mini|Tristan und Isolde. Gemälde von Edmund Blair Leighton, 1902
Minne (mittelhochdeutsch für „feine, höfische Liebe“; okzitanisch fin'amor []; ; ) war die untrennbar mit spirituellen und kreativen Bestrebungen verbundene, idealisierte Liebe zwischen Mann und Frau, die während der Gotik (etwa 1186–1425) zur höchsten Blüte in Literatur, Musik und Kultur der feinen, höfischen Gesellschaften Europas fand. Die Gotik sah eine Explosion intellektueller Aktivität, die durch die Gründung zahlreicher Universitäten wie z. B. in Paris (1200), Oxford (1249), Prag (1348) oder Heidelberg (1386) gefördert wurde. Diese Institutionen wurden zu Zentren des Wissens und der wissenschaftlichen Methodik, wie der Scholastik. Die gotische Zeit war geprägt von der Idee eines universalen Wissens, das sowohl theologische als auch weltliche Erkenntnis integrieren sollte. Geistige Debatten und strukturiertes Denken erreichten eine neue Tiefe. Die Hochschätzung des Lichts und die Erhebung der Architektur in den Himmel spiegeln den metaphysischen Charakter der gotischen Epoche wider. Als Reaktion auf die sozialen Spannungen, die von einer wachsenden Bedeutung der Städte und den Umbrüchen der entstehenden Geldwirtschaft geprägt war, kamen auch die Bettelorden auf. Bei der Minne war es der Ritter, der selbstlos sein ganzes Leben lang eine unerreichbare Dame als Ideal verehrte. Sie war seine Muse, die Verkörperung der Schönheit, Anmut und Grazie, die ihn dazu bewegte, edel, spirituell und von hohen Absichten getragen zu sein.
Der helle Schein mittelalterlicher Romantik als Vorbild für Beziehungen ist heute nur noch in seiner höchsten Blüte erhalten, in den Liedern der Minnesänger und in den Höfischen Liebesromanen von Dichtern wie Chrétien de Troyes. Seit dem 18. Jahrhundert wird Minne als literatur- und rechtsgeschichtlicher (bzw. Minnesang als musikgeschichtlicher) Fachbegriff gebraucht, seit dem 19. Jahrhundert höfische Liebe als Synonym.
Etymologie mini|Fränkisches Reich 879–1007 Der Begriff Minne erfuhr durch die Epochen der Zeitgeschichte einen radikalen Bedeutungswandel.
769 bis 1007 Von der althochdeutschen Minna zur mittelhochdeutschen Minne Aus dem althochdeutschen minnōn für ‘lieben, verehren’ bzw. minna für ‘helfende, fürsorgliche, auch religiöse Liebe, Zuneigung, Gedenken, Eifer, Verlangen’ wurde 769 bis 1007 im Frankenreich, das von der Vision eines gereinigten, spirituell erlösten, vereinten christlich / katholischen (allumfassenden) Europa unter Führung eines göttlich legitimierten Herrschers geprägt war (s. Bild rechts), das mittelhochdeutsche Verb minnen für ‘lieben, beschenken, sich für etw. erkenntlich zeigen’ bzw. das Nomen minne für ‘freundliches Gedenken, freundschaftliche, sinnliche, religiöse Liebe’, auch ‘Beischlaf, Geliebte, Abschiedstrunk’.
1186 bis 1425 Minne als feine, höfische Liebe („hohe Minne“) Daraus entwickelte sich 1186 bis 1425 in den höfischen Gesellschaften Europas die Minne als spirituell-sinnliche, feine, höfische Liebe. In der Originalliteratur des europäischen Mittelalters erscheint das Synonym höfische Liebe zwar nur im okzitanischen Gedicht Cortez Amors von Peire d'Alvernhe aus dem späten 12. Jahrhundert.Boase, Roger; Bornstein, Diane (1983): „Courtly love“. Dictionary of the Middle Ages, Vol. 3, S. 667–674 Doch aus Gründen der Distinktion war es auch nur der Adel, der durch Sensibilisierung und Spiritualisierung das bewusste Wahrnehmen als Schlüssel zum Leben und zur Erlösung auf dem achtsamen Weg der spirituellen Sinnlichkeit bzw. der hohen Schule spiritueller Erotik kultivieren konnten.
1365 bis 1663 Minne als verrohte, bäurische Liebe („niedere Minne“) Tatsächlich wurde mit dem Niedergang des Rittertums 1365 bis 1603 Minne immer mehr zur Bezeichnung für die verrohte, weltliche, bäurische, trieb- und tierhafte Liebe („niedere Minne“), wie sie in einigen derben Texten thematisiert und immer stärker auf den sexuellen Aspekt reduziert wurde, so dass das Wort zur Bezeichnung „edlerer“ Gefühle zur Zeit der Reformation und Renaissance schließlich nicht bloß untauglich wurde, sondern tabu war und so zunehmend durch das Wort Liebe ersetzt wurde, bis es quasi ausstarb.
1603 bis 1847 Minne als Literatur- und Rechtsgeschichtlicher Begriff Erst die Beschäftigung mit der mittelalterlichen Literatur im 18. Jahrhundert (durch Bodmer und Breitinger) brachte Minne als literatur- und rechtsgeschichtlichen (bzw. Minnesang als musikgeschichtlichen) Fachbegriff wieder in Gebrauch.
1802 bis heute: Höfische Liebe als Synonym Die moderne Verwendung des Begriffs höfische Liebe kommt von Gaston Paris. Er verwendete den Begriff amour courtois („höfliche Liebe“) in einem Artikel von 1883, in dem er die Beziehung zwischen Lancelot und Guinevere im Höfischen Liebesroman Lancelot oder der Karrenritter von Chrétien de Troyes beschreibt.Paris, Gaston (1883). "Des sur les romans de la Table Ronde: Lancelot du Lac, II: Le conte de la charrette " [Studien über die Romanzen des Runden Tisches: Lancelot du Lac, II: Die Geschichte des Wagens]. Rumänien (auf Französisch). 12 (48): 459–534. JSTOR 45041910. Paris benutzte den Ausdruck noch nicht als Fachbegriff, sondern austauschbar mit amour chevaleresk. Doch begannen andere Wissenschaftler nach ihm, höfische Liebe als Fachbegriff zu etablieren. 1896 bezeichnete Lewis Freeman Mott Dantes Liebe zu Beatrice im Vita Nova (1293) als höfische Liebe,Mott, Lewis Freeman (1896). Das System der höfischen Liebe. Athenaeum Presse obwohl Dante und Beatrice keinen hellen Schein mittelalterlicher Romantik lebten und sich nur zweimal in ihrem ganzen Leben trafen. Doch die Art und Weise, in der Lancelot und Dante selbstlos ihr ganzes Leben lang eine unerreichbare Dame als Ideal verehrten, ähnelt sich. 1936 veröffentlichte C. S. Lewis seine Studie mittelalterlicher Tradition The Allegory of Love, die den Begriff höfliche Liebe popularisierte. 1964 unterschied Moshe Lazar, Professor für vergleichende Literatur und Drama an der University of Southern California (und der Gründer der vergleichenden Literaturabteilung der Schule), drei verschiedene Kategorien innerhalb der „höflich lieben“.Lazar, Mosché (1964): Amour courtois et „fin'amors“ dans le littérature du XII si'cle [Höfische Liebe und „Fin'amors“ in der Literatur des 12. Jahrhunderts] (auf Französisch). Librairie C. Klincksieck. Dorothea Wiercinski trennt in ihrer niederdeutschen Studie Minne (1964) das althochdeutsche minna vom altnordischen minni und fasst die Minne von Anfang an als ‘verbindende geistige Gesinnung der Glieder einer Gemeinschaft und deren konkrete körperliche Ausdrucksformen’ auf.
Geschichte 1007 bis 1226 Keim in Rittertum Mit dem Aufstieg des Rittertums feierten Troubadoure, Poeten und Minnesänger die Frauen und deren Liebe in einer Art. Mittelalterliche Philosophen und Kirchenmänner wie Albertus Magnus (1200–1280) rangen mit der Vorstellung des Augustinus einig, dass der Fall des Menschen direkt mit den sinnlichen Ausschweifungen verbunden sei, und stellten fest, dass nicht sinnliches Vergnügen (Emotio) schlecht sei, sondern der Verlust der Vernunft (Ratio) – eine Ansicht, die auch Thomas von Aquin (1225–1274) vertrat. Dieser hielt Begierde und Vergnügen nicht an sich für falsch, sondern sah das Böse darin, dass die rationalen Fähigkeiten in der sexuellen Ekstase untergehen.
Sprache und Bilder der menschlichen Liebe wurden von den christlichen Mystikern benutzt, um Allegorien der ursprünglichen, vollkommenen und allumfassenden, göttlichen Liebe darzustellen. Zahlreiche feinsinnige Schriftsteller machten kaum eine Unterscheidung zwischen heiliger und profaner Liebe, während andere dachten, die von Gott verliehenen geistigen Gaben und Tugenden seien dieselben wie diejenigen, die ein Liebender von seiner Geliebten empfängt. Dies ist die Essenz des amour courtois (frz. „höfische Liebe“). Der Augustinerchorherr und Mystiker Richard von St. Viktor (1110–1173) sah als Ziel des geistigen Wegs die „Engelsgleichheit“, der alles spirituelle Leiden und Kämpfen galt. Er verglich die Aufgabe der Seele mit den Freuden und Qualen der Liebe:
Diese Verehrung der göttlichen Eigenschaften der menschlichen Liebe wurden von der heiligen Hildegard von Bingen (1098–1179), einer der erstaunlichsten Mystikerinnen des Mittelalters, sehr delikat und gefühlvoll erforscht. Sie sah Frauen als Verkörperung der Liebe eines Mannes, der seinerseits von Gott inspiriert wurde. Eine lebende Frau ist daher die Mittlerin, die die Seele eines Mannes durch die Erfahrung der irdischen Liebe zur Erleuchtung führt:
Hildegard glaubte wie alle höfischen Liebhaber des Mittelalters, dass Männer und Frauen durch Liebe ihren göttlichen Kern erreichen konnten, so dass „die ganze Erde ein einziger Garten der Liebe werden würde“. Und diese Liebe musste ganz sein, ein vollständiger Ausdruck der Einheit, ausgedrückt durch Körper und Seele, denn wie sie schrieb, „es ist die Macht der Ewigkeit selbst, die die physische Vereinigung geschaffen hat und bestimmt, dass zwei Menschen körperlich Eins werden sollen.“
Die Welt der höfischen Liebe, Ritterlichkeit und Anbetung der Frauen – sowohl der lebenden als auch der göttlichen – entwickelte sich während der romanischen Epoche und gelangte in der darauffolgenden, gotischen Epoche zur höchsten Blüte. Aus dem Orient zurückkehrende Kreuzritter brachten einen frischen Wind in die triste Welt des Mittelalters. Als sich die Handelsrouten öffneten, kamen Seide, Satin, exotische Gewürze und Juwelen aus Spanien, Kleinasien und der arabischen Welt. Luxus, Sinnlichkeit und Eleganz herrschten an den Höfen – und fanden ihren Ausdruck in Liedern, Balladen und Romanzen., die von den Troubadours von einem Schloss zum anderen getragen wurden. Diese Verse bilden ein großes, zu einem großen Teil allegorisches literarisches Werk – es verbarg wie die Alchemie, eine weitere mittelalterliche Subkultur, das mystische Wissen des Ostens: Tantra, die hohe Schule spiritueller Erotik, das Benennen und Personifizieren von Gefühlen und die Anerkennung der weiblichen Grazie und Weisheit fanden hier ihren Ausdruck. Herzog Wilhelm IX. (Aquitanien) (1071–1126), bekannt als (BdT 183)BdT dieses Kürzel verweist auf das Standardwerk: Alfred Pillet, Henry Carstens: Bibliographie der Troubadours (Kürzel: BdT), Max Niemeyer Halle 1933. Ristampa anastatica dell’edizione Halle (Saale), Max Niemeyer Verlag, 1933, a cura di Paolo Borso e Roberto Tagliani. Ledizioni Milano 2013, ISBN 978-88-95994-64-2. 460 Trobadore sind hier namentlich aufgelistet und in alphabetischer Reihenfolge durchnummeriert von 1. Ademar bis 460. Vescoms de Torena. « Lo coms de Peiteus »(sic), also Wilhelm IX., trägt die Nummer 183., schuf eine neue Form der Liebesdichtung, deren zentrales Motiv der Ritter war, der selbstlos sein ganzes Leben lang eine unerreichbare Dame als Ideal verehrte. Sie war seine Muse, die Verkörperung der Schönheit, Anmut und Grazie, die ihn dazu bewegte, edel, spirituell und von hohen Absichten getragen zu sein. Mächtige Edeldamen wie Eleonore von Aquitanien (1124–1204) wurden zu Schutzherrinnen der Dichter und versahen sie oft mit dem Rohmaterial für ihre höfischen Liebesromane. Eleonore war aus eigenem Recht regierende Herzogin von Aquitanien, durch Heirat erst Königin von Frankreich (1137–1152), dann Königin von England (1154–1189) und eine der einflussreichsten Frauen des Mittelalters. Sie brachte das Ethos der höfischen Liebe an den französischen und englischen Königshof, ihre Tochter Marie de Champagne (1145–1198) in die Champagne. So verbreitete sich das Konzept rasch in ganz Frankreich und anderen Teilen Europas.
1186 bis 1425 Blüte im transzendenten Streben und geistigen Universalismus der Gotik