Eine Räterepublik, eine Rätedemokratie oder ein Rätesystem ist ein politisches System, bei dem über ein Stufensystem sogenannte Räte gewählt werden. Zur Kontrolle von deren Macht gibt es in einer Rätedemokratie Ämterrotation, Willensbindung und vor allem die Möglichkeit der Abwahl (anstatt Gewaltenteilung wie in einer liberalen Demokratie). Das Rätesystem wird als Form der direkten Demokratie beschrieben.

mini|hochkant=1.6|Barrikaden auf der Place Vendôme während der Pariser Kommune, 1871 Als Vordenker der Rätedemokratie gilt Pierre-Joseph Proudhon 1863. Die erste Umsetzung erfolgte durch die Pariser Kommune 1871. Diese wurde Vorbild für weitere zeitweise erfolgende Umsetzungen, die meisten unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg. Derzeit ist kein Staat eine Rätedemokratie, zuletzt hatte der 2026 aufgelöste De-facto-Staat Rojava als Leitkonzept ein Rätesystem. Das Konzept der Rätedemokratie war ideengeschichtlich allerdings sehr einflussreich und trug unter anderem zur Entwicklung von Sozialismus und Anarchismus bei.

Funktionsweise In einer Räterepublik sind die Wähler in Basiseinheiten organisiert, beispielsweise die Bewohner eines Dorfes bzw. Wohnviertels, die Arbeiter eines Betriebes oder die Soldaten einer Kaserne. Sie entsenden direkt die Räte als öffentliche Funktionsträger. Diese Räte bilden Gesetzgeber, Regierung und Gerichte in einem; im Unterschied zu anderen Demokratiemodellen gibt es somit keine Gewaltenteilung. Die Räte werden auf mehreren Ebenen gewählt: Die örtlich gewählten Räte wählen Mitglieder in die nächsthöhere Ebene, die Bezirksräte. Das System der Delegierung setzt sich bis zum Zentralrat auf staatlicher Ebene fort, die Wahlvorgänge geschehen somit von unten nach oben. Die Räte sind direkt für ihre Wähler verantwortlich und an deren Weisungen gebunden. Ein solches imperatives Mandat steht im Gegensatz zum freien Mandat in repräsentativen Demokratien, bei dem die gewählten Politiker nur „ihrem Gewissen“ verantwortlich sind. Räte können stattdessen von ihrem Posten jederzeit abberufen oder abgewählt werden (Recall). Um Machtkonzentrationen zu verhindern und eine möglichst breite politische Partizipation zu gewährleisten, gilt das Rotationsprinzip: Eine Wiederwahl ist nicht möglich. Das Rätesystem gilt als eine Form der direkten Demokratie.Everhard Holtmann: Politik-Lexikon. 3. Auflage, Oldenbourg, München 2000, ISBN 978-3-486-79886-9, s. v. Rätesystem, S. 568; Carsten Lenz, Nicole Ruchlak: Kleines Politik-Lexikon (= Lehr- und Handbücher der Politikwissenschaft). Oldenbourg, München 2001, S. 181 f.; Rätesystem auf bpb.de, basierend auf: Klaus Schubert, Martina Klein: Das Politiklexikon. 7., aktual. u. erw. Aufl. Dietz, Bonn 2020, Lizenzausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung.

Vorgeschichte Oskar Anweiler, der sich mit der Geschichte der russischen Revolution und der Räte beschäftigte, bezeichnet Pierre-Joseph Proudhon als den geistigen und theoretischen Vordenker des Rätesystems, weil dieser 1863 erklärt hatte, dass die richtige Regierungsform in der Bildung möglichst vieler kleiner Gruppen mit weitgehender Selbstverwaltung bestehe.Oskar Anweiler, Die Rätebewegung in Russland 1905-1921, E. J. Brill, Leiden 1958, S. 10 ff.; Proudhons Aussage übernimmt Anweiler aus Max Nettlau, Der Anarchismus von Proudhon zu Kropotkin: seine historische Entwicklung in den Jahren 1859–1880, Verl. Der Syndikalist, Berlin 1927. Zwar wurden gemäß Hannah Arendt bereits 1789 in der Französischen Revolution und auch in den folgenden Revolutionen in England bzw. Frankreich immer wieder Räte gebildet,Hannah Arendt: Über die Revolution, München 1963, S. 353. jedoch nicht mit der machtpolitischen Bedeutung eines grundsätzlich auf Räte gestützten Staatssystems. Als erste solche Rätedemokratie gilt die Pariser Kommune vom 18. März bis 28. Mai 1871, die zum Vorbild für weitere Rätedemokratien wurde.

Umsetzungen Russland

Erstes Rätesystem (ab 1905) Nach dem militärisch beendeten Versuch der Pariser Kommune 1871 wurde nach ihrem Muster in Russland ein Rätesystem während der russischen Revolution ab 1905 errichtet. Wie damals in Paris waren auch in den russischen Räten alle gewählten Mitglieder jederzeit rechenschaftspflichtig und abwählbar, außerdem durften sie nur einen durchschnittlichen Lohn verdienen und hatten keine Privilegien. Damals bildeten sich spontane Selbstverwaltungsorgane (Räte, russisch Sowjety), die von den Bolschewiki unterstützt wurden. Der erste Rat war der „Petersburger Sowjet der Arbeiterdeputierten“. 200.000 Arbeiter aus 150 Firmen hatten ihre Deputierten in diesen Rat seit Oktober 1905 entsandt. Vorher wurde von jeweils 500 Arbeitern je einer dieser Vertreter gewählt. In die Räte wie den Petersburger wurden aber auch Gewerkschafter entsandt, mit dem gleichen Verhältnis von 500 Gewerkschaftern und einem Vertreter. Auch in Moskau, von wo die Streikbewegung ausging, wurde ein Rat gewählt. Die Versammlung der Arbeiterdeputierten verschiedener Verbände, z. B. der Buchdrucker, Mechaniker, Tischler, der Arbeiter der Tabakindustrie fasste den Beschluss, einen Sowjet der Moskauer Arbeiter zu begründen.Leo Trotzki im 1929 erschienenen Werk Mein Leben - Versuch einer Biographie, Kapitel 1905.

Am Dezember 1905 erfolgte die kollektive Verhaftung des Petersburger Rates. Wenn auch zähneknirschend, ergaben sich die Räte friedlich der Polizei. Der Sowjet war damit faktisch Geschichte.

Zweites Rätesystem (ab 1917) Im Zuge der Februarrevolution 1917 wurde nach gleichem Vorbild wieder ein demokratisches Rätesystem eingerichtet, diesmal jedoch landesweit und auch als ein Teil der Exekutive. Den anderen Teil hatte die nach dem Umsturz und der Abdankung der Romanows eingerichtete Provisorische Regierung inne. Damit begann die Zeit der Doppelherrschaft, zwischen Räten und Parlament. Nach der Oktoberrevolution 1917, dem Machtantritt der Bolschewiki, setzte sich das Rätesystem durch und wurde verwässert und als Herrschaftssystem der Partei gefestigt. Neben der russischen wurden in Belarus, der Ukraine und in Transkaukasien weitere Räterepubliken gegründet, die zum Grundgerüst der späteren Sowjetunion wurden. Mit ihrer Gründung am 30. Dezember 1922 entstand diese erste Räte-Union (Union der sozialistischen Sowjetrepubliken) als Staatenverbund der Räterepubliken.

1921 entzündete sich der Kronstädter Matrosenaufstand, der von Anarchisten beeinflusst und unterstützt wurde,Oskar Anweiler: Die Rätebewegung in Russland 1905–1921. E. J. Brill, Leiden 1958, S. 296, S. 318. an der Forderung nach unabhängigen Räten. Diese Forderung stand der Absicht der Bolschewiki, das junge Sowjetrussland zu stabilisieren und die Macht ihrer Partei zu sichern, entgegen. Leo Trotzki, der sich politisch gegen linke Sozialrevolutionäre und Anarchisten stellte, warf den Aufständischen konterrevolutionäre Absichten vor und ließ den Aufstand blutig niederschlagen. Nach Lenins Tod 1924 und der Machtübernahme Stalins nahm die Bedeutung der Räte weiter ab.

Unter Josef Stalin wurde der Demokratische Zentralismus in einen „bürokratischen Absolutismus“ umgewandelt, um die Linke Opposition (unter Trotzki) und später die von Stalin als Rechte Opposition bezeichnete Strömung unter Bucharin aus der Partei drängen zu können. Stalin stärkte außerdem die Macht seines Amtes (Generalsekretär der KPdSU) und festigte sie mit der Schaffung eines Personenkults um ihn. Eine kritische Bezeichnung für diese Politik ist „proletarischer Bonapartismus“. Außenpolitisch wurde die Idee der Weltrevolution zugunsten der Doktrin des „Sozialismus in einem Land“ aufgegeben.

Zwischen 1936 und 1938 endete das Rätesystem der Sowjetunion, eingeleitet durch eine Verfassungsänderung, mittels der sogenannten „Stalin-Verfassung“. Die entscheidende Änderung ist die Einführung des Sowjets der Deputierten der Werktätigen. Der Name Sowjet wurde zwar von der Allunions- bis hin zur Dorfsowjet-Ebene beibehalten, doch das bisherige Prinzip der Unabhängigkeit von Partei(en) und Gewerkschaft wurde abgeschafft. Der Rätekongress (Sowjetkongress) wurde zum Obersten Sowjet, das (allsowjetische) Zentralexekutivkomitee der UdSSR, welches bisher das oberste Machtorgan der Sowjetunion war, wurde 1938 in ein beigeordnetes Komitee umgewandelt. Es hatte damit veränderte und reduzierte Machtbefugnisse. Eine echte Rätedemokratie war durch diese Veränderungen nicht mehr möglich. Aber auch nach dem Ende der UdSSR wurde in den neuen Nachfolgestaaten keine Rätedemokratie wieder eingeführt.

Deutschland (ab 1918) Zur Vorgeschichte siehe auch Revolutionäre Obleute.

In der Umbruchzeit nach dem Ende des Ersten Weltkriegs bildeten sich nach dem Vorbild Sowjetrusslands auch in Österreich, Ungarn, Deutschland und andernorts spontan Arbeiter- und Soldatenräte, zuerst am 4. November 1918 in Kiel (→ Kieler Matrosenaufstand, Novemberrevolution). Bereits im Dezember 1918 beschlossen die Räte aus ganz Deutschland im Reichsrätekongress, Wahlen zu einer verfassunggebenden deutschen Nationalversammlung abzuhalten und entschieden sich somit mehrheitlich für eine parlamentarische Demokratie und gegen ein Rätesystem.

mini|Verkündung der Machtübernahme durch den Arbeiter- und Soldatenrat in Bremen am 15. November 1918 mini|Essen – Aufruf zur Wahl der Zechenräte 15. Januar 1919 mini|Telegramm des revolutionären Zentralrates Bayern an das Bezirksamt Fürth, gezeichnet von Ernst Niekisch: „Die Ausrufung der Räterepublik erfolgt am 7. April mittags 12 Uhr…“. Der Arbeiter- und Soldatenrat Fürth sowie der seit 1914 amtierende Bürgermeister bestätigten die Anordnungen. Nach dem Spartakusaufstand im Januar 1919 stieg deren Zahl in Deutschland jedoch weiter an – nun gab es Arbeiter- und Soldatenräte auch in Berlin, München, Hamburg, Bremen und dem Ruhrgebiet. Mit der Idee der Räterepublik verbunden war das Ziel der Sozialisierung der Schlüsselindustrien (Kohle, Eisen und Stahl, Banken) im Sinne von Marx und teilweise nach dem sowjetrussischen Modell. Im Frühjahr 1919 wurden nach dem Vorbild von Sowjetrussland in Bremen, Mannheim, Braunschweig, und wenige Wochen nach dem tödlichen Attentat auf Kurt Eisner 1919 in Bayern (München, Augsburg, Fürth, Rosenheim, Würzburg u. a.) offiziell Räterepubliken proklamiert. Vorangegangen war eine heftige Streikwelle vom Februar bis April 1919 in ganz Deutschland, die die Nationalversammlung mit rätedemokratischen Forderungen konfrontierte. Besonders im Ruhrgebiet, in Mitteldeutschland um Halle und Merseburg, in Oberschlesien sowie in Berlin fanden diese Aktionen breite Unterstützung in der Bevölkerung.Axel Weipert: Die Zweite Revolution. Rätebewegung in Berlin 1919/1920. Berlin 2015, S. 41–159. Neben einer detaillierten Darstellung zu Berlin findet sich dort auch ein Überblick zu den Streikbewegungen in den verschiedenen Landesteilen. Allein in der Hauptstadt traten rund eine Million Beschäftigte in den Ausstand und forderten eine Anerkennung der Räte in der neuen Verfassung sowie weitere Maßnahmen wie eine Sozialisierung der Wirtschaft und eine demokratische Militärreform. Führende Verfechter des Rätegedankens in Deutschland waren Ernst Däumig und Richard Müller, die mit ihrer Theorie des „reinen Rätesystems“ einen erheblichen Einfluss auf die Bewegung hatten.Ralf Hoffrogge: Richard Müller – Der Mann hinter der Novemberrevolution. Berlin 2008, S. 108–116ff.; Haus der Bayerischen Geschichte (Hrsg.): Revolution! Bayern 1918/19. München 2008, S. 25 ff.; DGB-Geschichtswerkstatt Fürth (Hrsg.): Die Revolution 1918/1919 in Fürth. Fürth 1989, S. 35 ff.

Der Rätegedanke und die Arbeiterräte würden des Öfteren als „spezifisch russische Erscheinung“ bezeichnet.Richard Müller: Das Rätesystem in Deutschland. (online) Dies beruhe auf einer Verkennung der objektiven Ursachen dieses neuen Gedankens. Der Rätegedanke sei eine Ausdrucksform des proletarischen Klassenkampfes, der proletarischen Revolution, die sich im entscheidenden Stadium befinde. Man könne allerdings aus der Revolutionsgeschichte früherer Jahrhunderte ähnliche Erscheinungsformen nachweisen.