Grabeskirche verbundenen Enkaínia-Festes.
Im griechischen Festkalender (dem Heortológion) war die eintägige Enkaínia von untergeordneter Bedeutung und diente der Vorbereitung auf das Hauptfest Kreuzerhöhung am folgenden 14. September; im römischen Kalender fehlt sie ganz.Matthew Black: The Festival of Encaenia Ecclesiae in the Ancient Church with special reference to Palestine and Syria, 1954, S. 79 f. Vgl. für den byzantinischen Ritus: Ekaterina Kovalchuk: The Holy Sepulchre of Jerusalem and St. Sophia of Constantinople: An Attempt at Discovering a Hagiographic Expression of the Byzantine Encaenia Feast, 2010, S. 286 f.: Das Synaxarion von Konstantinopel erwähnt lediglich die Enkaínia am 13. September; die wichtigsten Handschriften des Typikon der Hauptkirche bezeichnen den 13. September nur noch als Vorbereitung von Kreuzerhöhung. Die Bezeichnung Enkaínia für den 13. September hielt sich aber in provinziellen Handschriften des Typikon, besonders in Palästina. Man kann dieses Zurücktreten des spezifisch jerusalemischen Festes Enkaínia in Byzanz auch als Folge einer latenten Rivalität zwischen Konstantinopel und Jerusalem sehen, die beide einen Führungsanspruch in der Christenheit erhoben. In den gedruckten Menaia gibt es längere Ausführungen zu Enkaínia, die sich aber völlig von der Weihe eines Tempel- oder Kirchengebäudes gelöst haben. Hier wird die spirituelle „Erneuerung“ der Kirche bzw. des einzelnen Christen als Festinhalt hervorgehoben.Ekaterina Kovalchuk: The Holy Sepulchre of Jerusalem and St. Sophia of Constantinople: An Attempt at Discovering a Hagiographic Expression of the Byzantine Encaenia Feast, 2010, S. 288.
Auch in Jerusalem wurde die Bedeutung des Enkaínia-Fest und seine Zuordnung zum Fest der Kreuzerhöhung zunehmend weniger verstanden. War zu Zeiten Egerias die Enkaínia-Festwoche dominierend und die Kreuzauffindung darin eingeordnet, so kehrte sich das Verhältnis in byzantinischer Zeit um. Der Autor der Severian von Gabala zugeschriebenen Homilie „über die Enkaínia des ehrwürdigen und lebenspendenden Kreuzes“ (Mitte 6. Jahrhundert oder später) identifizierte beide Feste. Aus mittelbyzantinischer Zeit sind Homilien überliefert, teils in georgischer Übersetzung, welche das Fest Enkaínia am 13. September als die Weihe der Anastasis-Rotunde in der Grabeskirche interpretieren.Ekaterina Kovalchuk: The Holy Sepulchre of Jerusalem and St. Sophia of Constantinople: An Attempt at Discovering a Hagiographic Expression of the Byzantine Encaenia Feast, 2010, S. 284 f.
Hagia Sophia in Konstantinopel mini|Hagia Sophia Die Diegesis, eine mittelbyzantinische Legende (8./9. Jahrhundert) über den Bau der Sophienkirche zu Konstantinopel durch Kaiser Justinian, zählt die Tieropfer auf, die der Herrscher bei der Einweihung dieser Kirche (25. Dezember 537) dargebracht haben soll. Diese Legende ist auch bekannt durch den Justinian zugeschriebenen Ausspruch: „Salomo, ich habe dich übertroffen!“ Die Forschung hat vermutet, dass die Beschreibung von der Einweihung des Jerusalemer Tempels durch Salomo der Legende zugrunde liegt – und zwar nicht der biblische Text selbst im 1. Buch der Könige, sondern dessen Nacherzählung durch Josephus in den Jüdischen Altertümern. Tieropfer gelten gemeinhin als inkompatibel mit dem christlichen Kult, der ja beansprucht, blutige Opfer ein für alle Mal durch das „unblutige Opfer“ der Eucharistie ersetzt zu haben. Ekaterina Kovalchuk sieht aber Hinweise darauf, dass es in Spätantike und byzantinischem Mittelalter sehr wohl Tieropfer gab, und zwar als Christianisierung einer sehr verbreiteten paganen Opferpraxis (Christianization of rite). Die christliche Opferpraxis orientierte sich in der Durchführung an den Opfervorschriften im Alten Testament. So zeigt die Legende von Justinians Einweihung der Sophienkirche, dass die Hauptkirche Konstantinopels beanspruchte, der neue Jerusalemer Tempel zu sein. Gerade die Tierschlachtungen unterstreichen demnach die herausragende Bedeutung dieser Kirche.Ekaterina Kovalchuk: The Encaenia of St. Sophia: Animal Sacrifice in a Christian Context, 2008, S. 197 f. Hagiographische Motive in der Diegesis weisen darauf hin, so Kovalchuk, dass diese Legende für das Fest der Enkaínia verfasst wurde.Ekaterina Kovalchuk: The Holy Sepulchre of Jerusalem and St. Sophia of Constantinople: An Attempt at Discovering a Hagiographic Expression of the Byzantine Encaenia Feast, 2010, S. 338.
Enkaínia als byzantinischer Kirchweiheritus Historische Quellen zum Kirchweihritus