mini|Blick aus der Vogelperspektive auf das Lager (2022) Das Römerlager Anreppen war ein römisches Militärlager, das auf die Augusteischen Germanenkriege zurückgeht. Es befindet sich im Ortsteil Anreppen der Stadt Delbrück im nordrhein-westfälischen Kreis Paderborn. Das direkt an der Lippe liegende Kastell wurde im Jahr 4 u. Z. im Rahmen des immensum bellum als auch im Winter besetztes Lager der Römer im Inneren Germaniens gebaut und diente wahrscheinlich als Winterlager des designierten römischen Thronfolgers Tiberius. Es wurde nur wenige Jahre genutzt, wahrscheinlich bis 5 oder 6 u. Z., und war ein wichtiger Teil des letztlich gescheiterten Versuches des Römischen Reiches, die Germania magna zu einer römischen Provinz zu machen.

Lage

Das Gebiet des Römerlagers befindet sich heute direkt am Südufer der Lippe (lateinisch: lupia) außerhalb des Kernbereichs des Dorfes Anreppen an der Straße nach Bentfeld. Es ist weitgehend nicht überbaut, sondern wird landwirtschaftlich genutzt und liegt zwischen der Lippe und dem kleinen Stemmeckebach, der hier in die Lippe mündet. Wie genau sich das lokale Gelände zu Zeiten der Römer darstellte, ist nicht ganz sicher, da die Lippe im Laufe der Zeit stark mäandrierte und mehrfach ihr Flussbett änderte. Es kann aber davon ausgegangen werden, dass die Römer das Lager unmittelbar am Lippeufer erbauten, um direkten Zugang zum Fluss zu haben, den sie während ihrer Expansionsbestrebungen in Germanien als wichtigen Verkehrsweg für den Nachschub der römischen Armee nutzten. Die Höhendifferenz zwischen Lager und heutigem Pegel der Lippe beträgt gerade einmal fünf Meter. Bei Hochwasser der Lippe ragt das nur geringfügig höher gelegene Lagerareal also aus dem Wasser heraus.Zur Lage Johann-Sebastian Kühlborn: Anreppen, Stadt Delbrück, Kreis Paderborn (= Römerlager in Westfalen. Heft 4). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2009 (PDF), S. 6. Weiter flussabwärts (d. h. aus Richtung Westen, aus der die Römer kamen) finden sich weitere wichtige Römerlager wie das von Oberaden und vor allem der regionale Stützpunkt in Haltern. In der anderen, östlichen Richtung wurden bisher keine weiteren Lager am Flusslauf der Lippe gefunden, jedoch entfernt von der Lippe das feste Lager in Hedemünden sowie die Marschlager in Wilkenburg und Hachelbich, außerdem im Norden die Marschlager in Sennestadt und Porta Westfalica sowie im Süden das feste Lager in Kneblinghausen.

Entdeckung und Erforschung

Das Lager wurde 1968 von Anton Doms vom Westfälischen Museum für Archäologie – Amt für Bodendenkmalpflege, Außenstelle Bielefeld entdeckt.Friedrich Gerhard Hohmann: Anton Doms 1922-1995. Nachruf in der Westfälischen Zeitschrift 146 (1996), S. 394 f. Auf der Webpräsenz des LWL, abgerufen am 13. Dezember 2025. 1967 hatte dort der Bauer Ferdinand Begger Scherben gefunden, darunter auch die einer großen gelben Amphore. Durch lokale Kontakte erfuhren 1968 Doms und Hans Beck, Leiter des Westfälischen Landesmuseums für Vor- und Frühgeschichte in Münster, von dem Fund. Sie waren sich sofort im Klaren, dass es sich um augusteische Scherben handelte, die nur von einem Römerlager kommen konnten. Am 16. September 1968 konnte mit den Grabungen begonnen werden.Vgl. den Bericht von Hans Beck, wiedergegeben in Johann-Sebastian Kühlborn: Anreppen, Stadt Delbrück, Kreis Paderborn (= Römerlager in Westfalen. Heft 4). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2009 (PDF), S. 2–5. mini|Rekonstruktion des südlichen Doppelgrabens sowie des Mauerverlaufes, angedeutet durch die Hecke (2016) Mit den Ausgrabungen, die Doms von 1968 bis 1982 durchführte, konnte der Verlauf der Umwehrung und damit auch die Größe des Lagers bestimmt werden. Anton Doms erforschte das Innere des Lagers dabei zunächst nicht, weil es erst einmal darum ging, die Ausmaße des Lagers zu identifizieren, um einen umfassenden Schutz als Bodendenkmal zu erreichen.

In den Jahren 1988 bis 2004 grub das Westfälische Museum für Archäologie – Amt für Bodendenkmalpflege, 2007 umbenannt in LWL-Archäologie für Westfalen, unter der Leitung von Johann-Sebastian Kühlborn im Inneren des Lagers große Flächen aus. Am Ende war etwa ein Drittel der Innenfläche untersucht.Johann-Sebastian Kühlborn: Anreppen, Stadt Delbrück, Kreis Paderborn (= Römerlager in Westfalen. Heft 4). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2009 (PDF), S. 5.

Archäologische Befunde Germanische Besiedlung im Umfeld

In unmittelbarer Nähe des Lagers wurden Überreste germanischer Siedlungen gefunden. Eine südlich gelegene Siedlung verweist auf die vorrömische Eisenzeit; ob sie zur Zeit des Römerlagers noch bewohnt war, ist ungeklärt. Eine weitere, westlich gelegene Siedlung enthielt dagegen auch einige Terra-Sigillata-Scherben, die auf einen Austausch mit den Römern hindeuten.Zu diesen von Anton Doms entdeckten Überresten kurz Johann-Sebastian Kühlborn: Anreppen, Stadt Delbrück, Kreis Paderborn (= Römerlager in Westfalen. Heft 4). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2009 (PDF), S. 30f. 3,5 Kilometer südlich des Römerlagers wurde 1975 der Wohnplatz von Thüle entdeckt, der im späteren 1. Jahrhundert u. Z. von Germanen besiedelt war.Daniel Bérenger: Steinzeitjäger und Germanen in Thüle In: Archäologie in Ostwestfalen. Band 7, Bielefeld 2002, S. 9–13.

Römische Bebauung

Nachgewiesen sind inzwischen außer der Umwehrung das praetorium (Wohn- und Dienstsitz des Kommandeurs), weitere, teils repräsentative Wohngebäude, die Thermen, Vorratsspeicher (horrea), Mannschaftsbaracken und Häuser der Centurionen, sowie Teile des Staßennetzes. Für mindestens zwei Bauphasen spricht ein älterer römischer Spitzgraben im Ostteil des Lagers.Johann-Sebastian Kühlborn: Anreppen, Stadt Delbrück, Kreis Paderborn (= Römerlager in Westfalen. Heft 4). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2009 (PDF), S. 30. Als Baumaterialien dienten Holz und Lehm, wegen der besseren Verfügbarkeit und der durch sie bedingten schnelleren Bauweise, als sie mit Stein möglich gewesen wäre. Alle Gebäude waren daher in Holz- oder Fachwerkbauweise ausgeführt.Johann-Sebastian Kühlborn: Anreppen, Stadt Delbrück, Kreis Paderborn (= Römerlager in Westfalen. Heft 4). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2009 (PDF), S. 7–30.

Umwehrung

Das Lager hat die Form eines unregelmäßigen, 23 Hektar großen Längsovals mit maximalen Seitenlängen von 750 m in Ostwest- und 330 m in Nordsüdrichtung und liegt direkt am heutigen Südufer der Lippe. Erbaut ist es als Holz-Erde-Lager, ebenso wie die meisten der anderen an der Lippe gelegenen Römerlager (Haltern, Olfen, Beckinghausen und Oberaden). Die Befestigung bestand aus einer drei Meter breiten Holz-Erde-Mauer, deren Außenseiten aus miteinander verstrebten Holzwänden bestanden und deren Inneres mit Erde gefüllt war. In unterschiedlichen Abständen war die Mauer mit Zwischentürmen verstärkt. Geschützt wurde sie mit einem als Annäherungshindernis dienenden, vorgelagerten, sieben Meter breiten und bis zu 2,40 m tiefen Spitzgraben. An der Südseite war dem Spitzgraben ein zweiter, drei Meter breiter und 1,60 m tiefer Graben des gleichen Typus vorgelagert. Von den vermutlich auf allen vier Seiten vorhandenen Toren konnten nur die auf der Ost- und auf der Südseite nachgewiesen werden. Bei dem Osttor handelte es sich um die aufgrund von Überbauung nur wenig erforschte Porta praetoria (Haupttor),Porta praetoria bei bei dem gut erhaltenen und gut bekannten Südtor um die Porta principalis dextra (rechtes Seitentor).Porta principalis dextra bei Das Lager war also mit seiner Prätorialfront (Vorderfront) nach Osten, zum Feind hin ausgerichtet.Zur Umwehrung Johann-Sebastian Kühlborn: Anreppen, Stadt Delbrück, Kreis Paderborn (= Römerlager in Westfalen. Heft 4). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2009 (PDF), S. 8–11.

Verkehrswege / Wasserversorgung und -entsorgung mini|Rekonstruierter Entwässerungsgraben (2023)Rekonstruierter Abwasserkanal bei Ralph Meyer: Wie die Römer in Delbrück gegen den Regen kämpften, in der Neuen Westfälischen am 26. Oktober 2016, auf gefao.de, abgerufen am 13. Dezember 2016. Mittels der Tore ließ sich auch das Wegenetz im Lagerinneren erschließen. An der Porta praetoria begann die Via praetoria (Hauptlängsstraße), die in Anreppen nur bis zur Via principalis (Hauptquerstraße) führte und sich im Osten nicht als Via decumana (sonst übliche, rückwärtige Verlängerung der Via praetoria) fortsetzte. An der Porta principalis dextra begann die Via principalis (Hauptquerstraße), die vermutlich bis zum nördlichen Abschnitt der Via sagularis (Lagerringstraße) führte. Im östlichen, rückwärtigen Lagerteil verlief parallel zu ihr die Via quintana (rückwärtige Querstraße).Johann-Sebastian Kühlborn: Anreppen, Stadt Delbrück, Kreis Paderborn (= Römerlager in Westfalen. Heft 4). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2009 (PDF), S. 10 und Abb. 19. Etwa 500 m östlich des Lagers konnten zwei Teilstücke einer unbefestigten Straße nachgewiesen werden, in der römische Schuhnägel gefunden wurden.Johann-Sebastian Kühlborn: Anreppen, Stadt Delbrück, Kreis Paderborn (= Römerlager in Westfalen. Heft 4). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2009 (PDF), S. 31–32.

Auf eine Wasserversorgung in Form von Aquädukten gibt es innerhalb des Lagers und um das Lagerareal herum keinerlei Hinweise. Die Wassergewinnung erfolgte ausschließlich über Brunnen. Regen- und Abwässer wurden durch im Boden verlegte, holzverschalte Kanäle entsorgt und unter Zwischentürmen der Mauer in die Lippe entsorgt.Zur Wasserversorgung und -entsorgung siehe Johann-Sebastian Kühlborn: Anreppen, Stadt Delbrück, Kreis Paderborn (= Römerlager in Westfalen. Heft 4). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2009 (PDF), S. 25–26.

Praetorium und weitere Paläste

Das praetorium, der Wohn- und Verwaltungssitz des Kommandeurs, hatte mit einer überbauten Fläche von insgesamt 3375 m² außergewöhnliche Ausmaße; es zählt laut Kühlborn „zweifellos zu den großartigsten Monumentalbauten der römischen Lager an der Lippe“.Praetorium weitläufig um Wie in der zeitgenössischen römischen Luxusarchitektur Italiens war es von Gärten umgeben und enthielt sowohl große repräsentative als auch private Räumlichkeiten, die offenbar für einen Okkupanten von hoher Stellung ausgelegt waren. Man betrat das vermutlich zweistöckige Gebäude von der Ostseite her und gelangte durch ein 6,70 m breites, mit zwei Säulen versehenes Portal zunächst in ein 198 m² großes Atrium, das von zahlreichen Räumen umgeben war. Auffällig ist, dass, während die nördlich des Atriums liegenden Räume vom Atrium aus über Korridore erschlossen waren, solche zu den südlichen Räumen hin fehlen. J.-H. Kühlborn ging deshalb davon aus, dass der südliche Bereich bewusst separiert worden sei um als rein privater Wohnbereich dienen. Für eine solche Trennung würden auch die Umstände sprechen, dass zum einen im Süden ein 84 m² großer Raum hypokaustiert war, während sich zum anderen im Norden eine Gemeinschaftslatrine befand, die für einen eher dienstlichen Charakter der dortigen Räumlichkeiten sprechen würde. Westlich des Atriums schloss ein Tablinum an, das von zwei Fluren flankiert war, die in ein 1170 m² großes Peristyl führten, das von unterschiedlich großen Räumen gesäumt war und zwei Bauphasen aufwies. Nach Süden hin wurde der Komplex von einem 2130 m² großen Hof abgeschlossen, der vermutlich als Garten gestaltet war. Es ist in Anbetracht einer derart alles Maß sprengenden Architektur sehr gut vorstellbar, das dieses Bauwerk für den Thronfolger des Imperiums geschaffen wurde.Johann-Sebastian Kühlborn: Anreppen, Stadt Delbrück, Kreis Paderborn (= Römerlager in Westfalen. Heft 4). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2009 (PDF), S. 14–19.